Datengestützte Schulentwicklung

„Wen unter­richten wir hier eigentlich?“

Die Martin-Niemöller-Schule in Riedstadt hat eine Schüler­inventur durch­geführt. Was dabei herauskam und welche Konse­quenzen aus den Ergebnissen folgen.

Wie die Idee der Schüler­inventur entstand

2021. Nach monatelangem pandemie­be­dingtem „Home­schooling“ kehrten die Schülerinnen und Schüler der Martin-Niemöller-Schule zurück in die Klassen­zimmer. Und Schulleiter Martin Buhl wurde klar: So wie bisher konnte es nicht weiter­gehen. „Die Erfahrungen nach den Schul­schließungen führten uns drastisch vor Augen, dass die Heterogenität unserer Schülerschaft noch größer geworden war“, sagt Buhl rückblickend. Doch wie sollte man die­sem Problem begegnen? „Eine klas­sische Antwort im deutschen Schul­system lautet: Die Kinder können keine Mathe, also machen wir mehr Mathe“, so Martin Buhl. Er war sich jedoch si­cher, dass die Ursachen dadurch nicht behoben werden konnten. „Viele Kinder und Jugend­liche bringen nicht mehr die notwendigen Voraus­setzungen mit, um erfolgreich ins Lernen zu kommen“, er­klärt der Leiter der Gesamtschule. „Ihnen fehlen über­fachliche Kompe­tenzen wie Verantwor­tungsbe­wusst­sein, Konzentrations­fähigkeit, Selbst­vertrauen.“
Die Schülerschaft an der Martin-Niemöller-Schule ist sehr heterogen. Um die Mädchen und Jungen gezielter fördern zu können, wurde die Schüler­inventur ins Leben gerufen.
Buhl, der damals an der SchuMaS-Werk­statt „Schulentwicklung im Kontext“ teilnahm, wollte diese gefühlte Wahr­heit durch datengestützte Analysen ersetzen. So entstand die Idee einer Schülerinventur: „Ziel war es, ein rea­listisches und differenziertes Bild unserer Schülerschaft zu gewinnen. Im Zentrum stand die Frage: Wen unter­richten wir hier eigent­lich?“
Das Schulteam hat zehn Merkmale identifiziert, die beobachtet werden sollen. Wie steht es um die Eigen­ständigkeit der Schülerinnen und Schüler? Wie um deren häusliche Unterstützung?

Wie die Schule die Daten­erhebung angegangen ist

Begleitet durch eine von der SchuMaS finanzierte Schul­entwicklungs­beraterin, näherten Buhl und sein Team sich dem Thema. In einem mehr­stufigen Verfah­ren verstän­digten sie sich auf zehn Merkmale, die sie beobachten wollten – darunter ma­ngelndes Selbstvertrauen und fehlende häusliche Unterstützung, aber auch po­sitive Aspekte wie so­ziales Verhalten oder besondere Bega­bungen. „Zur Verdeutli­chung haben wir den Umriss von Men­schen auf große Plakate gemalt, dabei stand jede Figur für ein Merkmal. Dann haben wir über­legt, woran man denn er­kennt, dass ein Kind etwa zu Hause nicht gut unter­stützt wird. Alles, was uns ein­gefallen ist, haben wir auf das jeweilige Plakat geschrieben und später struktu­riert“, erklärt Buhl. Nachdem die Kriterien definiert waren, erfolgte die nume­rische Erfassung durch die Klassen­leitungen, unterstützt durch Fachlehr­kräfte. 877 Schülerinnen und Schülern der Gesamt­schule wurden insgesamt 2.364 Eigen­schaften zugeordnet.

Wie sich die Ergebnisse auf das Schulleben auswirken

Wenn man sich die Auswertung der In­ven­tur mit dem Fokus auf Defizite an­sieht, fallen schnell zwei Werte ins Auge. Je knapp ein Drittel der Schüler­schaft zeich­net sich durch mangelndes Selbstver­trauen und geringe Eigen­ständigkeit aus. Laut Buhl besonders auffällig: „Diese ge­ringe Eigenständig­keit, die ver­ändert sich von Klasse 5 bis Klasse 9 überhaupt nicht. Das heißt, die Kinder können es nicht, wenn sie zu uns kommen, aber sie lernen es auch nicht bei uns.“ Die alar­mierende Er­kenntnis ist für den Schul­leiter zugleich eine Bestä­tigung des Pfa­des, den die Schule zu diesem Zeitpunkt bereits ein­geschlagen hat: die Entwicklung eines Lernraum-Konzepts zur Förderung eigen­verantwortlichen Arbeitens.
Grafiken helfen dabei, die Übersicht zu behalten – schließlich wurden 877 Schülerinnen und Schülern der Gesamtschule insgesamt 2.364 Eigen­schaften zugeordnet.

„Wenn wir diese jungen Menschen wirklich fördern wollen, müssen wir schauen: Wo haben sie Stärken, und wie können wir die entwickeln?“

Ob Schauspielern oder Instrumentespielen: Viele Schülerinnen und Schüler haben Talente, die dank der Schülerinventur zutage traten und heute gefördert werden.
Und dann lenkt Martin Buhl die Auf­merk­samkeit auf die positiven Ergeb­nisse der Erhebung. Denn: Auch in den Spalten „so­ziale Kinder“ und „beson­dere Begabungen“ finden sich auffällig hohe Zahlen. „Schule nimmt nur einen kleinen Ausschnitt eines Menschen wahr. Und das auch noch sehr defizit­orientiert“, bemängelt der frühere Gym­nasiallehrer. „Wenn wir diese jungen Menschen wirk­lich fördern wollen, müs­sen wir schauen: Wo haben sie Stärken, und wie können wir die entwickeln?“ Vor einem Jahr hat die Martin-Niemöller-Schule daher eine Talent­show eingeführt. Ob Tanzen, Singen oder Theaterspielen – hier können die Schü­lerinnen und Schüler Talente präsen­tieren, die im Unterricht keine Rolle spielen. Ob die Ergebnisse in der Ka­tegorie „mangelndes Selbstver­trauen“ bei der nächsten Erhebung anders ausfallen werden? Martin Buhl würde sich freuen.

„SchuMas“-Sammelband und Praxisband

Zum Abschluss von „Schule macht stark“ (SchuMas) veröffentlichte die Initiative einen Sammelband mit zentralen Erkenntnissen für Schulen im Brennpunkt. Wie können Schulen in benachteiligten Lagen gestärkt werden? Wie können tragfähige Partner­schaften zwischen Wissenschaft, Schulpraxis und Bildungs­administration entstehen? Das sind zwei von vielen Frage­stellungen, mit denen sich die zahlreichen Autorinnen und Autoren der 460 Seiten umfassenden Publikation befassen. Schulleiter Martin Buhl gibt hier in dem Beitrag „Das datengestützte Reflexions­gespräch als Schlüsselmoment für Schulentwicklungsberatung“, seine Erfahrungen und Perspek­tive wieder, zu finden ab Seite 161.

Daneben ist auch ein Praxisband erschienen. Dort gewähren mehr als 45 Schulen Einblicke in ihre Entwicklungsprozesse im Rahmen der SchuMas-Initiative. Ab Seite 79 findet sich auch hier ein Bei­ trag von Schulleiter Martin Buhl, in dem er vertieft auf das Lernraumkonzept an seiner Schule eingeht. Der Titel: „Auf dem Weg zu offenen Lernkonzepten: die Etablierung des Lernraums an der Martin-Niemöller-Schule“.

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