Bereits während ihres Referendariats in Bottrop hat Musal an einer Grundschule in einem sozial benachteiligten Stadtteil unterrichtet. „Dort habe ich gelernt, wie es ist, mit Kindern zu arbeiten, die zum Beispiel kein Deutsch sprechen oder Verhaltensprobleme haben“, erzählt sie. Damals stellt die junge Lehrerin fest, dass sie das schafft – und dass es sich richtig anfühlt. „Natürlich ist die Arbeit anstrengend. Aber dieses Gefühl, wenn man abends nach Hause kommt, am Tag etwas bewegt zu haben, etwas für die Allgemeinheit getan zu haben, das ist schön.“
Mitgestalten, mitentwickeln
Also bewirbt sich die Berufseinsteigerin bei der Regenbogenschule. „Schon beim Vorstellungsgespräch habe ich mich total willkommen und wertgeschätzt gefühlt“, sagt Musal elf Jahre später. Heute leitet sie ihre dritte eigene Klasse, schwärmt vom guten Zusammenhalt im Kollegium – und von der engen Zusammenarbeit im Schulleitungsteam. Aktuell unterstützt sie den Schulleiter noch ohne offizielles Amt, perspektivisch kann sie sich die Rolle der Konrektorin durchaus vorstellen. „Ich möchte die Schule mitgestalten und weiterentwickeln. Und ich freue mich, dass ich schon jetzt die Möglichkeit dazu bekomme.“
Mitgestaltet hat sie zum Beispiel das neue Klassensystem, das den leistungsschwächeren Schülerinnen und Schülern der Regenbogenschule zugutekommen soll. „Für die meisten Kinder an unserer Schule reicht die zweijährige Schuleingangsphase nicht aus“, erklärt Musal. „Das hat in der Vergangenheit dazu geführt, dass die Mehrheit von ihnen die zweite Klasse wiederholen musste – inklusive Lehrkraftwechsel, was für diese Kinder besonders schwierig ist.“
Das neue Konzept dreht den Spieß um: Die fitteren Schülerinnen und Schüler, die schon jetzt für einzelne Fachstunden von einer anderen Kollegin unterrichtet werden, werden ab dem dritten Schuljahr zu einem neuen Klassenverband mit anderen Drittklässlerinnen und -klässlern zusammengezogen. Die Kinder hingegen, die länger brauchen, können in der Klasse von Laura Musal bleiben. „Bei meinem letzten Durchgang waren in der vierten Klasse nur noch sechs Kinder dabei, die ich eingeschult hatte. Das macht es unheimlich schwer, ein Gemeinschaftsgefühl herzustellen.“ Dank der neuen Idee, so hofft sie, werde mehr Kontinuität und Ruhe einkehren.
„Ich versuche jeden Tag, mich in neunundzwanzig Teile zu teilen, aber ich schaffe es einfach nicht.“
Lara Musal, Klassenleitung an der Regenbogenschule in Duisburg-Marxloh
Der sehnlichste Wunsch: kleinere Klassen
Gibt es noch etwas, das sie gerne ändern würde? Über die Frage muss Laura Musal nicht lange nachdenken: „Ich wünsche mir weniger Kinder in der Klasse.“ Neunundzwanzig, so viele sind es aktuell. Neunundzwanzig Kinder mit unterschiedlichen Bedürfnissen und Entwicklungsständen. Neunundzwanzig Kinder, die begleitet und unterstützt werden wollen. „Ich versuche jeden Tag, mich in neunundzwanzig Teile zu teilen“, sagt Musal. „Aber ich schaffe es einfach nicht.“
Ein Besuch in ihrer „Monsterklasse“ macht diese Herausforderung greifbar. In der Lernzeit dürfen die Kinder eigenständig entscheiden, an welchem Thema sie arbeiten wollen. So gut diese Selbstständigkeit an manchen Stellen schon klappt, so deutlich wird doch, wie groß der Unterstützungsbedarf in einer zweiten Klasse – vor allem in einem benachteiligten Stadtteil – nun mal ist.
Während die Lehrerin Lernfortschritte lobt, Fehler korrigiert und Fragen beantwortet, bittet ein Junge darum, ihm den Schuh zuzubinden. Ein anderer braucht Hilfe beim Anspitzen seines Bleistiftes. Ein Kind mit kognitiver Beeinträchtigung geht mit seiner Integrationshelferin nach draußen, weil es sich nicht mehr konzentrieren kann. Und ein weiterer Schüler wird nach dem Unterricht in einem Wutanfall sein Feedback-Heft zertrampeln. Ein kleiner Einblick in den turbulenten Alltag an der Regenbogenschule.
Laura Musal ist sich sicher: „Wenn es weniger Kinder wären und wir mehr Zeit für sie hätten, würde das nachhaltige Veränderungen mit sich bringen.“ Sie schiebt aber gleich hinterher: „Von den Kindern, die ich jetzt in der Klasse habe, möchte ich keines missen.“
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„Die Frau Musal ist jeden Tag hier, die hört mir zu“
Und auch das ist spürbar: das Vertrauensverhältnis, die Zuneigung zwischen den Kindern der Monsterklasse und ihrer Lehrerin. Ein Gefühl, dass Laura Musal noch aus ihrer eigenen Schulzeit kennt: „Meine Grundschullehrerin mochte ich sehr gerne, die war so herzlich und lieb. Ich habe einfach schöne Erinnerungen an diese Zeit.“ Was sie damals erlebt habe, wolle sie heute weitergeben.
In einem Viertel wie Duisburg-Marxloh ist das besonders wichtig. „Viele unserer Kinder haben Eltern, die sich nicht so gut um sie kümmern, oder sie haben viele Geschwister und fallen dadurch ein bisschen hinten rüber“, sagt Musal. Als Klassenlehrerin könne sie eine Bindung aufbauen, die manche Kinder von zu Hause gar nicht kennen würden. „Die merken dann: Die Frau Musal ist jeden Tag hier, die hört mir zu, die fragt auch mal nach und kriegt mit, wenn es mir nicht gut geht.“