„Früher hatte ich keine Hobbys, und ich habe auch nicht viel geredet“, erzählt Jasmin. Eine Einladung zur Abenteuer-AG an ihrer Schule veränderte dann viel im Leben der 15-Jährigen: Ihr wurde dadurch klar, dass sie gerne zu K-Pop tanzen möchte – einem koreanischen Musikstil, den sie aus dem Internet kannte. Sie fand einen Kurs in einem Jugendklub, der sie aufnahm. Sie verbesserte nach und nach ihre Tanztechnik. Und sie stellte fest, dass es ihr immer leichter fiel, ihre Schüchternheit zu überwinden.
Jasmin ist eine von sechs Jugendlichen, die einmal pro Woche für zwei Unterrichtsstunden die Abenteuer-AG an der Rosa-Parks-Schule in Leipzig besuchen. Sie entdecken und entwickeln dort ihre individuellen Talente, engagieren sich für die Gemeinschaft, treiben gemeinsam Sport und erleben tatsächlich Abenteuer, zum Beispiel während einer Expedition in den nahe gelegenen Naturpark. Aufgaben und Unternehmungen, die sie reifen lassen – als Individuen und in der Gruppe. Anschließend erhalten sie eine Auszeichnung, die stolz macht: den Duke of Edinburgh’s International Award.
„Die Lehrkräfte meldeten zurück, dass sich die Jugendlichen toll entwickelten. Damit war klar: Das funktioniert!“
Andreas Keim, Schulsozialarbeiter an der Rosa-Parks-Schule in Leipzig
Talente fördern, Jugendliche mitnehmen
Das Programm wird in mehr als 120 Ländern weltweit angeboten, allein in Deutschland von mehr als 175 Anbietern in fünfzehn Bundesländern. Ziel ist es, junge Menschen ihre eigene Selbstwirksamkeit spüren zu lassen und sie damit in ihrer Persönlichkeitsentwicklung zu stärken. Für Schulleiter Mathias Kötter ist Selbstwirksamkeit eine Basiskompetenz, ohne die Lernen nicht funktionieren kann. „Nur wenn wir als Schule Talente fördern, können wir auch diejenigen Jugendlichen mitnehmen, die zu Hause nur wenig Unterstützung bekommen und eine geringe finanzielle Ausstattung mitbringen“, erklärt Kötter, der von Schulsozialarbeiter Andreas Keim bei dem Duke-of-Edinburgh-Programm unterstützt wird. „Für die erste Kohorte wählte ich bewusst Schülerinnen und Schüler aus, die in ihrem Leben durch jede nur denkbare Talsohle gegangen sind“, berichtet Andreas Keim. „Die Lehrkräfte meldeten zurück, dass sich die Jugendlichen toll entwickelten. Damit war klar: Das funktioniert!“
Der Schulsozialarbeiter des Vereins RAA Leipzig ließ sich 2023 als erster Mitarbeiter der Rosa-Parks-Schule in einer eintägigen Online-Fortbildung zum sogenannten Duke-Award-Leader qualifizieren. Eine Mitarbeiterin des Duke-Award-Vereins unterstützte ihn daraufhin ein Jahr lang intensiv in seiner neuen Rolle. Das Programm, das inzwischen allen Schülerinnen und Schülern der 7. bis 10. Klassen offensteht und als Wahlpflichtfach in die Stundentafel integriert ist, ist für Keim auch deshalb interessant, weil es eine Angebotslücke schließt: Viele bezahlbare Sozialkompetenztrainings richteten sich ausschließlich an unter 14-Jährige, von der Berufsorientierung der Arbeitsagenturen wiederum fühlten sich viele Jugendliche nicht richtig abgeholt, so der Pädagoge. Die Kinder wählen ihre Ziele selbst. Einige wollen zum Beispiel bessere Gedichte schreiben, andere mit der Duolingo-App eine japanische Schriftart lernen oder mehr als 25.000 Schritte am Tag schaffen.
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Unauffällige Begleitung
Andreas Keim arbeitet aktuell mit einer Kollegin zusammen, die die Schule als Teach-First-Fellow unterstützt. Beide führen die wöchentliche Abenteuer-AG durch. Sie coachen die Jugendlichen, helfen ihnen, die Ergebnisse ihrer selbst gewählten Projekte im „Online Record Book“, einer Duke-Award-App, zu dokumentieren, und stärken die Gruppe mithilfe von Vertrauensübungen. Bei Bedarf überzeugen sie auch Eltern, die vielleicht noch am Programm zweifeln. Und sie begleiten die Expeditionen in den Naturpark, ohne dabei allzu erkennbar zu sein. Denn die Jugendlichen sollen einerseits auf sich gestellt sein, andererseits müssen die Erwachsenen auch ihrer Aufsichtspflicht gerecht werden. „Wir fahren mit dem Auto voraus, verstecken uns im Wald und tauchen immer wieder an sogenannten Checkpoints auf“, verrät Keim.
Mit ihrem Engagement sind die Pädagoginnen und Pädagogen der Schule nicht allein. Inzwischen unterstützen viele weitere Menschen aus dem Umfeld das Angebot ehrenamtlich. Sie bereiten beispielsweise die Schülerinnen und Schüler auf die gemeinsamen Expeditionen vor, indem sie ihnen zeigen, wie sie sicher ein Feuer machen, mit dem Outdoor-Kocher umgehen, ein Zelt aufbauen, ihren Rucksack packen und im Notfall Erste Hilfe leisten. Doch das ist nicht alles: Die Verantwortlichen der Rosa-Parks-Schule können auch auf ihr Netzwerk bauen. So finanziert der Schulfrühstücksverein „Bemmchen“ ein Buffet für die AG. Und eine Bäuerin bietet den Jugendlichen die Möglichkeit, während der Expeditionen in ihrem Garten zu übernachten.
Notwendige Materialien wie Zelte, Schlafsäcke, Rucksäcke, Kocher, Wasserkanister und Wanderschuhe kommen oft als Spenden oder Leihgabe von anderen Schulen. Teilweise muss die Schule sie aber auch selbst anschaffen. Dafür und um etwa Kooperationspartner wie Musikschulen oder Pferdehöfe ins Boot zu holen und den Jugendlichen in Einzelfällen eine Fahrkarte zu bezahlen, nutzt die Schule Gelder aus dem Schulbudget des Freistaats Sachsen und aus der Säule II des Startchancen-Programms. Manche Ideen lassen sich darüber hinaus ohne Unterstützung von außen umsetzen: Ihre Fitness trainiert die Gruppe zum Beispiel mithilfe der Halteübung „Planking“ im Klassenzimmer.
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Bronze, Silber, Gold?
Was klingt wie ein wohl organisierter Ausflug, entpuppt sich für die Jugendlichen bisweilen als Herausforderung. „An einem Tag mussten wir 30 Kilometer laufen, weil wir uns verirrt hatten. Ein Mitschüler, der mir vorher total unreif vorkam, hat mich immer wieder aufgemuntert“, erzählt die 15-jährige Seyma. Unterwegs musste sie auch fremde Menschen nach dem Weg fragen – denn Smartphones dürfen auf den Expeditionen nicht benutzt werden. Seymas Fazit: „Wir haben das einfach gemacht und gemerkt: Nicht nur Technologie bringt uns weiter, sondern auch Menschlichkeit.“
Und so möchten viele der Jugendlichen gerne mehrfach am Programm teilnehmen. Das ist möglich: Wer wie Seyma und Jasmin schon im Vorjahr dabei war und als Bronzeteilnehmerin oder -teilnehmer die erste Stufe des Duke Awards absolviert hat, muss dann andere Bedingungen erfüllen. Dann gibt’s Silber. Und später Gold.
Das Duke-Award-Programm: Messbar erfolgreich
Der Verein „The Duke of Edinburgh’s International Award – Germany“ befragt die jungen Menschen vor und nach ihrer Teilnahme am Programm. In der Wirkungsbefragung von 2021 bis 2024 gaben die Jugendlichen an, dass ihnen die Teilnahme Spaß gemacht (92 Prozent) und sie herausgefordert hat (90 Prozent), dass sie etwas Neues ausprobiert haben (83 Prozent), neue Freundschaften geschlossen haben (80 Prozent) und über sich hinausgewachsen sind (78 Prozent). Eine Auswahl weiterer Ergebnisse:
Nach der Teilnahme …
- fällt es mehr Jugendlichen leicht, an ihren Zielen festzuhalten und sie zu verfolgen (79 Prozent, vorher 64 Prozent).
- sind mehr Jugendliche stolz auf das, was sie schon geleistet haben (90 Prozent, vorher 73 Prozent).
- sind mehr Jugendliche alles in allem mit sich selbst zufrieden (87 Prozent, vorher 77 Prozent).
- glauben mehr Jugendliche, das Zusammenleben in unserer Gesellschaft positiv verändern zu können (83 Prozent, vorher 72 Prozent).
- engagieren sich mehr Jugendliche mindestens einmal im Monat ehrenamtlich (65 Prozent, vorher 41 Prozent).
- entwickeln mehr Jugendliche mindestens einmal im Monat in ihrer Freizeit ein neues Talent (83 Prozent, vorher 70 Prozent).
Schulen, die Interesse an dem Programm haben, finden auf dukeaward.de weitere Informationen und Ansprechpersonen. Unterstützung bekommen sie hier auch bei Fragen der Finanzierung, etwa über Landesprogramme, das Startchancen-Programm oder individuelle Schulbudgets.