Berufsorientierung

Werkstattluft schnuppern

Schrauben statt büffeln: Im Rahmen einer Praktikumsrallye haben zwei Schülerinnen der Holstentor-Gemeinschaftsschule in Lübeck den Klassenraum gegen eine Tischlerei getauscht.

Mariia setzt den Akkuschrauber vorsichtig in den Schraubkopf. Während ihre Klassenkameradin Kamilla das Holzbrett festhält, dreht sie die Schraube konzentriert hinein. „Prima, jetzt setzen wir die langen Bretter davor“, lobt Tischlerin Lena Albrecht die 13-jährigen Schülerinnen. „Das wird dann die schöne Seite der Kiste!“ Drei Tage lang dürfen sich die Mädchen in Albrechts Holzwerkstatt „Fuchsbau“ in Lübeck ausprobieren und dabei das Handwerk der Tischlerin kennenlernen.

Konzentriert bei der Arbeit: Kamilla schraubt die ersten Bretter an ihre Kiste, Mariia schaut ihr über die Schulter.
Der Umgang mit Werkzeugen ist das A und O im Tischlerhandwerk. Erst im zweiten Ausbildungsjahr werden auch Maschinen eingesetzt.

Mehrere Berufe scannen

Die Praxistage in der Tischlerei sind Teil der Praktikumsrallye, die die Holstentor-Gemeinschaftsschule (HGS) in Kooperation mit der Handwerkskammer Lübeck und ihrem Projekt „Regionale Partnerschaft Schule – Betrieb“ entwickelt hat. „Während der Rallye lernen ausgewählte Schülerinnen und Schüler des achten Jahrgangs gleich drei Berufe kennen“, erläutert Schulleiter Lutz Glaeßner den Unterschied zum klassischen Praktikum. So geht es für Mariia und Kamilla nach ihrer Zeit in der Tischlerei weiter in das Lübecker Restaurant „Schiffergesellschaft“, wo sie in die Berufe Köchin und Restaurantfachfrau reinschnuppern.

Noch sind die beiden aber im Fuchsbau beschäftigt. Der Einstieg in die Rallye gefällt den Mädchen gut, auch wenn die Arbeit anstrengend ist. „Gestern mussten sie alle Bretter für ihr Kistenprojekt selbst zurechtsägen“, erklärt Albrecht. Handarbeit sei auch im ersten Ausbildungsjahr die Regel. Den Einsatz von Maschinen lernen die Auszubildenden erst später. Kamilla zeigt, wie sie mit dem Streichmaß bereits den richtigen Abstand für Bohrlöcher markieren kann. Dabei ist nicht nur Geschick, sondern auch mathematisches Verständnis gefragt.

Kleinstprojekte statt Veranstaltungen mit der ganzen Klasse

„Hier sammeln die Schülerinnen und Schüler erste praktische Erfahrungen, die ihnen helfen können, die richtige Berufswahl zu treffen“, sagt Stefan Kloth vom Projekt „Regionale Partnerschaft Schule –Betrieb“. Und Schulleiter Lutz Glaeßner fügt hinzu: „Kleinstprojekte, das haben wir gelernt, sind in der Berufsorientierung viel effektiver als Veranstaltungen für die ganze Klasse, bei denen jede und jeder alles durchlaufen muss.“ Überdies, so Glaeßner, seien die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Rallye ungemein motiviert – gerade weil sie sich erfolgreich beworben hätten. Ausgewählt wurden diejenigen, deren Bewerbung durch eine Klassenlehrkraft befürwortet wurde.

An Schulen im Brennpunkt gehört die frühzeitige Berufsorientierung zu den zentralen Aufgaben. An der HGS kümmert sich schon seit vielen Jahren ein BO-Team um das Thema. Auf regelmäßigen Fachkonferenzen werden dann alle involvierten Lehrkräfte auf dem Laufenden gehalten. Für ihr Konzept wurde die Gemeinschaftsschule nun schon zum dritten Mal mit dem Berufswahl-SIEGEL Schleswig-Holstein ausgezeichnet.

„Durch den Austausch mit einem bundesweiten Netzwerk bekommen wir neue Ideen und werfen auch mal alte Methoden über Bord“, so der Schulleiter. „Wir gehen immer mehr weg von den typischen Berufsmessen hin zu einer persönlichen Ansprache kleinerer Gruppen. Als PerspektivSchule ist eines unserer Mottos, dass psychisches Wohlbefinden zu besseren Leistungen führt.“ Das gilt auch für die Praktikumsrallye. Die Schülerinnen und Schüler können in kleinen Gruppen selbstständig zu ihrem Praktikumsplatz gehen und sich vor Ort gegenseitig unterstützen. So sinkt insbesondere für Jugendliche mit Sprachproblemen die Hemmschwelle, teilzunehmen.

Schulleiter Lutz Glaeßner ist stolz: Die Holstentor-Gemeinschaftsschule wurde mehrfach mit dem Berufswahl-SIEGEL Schleswig-Holstein ausgezeichnet.

„Wir gehen immer mehr weg von den typischen Berufsmessen hin zu einer persönlichen Ansprache kleinerer Gruppen.“

Die Betriebe in die Schulen holen

Berufsorientierung findet an der HGS nicht nur in den Betrieben oder der Agentur für Arbeit statt, sondern immer häufiger auch in der Schule. In der siebten Klasse geht es bereits mit der „Zukunftswerkstatt“ los, einem Projekttag zur Berufs- und Lebensplanung. In der achten Klasse steht ein Praktikum in Handwerk oder Gewerbe im Mittelpunkt. Dabei werden die berufsorientierenden Inhalte nicht zentral unterrichtet, sondern fließen an vielen Stellen in die einzelnen Fächer ein. Im Deutschunterricht lernen die Schülerinnen und Schüler, wie man eine Bewerbung schreibt. In den Fächern „Weltkunde“ oder „Wirtschaft und Politik“ wird besprochen, wie ein Praktikumsbericht aussehen sollte.

„Wichtig ist außerdem, dass wir die Informationen der Betriebe aus erster Hand in die Schule holen. Bei unserem Berufsorientierungstag laden wir die Vertreterinnen und Vertreter unterschiedlicher Berufsgruppen zu uns ein“, berichtet Glaeßner. Neben festen Kooperationspartnern wie dem Süßwarenhersteller Niederegger, der Deutschen Post oder dem Holiday Inn kommen auch neu gewonnene Firmen, Betriebe und weiterführende Schulen in die HGS. Glaeßner: „Die Schülerinnen und Schüler der neunten Klassen können dann selbst entscheiden, über welchen Betrieb sie mehr wissen möchten, und finden auf diese Weise auch häufig einen Platz für ihr zweites Praktikum im neunten Jahrgang.“

In Lena Albrechts Werkstatt „Fuchsbau“ können Schülerinnen und Schüler der Holstentor-Gemeinschaftsschule testen, ob das Tischlerhandwerk ihr Ding ist.

Weiterführende Schulen beliebter als Ausbildung

Nach ihrem Schulabschluss machen aber nur rund zehn von hundert Schülerinnen und Schülern direkt eine Ausbildung. „Die Motivation, noch weiter zur Schule zu gehen, ist sehr hoch“, berichtet Lutz Glaeßner. Viele scheuten sich vor einer Entscheidung, vermutet der Schulleiter. Sie fürchten, sich zu früh festzulegen, und machen dann eher das, was auch der Freund oder die Freundin machen. Dabei sehen sie nicht, dass ihnen auch nach einer Ausbildung immer noch alle Türen offenstehen. „Das müssen wir auch den Eltern besser erklären“, findet er.

Mariia und Kamilla haben noch etwas Zeit, sich zu entscheiden. Mariia freut sich schon auf die nächste Station der Praktikumsrallye im Restaurant. Sie möchte später gerne in einem Hotel arbeiten. Kamilla ist noch unsicher und tendiert zu Grafikdesign. Ob ihre beiden Praktikantinnen später wirklich Tischlerinnen werden wollen, ist für Lena Albrecht nicht ausschlaggebend. Allein das Gefühl, etwas mit den Händen geschaffen zu haben, sei aus ihrer Sicht schon wertvoll. Und was passiert mit der Kiste? Die war keinesfalls nur Beschäftigungstherapie. Die fertige Box wird später im Rahmen eines Stadtbegrünungsprojektes auf einen Fahrradanhänger montiert und mit einer jungen Birke bepflanzt. Eine tolle Sache, finden auch Mariia und Kamilla. Sie lächeln stolz und schnappen sich wieder ihre Akkuschrauber.

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