Porträt einer Klassenlehrerin

Mit Herz und Haltung

Große Klassen, viele Probleme: Die Regen­bogenschule in Duisburg-Marxloh klingt wenig verlockend. Laura Musal erzählt, warum sie hier dennoch goldrichtig ist.

Betroffene Reaktionen auf ihren Ar­beits­ort kennt Laura Musal zur Genüge. Immerhin liegt die Regenbogenschule in einem Stadtteil, der in den Medien wahlweise als „Brennpunkt“, „Ghetto“ oder „No-go-Area“ bezeichnet wird. Doch dass die 36-Jährige hier in Duisburg-Marxloh arbeitet, ist weder Pech noch Zufall. Sie hat sich beworben.
Die Regenbogenschule liegt im Duisburger Stadtteil Marxloh. Kein Minuspunkt für Laura Musal, dort anzuheuern, sondern eher Reiz und Ehrgeiz, etwas verändern zu wollen.

Bereits während ihres Referendariats in Bottrop hat Musal an einer Grundschule in einem sozial benachteiligten Stadt­teil unterrichtet. „Dort habe ich gelernt, wie es ist, mit Kindern zu arbeiten, die zum Beispiel kein Deutsch sprechen oder Verhaltensprobleme haben“, er­zählt sie. Damals stellt die junge Leh­rerin fest, dass sie das schafft – und dass es sich richtig anfühlt. „Natürlich ist die Arbeit anstrengend. Aber dieses Gefühl, wenn man abends nach Hause kommt, am Tag etwas bewegt zu haben, etwas für die Allgemeinheit getan zu haben, das ist schön.“

„Ich möchte die Schule mitgestalten und weiter­entwickeln. Und ich freue mich, dass ich schon jetzt die Möglichkeit dazu bekomme“, sagt die Lehrerin, die sich perspektivisch die Rolle als Konrektorin gut vorstellen kann.

Mitgestalten, mitentwickeln

Also bewirbt sich die Berufsein­steigerin bei der Regen­bogenschule. „Schon beim Vorstellungsgespräch habe ich mich total willkommen und wertgeschätzt gefühlt“, sagt Musal elf Jahre später. Heute leitet sie ihre dritte eigene Klasse, schwärmt vom guten Zusam­menhalt im Kollegium – und von der engen Zusammenarbeit im Schul­leitungs­team. Aktuell unterstützt sie den Schulleiter noch ohne offizielles Amt, perspektivisch kann sie sich die Rolle der Konrektorin durchaus vor­stellen. „Ich möchte die Schule mit­gestalten und wei­terentwickeln. Und ich freue mich, dass ich schon jetzt die Möglichkeit dazu be­komme.“

Mitgestaltet hat sie zum Beispiel das neue Klassensys­tem, das den leis­tungs­schwä­cheren Schülerinnen und Schülern der Regenbogenschule zu­gutekommen soll. „Für die meisten Kinder an unserer Schule reicht die zwei­jährige Schulein­gangsphase nicht aus“, erklärt Musal. „Das hat in der Vergangenheit dazu geführt, dass die Mehrheit von ihnen die zweite Klasse wiederholen musste – inklusive Lehr­kraft­wechsel, was für diese Kinder besonders schwierig ist.“

Das neue Konzept dreht den Spieß um: Die fitteren Schü­lerinnen und Schüler, die schon jetzt für einzelne Fach­stunden von einer anderen Kollegin unterrichtet wer­den, werden ab dem dritten Schuljahr zu einem neuen Klas­senverband mit anderen Drittkläss­lerinnen und -kläss­lern zusam­men­gezogen. Die Kinder hingegen, die länger brauchen, können in der Klasse von Laura Musal bleiben. „Bei meinem letzten Durchgang waren in der vierten Klasse nur noch sechs Kinder dabei, die ich einge­schult hatte. Das macht es un­heimlich schwer, ein Gemein­schafts­gefühl herzu­stellen.“ Dank der neuen Idee, so hofft sie, werde mehr Konti­nuität und Ruhe ein­kehren.

„Ich versuche jeden Tag, mich in neun­undzwanzig Teile zu teilen, aber ich schaffe es einfach nicht.“

Der sehnlichste Wunsch: kleinere Klassen

Gibt es noch etwas, das sie gerne än­dern würde? Über die Frage muss Laura Musal nicht lange nachdenken: „Ich wünsche mir weniger Kinder in der Klasse.“ Neunund­zwanzig, so viele sind es aktuell. Neun­undzwanzig Kinder mit unterschiedlichen Bedürfnissen und Entwicklungs­ständen. Neunundzwanzig Kinder, die begleitet und un­terstützt werden wollen. „Ich versuche jeden Tag, mich in neunundzwanzig Teile zu teilen“, sagt Musal. „Aber ich schaffe es ein­fach nicht.“

Ein Besuch in ihrer „Monsterklasse“ macht diese Heraus­forderung greifbar. In der Lernzeit dürfen die Kinder ei­gen­ständig entscheiden, an welchem The­ma sie arbeiten wollen. So gut diese Selbst­ständigkeit an manchen Stel­len schon klappt, so deutlich wird doch, wie groß der Un­terstützungsbedarf in einer zweiten Klasse – vor allem in einem benachtei­ligten Stadtteil – nun mal ist.

Während die Lehrerin Lernfortschritte lobt, Fehler korri­giert und Fragen beant­wortet, bittet ein Junge darum, ihm den Schuh zuzubinden. Ein anderer braucht Hilfe beim Anspitzen seines Bleistiftes. Ein Kind mit kognitiver Beeinträch­tigung geht mit sei­ner Integrations­helferin nach draußen, weil es sich nicht mehr konzentrieren kann. Und ein weiterer Schüler wird nach dem Unter­richt in einem Wutanfall sein Feedback-Heft zertrampeln. Ein kleiner Einblick in den turbulenten Alltag an der Regen­bogenschule.

Laura Musal ist sich sicher: „Wenn es weniger Kinder wären und wir mehr Zeit für sie hätten, würde das nach­haltige Veränderungen mit sich bringen.“ Sie schiebt aber gleich hinterher: „Von den Kindern, die ich jetzt in der Klasse habe, möchte ich keines missen.“

Große Klassen: „Wenn es weniger Kinder wären und wir mehr Zeit für sie hätten, würde das nachhaltige Veränderungen mit sich bringen“, ist Laura Musal überzeugt.
In der Lernzeit dürfen die Kinder der Monsterklasse eigenständig ents­cheiden, an welchem Thema sie arbeiten wollen. Der Unter­stützungsbedarf sei groß, sagt Musal.
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Offen, bunt, sonnendurch­flutet: Der Klassen­raum der Monster­klasse ist ein Lernort zum Wohlfühlen, den Laura Musal – op­tisch wie at­mosphärisch – ganz bewusst so gestaltet hat.
Vertrauensverhältnis als Basis: Als Klassenlehrerin könne sie eine Bindung aufbauen, die manche Kinder von zu Hause gar nicht kennen würden, so Musal.

„Die Frau Musal ist jeden Tag hier, die hört mir zu“

Und auch das ist spürbar: das Vertrau­ens­verhältnis, die Zuneigung zwischen den Kindern der Monsterklasse und ihrer Lehrerin. Ein Gefühl, dass Laura Musal noch aus ihrer eigenen Schulzeit kennt: „Meine Grundschullehrerin mochte ich sehr gerne, die war so herzlich und lieb. Ich habe einfach schöne Erinnerungen an diese Zeit.“ Was sie damals erlebt habe, wolle sie heute weitergeben.

In einem Viertel wie Duisburg-Marxloh ist das besonders wichtig. „Viele un­serer Kinder haben Eltern, die sich nicht so gut um sie kümmern, oder sie haben viele Geschwis­ter und fallen dadurch ein biss­chen hinten rüber“, sagt Musal. Als Klas­senlehrerin könne sie eine Bin­dung auf­bauen, die manche Kinder von zu Hause gar nicht kennen würden. „Die merken dann: Die Frau Musal ist jeden Tag hier, die hört mir zu, die fragt auch mal nach und kriegt mit, wenn es mir nicht gut geht.“

An diesem Mittwoch, nach der letzten Unterrichtsstunde, scheinen sich man­che Kinder gar nicht trennen zu wollen. Hier noch eine Frage, da noch eine Um­armung, Laura Musal muss ihre Schütz­linge förm­lich vor die Tür schie­ben. Der aufopfe­rungsvolle Arbeitsalltag hält eben auch viel Positives bereit. „Die Kinder geben einem so viel zu­rück“, betont die Klas­senlehrerin. „Wenn sie nach sechs Wochen Sommerferien auf einen zustürmen und rufen: ‚Endlich bist du wieder da, ich hab dich so ver­misst‘, dann ist das wirklich herzerwärmend.“
„Die Frau Musal ist jeden Tag hier, die hört mir zu, die fragt auch mal nach und kriegt mit, wenn es mir nicht gut geht“ – dieses Gefühl sollen alle Kinder der Monsterklasse haben.

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