Datengestützte Schulentwicklung

Lernfortschritte messbar machen

Wer Kinder optimal fördern möchte, muss ihre indivi­duellen Bedarfe kennen. Eine Berliner Grundschule erhebt dafür eigene Daten. Ein Aufwand, der sich lohnt.

Eigentlich ist die Brodowin-Schule in Berlin-Lichtenberg aufs Analoge spe­zialisiert: Sie hat einen eigenen Schul­garten und kooperiert mit dem Ökodorf Brodowin in Brandenburg. Ihre Schü­lerinnen und Schüler können dort unter anderem bei der Apfelernte helfen. Der starke Bezug zu Ökologie und Natur zeichnet die Grundschule aus. Doch seit einigen Jahren ist sie auch in einem ganz anderen Bereich engagiert: Die Schule erhebt selbst Daten und nutzt diese, um die Kinder mög­lichst gezielt zu fördern.
Eigentlich zeichnet der starke Bezug zu Ökologie und Natur die Brodowin-Schule aus. Seit einigen Jahren jedoch, setzt die Schule auf eine datengestütze Förderung der Kinder. Die Daten erhebt das Kollegium selbst. Foto: © Wübben Stiftung Bildung/Peter Gwiazda

„Wir hatten früher das Problem, dass Schülerinnen und Schüler viele Förder­an­gebote erhalten haben, ohne dass genau betrachtet wurde, ob das wirk­lich passt“, erklärt Schulleiterin Doreen Eccarius. Für sie laute deshalb die es­senzielle Frage: Was braucht das Kind eigentlich? Die Schülerschaft der Brodowin-Schule ist sehr heterogen, und damit auch ihre För­derbedarfe: Ei­nige haben Sprach- oder Lernschwie­rigkeiten, andere emotional-soziale oder geistige Beeinträchtigungen. „Wir möchten alle Kinder so entwickeln, dass sie gut für die Zukunft aufgestellt sind“, sagt Eccarius. „Deswegen haben wir mit unseren Sonder­pädagoginnen und -pädagogen eine eigene, datenge­stützte Förderung aufgebaut.“

„Wir möchten alle Kinder so entwickeln, dass sie gut für die Zukunft aufgestellt sind.“

Regelmäßige Testungen sind entschei­dend

Daten zu nutzen, um die Bildungsergeb­nisse zu verbes­sern, ist in der Schul­ent­wicklung grundsätzlich keine neue Idee. In Deutschland gibt es verpflich­tende, stan­dardisierte Lernstands­erhebungen, die sich zum Teil von Bundesland zu Bundes­land unter­scheiden. An der Bro­dowin-Schule etwa müssen seit Jahren vier Tes­tungen (s. Infokasten unten) regelhaft durchge­führt werden. „Die VERA-Testung bei­spielsweise findet nur einmalig in der dritten Klasse statt“, so Doreen Eccarius. „Sie erlaubt zwar den Ver­gleich mit an­deren Schulen. Die Ent­wicklung einzelner Kinder nachvoll­ziehen können wir damit aber nicht.“ Die einmalige Durchführung ist nicht das einzige Problem: Die Daten aus den vier Testungen, die in unter­schied­lichen Jahrgängen durchgeführt werden, las­sen sich nicht aufeinander beziehen. Auch dies macht die Messung des indivi­duellen Lernfortschritts unmög­lich.

Doreen Eccarius verfolgt an ihrer Schu­le daher seit drei Jahren einen anderen An­satz: Ihr Team aus Fachlehr­kräften, Klas­senleitungen sowie Sonderpäda­goginnen und -pädagogen führt regel­mäßig eigene Testungen durch – zu­sätzlich zu den ge­setzlich vorgeschriebenen. Zu Beginn und zum Ende eines Schulhalbjahres durch­laufen alle Schülerinnen und Schüler der Grundschule einen Test zur Lesegeschwin­digkeitsanalyse. Kinder mit Auffälligkeiten machen zudem einen weiteren Test, der die Rechtschreibfähigkeiten untersucht. Durch die zwei­fache, zeitversetzte Mes­sung derselben Kompe­tenzen werden so die Lernfortschritte oder -rückschritte jedes Kindes sichtbar. Wer unter- oder überdurchschnittlich im Vergleich zu Re­ferenzwerten abschneidet, erhält individuelle Fördermaßnahmen.

Statt auf ana­loge Vermerke setzen immer mehr Schulen auf die digitale Erfassung von leistungsbezo­genen Daten. Das spart Res­sourcen und ermöglicht eine passge­naue Förde­rung von Schü­lerinnen und Schülern. Foto: © Wübben Stiftung Bil­dung/Karolin Klüppel
Wie entwickeln sich die Leis­tungen der Schü­lerinnen und Schüler? Viele Schulen wie die Brodowin-Schule führen neben den ver­pflichtenden, standardi­sierten Lern­standserhebungen eigene Tests durch. Foto: © Wübben Stiftung Bil­dung/Alexander Scheuber 
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Die Aufwände im Kollegium für Extra-Testungen sind groß – aber sie lohnen sich, davon ist Schulleiterin Doreen Eccarius überzeugt. Man wolle eben einzelne Schülerinnen und Schüler mit gezielten Angeboten unterstützen. Foto: © Wübben Stiftung Bildung/Karolin Klüppel

Manuelle Dateneingabe – der Aufwand ist (noch) hoch

Der pädagogische Mehrwert hat zugleich einen Preis: Die freiwilligen, mehrfachen Testungen pro Schuljahr sind sehr aufwen­dig. An der Brodowin-Schule kümmert sich das sechsköpfige Team der Sonderpäda­gogik um die Or­ganisation, Durchführung und Auswertung. Zusätzlich werden die Fachlehrerinnen und -lehrer einbezogen. „Das frisst sehr viele Ressourcen“, sagt die Schulleiterin. „Wir haben immerhin rund 640 Schülerinnen und Schüler.“ Die Test­ergebnisse müssen händisch in eine Übersichtsta­belle eingetragen werden. Eccarius und ihre Kolleginnen und Kollegen prüfen daher aktuell die Möglichkeit, die zentrale Datenbank LUSD (Lehrkräfte-Unterrichts-Schul-Datenbank) zur Spei­cherung ihrer Daten zu nutzen. Sie wird seit 2019 an Berliner Grundschulen eingeführt, sei aber noch „sehr sperrig“.

Nutzen und gute Handhabung – ob es ein Tool gibt, das beides vereint? „Ja“, sagt die Schulleiterin und verweist auf ILeA plus, ein Diagnostik-Tool für Deutsch- und Ma­thekompetenzen. Die Testungen und Aus­wertungen lau­fen digital, die Daten müs­sen also nicht mühsam hän­disch übertra­gen werden. Der Einsatz von ILeA plus ist für die Brodowin-Schule verpflichtend, seit sie im Schul­jahr 2025/26 ins Startchan­cen-Programm aufge­nommen wurde. „Das Programm sieht vor, dass wir damit einmal pro Schuljahr testen. So lässt sich auch etwas über die Entwicklung der Schü­lerinnen und Schüler ablesen“, so die Schulleiterin.

Trotz der vielen verschiedenen Testungen und der noch unvollständigen Digitalisie­rung ist Doreen Eccarius von ihrem An­satz überzeugt. Die datenbasierte Schulent­wicklung diene dem individuellen Lernzu­wachs, und der stehe an der Brodowin-Schule im Mittelpunkt. Deshalb haben Eccarius und ihr Team auch die „indivi­duelle Lern­zeit“ eingeführt: Zu bestimmten Zeiten findet kein klassi­scher Unterricht statt. Stattdessen können die Kinder selbst wählen, mit wem sie woran ar­beiten möchten. Da­zu stehen ihnen Ma­terialien aus drei oder vier Fächern zur Verfügung, jeweils mehrfach aufbereitet für verschie­dene Schwierigkeitsniveaus.

In der individuellen Lernzeit finden auch die Fördermaß­nahmen statt, die das Son­derpädagogik-Team auf Basis der Tes­tungen beschlossen hat. Eine systema­tische Mes­sung der individuellen Lernzu­wächse könne laut der Schulleiterin zwar noch nicht erfolgen. „Wir sind noch am Justieren, aber wir merken schon: Der Ansatz greift, wir können Kinder nach einiger Zeit wieder aus den Maß­nahmen entlassen.“ Ein weiterer Pluspunkt sei, dass die Ergebnisse der unterjährigen Testungen auch als Grund­lage für Feed­backgespräche mit den Kindern und ihren Eltern dienen. Eccarius: „Wir können dann deutlich zeigen, wo es Bedarfe und wo es gute Entwicklungen gibt. Das ist sehr ziel­führend.“

Daten, digitale Plattformen und indivi­duelle Förderung auf der einen Seite, gemeinsame Erlebnisse in der Natur auf der anderen: Die Brodowin-Schule zeigt, wie sich beides – Digitales und Analoges – zum Wohle der Schü­lerinnen und Schüler miteinander verbinden lässt.

Ob Mathematik, Deutsch oder Englisch: Jedes Kind hat ein Anrecht auf möglichst individuelle Unterstützung. Lernstandserhebungen liefern dafür wertvolle Daten. Foto: © Wübben Stiftung Bildung/Isabela Pacini
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Verpflichtende und freiwillige Testungen an der Brodowin-Schule

 Die folgenden vier Tests müssen an der Brodowin-Schule verpflichtend durchgeführt werden:

  • LauBE: Einschätzung der sprachlichen und mathematischen Kompetenzen nach der Einschulung
  • VERA 3: Erfassung der Deutsch- und Mathekompetenzen in der dritten Klasse
  • PULS: Screening der Lese- und Rechtschreibkompetenzen in der ersten und sechsten Klasse 
  • ILeA plus: Diagnostik-Tool für Deutsch- und Mathekompetenzen, jährliche Durchführung

 

Zusätzlich führt die Schule weitere Testungen durch, je zu Beginn und Ende eines Schulhalbjahres:

  • ILeA 2: Test zur Lesegeschwindigkeitsanalyse  
  • Hamburger Schreib-Probe (HSP): Testung der Rechtschreibkompetenzen 
  • Westermann-Diagnose für diFächer Deutsch, Mathematik und Englisch in den Klassenstufen 5 bis 11 
  • In der Sonderpädagogik: DEMAT-Fragebogen zu mathematischen Kompetenzen sowie die IQ-Tests CFT 1-R beziehungsweise CFT 20-R 

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