Bildungsgerechtigkeit

„Eure Stimme ist wichtig“

Oft wird über Schulen im Brennpunkt geredet, aber nicht mit den Schülerinnen und Schülern, die dort lernen. Der Verein „related“ lässt sie ihre eigene Geschichte erzählen.

Ein verregneter Tag in Neukölln, der Ber­liner Frühling fühlt sich heute noch einmal an wie Winter. In einem szeni­gen Café sitzt Hannah vor einem war­men Kakao. Sie möchte darüber spre­chen, wie es ist, als junger Mensch hier im Kiez zur Schule zu gehen. Sie ist im Nachbarbezirk Alt-Trep­tow aufge­wach­sen. Seit dem Schulwech­sel spielt sich ihr Leben viel im Neuköllner Kiez ab. Die 19-Jährige besucht die Gemeinschafts­schule Campus Rütli, etwa zehn Auto­minuten vom Café entfernt.

Diese geriet 2006, damals noch als Rütli-Schule, bundes­weit in die Schlag­zeilen. Der Ruf als sogenannte Brenn­punktschule haftet ihr immer noch an, obwohl sich seit­dem viel getan hat. Hannah kann mit dem Begriff nichts anfangen: „Wir wurden in einem Work­shop mal gefragt, wie man diese Schu­len denn sonst nennen soll. Meine er­ste Antwort war: ‚Hä? Einfach Schule!‘“ Wir, damit meint sie sich, weitere Schüler­innen und Schüler sowie Lehr­kräfte aus Berlin-Neukölln, die sich im Verein related e. V. zusam­men­geschlos­sen haben.

Die Gemein­schaftsschule Campus Rütli im Neuköllner Kiez geriet früher oftmals in die Schlag­zeilen. Inzwi­schen hat sich hier viel zum Positiven gewendet. © Wübben Stiftung Bildung
An der Gemeinschafts­schule Campus Rütli ist vieles nicht so, wie einige meinen. „Da fallen Stereo­type wie: ‚Da gibt es jeden Tag eine Schlägerei.‘ Bei mir an der Schule ist das aber nicht so“, macht Abituri­entin Hannah deutlich. © Wübben Stiftung Bildung

Sich auf Augenhöhe begegnen

Hannah ist seit drei Jahren als „Rela­ted Student“ aktiv. „Ich möchte etwas ver­ändern in der Welt, und related passt per­fekt dazu“, sagt sie. Die Ini­tiative setzt sich gegen Stigma­tisie­rung und für Bil­dungsgerechtigkeit ein. Dafür veranstaltet sie unter ande­rem Work­shops an Uni­ver­sitäten, wo sich Jugend­liche von Schulen im Brenn­­­punkt und Lehramtsstudierende auf Augen­höhe begeg­nen. Sie tau­schen sich aus und gewinnen dabei neue Per­spektiven.

Manchmal sind es einfache Übungen, die allen Betei­ligten die Augen öffnen. Beim Privilegien­walk etwa stellen sich alle Workshop-Teilnehmenden in einer Reihe auf und bekommen Fragen ge­stellt: „Hast oder hattest du als Schü­lerin oder Schüler zu Hause einen ruhi­gen Platz zum Lernen? Kannst oder konntest du dir Schul­materi­alien meist problemlos leisten? Gibt oder gab es in Schulbü­chern oder Medien oft Men­schen, die so aus­sehen wie du?“ Wer eine Frage bejaht, geht einen Schritt nach vorne.

Am Ende kommt der Aha-Effekt, so die Erfahrung der Abitur­ientin: „Die, die dann ganz vorne stehen, merken: ‚Okay, wie ich aufgewachsen bin, das war nicht so selbstver­ständ­lich, wie ich immer dachte.‘“ Diese Pro­jektion der eigenen Lebens­realität auf alle ande­ren Menschen sieht Hannah als zen­trales Problem: „Wenn meine Familie sehr viel Geld hat, stehen mir alle Türen offen. Wenn sie aber weni­ger Geld hat, reicht es viel­leicht nicht mal für die Nachhilfe.“

Hannah ist seit drei Jahren als „Related Student“ aktiv. Die Initiative setzt sich gegen Stigma­tisierung und für Bildungsgerechtigkeit ein. Das Motto: Selbst reden, statt andere über sich reden zu lassen.
Related Teacher Helene Harms: „Ich finde es immer bestärkend, und es ist schön zu mer­ken, dass wir Men­schen erreichen, die offen sind, ihre Haltungen zu überdenken.“
Burçak Sevilgen erlebt oft, dass Lehramts­studierende Angst davor haben, an einer Schule im Brennpunkt zu unterrichten. „Sie fragen so was wie: ‚Wie sieht eine Brenn­punktschülerin oder ein Brennpunktschüler aus? Wie geht ihr damit um, wenn ihr bedroht werdet?‘“

Offen dafür sein, die eigene Haltung zu überdenken

Dieser Abgleich von Perspektiven fehlt im Lehramts­studium, macht Helene Harms deutlich. Sie arbeitet als Leh­rerin in Berlin und engagiert sich als „Related Teacher“. Oft habe sie nach den Work­shops an den Uni­versi­täten das Gefühl, dass die Studie­renden von dem Aus­tausch mit den Schü­lerinnen und Schülern sehr be­rührt seien: „Ich finde es immer be­stär­kend, und es ist schön zu merken, dass wir Menschen er­reichen, die offen sind, ihre Haltun­gen zu überdenken.“

Vorurteile abzubau­en ist ein wichtiger Teil der Arbeit von related. Hannah nervt es, wenn Men­schen über Schulen im Brenn­punkt reden, ohne je vor Ort gewesen zu sein: „Da fallen Stereotype wie: ‚Da gibt es jeden Tag eine Schlä­gerei.‘ Bei mir an der Schule ist das aber nicht so.“ Der Austausch in den Workshops mit den zukünftigen Lehre­rinnen und Lehrern gibt ihr die Gele­genheit, für diese Themen zu sensibili­sieren – und mit der eigenen Geschich­te etwas Defini­tionsmacht zurückzu­gewinnen. Selbst reden, statt andere über sich reden zu lassen, so das Motto.

Ehrliche Begeg­nungen und Bezieh­ungen sind die Grund­lage, um vonein­ander lernen zu können – davon ist Burçak Sevilgen überzeugt. Sie ist eben­falls Lehrerin an einer Berliner Gemein­schaftsschule und hat ihre Kollegin Helene für related be­geistert. Auch ihr begegnen im All­tag so­wie in den related-Workshops Vorurteile. Manche Lehramts­stu­die­rende hätten Angst, an einer Schule im Brenn­punkt zu arbeiten, berichtet sie: „Sie fragen so was wie: ‚Wie sieht eine Brenn­punkt­schülerin oder ein Brenn­punkt­schüler aus? Wie geht ihr damit um, wenn ihr be­droht werdet?‘“ Ihre Antwort: „Nee, werden wir nicht. Es kommt darauf an, wie offen du ihnen gegenüber­trittst. Du kennst ihre Ge­schichten nicht.“

„Da fallen Stereotype wie: ‚Da gibt es jeden Tag eine Schlägerei.‘ Bei mir an der Schule ist das aber nicht so.“

Hannah und die Lehrerinnen Burçak Sevilgen und Helene Harms (v. l. n. r.) nehmen im Rahmen von related e. V. regelmäßig an Workshops teil, in denen sich Jugendliche von Schulen im Brenn­punkt und Lehramts­studierende auf Augenhöhe begegnen.

Lernumgebungen, die das Lernen fördern

Dank related kann Burçak Sevilgen im Kleinen etwas verändern. Sie sei hoch motiviert, diese ehrenamtliche Arbeit auszuüben, auch wenn es mitunter an­strengend sei. Die meisten der aktiven „Related Teachers“ arbeiten in ihren regu­lären Jobs inzwischen in Teilzeit, erzählt Sevilgen: „Anders wäre das nicht leistbar, da wäre der Burn-out vorpro­grammiert.“

Ein Grund dafür sind die schwierigen Rah­menbe­din­gun­gen, unter denen der Bil­dungsauftrag von Lehrkräften häufig umgesetzt werden muss: zu große Klas­sen und zu wenig Personal, aber auch lange Schultage mit wenig Pau­sen. Starre Lehrpläne und wenig an­sprechende Auf­enthaltsräume tun ihr Übriges.

Gerade Schülerinnen und Schüler in sozial belas­teten Kontexten leiden in Summe unter all diesen Faktoren, sagt Helene Harms: „Wenn da traumati­sierte Kinder in zu großen Klassen sitzen, die die ganze Nacht nicht ge­schla­fen ha­ben, weil sie sich ein Zimmer mit sie­ben Ge­schwis­tern teilen, dann ist eine chemische Gleichung nicht das, was gerade wichtig ist.“ Mit ihrem Engage­ment bei related wollen Harms und Sevilgen ein Bewusstsein für diese Lebensrealitäten schaffen – bei eben­jenen Menschen, die das Schul­sys­tem in den nächsten Jahr­zehnten von innen mitgestalten werden.

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Wie ist es denn, als Schülerin an einer Schule im Brennpunkt zu lernen? Hannah (2. v. l.) steht in einem Café bei einem Kakao Rede und Antwort.
In dem Neuköllner Café hat Hannah ihren Kakao inzwischen ausgetrunken. Sie lacht: Eigentlich hätte sie ja Kaffee bestellen müssen, mit ihren arabischen Wurzeln. Ihr Vater ist Algerier, ihre Mut­ter ist deutsch und zum Islam konver­tiert. Das Aushandeln von kul­turellen Unterschieden kennt sie, nicht nur aus der eigenen Familie. Bei einem Schüler­praktikum erzählte sie ihrer betreuen­den Lehrerin, dass sie selbst einmal Lehrerin werden möchte. „Die Reaktion: ‚Mit Kopftuch wird das aber nichts.‘“ Eine unangenehme Erfahrung, erinnert sie sich. Aber auch eine, die sie moti­viert hat, sich für Schülerinnen und Schüler in benach­teiligten Bezirken einzusetzen. Ihre Botschaft an andere Jugendliche: „Es ergibt keinen Sinn, dass andere darüber reden, wie es euch geht. Ihr müsst selbst darüber reden. Eure Stimme ist wichtig.“

Über den Verein related e. V.

Related ist eine Berliner Bildungs- und Empowerment-Initiative von Neuköllner Schulen. Die ehren­amtlich engagierten Schülerinnen, Schüler und Lehrkräfte veran­stalten Workshops an deutschen Uni­versitäten und sprechen dort über Diskriminierung, Bildungs­gerechtigkeit und Vorurteile. Im Zentrum stehen die Ideen, jungen Menschen aus sozial benach­tei­ligten Bezirken eine eigene Stim­me zu geben und angehende Lehrkräfte für ihre Lebens­realitä­ten zu sensibilisieren. Ziel ist ein gerechteres, bezieh­ungs­orien­tiertes Schulsystem. Aktuell sind acht Schülerinnen und Schüler und sieben Lehrkräfte in der Initiative aktiv, die überdies an der Humboldt-Universität zu Berlin und der Universität Bremen das Seminar „Was tun, wenn’s brennt? Praxiserprobte Perspek­tiven auf die Arbeit an sogenann­ten Brenn­punktschulen“ anbietet.
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