Beziehungsarbeit

„Alles, was wir mit den Kin­dern besprechen, bleibt hier im Raum“

Der Verein „Seniorpartner in School“ hilft Kindern dabei, Konflikte eigen­ständig bei­zulegen. Das Angebot stiftet Frieden – und entlastet die Lehrkräfte.

In der Schulküche der Katholischen Grundschule Horststraße im Kölner Stadtteil Mülheim steht an diesem Dienstag­morgen die Tür weit offen. Nach der Pause drängeln sich Jungen und Mädchen durch den Gang ins Treppenhaus. Nur Mohammed und Paul aus der 4b (Na­men der Kinder geän­dert) biegen kurzerhand rechts ab und schauen bei Ulrike Wittrock und Ludwig Schanze in der Küche vorbei, die auf „Kundschaft“ warten. Die beiden Eh­ren­amt­lichen des bun­desweit tätigen Vereins „Seniorpartner in School“ (SiS) helfen Grund­schü­lerinnen und Grund­schülern dabei, Streit und Konflikte selbstständig zu lösen.

Mohammed möchte berichten, wie es nach dem Fußball­streit weiterge­gangen ist, den er und Paul kürzlich mit der Hil­fe von Witt­rock und Schanze beilegen konnten. „Ich war ja Torwart, und Paul hatte den Ball ex­tra wegge­schossen. Dann haben wir uns richtig gestritten und beschimpft“, er­innert der Junge den damaligen Vorfall. Eine Lehrerin hatte den beiden Streithäh­nen damals em­pfohlen, den Vorfall mit den Schul­mediatorinnen und -media­toren von SiS zu besprechen. „Wir hatten ausge­macht, dass wir uns nicht mehr be­schim­pfen, und wir haben uns auch daran ge­halten“, erzählt Moham­med stolz. Seinen Kumpels hat er die Schul­mediatorinnen und -mediatoren nach der Beratung direkt weiter­empfohlen. „Ich wünschte mir, dass sie immer da wären. Meine Wut geht im­mer runter, wenn ich mit ihnen spreche“, sagt er.

Konflikte gibt es an jeder Schule. An der Katho­lischen Grund­schule Horststraße sind Media­torinnen und Mediatoren im Einsatz, um den Kindern beim Lösen ihrer Streitigkeiten zu helfen.

„Ich wünschte mir, dass sie immer da wären. Meine Wut geht immer runter, wenn ich mit ihnen spreche.“

Ulrike Wittrock und Ludwig Schanze, die Senior­partner in School (SiS), kommen bei ihrem Rund­gang auf dem Schulhof immer wieder ins Ge­spräch mit Schülerinnen und Schülern.

Fußball – das ewige Streitthema

Streit gehört auch an der Grundschule zum Fußball wie der Geißbock zum 1. FC Köln. Ein mieses Foul, ein Latten­schuss oder der Frust über den Ballverlust bringen die kleinen Fußballerinnen und Fußballer mitunter mächtig in Wallung. Wenn es dann Beschimpfungen hagelt oder gar die Fäuste fliegen, ist nach der Pause an dis­ziplinierten Unterricht kaum zu denken. „Fußball ist der Dau­erbrenner unter den Streitthemen“, erzählt Schul­mediator Schanze, der seit 2022 im Ruhe­stand ist und gleich da­nach bei SiS anfing. Akute Konflikte schlichtet die Pausen­aufsicht so­fort. Haben die Kinder aller­dings wiede­r-kehrende oder komplizierte Streitig­keiten, schütten sie seit dem Schul­jahr 2024/­2025 den Schulmediato­rinnen und -media­toren ihr Herz aus.

Lehrkräfte tragen gesprächsbereite Kin­der die ganze Woche über in eine Liste ein und re­servieren ihnen für Dienstag einen Termin bei den Senior­partnern. Häufig sprechen die Schüle­rinnen und Schüler die Mediatorinnen und Media­toren aber auch in der Pause an, wenn diese über den Schulhof spazieren, um mit den Kindern ins Gespräch zu kom­men.
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Zwei mit Fachexpertise

Dass Wittrock und Schanze erfolgreich vermitteln können, ist kein Zufall. Auf ihre Tätigkeit wurden sie in einer 100-stün­digen Ausbildung vorbereitet, die der Verein organisiert und finanziert. „Entscheidend ist, dass die Kinder frei­willig zu uns kommen“, erklärt Schanze. Ebenfalls wichtig: die Vertraulichkeit. „Alles, was wir mit den Kindern bespre­chen, bleibt hier im Raum“, betont Witt­rock. In der Mediation legen die SiS außerdem Wert auf respekt­volle Um­gangsformen. Belei­digungen oder Ag­gressionen haben am Tisch dagegen keinen Platz.
Ulrike Wittrock und Ludwig Schanze haben ein gu­tes Gespür für Problemlösung. Auf ihre Tätigkeit als SiS wurden sie aber auch in einer 100-stün­digen Ausbildung vorbereitet.

Themen, die sie umtreiben, haben die Kinder zur Genüge. Mal geht es um Streit in der Pause oder Störungen beim Spiel, bei Mädchen oft um Eifer­sucht oder Freundschafts­entzug. Manchmal plagen Kinder auch private Probleme wie Ge­schwisterstreit oder räumliche Enge. Einige kommen alleine, viele zu zweit. „Wir hatten aber auch schon eine ganze Fußball­mannschaft hier sitzen“, erzählt Schanze und lacht.

Orhan (Name geändert) kommt an die­sem Morgen ohne Begleitung. Sein Streitgegner ist erkrankt. Trotzdem setzt er sich kurz an den Küchentisch und lässt entspannt die Füße baumeln. Heute ist eine Klärung nicht in Sicht. Aber Wittrock und Schanze einigen sich mit Orhan, dass die Klassen­lehrerin das Thema im Klassenrat besprechen soll. „Orhan ist unser Stammkunde“, sagt Schanze später mit einem Augen­zwinkern.

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„Mit Wut im Bauch oder im Kopf kann man nicht lernen“

Das Vertrauen der Kinder müssen sich die Streitschlich­terinnen und Streit­schlichter nicht erst mühsam erar­bei­ten. Sie bekom­men es als Geschenk. Wie ihnen das ge­lingt? „Wir begegnen den Kindern auf Au­genhöhe“, er­läutert Schanze. „Wenn ein Kind etwa erzählt, ein ande­res habe ihm den Ball kaputt gemacht, dann überlegen wir gemein­sam, was man tun kann. Wir geben aber keine Lösung vor. Die Kinder müssen selbst eine finden.“ So steigt die Chan­ce, dass sie die Vereinbarung auch um­setzen und lernen, künftige Streitig­keiten selbst bei­zulegen.
„Mit Wut im Bauch oder im Kopf kann man nicht ler­nen“, sagt Schulsozial­arbeiterin Sabrina Esser. Sie hat die SiS an die Kölner Grundschule geholt.

Für Sabrina Esser, die im Auftrag der KJA Köln als Schulsozialarbeiterin an der KGS Horst­straße tätig ist und die SiS an die Schule geholt hat, sind die Mediatorinnen und Media­toren eine echte Hilfe. „Mit Wut im Bauch oder im Kopf kann man nicht lernen“, erklärt sie. Werden Konflikte erfolgreich beigelegt, konzentrieren sich die Kinder wieder auf den Unter­richt. Das sorgt für ent­spannte Stimmung und entlastet die ganze Klasse.

Esser sieht die Mediatorinnen und Me­diatoren als Teil der schulischen Ge­waltprävention. „Einigen Kindern wird zu Hause nicht vorgelebt, wie man Kon­flikte löst“, sagt sie. Statt­dessen ge­hören Aggressionen nicht selten zum Alltag. „Manche Kinder berichten, dass zu Hause Geschirr fliegt oder die Eltern sich schubsen. Deshalb finde ich es wichtig, ihnen vorzu­leben, dass es auch anders geht.“ Viele Kinder an Schulen im Brennpunkt bräuchten sehr viel Zu­wendung. Das koste Zeit. Und von der hätten die Lehrkräfte oft viel zu wenig, die Seniorinnen und Senioren hingegen reichlich.

An der KGS Horststraße wird Mehr­sprachig­keit gelebt. Beim Lösen von Pro­blemen aber ist es wichtig, dass alle eine Spra­che spre­chen – die der gewalt­freien Kommuni­kation.
„Für unsere Schule ist diese Art des nachhaltigen Be­ziehungs­aufbaus wirk­lich wertvoll“, sagt Schul­leiterin Sabine Ostermann.

Enorme Entlastung für das Schulteam

Das Kollegium der KGS Horststraße nimmt das Angebot deshalb dankbar an. „Für un­sere Schule ist diese Art des nachhaltigen Beziehungsaufbaus wirk­lich wertvoll. Die Lehrkräfte müssen im Schulalltag so viele Anforderungen er­füllen, dass sie gar nicht so tief in die Problematiken eintauchen können. Die SiS hingegen können sich mit den The­men der Kinder ernsthaft ausei­nander­setzen“, erklärt Schulleiterin Sabine Ostermann.

Entsprechend voll ist die Terminliste, wenn die Mediatorin und der Mediator am Dien­stagmorgen im Lehrerzimmer vorbei­schau­en. Dieses Vertrauen trägt zum Ge­lingen des Projektes bei: „Die Lehrkräfte müssen hinter dem Pro­gramm stehen und die Kin­der ermuti­gen, zu uns zu kom­men. Sonst funktio­niert es nicht“, sagt Ludwig Schan­ze, der auch den NRW-Landesvorsitz des SiS-Vereins innehat.

Auch wenn heute weniger los war als sonst, gehen der Mediator und seine Kollegin wie je­den Dienstag nach der sechs­ten Stunde zufrieden nach Hau­se. „Ich sehe, dass Kinder, die im Streit zu uns kommen, immer wieder Frieden herstellen wollen. Das macht mir Hoff­nung in dieser schwierigen Zeit“, sagt Wittrock. Schanze stimmt es glücklich, wenn er sieht, wie konstruktiv Kinder Konflikte lösen. „Ich habe das Gefühl, etwas Gutes mit meinem Ehren­amt zu bewegen. Das moti­viert mich“, sagt er.

Weitere Informationen

Auf der Website https://www.seniorpartnerin­school.de finden Sie zusätzliche Informationen und Kontaktdaten zum Verein. 

2 Kommentare

  1. Ich bin ebenfalls SIS-Schulmediatorin und freue mich über den Artikel. Unsere Arbeit an den Schulen wird angenommen und zunehmend mehr gewünscht. Um das zu schaffen, suchen wir ständig neue Mitstreiter. Die Kinder danken es uns durch ein Lächeln, ein Dankeschön, durch Verhaltensänderung. Wichtig ist, wir lernen gegenseitig voneinander und bauen Brücken zwischen den Generationen

  2. Vielen Dank für den Einblick in Ihre Arbeit und Ihren Einsatz bei “Seniorpartner in School”! Grüße aus der Wübben Stiftung Bildung.

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