„Wir hatten früher das Problem, dass Schülerinnen und Schüler viele Förderangebote erhalten haben, ohne dass genau betrachtet wurde, ob das wirklich passt“, erklärt Schulleiterin Doreen Eccarius. Für sie laute deshalb die essenzielle Frage: Was braucht das Kind eigentlich? Die Schülerschaft der Brodowin-Schule ist sehr heterogen, und damit auch ihre Förderbedarfe: Einige haben Sprach- oder Lernschwierigkeiten, andere emotional-soziale oder geistige Beeinträchtigungen. „Wir möchten alle Kinder so entwickeln, dass sie gut für die Zukunft aufgestellt sind“, sagt Eccarius. „Deswegen haben wir mit unseren Sonderpädagoginnen und -pädagogen eine eigene, datengestützte Förderung aufgebaut.“
„Wir möchten alle Kinder so entwickeln, dass sie gut für die Zukunft aufgestellt sind.“
Doreen Eccarius, Schulleiterin an der Brodowin-Schule in Berlin
Regelmäßige Testungen sind entscheidend
Daten zu nutzen, um die Bildungsergebnisse zu verbessern, ist in der Schulentwicklung grundsätzlich keine neue Idee. In Deutschland gibt es verpflichtende, standardisierte Lernstandserhebungen, die sich zum Teil von Bundesland zu Bundesland unterscheiden. An der Brodowin-Schule etwa müssen seit Jahren vier Testungen (s. Infokasten unten) regelhaft durchgeführt werden. „Die VERA-Testung beispielsweise findet nur einmalig in der dritten Klasse statt“, so Doreen Eccarius. „Sie erlaubt zwar den Vergleich mit anderen Schulen. Die Entwicklung einzelner Kinder nachvollziehen können wir damit aber nicht.“ Die einmalige Durchführung ist nicht das einzige Problem: Die Daten aus den vier Testungen, die in unterschiedlichen Jahrgängen durchgeführt werden, lassen sich nicht aufeinander beziehen. Auch dies macht die Messung des individuellen Lernfortschritts unmöglich.
Doreen Eccarius verfolgt an ihrer Schule daher seit drei Jahren einen anderen Ansatz: Ihr Team aus Fachlehrkräften, Klassenleitungen sowie Sonderpädagoginnen und -pädagogen führt regelmäßig eigene Testungen durch – zusätzlich zu den gesetzlich vorgeschriebenen. Zu Beginn und zum Ende eines Schulhalbjahres durchlaufen alle Schülerinnen und Schüler der Grundschule einen Test zur Lesegeschwindigkeitsanalyse. Kinder mit Auffälligkeiten machen zudem einen weiteren Test, der die Rechtschreibfähigkeiten untersucht. Durch die zweifache, zeitversetzte Messung derselben Kompetenzen werden so die Lernfortschritte oder -rückschritte jedes Kindes sichtbar. Wer unter- oder überdurchschnittlich im Vergleich zu Referenzwerten abschneidet, erhält individuelle Fördermaßnahmen.
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Manuelle Dateneingabe – der Aufwand ist (noch) hoch
Der pädagogische Mehrwert hat zugleich einen Preis: Die freiwilligen, mehrfachen Testungen pro Schuljahr sind sehr aufwendig. An der Brodowin-Schule kümmert sich das sechsköpfige Team der Sonderpädagogik um die Organisation, Durchführung und Auswertung. Zusätzlich werden die Fachlehrerinnen und -lehrer einbezogen. „Das frisst sehr viele Ressourcen“, sagt die Schulleiterin. „Wir haben immerhin rund 640 Schülerinnen und Schüler.“ Die Testergebnisse müssen händisch in eine Übersichtstabelle eingetragen werden. Eccarius und ihre Kolleginnen und Kollegen prüfen daher aktuell die Möglichkeit, die zentrale Datenbank LUSD (Lehrkräfte-Unterrichts-Schul-Datenbank) zur Speicherung ihrer Daten zu nutzen. Sie wird seit 2019 an Berliner Grundschulen eingeführt, sei aber noch „sehr sperrig“.
Nutzen und gute Handhabung – ob es ein Tool gibt, das beides vereint? „Ja“, sagt die Schulleiterin und verweist auf ILeA plus, ein Diagnostik-Tool für Deutsch- und Mathekompetenzen. Die Testungen und Auswertungen laufen digital, die Daten müssen also nicht mühsam händisch übertragen werden. Der Einsatz von ILeA plus ist für die Brodowin-Schule verpflichtend, seit sie im Schuljahr 2025/26 ins Startchancen-Programm aufgenommen wurde. „Das Programm sieht vor, dass wir damit einmal pro Schuljahr testen. So lässt sich auch etwas über die Entwicklung der Schülerinnen und Schüler ablesen“, so die Schulleiterin.
Trotz der vielen verschiedenen Testungen und der noch unvollständigen Digitalisierung ist Doreen Eccarius von ihrem Ansatz überzeugt. Die datenbasierte Schulentwicklung diene dem individuellen Lernzuwachs, und der stehe an der Brodowin-Schule im Mittelpunkt. Deshalb haben Eccarius und ihr Team auch die „individuelle Lernzeit“ eingeführt: Zu bestimmten Zeiten findet kein klassischer Unterricht statt. Stattdessen können die Kinder selbst wählen, mit wem sie woran arbeiten möchten. Dazu stehen ihnen Materialien aus drei oder vier Fächern zur Verfügung, jeweils mehrfach aufbereitet für verschiedene Schwierigkeitsniveaus.
In der individuellen Lernzeit finden auch die Fördermaßnahmen statt, die das Sonderpädagogik-Team auf Basis der Testungen beschlossen hat. Eine systematische Messung der individuellen Lernzuwächse könne laut der Schulleiterin zwar noch nicht erfolgen. „Wir sind noch am Justieren, aber wir merken schon: Der Ansatz greift, wir können Kinder nach einiger Zeit wieder aus den Maßnahmen entlassen.“ Ein weiterer Pluspunkt sei, dass die Ergebnisse der unterjährigen Testungen auch als Grundlage für Feedbackgespräche mit den Kindern und ihren Eltern dienen. Eccarius: „Wir können dann deutlich zeigen, wo es Bedarfe und wo es gute Entwicklungen gibt. Das ist sehr zielführend.“
Daten, digitale Plattformen und individuelle Förderung auf der einen Seite, gemeinsame Erlebnisse in der Natur auf der anderen: Die Brodowin-Schule zeigt, wie sich beides – Digitales und Analoges – zum Wohle der Schülerinnen und Schüler miteinander verbinden lässt.
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Wie stehen Sie zu diesem Thema? Wie ist die Situation bei Ihnen an der Schule und welche Erfahrungen haben Sie im Schulalltag gemacht? Erzählen Sie uns davon.
Verpflichtende und freiwillige Testungen an der Brodowin-Schule
Die folgenden vier Tests müssen an der Brodowin-Schule verpflichtend durchgeführt werden:
- LauBE: Einschätzung der sprachlichen und mathematischen Kompetenzen nach der Einschulung
- VERA 3: Erfassung der Deutsch- und Mathekompetenzen in der dritten Klasse
- PULS: Screening der Lese- und Rechtschreibkompetenzen in der ersten und sechsten Klasse
- ILeA plus: Diagnostik-Tool für Deutsch- und Mathekompetenzen, jährliche Durchführung
Zusätzlich führt die Schule weitere Testungen durch, je zu Beginn und Ende eines Schulhalbjahres:
- ILeA 2: Test zur Lesegeschwindigkeitsanalyse
- Hamburger Schreib-Probe (HSP): Testung der Rechtschreibkompetenzen
- Westermann-Diagnose für die Fächer Deutsch, Mathematik und Englisch in den Klassenstufen 5 bis 11
- In der Sonderpädagogik: DEMAT-Fragebogen zu mathematischen Kompetenzen sowie die IQ-Tests CFT 1-R beziehungsweise CFT 20-R