Differenzierte Förderkonzepte

„Wir möchten alle Förderbedarfe in den Blick nehmen“

An der Berliner Brodowin-Schule sollen alle Schülerinnen und Schüler entsprechend ihren Bedürfnissen gefördert werden. Wie, erklärt Schulleiterin Doreen Eccarius.

Frau Eccarius, was mögen Sie an Ihrem Beruf als Schulleiterin am liebsten?

Doreen Eccarius: Ich sehe die Chance, das Umfeld Schule zu verändern. Es lassen sich Strukturen anpassen und Netzwerke schaffen. Ich kann Organisationen oder Träger einbinden und so das Kollegium sowie die Schülerinnen und Schüler an den richtigen Stellen unterstützen. Kurz gesagt: Ich kann Ideen für Veränderungen in die Tat umsetzen.

Sie leiten seit August 2019 die Brodowin-Schule. Erzählen Sie uns ein bisschen über sie.

Eccarius: Mit knapp 700 Schülerinnen und Schülern sind wir eine relativ große Grundschule, die eigentlich nur für 650 Kinder ausgerichtet ist. Unser Kollegium besteht aus ungefähr 100 Personen. Die Schule befindet sich in einem besonderen Sozialraum: Zum einen stehen hier Einfamilienhäuser mit gutem Sozialindex, andererseits Hochhauskomplexe, in denen es einen anhaltenden Zuzug von Familien mit schwierigem sozialem Hintergrund gibt. In unmittelbarer Nachbarschaft der Schule befinden sich zudem zwei Unterkünfte für geflüchtete Menschen. Daher ist unsere Schülerschaft allein aufgrund des Einzugsbereichs sehr heterogen zusammengesetzt.

Welche Förderbedarfe entstehen dadurch?

Eccarius: Das Problem der Sprachbarriere ist ein großes Thema bei uns. Unsere Schule befindet sich in Lichtenberg, einem Berliner Bezirk, der seit Generationen geprägt ist von Einwandererfamilien. Es gibt eine große vietnamesische Community, Familien aus der Ukraine, Syrien, Iran oder Afghanistan. Für viele ist Deutsch also eine Fremdsprache, und die Kinder kommen mit wenigen bis keinen Kenntnissen zu uns. Daneben haben wir Kinder mit sozialen und geistigen Beeinträchtigungen. Das zeigt sich beim Lernen, im Sprachvermögen, aber auch in ihren körperlichen und motorischen Fähigkeiten. Auch haben wir immer mehr Kinder mit Autismus. Für viele meiner Kolleginnen und Kollegen ist das herausfordernd, denn die meisten haben dafür keine spezielle Ausbildung.

Foto: © Karolin Klüppel

Doreen Eccarius leitet die Brodowin-Schule in Berlin. Bevor sie 2014 an die Schule kam, war sie Studienrätin für Geschichte und Deutsch an einem Gymnasium. Doreen Eccarius ist es eine Herzensangelegenheit, die individuelle Förderung von Schülerinnen und Schülern zu verbessern.

„Für viele ist Deutsch also eine Fremdsprache, und die Kinder kommen mit wenigen bis keinen Kenntnissen zu uns."

Wie gehen Sie das Thema Sprachförderung gezielt an?

Eccarius: Wir haben unsere Schule in Jahrgangsteams aufgeteilt, in denen sich Lehrerinnen und Lehrer montags zu bestimmten Problemen austauschen. Gemeinsam erarbeiten sie aktuell unter anderem Lösungen, wie wir die Sprachbildung bei neuen Schülerinnen und Schülern unterstützen können. Hier binden wir auch externe Unterstützer ein, die Deutschkurse parallel zum Unterricht anbieten. Wir arbeiten hier unter anderem mit dem Nachhilfeinstitut Intellego zusammen. Kinder mit einem Berlinpass können das Angebot „Deutsch als Zweitsprache“ parallel zum Deutschunterricht nutzen. Unser zweiter externer Partner ist der Bildungsträger wortlaut. Hier unterstützen Lehramtsstudierende Kinder mit Sprachbarrieren etwa während des Unterrichts in Form von Einzelförderung. Beides wird mithilfe von Fördermitteln finanziert. Die Idee der Jahrgangsteams bauen wir übrigens weiter aus: So wollen wir perspektivisch darin auch die Erzieherinnen und Erzieher einbinden.

Welche weiteren Fördermaßnahmen gibt es an Ihrer Schule?

Eccarius: Für traumatisierte Kinder bieten wir Kunsttherapien an. Hier kooperieren wir mit der Organisation IsraAid, die uns auch mit einer Therapeutin unterstützt. Zusammen mit unserer Traumapädagogin werden so Gruppen- oder Einzelangebote für Kinder parallel zum Unterricht realisiert. Zudem gibt es für bestimmte Schülerinnen und Schüler kleinere temporäre Lerngruppen. Auch die Eltern binden wir ein, etwa in Form unserer Familienklasse: Hier kommen Kinder mit ihren Eltern an einem Tag in der Woche zusammen. Es wird gemeinsam gelernt und an Zielen gearbeitet – auch mithilfe unserer Multifamilientherapeutinnen und-therapeuten, die über das Jugendamt finanziert werden. Die Kinder werden hier an einem Tag in der Woche gemeinsam mit ihren Eltern nach einem individuellen Stundenplan unterrichtet. Sie lernen also mit aktiver Unterstützung ihrer Eltern, wie sie die Anforderungen des schulischen Alltags und die Einhaltung von Regeln bewältigen können. Dieses Angebot ist auch dazu da, um Eltern zu zeigen: Nicht nur die Schule trägt Verantwortung, sondern auch die Eltern.

„Die Kinder werden hier an einem Tag in der Woche gemeinsam mit ihren Eltern nach einem individuellen Stundenplan unterrichtet.“

Es gibt noch sogenannte Übergangsklassen. Was hat es damit auf sich?

Eccarius: In diesen Klassen werden rund fünf Schülerinnen und Schüler betreut, die wir im Regelbetrieb nicht gut unterrichten können. Sie kämpfen meistens mit emotionalen oder sozialen Herausforderungen und zeigen starke Verhaltensauffälligkeiten. Man könnte sie auch Systemsprengerinnen und Systemsprenger nennen. Hier versuchen wir mit drei Pädagoginnen und Pädagogen zusammen in kleinen Gruppen individuelle und möglichst wenig belastende Lernumgebungen zu schaffen. Dieses Angebot gibt es jeden Tag für zwei Stunden – ansonsten nehmen sie am Regelunterricht teil.

Haben Sie eine Art Vision für Ihre Schule, wie eine individuelle Förderung noch besser gelingen kann?

Eccarius: Wir sind bereits mitten im Wandel. Wir haben eine Pilotgruppe gebildet, die gerade ein neues Schulkonzept entwickelt – weg von der bisherigen Struktur. Wir möchten alle Förderbedarfe in den Blick nehmen und noch differenzierter arbeiten. Dafür sollen zeitliche Strukturen zunächst aufgebrochen werden. Die einzelne Lehrkraft differenziert ihre Schülerinnen und Schüler natürlich. Doch bisher macht das jede und jeder für sich, für die eigene Klasse. Auch wenn wir im Jahrgangsteam arbeiten, ist das noch nicht funktional. Sprich, wir müssen das größer denken. Daher sehen wir die 2. Klasse derzeit als gesamten Jahrgang und nicht mehr klassenweise. So können jedes Kind und seine Bedürfnisse differenziert betrachtet werden. Im nächsten Schuljahr wollen wir das Konzept weiter ausbauen und auf die ganze Schule übertragen.

Foto: © Peter Gwiazda

Ob Sprach­förderung, Kunsttherapie oder Einbindung der Eltern…

… Doreen Eccarius unternimmt an ihrer Schule viel, um Kinder gezielt zu unterstützen.

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