In der Schulküche der Katholischen Grundschule Horststraße im Kölner Stadtteil Mülheim steht an diesem Dienstagmorgen die Tür weit offen. Nach der Pause drängeln sich Jungen und Mädchen durch den Gang ins Treppenhaus. Nur Mohammed und Paul aus der 4b (Namen der Kinder geändert) biegen kurzerhand rechts ab und schauen bei Ulrike Wittrock und Ludwig Schanze in der Küche vorbei, die auf „Kundschaft“ warten. Die beiden Ehrenamtlichen des bundesweit tätigen Vereins „Seniorpartner in School“ (SiS) helfen Grundschülerinnen und Grundschülern dabei, Streit und Konflikte selbstständig zu lösen.
Mohammed möchte berichten, wie es nach dem Fußballstreit weitergegangen ist, den er und Paul kürzlich mit der Hilfe von Wittrock und Schanze beilegen konnten. „Ich war ja Torwart, und Paul hatte den Ball extra weggeschossen. Dann haben wir uns richtig gestritten und beschimpft“, erinnert der Junge den damaligen Vorfall. Eine Lehrerin hatte den beiden Streithähnen damals empfohlen, den Vorfall mit den Schulmediatorinnen und -mediatoren von SiS zu besprechen. „Wir hatten ausgemacht, dass wir uns nicht mehr beschimpfen, und wir haben uns auch daran gehalten“, erzählt Mohammed stolz. Seinen Kumpels hat er die Schulmediatorinnen und -mediatoren nach der Beratung direkt weiterempfohlen. „Ich wünschte mir, dass sie immer da wären. Meine Wut geht immer runter, wenn ich mit ihnen spreche“, sagt er.
„Ich wünschte mir, dass sie immer da wären. Meine Wut geht immer runter, wenn ich mit ihnen spreche.“
Mohammed, Schüler an der Grundschule Horststraße in Köln-Mülheim
Fußball – das ewige Streitthema
Streit gehört auch an der Grundschule zum Fußball wie der Geißbock zum 1. FC Köln. Ein mieses Foul, ein Lattenschuss oder der Frust über den Ballverlust bringen die kleinen Fußballerinnen und Fußballer mitunter mächtig in Wallung. Wenn es dann Beschimpfungen hagelt oder gar die Fäuste fliegen, ist nach der Pause an disziplinierten Unterricht kaum zu denken. „Fußball ist der Dauerbrenner unter den Streitthemen“, erzählt Schulmediator Schanze, der seit 2022 im Ruhestand ist und gleich danach bei SiS anfing. Akute Konflikte schlichtet die Pausenaufsicht sofort. Haben die Kinder allerdings wieder-kehrende oder komplizierte Streitigkeiten, schütten sie seit dem Schuljahr 2024/2025 den Schulmediatorinnen und -mediatoren ihr Herz aus.
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Zwei mit Fachexpertise
Themen, die sie umtreiben, haben die Kinder zur Genüge. Mal geht es um Streit in der Pause oder Störungen beim Spiel, bei Mädchen oft um Eifersucht oder Freundschaftsentzug. Manchmal plagen Kinder auch private Probleme wie Geschwisterstreit oder räumliche Enge. Einige kommen alleine, viele zu zweit. „Wir hatten aber auch schon eine ganze Fußballmannschaft hier sitzen“, erzählt Schanze und lacht.
Orhan (Name geändert) kommt an diesem Morgen ohne Begleitung. Sein Streitgegner ist erkrankt. Trotzdem setzt er sich kurz an den Küchentisch und lässt entspannt die Füße baumeln. Heute ist eine Klärung nicht in Sicht. Aber Wittrock und Schanze einigen sich mit Orhan, dass die Klassenlehrerin das Thema im Klassenrat besprechen soll. „Orhan ist unser Stammkunde“, sagt Schanze später mit einem Augenzwinkern.
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Wie stehen Sie zu diesem Thema? Wie ist die Situation bei Ihnen an der Schule und welche Erfahrungen haben Sie im Schulalltag gemacht? Erzählen Sie uns davon.
„Mit Wut im Bauch oder im Kopf kann man nicht lernen“
Für Sabrina Esser, die im Auftrag der KJA Köln als Schulsozialarbeiterin an der KGS Horststraße tätig ist und die SiS an die Schule geholt hat, sind die Mediatorinnen und Mediatoren eine echte Hilfe. „Mit Wut im Bauch oder im Kopf kann man nicht lernen“, erklärt sie. Werden Konflikte erfolgreich beigelegt, konzentrieren sich die Kinder wieder auf den Unterricht. Das sorgt für entspannte Stimmung und entlastet die ganze Klasse.
Esser sieht die Mediatorinnen und Mediatoren als Teil der schulischen Gewaltprävention. „Einigen Kindern wird zu Hause nicht vorgelebt, wie man Konflikte löst“, sagt sie. Stattdessen gehören Aggressionen nicht selten zum Alltag. „Manche Kinder berichten, dass zu Hause Geschirr fliegt oder die Eltern sich schubsen. Deshalb finde ich es wichtig, ihnen vorzuleben, dass es auch anders geht.“ Viele Kinder an Schulen im Brennpunkt bräuchten sehr viel Zuwendung. Das koste Zeit. Und von der hätten die Lehrkräfte oft viel zu wenig, die Seniorinnen und Senioren hingegen reichlich.
Enorme Entlastung für das Schulteam
Das Kollegium der KGS Horststraße nimmt das Angebot deshalb dankbar an. „Für unsere Schule ist diese Art des nachhaltigen Beziehungsaufbaus wirklich wertvoll. Die Lehrkräfte müssen im Schulalltag so viele Anforderungen erfüllen, dass sie gar nicht so tief in die Problematiken eintauchen können. Die SiS hingegen können sich mit den Themen der Kinder ernsthaft auseinandersetzen“, erklärt Schulleiterin Sabine Ostermann.
Entsprechend voll ist die Terminliste, wenn die Mediatorin und der Mediator am Dienstagmorgen im Lehrerzimmer vorbeischauen. Dieses Vertrauen trägt zum Gelingen des Projektes bei: „Die Lehrkräfte müssen hinter dem Programm stehen und die Kinder ermutigen, zu uns zu kommen. Sonst funktioniert es nicht“, sagt Ludwig Schanze, der auch den NRW-Landesvorsitz des SiS-Vereins innehat.
Auch wenn heute weniger los war als sonst, gehen der Mediator und seine Kollegin wie jeden Dienstag nach der sechsten Stunde zufrieden nach Hause. „Ich sehe, dass Kinder, die im Streit zu uns kommen, immer wieder Frieden herstellen wollen. Das macht mir Hoffnung in dieser schwierigen Zeit“, sagt Wittrock. Schanze stimmt es glücklich, wenn er sieht, wie konstruktiv Kinder Konflikte lösen. „Ich habe das Gefühl, etwas Gutes mit meinem Ehrenamt zu bewegen. Das motiviert mich“, sagt er.
Weitere Informationen
Auf der Website https://www.seniorpartnerinschool.de finden Sie zusätzliche Informationen und Kontaktdaten zum Verein.
2 Kommentare
Ich bin ebenfalls SIS-Schulmediatorin und freue mich über den Artikel. Unsere Arbeit an den Schulen wird angenommen und zunehmend mehr gewünscht. Um das zu schaffen, suchen wir ständig neue Mitstreiter. Die Kinder danken es uns durch ein Lächeln, ein Dankeschön, durch Verhaltensänderung. Wichtig ist, wir lernen gegenseitig voneinander und bauen Brücken zwischen den Generationen
Vielen Dank für den Einblick in Ihre Arbeit und Ihren Einsatz bei “Seniorpartner in School”! Grüße aus der Wübben Stiftung Bildung.