Ein Anruf in einer Personalabteilung kann für eine Schülerin auf der Suche nach einem Praktikum eine unüberwindliche Hürde sein. Dann setzt sich Anja Stahlbaum daneben, übt die richtigen Sätze mit ihr ein, erklärt, wie man sich vorstellt und verabschiedet, und ist beim Telefonat live dabei. „Mit Menschen in einem Bereich in Kontakt zu treten, der ihnen absolut fremd ist – das ist für viele Jugendliche unendlich schwierig“, weiß Stahlbaum.
Schülerinnen und Schülern den Berufseinstieg zu erleichtern, das ist seit 2016 Stahlbaums Job an der Rosa-Parks-Schule in Herten. Bis zum Sommer 2025 kümmerte sich die Diplom-Pädagogin unter dem Dach eines Bildungsträgers in Vollzeit um die „Berufseinstiegsbegleitung“ von Jugendlichen an der Rosa-Parks-Schule, die beim Übergang in die Ausbildung besondere Hilfe benötigen. Nachdem das Land Nordrhein-Westfalen das Förderinstrument „Berufseinstiegsbegleitung“ (BerEb NRW) gestrichen hatte, holte die Schule Stahlbaum kurzerhand mit Mitteln aus dem Startchancen-Programm direkt in ihr Kollegium. Die Gesamtschule am Rand des Ruhrgebiets ist in den Sozialindex 8 eingestuft. Das heißt für die Berufsorientierung: Aus den Familien kommt kaum Unterstützung.
„Bei den Schülerinnen und Schülern geht es darum, Vertrauen aufzubauen und Interesse an einem Lebensbereich zu wecken, der in ihrer Gedankenwelt noch gar nicht vorkommt.“
Anja Stahlbaum, Berufseinstiegsbegleiterin an der Rosa-Parks-Schule in Herten
Berufe im Realitätscheck
Dafür ist Anja Stahlbaum da. Die Berufsexpertin checkt die Interessen und Fähigkeiten der Jugendlichen, analysiert ihr soziales Umfeld, assistiert bei der Suche nach Praktika und Ausbildungsplätzen, spricht mit Eltern, Lehrkräften und Berufsberaterinnen und -beratern und pflegt Kontakte zu Unternehmen. „Bei den Schülerinnen und Schülern geht es darum, Vertrauen aufzubauen und Interesse an einem Lebensbereich zu wecken, der in ihrer Gedankenwelt noch gar nicht vorkommt“, erklärt Stahlbaum.
Zwei bis drei Schülerinnen und Schüler pro Klasse in den Jahrgängen 9 und 10 nehmen regelmäßig ihre Hilfe an. Meist kommen sie während der Unterrichtszeit zu Einzelgesprächen und erzählen, wie sie leben, welche Vorstellungen sie von ihrem späteren Beruf haben. Zahnärztin, Influencerin, Autoverkäufer? Oft seien die Vorstellungen über die Wunschberufe schlicht falsch, „deshalb unterziehen wir sie gemeinsam einem Realitätscheck“, sagt Stahlbaum. Was die 62-Jährige den Heranwachsenden dann immer ans Herz legt, sind freiwillige Praktika in den Ferien. „Das Entscheidende ist, Tätigkeiten selbst auszuprobieren, zu erfahren, zu begreifen“, so die Expertin.
Es sei immer ratsam, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen und die Fantasie spielen zu lassen. Beim Blick auf die Gegenstände in einem Raum etwa könne man zahlreiche Verknüpfungen mit dem Berufsleben entdecken. Einen Stuhl zum Beispiel müssen Menschen entwerfen, schreinern und verkaufen – alles berufliche Tätigkeiten, die man in einer Ausbildung lernen kann.
Teil des multiprofessionellen Teams
Anja Stahlbaum ist keine Einzelkämpferin. Als Teil des multiprofessionellen Teams arbeitet sie eng mit Lehrkräften, Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern zusammen, nimmt an Elternsprechtagen und Konferenzen teil und teilt sich mit den Lehrkräften aus dem Bereich Berufsorientierung die offene Beratungszeit in der Mittagspause.
Wenn diese die Pflichtpraktika in den neunten Klassen organisieren, kann die Pädagogin oft helfen, denn in Herten kennt sie sich aus. Viele Jahre hat sie hier auf einem Schulbauernhof und mit langzeitarbeitslosen Jugendlichen gearbeitet. In der Stadtverwaltung, in Unternehmen – überall kennt Anja Stahlbaum Ansprechpartnerinnen und -partner. Außerdem hat sie Bus- und Zugfahrpläne im Blick. „Man muss das Umfeld und die Wirtschaftslage kennen, um diesen Job machen zu können“, sagt sie. Denn was nutzt etwa der beste Ausbildungsplatz, wenn es keinen Bus gibt, der die Jugendlichen dort hinbringt?
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Den Menschen unvoreingenommen begegnen
Dass sich ihre Arbeit auszahlt, lässt sich oft mehr an menschlichen Begegnungen als an nackten Zahlen messen. Kürzlich lief Stahlbaum in der Innenstadt eine junge Frau über den Weg, die Freude auf beiden Seiten war groß. Sinem und ihre beste Freundin galten in der Schule als hoffnungslose Fälle, sie schwänzten den Unterricht, sorgten für Ärger. Die Berufseinstiegsbegleiterin begegnete ihnen damals trotzdem unvoreingenommen – ein Vorteil, wenn man nicht unterrichten und benoten muss. „Es ist mir gelungen, die beiden jungen Frauen in Ausbildung zu bekommen. Und sie haben bis zum Abschluss durchgehalten“, freut sich Stahlbaum. Heute sind beide fest angestellt.
Ein Anruf nach Dienstschluss? Anja Stahlbaum geht trotzdem ans Telefon. „Mir liegen die Menschen am Herzen, ich bin nicht nur für sie da, wenn Schule ist“, sagt sie. Nicht selten besuchen „ihre“ Schülerinnen und Schüler die Berufseinstiegsbegleiterin auch noch nach dem Abschluss des Berufskollegs oder am Ende der Ausbildung. „Sie kennen mich, erzählen mir von ihren Sorgen oder auch, wenn mal etwas peinlich war. Das Vertrauen ist einfach da“, sagt Stahlbaum. Die persönliche Beziehung, meint sie, sei auch bei der Berufsorientierung der Schlüssel zum Erfolg.