Materielle Armut

„Dann müssen wir es eben selbst machen!“

Essen, Kleidung, Schulmaterial: Viele Kinder an der Ludwigshafener Grundschule Bliesschule haben davon wenig. Engagierte Lehrkräfte schreiten auf eigene Kosten zur Tat.

„Am Ende des Monats bekommen immer erst die Kleinen“, antwortete eine Zweitklässlerin, als Merle Hey sie fragte, wieso sie nur zwei ungetoastete Weißbrotscheiben dabeihabe. Den Satz wird Hey nie vergessen. „Auf dem Heimweg habe ich ein paar Tränen vergossen“, erinnert sie sich. Damals, vor gut zwanzig Jahren, war sie gerade für ihr Referendariat an die Grundschule Bliesschule in Ludwigshafen am Rhein gekommen. Sie habe gewusst, dass viele Kinder dort von materieller Armut betroffen sind und einige es zu Hause besonders schwer haben. Was das wirklich bedeutet, habe sie jedoch erst durch solche Erlebnisse begriffen. Hunger ist dabei nur ein Beispiel von vielen: Oft fehlt es den Kindern an nötigem Schulmaterial oder an wetterfester Kleidung. Ursprünglich schwankte Hey zwischen Grundschullehramt und Sozialpädagogik. Jetzt macht sie irgendwie beides. 

„Die kennen, können und wollen das“

„Um Gottes willen“, war die Reaktion einer Bekannten, als sie erfuhr, dass Merle Hey an der Schule im Brennpunkt arbeiten wollte. Aber sie und die meisten ihrer Kolleginnen und Kollegen können es sich nicht vorstellen, irgendwo anders zu unterrichten. „Wer an der Blies arbeitet, identifiziert sich auch damit“, ist Schulleiterin Silke Genzlinger überzeugt. Die meisten Lehrkräfte waren hier vorher Praktikantinnen, Vertretungslehrer oder FSJler. „Die kennen, können und wollen das.“ 

Ein Team, ein Ziel: Merle Hey, Silke Genzlinger und Anastasia Morgandi-Pidun (von links nach rechts) kämpfen darum, dass alle Kinder materiell möglichst gut ausgestattet sind.

Spielen verbindet: Auf dem Schulhof der Grundschule Bliesschule wird in den Pausen getobt.

Gleichheit beginnt mit gleichen Regeln für alle. Einander helfen, gemeinsam lachen – die wichtigsten Regeln hängen vorm Klassenraum aus. 

Vor allem wollen sie, dass kein Kind benachteiligt wird, weil es nicht über die nötige Ausstattung verfügt. Dafür greifen die Lehrerinnen und Lehrer tief in die eigene Tasche: Schätzungsweise zwischen 50 und 100 Euro geben die meisten Lehrkräfte pro Monat aus, um die Kinder mit dem nötigen Schulmaterial zu versorgen. Zu Schuljahresbeginn ist es sogar noch mehr. Viele spenden zudem alte Bücher oder Kleidung ihrer eigenen Kinder. Im Lehrerzimmer sammeln sie Pfandflaschen und holen davon Müsliriegel – für den Fall, dass ein kleiner Magen knurrt. Wenn Kinder in der langen Frühstückspause nach der ersten Unterrichtsstunde wiederholt kein Essen dabeihaben, dann rufen die Lehrkräfte auch mal die Eltern an und holen sich bei Bedarf Unterstützung von dem Schulsozialarbeiter. 

Das Mittagessen in der Schulmensa kostet 6,54 Euro. Eltern, die Bürgergeld beziehen, können einen Zuschuss beim Jobcenter beantragen. Aber nicht alle wissen das. Hier berät die Schule und hilft bei den Anträgen. Doch für viele Eltern bleibt das warme Mittagessen trotzdem unerschwinglich. „Das sind dann die Brotkinder“, sagt Genzlinger. 

„Der Förderverein hat eine unglaubliche Bedeutung für uns, weil wir den Kindern so besseren Unterricht und auch mal Ausflüge ermöglichen können.“

Der Förderverein macht mehr möglich

Natürlich habe die Schule auch einen offiziellen Etat, mit dem sie Notwendiges etwa für den Unterricht anschaffen könne, so Genzlinger. „Das dauert aber meist lange, ist teurer, als bei Ikea, Tedi oder Aldi einzukaufen, und geht natürlich zulasten anderer Ausgaben“, so die Schulleiterin. Umso dankbarer ist sie daher für das Engagement des Fördervereins, den ihre Vorgängerin Anfang der 2000er-Jahre ins Leben gerufen hat. „Der Förderverein hat eine unglaubliche Bedeutung für uns, weil wir den Kindern so besseren Unterricht und auch mal Ausflüge ermöglichen können“, sagt sie. 

Die Mitgliedsbeiträge bezahlen die rund 20 Lehrkräfte des Fördervereins selbst. Über Kuchenverkäufe und Spenden finanzierte man so in den vergangenen Jahren kleinere Dinge wie Stifte, aber auch Turnschuhe für den Sportunterricht sowie Theaterbesuche. Sogar die Ausbildung von Schulhunden wurde so möglich, die schüchternen Kindern helfen, aus sich herauszukommen, und die laute oder aggressive Kinder beruhigen können. Über kleinere Ausgaben entscheidet das Kernteam, bestehend aus der ersten Vorsitzenden Merle Hey, der Kassenwartin Anastasia Morgandi-Pidun und Sarah Seydaack (zweite Vorsitzende). Größere Investitionen besprechen die Mitglieder des Fördervereins bei den halbjährlichen Sitzungen. Um die Spendenakquise und die ganze Organisation kümmern sich die Lehrerinnen in ihrer Freizeit. 

Die Auswirkungen von materieller Armut tagtäglich vor Augen geführt zu bekommen belastet das Team. Damit umzugehen mussten sie alle erst einmal lernen. „Darauf wird man im Studium nicht vorbereitet“, sagt Hey. Silke Genzlinger erinnert ihre Lehrkräfte deshalb immer daran, den Fokus auf den Unterricht und die gemeinsame Zeit mit den Kindern zu richten. Das sei ihre Hauptaufgabe. 

Die Kolleginnen halten zusammen und geben sich gegenseitig Kraft, wenn’s mal schwierig ist.

Die Hoffnung auf die Politik?

Auf die Frage, weshalb das große Engagement überhaupt nötig sei, antwortet Silke Genzlinger zunächst ernüchtert: „Zwischen den Schulen wird zu wenig Unterschied gemacht. Wir haben an unserer Schule einfach ganz andere Voraussetzungen und Bedürfnisse. Aber trotz aller Bemühungen haben wir längst die Illusion aufgegeben, dass sich daran etwas ändert.“ Hey und Morgandi-Pidun nicken. Dann wird Hey deutlich: „Wenn wir schnell etwas für unsere Kinder verbessern wollen, dann müssen wir es eben selbst machen!“ Hier verpuffe ihr Engagement nicht einfach, sondern sie sehen immer wieder, dass es etwas bringt:  wenn zum Beispiel ein schüchternes Kind dank Schulhund Molly aus sich herauskommt oder wenn die Kinder dank der Kopfhörer konzentrierter arbeiten können. 

„Trotz all der Probleme sehe ich mich eher hier als an einer vermeintlich einfacheren Dorfschule“, erklärt Morgandi-Pidun. „Denn hier können wir wirklich etwas bewegen.“ Das ginge jedoch nur dank des unterstützenden Kollegiums, wo immer jemand ein offenes Ohr habe – bei kleinen Fragen ebenso wie bei schwierigen und traurigen Momenten, wenn etwa ein Kind vom Jugendamt in Obhut genommen wird. „Wenn was ist, dann stehen wir alle zusammen“, pflichtet Genzlinger ihr bei. 

Merle Hey erinnert sich noch ganz genau an einen Jungen, der damals in ihrer Klasse immer Unsinn anstellte, unruhig war und mit dem sie jeden Tag Ärger hatte. Zehn Jahre später habe der Junge plötzlich in der Schule vor ihr gestanden und ihr stolz erzählt, dass er sein Abitur gemacht habe. „Das hat mich so gefreut“, sagt sie mit Tränen in den Augen. Ihre Kolleginnen nicken. Solche Momente geben ihnen Kraft. 

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