Berichterstattung

Warum Schulen Journalismus brauchen

Schulen fordern oft eine bessere Berichterstat­tung über Bildungsthemen. Wenn sie das ernst meinen, müs­sen sie erst mal offener werden gegenüber Journa­listinnen und Journalisten. Ein Kommentar

Ich arbeite seit mehr als 25 Jahren als Journalist. In dieser Zeit habe ich et­liche schwierige Recherchen durchge­führt. Manche endeten gut, andere ver­liefen im Sande. Manche Men­schen ha­be ich enttäuscht, weil sie sich miss­verstanden fühlten, andere habe ich vielleicht glücklich gemacht, weil ich ihrer Stimme Gehör verschafft habe. Aber nach dem ver­gang­enen Jahr kann ich sagen: Fast nirgendwo ist journa­listische Recherche so schwierig wie in Schulen.

Im vergangenen Sommer scheiterte ein erstes Rechercheprojekt, weil sich nur eine Grund­schule im Landkreis Kon­stanz (Danke, liebe Waldeck-Schule!) darauf einlassen wollte, dass ich sie ein Jahr lang bei der Umsetzung des Start­chancen-Programms begleite. Eine Schu­le. Im ganzen Landkreis.

Bei der zweiten Recherche zu den Ver­säumnissen im Schulbau lief es erst besser (kein Wunder, da hatten Schulen ein Interesse daran, dass die Miss­stän­de öffentlich werden), später aber ge­nauso harzig. Ein Schulleiter sagte mir erst zu, dass ich tiefe Einblicke in den Alltag und die Probleme an seiner Schu­le bekomme, um mich dann irgendwann zu ghosten. Auf Mails antwortete er nicht mehr, Rückrufbitten ignorierte er. Bis heute weiß ich nicht, warum eigentlich.

Was ist wichtiger: Datenschutz oder Teilhabe?

Ein anderer Rektor verbot ein Treffen mit Schülerinnen und Schülern auf sei­nem Schulgelände gleich ganz. Of­fen­bar wollte er nicht, dass mir die jungen Menschen die Mängel an seiner Schule vorführten. Auch bei der Online-Befra­gung der Konstanzer Schülerinnen und Schüler wa­ren die meis­ten Schullei­tungen eher keine Hilfe.

Sie blockierten das Vorhaben mit dem Hinweis auf Daten­schutzbedenken – ein Argument, das im Schulkontext Gewicht hat, das hier aber vor allem eines bewirk­te: Es verhinderte, dass Schülerinnen und Schüler ihre Stimme erheben konnten. Dass dies eine sel­tene Gelegenheit zur Beteiligung war, spielte offenbar keine Rolle.

Das Konstanzer Schülerparlament hat die Chance hinge­gen erkannt und die Befra­gung unterstützt und breit ge­teilt. Ohne diese Hilfe wäre ich aufgeschmis­sen ge­we­sen. Die hohe Anzahl der Teil­nehmerinn­en und Teilnehmer und die vielen Freifeld­antworten zeigen deut­lich: Der Zu­stand der Schulen ist für Schülerinnen und Schüler ein drän­gendes Thema.

Obwohl Schulen auf Öffentlichkeit angewiesen sind und von guter Bil­dungsberichterstattung profitieren, gewähren sie Journalistinnen und Journalisten bislang vergleichsweise selten Einblicke in ihren Alltag. Foto: © Wübben Stiftung Bildung/Peter Gwiazda
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Wie stehen Sie zu diesem Thema? Wie ist die Situation bei Ihnen an der Schule und welche Erfahrungen haben Sie im Schulalltag gemacht? Erzählen Sie uns davon.

Angst und Überlastung führen zu Abschottung

Ich nenne übrigens bewusst nicht die Namen der betroffenen Schulleitungen. Schließlich geht es mir nicht darum, ein­zelne Personen vorzuführen, sondern auf strukturelle Probleme hinzuweisen. Ich bin überzeugt: Meine Erlebnisse sind keine Einzelfälle. Schulen haben ein strukturelles Problem mit Journa­lismus. Das zeigen nicht nur meine Er­fahrungen, sondern auch Gespräche mit Kolleginnen und Kollegen. Die Gründe sind bekannt – und sie sind nachvoll­ziehbar, aber sie sind keine Entschul­digung.

Ein vollgestopfter Stundenplan, ein kaum zu bewälti­gender Alltag: Wer ständig am Limit arbeitet, öffnet sich nicht zusätzlich für kritische Öffentlichkeit. Ein strukturelles Problem, das wichtige Berichterstattung verhindert. Foto: © Wübben Stiftung Bildung/Peter Gwiazda

Erstens: Überlastung. Schulen und alle in diesem System agierenden Men­schen sind so beschäftigt damit, den Alltag zu bewäl­tigen, dass für alles andere kaum Raum bleibt. Wer perma­nent am Limit arbeitet, öffnet sich nicht zusätzlich für kritische Öffent­lichkeit.

Zweitens: Angst. Schulleitungen und Lehr­kräfte, die vom vorgegebenen Weg abwei­chen, geraten schnell ins Visier der Auf­sichtsbehörden. Und dann sind da die Schü­lerinn­en und Schüler, die geschützt werden müssen. Daten­schutz, Schutz­raum, Fürsorgepflicht – all das ist real und wichtig.

Aber: Aus Schutz darf keine Abschot­tung werden. Und genau das passiert vielerorts.

Schulen sind auf Öffentlichkeit angewiesen

Denn der Schutz vor Öffentlichkeit ist etwas anderes als die Verhinderung von Öffentlich­keit. Das eine ist notwendig. Das andere ist bequem. Schon klar, auch Journalistinnen und Journalisten tragen Verantwortung für das ange­spannte Verhältnis. Die Logik „Bad news are good news“ und die Überbetonung des Negativen machen es Schulen nicht leicht, Vertrauen zu fassen.

Aber wer daraus den Schluss zieht, Journalismus möglichst fernzuhalten, macht es sich zu einfach – und schadet am Ende sich selbst.

Dabei sind Schulen in hohem Maße auf Öffentlichkeit angewiesen.

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Wer Transparenz lehrt, muss sie auch zulassen.

Berichterstattung macht pädagogische Arbeit sichtbar, stärkt das Vertrauen in Schulen und kann bei der Gewin­nung von Lehrkräften und Schülerinnen und Schüler hel­fen. Sie lenkt Aufmerksam­keit auf strukturelle Probleme wie Per­sonalmangel oder Investitionsstau und erhöht den Druck auf politische Ent­scheidungsträger. Sie schafft ein Fo­rum für lokale Anliegen und fördert die Vernetzung zwischen Schulen und ih­rem Umfeld. Und sie liefert Impulse für die Weiterentwicklung des Systems, etwa durch die Einordnung von Studien und Reform­debatten.

Ohne diese Öffentlichkeit fehlt Schulen ein zentrales Korrektiv – und ein wich­tiges Instrument, um ihre In­teressen wirksam zu vertreten.

Dazu kommt: Im Unterricht wird Journa­lismus als vierte Gewalt vermittelt. Wenn dieser Anspruch ernst gemeint ist, darf er nicht an der Schultür enden. Wer Transpa­renz lehrt, muss sie auch zulassen. Alles andere ist widersprüchlich.

Chancen er­grei­fen: Jour­nalis­tische Pra­xis kann ein kreativ­es Fo­rum für lo­kale Anliegen sein und Schu­len mit ihrem Um­feld vernet­zen. Foto: © Wüb­ben Stiftung Bildung/Marc Carrena

Der Zustand ihrer Schulen ist für Schülerinnen und Schüler alltags­bestimmend. Berichterstattung kann ei­ne Chance sein, dies sicht­bar zu machen und Meinun­gen zu äußern. Foto: © Wübben Stiftung Bildung/Katharina Werle

„Ohne diese Öffentlichkeit fehlt Schulen ein zentrales Korrektiv – und ein wichtiges Instrument, um ihre Interessen wirksam zu vertreten.“

Lehre mit Vorbildfunktion: Wo Journalismus als wich­tiger Bestandteil einer demokratischen Ge­sellschaft vermittelt wird, sollte sich diesem auch aktiv zuge­wendet werden. Foto: © Wübben Stiftung Bildung/Peter Gwiazda

Wer Schulen wirklich kennt, berichtet differenzierter.

Vielleicht sollten sich Schulen in die­sem Punkt tatsäch­lich ein Beispiel am Journa­lismus nehmen. Denn: Jour­na­lismus ist lernfähig. Ein Programm wie das Nina-Grunen­berg-Fellowship, ge­tragen von der Wübben Stif­tung Bil­dung, der ZEIT Stif­tung und der Schöpflin Stif­tung, ist ein Beleg dafür. Ziel ist es, Bildungsjour­na­lismus besser zu machen. Ich hatte das Glück, einer der ersten Fellows zu sein.

Wir haben Schulen in ganz Deutschland besucht, in „Brennpunktschulen“ hospi­tiert, mit Bildungspolitikerin­nen und Bil­dungspolitikern und Schülerinnen und Schü­lern gesprochen, Bildungs­forsche­rinnen und Bildungs­forschern zugehört und tiefe Einblicke in den Alltag von Schul­leitungen und Lehrkräften erhal­ten. Das Ergebnis ist eindeutig: Wer Schulen wirk­lich kennt, berichtet differenzierter.

Aber diese Lernbewegung darf keine Einbahnstraße sein.

Offenheit statt Abschottung

Wenn Schulen bessere Berichterstat­tung wollen, müssen sie selbst Teil da­von werden. Offenheit ist keine Kür, sondern Voraussetzung.

Deshalb ein Angebot zum Schluss, liebe Schulen: Bevor ihr euch vor der näch­sten Recherche wieder abschottet, lasst doch erst mal reden.

Dieser Artikel wurde zuerst im karla Magazin am 14. Mai 2026 veröffentlicht. Er ist Teil einer Recherche zum Schul­bau in der Region Konstanz, die durch das Nina Grunenberg Fellowship er­möglicht wurde (siehe Infobox).

Foto: © Michael Lünstroth
Michael Lünstroth ist ein­e/r der Gründerinnen und Gründer des Magazins karla, einem lokalen Ange­bot für Konstanz. Seit 2016 ist er zudem Redak­tions­leiter des gemeinnützigen Schweizer Kulturportals thurgaukul­tur.ch. Lünstroth war 2023 Fellow des Nina Grunenberg Fellowship, einem Weiter­bildungssti­pendium für Bil­dungsjour­nalistinnen und -journalis­ten, das von Publix verge­ben und von drei Stiftun­gen gefördert wird: der Schöpflin Stif­tung, der Wübben Stiftung Bildung und der ZEIT STIFTUNG BUCERIUS.

Recherchestipendium des Nina Grunenberg Fellowships – Thema: Schulbau

Michael Lünstroth hat 2025 ein Recherchestipendium des Nina Grunenberg Fellowships, das durch den Träger Publix vergeben wird, erhalten. In Koope­ration mit Netzwerk Recherche werden aus­gewählte Ab­solventinnen und Ab­solventen bei der Umsetzung ei­gener Recherchevorhaben unter­stützt und erhalten ein indivi­duelles Mentoring.

Mit dieser Förderung hat Michael Lünstroth zum Schulbau in der Region Konstanz recherchiert. Ent­standen sind unter anderem diese Beiträge:

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