Klassenraum einer 1. Klasse an der Klaus-Groth-Gemeinschaftsschule in Kiel.

Startchancen-Programm

„Die Politik muss prüfen, was die Schulen und Kinder wirklich brauchen“

Wer berät uns? Wie vernetzen wir uns? Wie groß wird der Aufwand? Schulleitungen haben in puncto Startchancen-Programm viele Fragen und Wünsche. Drei von ihnen berichten.

Es ist das größte Bildungsprogramm in der Geschichte der Bundesrepublik: das Startchancen-Programm des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. 20 Milliarden Euro investieren Bund und Länder in den kommenden zehn Jahren, um Schulen im Brennpunkt gezielt zu fördern. Doch wo erhalten Schulen die dringend benötigte Unterstützung und Beratung? Was erhoffen sie sich von dem Förderprogramm? Wir haben mit drei Schulleitungen aus Kiel, Berlin und Köln über ihre Wünsche, Bedenken und Erwartungen an die Politik gesprochen. 

Christian Bornhalm

„Ich freue mich auf einen lebendigen Austausch und eine aktive Netzwerkarbeit unter den Schulen“

Weg von der Gießkanne, hin zur bedarfsgerechten Mittelverteilung – das ist das große Versprechen des Startchancen-Programms, und ich vertraue darauf, dass wir als Bundesland und Schule gut ausgestattet werden. Ich sehe Chancen, stehe gewissen Dingen aber auch skeptisch gegenüber. So freue ich mich auf einen lebendigen Austausch und eine aktive Netzwerkarbeit unter den Schulen. Das könnte uns über die gesamte Zeit hinweg sehr helfen. Wir werden als Schule Fördermittel erhalten und da wünsche ich mir seitens der Schulaufsicht, dass sie uns hinsichtlich der Verwendung der Gelder, wie es bereits beim Perspektivschul-Programm der Fall ist, vertraut und entsprechende Freiheiten gewährt. Etwas Sorge habe ich, dass der bürokratische Aufwand zu groß wird, hier sind wir als Schule im Brennpunkt heute schon ziemlich belastet. 

Es gibt inzwischen erste Informationen über das Startchancen-Programm. Wir wissen nun, dass wir zahlreiche Maßnahmen aus dem Perspektivschul-Programm weiterführen können. Dazu gehört, dass wir das eigens dafür eingestellte Personal weiterbeschäftigen dürfen, was mich besonders freut. Wir machen also weiter mit dem, was wir in die Wege geleitet haben, und führen nun vor allem Personalgespräche und verhandeln mit Bildungsträgern, die gerne weiter mit uns zusammenarbeiten möchten. Auch wenn bisher keine weiteren Detailinfos zum Startchancen-Programm bekannt sind, stimmt mich die aktuelle Entwicklung optimistisch. 

Meine drei Kernforderungen an die Politik im Hinblick auf das Programm:

  1. Vertrauen Sie den Schulleitungen und den beteiligten Personen bei der Auswahl der Maßnahmen und der Verwendung der Fördermittel.
  2. Sorgen Sie dafür, dass sich die Schulen untereinander vernetzen und sich auch bundeslandübergreifend kennenlernen können.
  3. Kommen Sie in die Schulen und begleiten Sie das Programm aktiv!”
Foto: © Kaja Grope

Christian Bornhalm leitet die Klaus-Groth-Gemeinschaftsschule mit Grundschule in Kiel und wünscht sich hinsichtlich der Verwendung der Fördermittel eine gewisse Entscheidungsfreiheit. 

Doreen Eccarius

„Wir brauchen ganz dringend genügend gut ausgebildete Kolleginnen und Kollegen"

Foto: © Karolin Klüppel

Doreen Eccarius ist Schulleiterin an der Berliner Brodowin-Schule. Sie hofft, dass sämtliche Förderung nicht daran scheitert, dass es nicht genügend Fachkräfte gibt. 

 

„Ich stelle fest, dass ich bis dato kaum über das Startchancen-Programm informiert wurde. Das, was ich weiß, erfuhr ich über die Medien oder andere Akteure. Als Leiterin einer Berliner Schule richte ich den Blick vor allem auf unsere Stadt und unseren Stadtteil. Offenbar berücksichtigt das Programm nur sehr wenige Schulen aus Berlin-Lichtenberg. Die Auswahlkriterien und dazu gehören auch die Ergebnisse der landesweiten VERA-Vergleichsarbeiten in den Jahrgangsstufen 3 und 8 scheinen hier nicht genügend Aufschluss über den tatsächlichen Bedarf in unserem Bezirk zu geben. 

In diesem Unwissen macht man sich natürlich seine Gedanken. So habe ich die Sorge, dass nicht genau auf die Schulen und ihre Bedarfe geschaut wird und unüberlegt einfach irgendwelche Löcher gestopft werden. Auch befürchte ich, dass im Kontext des Startchancen-Programms der Verwaltungsaufwand für uns Schulen noch größer wird als jetzt schon. Und selbst die beste Idee wird trotz bereitgestellter Mittel nicht funktionieren, wenn am Ende das Personal fehlt. Wir brauchen also dringend genügend gut ausgebildete Kolleginnen und Kollegen, die unsere Kinder in individuellen Lernzeiten betreuen. Ganz abgesehen von ausreichend Räumen und fachgerechten Materialien, die immer knapp sind.“ 

Ich erwarte von der Politik, dass sie...

  1. genau prüft, was die Schulen und Kinder wirklich benötigen.
  2. einheitliche Bildungsvoraussetzungen schon in den Kitas schafft mit verpflichtenden Deutschkursen vor der Einschulung und einem letzten verpflichtenden Kitajahr.
  3. für ein länderübergreifend einheitliches Schulsystem sorgt.
Christiane Hartmann

„Ich hoffe, dass multiprofessionelle Teams noch bunter werden!“

Das Startchancen-Programm ist ein gewaltiges Projekt mit guten Absichten. Ich habe den Eindruck, dass zumindest teilweise die tatsächlichen Bedarfe der Schulen und ihrer Schülerinnen und Schüler berücksichtigt werden. Daher blicke ich optimistisch auf das Ganze. Das Land Nordrhein-Westfalen hat ja bereits einen eigenen Sozialindex. So ist die Verteilung innerhalb des Landes schon gut vorbereitet. 

An unserer Schule arbeiten wir gerne und erfolgreich im multiprofessionellen Team. Ich hoffe, dass durch zusätzliche Fördermittel aus dem Programm multiprofessionelle Teams noch bunter werden und so neue Perspektiven hinzukommen. Denn mit jeder Profession gewinnen wir einen neuen Blick auf die Kinder und ihre Bedürfnisse. Mit der zusätzlichen Förderung würde ich unsere Schule gern durch kulturelle und sportliche Bildung auch für bildungsnähere Familien attraktiver machen. Das hat bei einer Schule in Berlin-Wedding gut funktioniert, dadurch wurde die soziale Mischung ausgewogener. 

Außerdem benötigen wir fachliche Unterstützung für Kinder mit Förderbedarf sowie psychologische Fachkräfte. Das sind nun einige der vielen Dinge, die ich gerne anpacken würde, weshalb es wichtig ist, dass die Politik genau hinschaut. Wie viele meiner Kolleginnen und Kollegen teile ich allerdings die Sorge, dass der Verwaltungsaufwand bei uns Leitungen und in den Sekretariaten enorm steigen könnte. 

Meine drei Kernforderungen an die Politik lauten daher:

  1. Die Mittel des Startchancen-Programms dürfen nicht zur Finanzierung anderer Landes- und Kommunalaufgaben und -programme verwendet werden. Auch wünschen wir uns eine finanzielle Gleichbehandlung von Grundschulen und weiterführenden Schulen. 
  2. Der bürokratische Aufwand sollte so gering wie möglich gehalten werden. 
  3. Geben Sie uns weitreichende Entscheidungsfreiheit bei der Frage, was benötigt wird.
Foto: © Mika Volkmann

Christiane Hartmann ist Rektorin an der
James-KrüssGemeinschaftsgrundschule in Köln. Sie wünscht sich eine noch größere Vielfalt an Fachkräften und Professionen an den Schulen.
 

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