Frau Sadik, Schülervertretungen fordern immer wieder mehr strukturelle Mitbestimmung und berufen sich dabei auch auf Artikel 12 der UN-Kinderrechtskonvention. Trotzdem kommen Bildungsforschende zu dem ernüchternden Ergebnis, dass Partizipation eher symbolisch gelebt wird. Welche Beobachtungen machen Sie dazu im deutschen Schulsystem?
Zum Beispiel?
Im Landkreis Saarlouis legen Sie großen Wert darauf, Schülerinnen und Schüler mitgestalten zu lassen. Was machen Sie anders?
Natalie Sadik ist Schulentwicklungsplanerin und Bildungsmanagerin in der Stabstelle Schulentwicklung des Landkreises Saarlouis. Partizipation, etwa bei Baumaßnahmen, betrachtet sie als wichtigen Hebel für das Gelingen von Projekten.
Es gibt also keine Maßnahmen ohne Partizipation?
Sadik: Genau das ist unser leitendes Prinzip. Es findet keine Maßnahme statt ohne vorangegangene Beteiligung derer, um die es geht. Schließlich wollen Kinder mitreden können, wie die Lebensräume aussehen sollen, in denen sie im Ganztag fast mehr Zeit verbringen als zu Hause. Werden ihre Pläne dann auch realisiert, erfahren sie Selbstwirksamkeit und fühlen sich dem Projekt verbunden. So gesehen ist Beteiligung auch Vandalismusprävention. Niemand macht das kaputt, was sie oder er selbst geplant und aufgebaut hat.
Wie organisieren Sie die Beteiligung der Schülerinnen und Schüler?
Sadik: Wir setzen dazu die Methode der Zukunftswerkstatt ein. Zu Beginn mache ich mit den Kindern und Jugendlichen eine Begehung des betreffenden Areals. Dabei halten sie fest, wo sie sich aktuell gerne aufhalten und wo nicht und welche Gründe es dafür gibt. Um realistisch planen zu können, bekommen sie bereits im Vorfeld alle Informationen, die sie brauchen, zum Beispiel die Bauvorschriften. So wissen sie genau, wo sie nichts planen können, weil da ein Rettungsweg entlangführt oder es andere Einschränkungen gibt. Außerdem werden sie über das Budget und die Kosten möglicher Gestaltungselemente informiert. Auf dieser Grundlage können sie entscheiden, wie sie das Geld aufteilen, und eine Vision entwickeln. Am Ende stimmen die beteiligten Schülerinnen und Schüler ab und bauen als Grundlage für das Kreisbauamt und den dort verantwortlichen Architekten ein maßstabsgerechtes Modell, das bestmöglich berücksichtigt wird.
Schulentwicklungsplanerin Natalie Sadik sagt: „Beteiligung wird bei jedem Vorhaben – sei es ein kompletter Neubau, die Schulwegeplanung oder die Neuanlage eines Schulhofs – von Beginn an mitgedacht und in die Entscheidungsprozesse integriert.“ © Natalie Sadik
Wer sein Umfeld mitgestalten kann und gehört wird, fühlt sich wohl. Das gilt auch für Schulen, denn dort verbringen Schülerinnen und Schüler sehr viel Zeit. © Wübben Stiftung Bildung/Peter Gwiazda
„Es findet keine Maßnahme statt ohne vorangegangene Beteiligung derer, um die es geht.“
Natalie Sadik, Schulentwicklungsplanerin
Die Schülerinnen und Schüler handeln also vernünftig, wenn man sie lässt?
Schulhof- und Schulwegeplanung – das sind eher überschaubare Projekte. Gibt es Bauvorhaben, die auch für Sie als erfahrene Schulentwicklungsplanerin eine besondere Herausforderung in Sachen Partizipation darstellen?
Sadik: Wir planen gerade unterschiedliche Beteiligungsformate für den neuen, inklusiven Bildungscampus, der in naher Zukunft in Saarlouis entstehen wird. Wo bereits die Schule in den Fliesen, also die Gemeinschaftsschule des Landkreises, sowie ein Oberstufenzentrum und das Schülerforschungszentrum ihre Heimat haben, wird nun unter anderem auch die Anne-Frank-Schule, die größte „Förderschule Lernen“ des Landkreises, einen Platz finden. Das Zusammenführen dieser sehr unterschiedlichen Schulformen auf einem Areal wird unser bislang größtes Beteiligungsprojekt.
Wie wollen Sie das hinbekommen – aus zwei Schulfamilien eine machen?
Sadik: Neben den geplanten Zukunftswerkstätten zur Schulhofplanung sollen die Schulformen sich schon im Vorfeld in verschiedenen Beteiligungsformaten annähern, kennenlernen und gemeinsam auf das Vorhaben freuen. Nach den Osterferien haben wir zum Beispiel mit einem Filmprojekt begonnen, das über 15 Monate gehen wird. Beide Schulen bilden im ersten Schritt je eine Projektgruppe, die ihren aktuellen Schulalltag dokumentiert und dabei mit unterschiedlichen filmischen Darstellungsformen experimentiert. Später werden sie auch den Bauprozess und das Zusammenwachsen begleiten und daraus einen gemeinsamen Film machen. Das Filmprojekt ist ein gemeinsames Projekt der Schulentwicklung des Landkreises, der freien Kunstschule und der Jugendarbeit der Stadt Saarlouis.
Und der Film soll dann in den Schulen gezeigt werden?
Das hört sich nach etwas an, auf das alle Kinder richtig stolz sein werden. Halten Sie diese Art der Beteiligung auf Augenhöhe gerade in einer Schule im Brennpunkt für besonders wichtig, da Kinder dort vielleicht weniger Erfahrungen mit demokratischer Partizipation haben?
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