Schulöffnung in den Sozialraum

„Es kann auch heraus­fordernd sein, die Schule für Eltern zu öffnen“

Ob Eltern oder fremde Personen: Der freie Zugang zu Schulen birgt auch Konfliktpotenzial. Ein Forscher und eine Schulleiterin beleuchten das Dilemma.

Schulen im Brennpunkt für den Sozialraum zu öffnen und die Erziehungs- und Bildungs­partnerschaft mit Eltern zu stärken sind zentrale Anliegen von Familien­grund­schul­zentren. Zielsetzungen, die auch das Start­chancen-Programm unterstützt. Der Schul­alltag sieht dann für viele Familien so aus: Mütter und Väter nutzen Angebote wie das Elterncafé und knüpfen dort Kontakte. Sie begegnen dem multi­professionellen Team und Honorarkräften, die Angebote machen. Und sie können Fachkräfte aus Beratungs­stellen ansprechen, wenn sie Fragen haben oder Hilfe beim Ausfüllen von Formularen brauchen. Offene Schulen stärken Kinder und ihre Familien.

Doch wenn der Zugang zur Schule keinen Regeln folgt, zieht das automatisch Heraus­forderungen und Konflikte nach sich. Auch können sich dann fremde Personen frei auf dem Schulgelände bewegen und Lehrkräfte wie Kinder ver­unsichern. Was also tun? Die Schulen geöffnet halten oder schließen?

Schulleiterin Silke Genzlinger von der Grund­schule Bliesschule in Ludwigshafen am Rhein hat am Schultor eine Klingel installieren lassen. Zu unübersichtlich ging es auf dem Schulgelände zu. Das Abschirmen der Schulen sollte laut Philipp Hackstein aber die letzte Option sein. Er forscht an der Universität Duisberg-Essen zu dem Pro und Kontra frei zugänglicher Schulen und fordert Kompromisse ein. Hier teilen beide ihre Ansichten.

Silke Genzlinger

„Wir müssen gegenüber schul­fremden Personen Grenzen setzen, um nicht die Kontrolle zu verlieren“

„In den Herbstferien haben wir die Türen unseres Schul­geländes außerhalb der Bring- und Abholzeiten ab­ge­schlossen und eine Klingel installiert. Wer unsere Schule betreten möchte, muss sich erst über eine Frei­sprech­anlage im Sekretariat anmelden und warten, bis die Türen mithilfe eines Schnappers geöffnet werden. Wir haben diese Entscheidung gemeinsam mit dem Haus­meister und der Förderschule gefällt, die sich auf unserem Gelände befindet. Wir wollen uns so einen Über­blick verschaffen, wer sich auf unserem Schulgelände aufhält.

„Die Kinder er­schrecken sich, wenn in den Klo­räumen plötzlich eine fremde Person auftaucht“

Das Schulgelände ist nämlich sehr groß und un­übersichtlich. Beide Schulen haben Gebäude mit mehreren Aus­gängen. Außer­dem gibt es Container­bauten, die für den Unterricht genutzt werden, eine große Turnhalle und einen Sport­platz. Badegäste nutzen das Gelände im Sommer oft, um den Weg zum nahe gelegenen Baggersee abzukürzen. Wir erleben immer wieder, dass Menschen, die nicht zur Schule gehören, unsere Toiletten benutzen. Die Kinder er­schrecken sich, wenn in den Kloräumen plötzlich eine fremde Person auftaucht. Aber auch vertraute Per­sonen wie etwa Eltern, die ihre Kinder abholen möchten, halten sich oft mit den Geschwistern und Kinderwagen auf dem Gelände auf. Manchmal stehen dann so viele war­tende Menschen auf dem Sportplatz, dass kein Platz für den Unterricht mehr bleibt. Manche Eltern verbringen ganze Vormittage auf dem Schulhof, um auf ihre Kinder aufzu­passen. Sie unter­halten sich, rauchen trotz Verbots E-Zigaretten oder beschweren sich gar, wenn Schulkinder durch die Flure laufen und sie dabei vielleicht versehentlich anrempeln. Sprechen wir sie auf ihr Fehlverhalten an, gibt es nicht selten rüde Reaktionen.

„Wir möchten, dass Eltern an unserer Schule gute Erfahrungen machen können“

Als wir vor einem Jahr Familien­grundschul­zentrum wurden, stand die Entscheidung für die Klingel schon fest. Die Koordinatorin war anfangs traurig darüber, weil wir die Eltern ja eigentlich in die Schule holen und nicht ab­schrecken möchten. Aber sie hat letztlich sehr ver­ständnis­voll auf unsere Argumente reagiert. Wir möch­ten, dass Eltern an unserer Schule gute Erfahrungen machen können. Denn nur dann können wir mit ihnen zum Wohle der Kinder zusammenarbeiten – und Hilfen aufzeigen, wenn Kinder zum Beispiel durch ihr schwieriges Verhalten auffallen oder Leistungsprobleme zeigen.

Wir müssen uns als Schule aber auch nach außen ab­grenzen, um nicht die Kontrolle zu verlieren über das, was auf unserem Schulgelände passiert. Nur dann können die Kinder hier behütet ihre Schulzeit verbringen und in Ruhe und mit Freude lernen. Wir sind gespannt, wie vor allem die Eltern mit dieser Veränderung umgehen werden.“

Foto: © Katharina Werle
Silke Genzlinger ist Schul­leiterin der Grundschule Bliesschule in Ludwigs­hafen am Rhein. Sie schließt die Tore ihrer Schule, damit die Kinder in Ruhe lernen können.
Philipp Hackstein

„Vorrangiges Ziel ist es, den Kontakt zu den Eltern zu gestalten“

Foto: © Philipp Hackstein
Philipp Hackstein forscht als wissen­schaft­licher Mit­arbeiter an der Universität Duisburg-Essen zu Fa­milien­­­­grundschul­zentren und multi­professioneller Ko­operation. Er begleitet auch das Start­chancen-Programm. Dabei steht er in engem Austausch mit Schulleitungen und Kommunen.
„Wenn Mütter und Väter in den Schulen ihrer Kinder an Austauschtreffen teil­nehmen oder diese sogar selbst organisieren, Freizeitangebote machen oder Beratungen in Anspruch nehmen, bekommen sie einen intensiven Einblick in das Schulleben. Das stärkt auch ihre Beziehung zu den Schul­teams. Doch es kann auch herausfordernd sein, die Schule für Eltern zu öffnen. Auf allen Seiten kann es Hemmnisse und Vorbehalte geben, die zu Miss­ver­ständ­nissen und Grenz­über­schreitungen führen. Das fängt damit an, dass Lehrkräfte sich gestört fühlen, wenn sie auf dem Weg in den Unterricht von Eltern ange­sprochen werden. Und es führt so weit, dass Eltern verbal ausfällig werden, Kinder Schulpersonal angreifen, Unbekannte auf den Schul­höfen randalieren. Eine Schul­leiterin hat mir berichtet, dass sie von Reichs­bürgerinnen und -bürgern bedroht wurde.

„Ich kenne Schul­teams, die sich morgens vor dem Schulgelände posi­tionieren, um mit den Familien ins Gespräch zu kommen“

Offene oder geschlossene Schule? Ich finde, es braucht Kompromisse. Gemein­sam mit Schulen haben wir ver­schie­dene Lösungen erarbeitet. So haben inzwischen einige Schulen Korridore oder Infopoints für Eltern ge­schaffen, wo sie sich aufhalten dürfen und Informationen erhalten. In anderen Schulen können Mütter und Väter ihre Bedürfnisse in Briefkästen oder auf digitalen Plattformen mitteilen. Ich kenne auch Schulteams, die sich morgens vor dem Schulgelände posi­tionieren, um mit den Familien ins Ge­spräch zu kommen. Bei all diesen Maß­nahmen ist es das vorrangige Ziel, den Kontakt zu den Eltern aufzubauen und aufrechtzuerhalten, auch wenn Grenzen gezogen werden müssen. Letztlich sollen sich alle Mitglieder der Schul­gemein­schaft sicher und wohl fühlen. Wenn Familien Teil der Schul­gemein­schaft werden, braucht es gemein­same Regeln. Im besten Fall definieren alle Beteiligten gemeinsam, wo und wie sie miteinander kommuni­zieren und demokratische Prinzipien wie Mitbe­stimmung im Schulalltag ge­stalten möchten. Hier hilft es, sich als Schule mit den Lebens­realitäten der Familien im Einzugsgebiet zu be­schäf­tigen. Dafür kann man in Eigenregie die Nachbar­schaft erkunden oder Daten der Kommunalstatistik nutzen, um selbst Sozialraumanalysen durchzuführen. Denn wer Verständnis aufbringen kann für sein Gegenüber, schafft die Basis für eine gute Beziehung, in der es hoffentlich kein Ordnungs­amt und keine Polizei braucht, um Konflikte zu lösen.“

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