Interkulturelle Elternarbeit

Es muss ein gegenseitiges Geben und Nehmen sein

Für Schulleiterin Jennifer Poschen steht Elternarbeit hoch im Kurs. Und sie hat viel vor: Aus ihrer Schule soll einmal ein Bildungscampus werden.

Frau Poschen, Sie sind seit 14 Jahren an der Duisburger Gemeinschaftsgrundschule Hochfelder Markt beschäftigt und können so auf eine lange Zeit im Hinblick auf Elternarbeit zurückblicken. Wie hat sich das Miteinander im Laufe der Zeit verändert?

Jennifer Poschen: Das Miteinander hat sich grundlegend verändert. Es gab auch früher Lehrkräfte, die einen guten Draht zu den Familien hatten, aber heute sind die Angebote für die Eltern fest etabliert. Einige Eltern, die an unserer Schule ehrenamtlich tätig waren, sind heute fest bei uns angestellt, etwa als Integrationshilfe. Das hilft uns auf mehreren Ebenen: Lehrerinnen und Lehrer erfahren Unterstützung im Unterricht, die Kinder haben eine weitere Ansprechpartnerin oder einen weiteren Ansprechpartner. In Gesprächen mit den Eltern können wir so mehrsprachig agieren. Es macht einen Unterschied, ob sich eine Lehrkraft mit den Eltern unterhält – da ist ein Gefälle drin – oder ob Eltern auf sie zugehen und aus dem Schulleben berichten. Unsere Elternarbeit ist daher ein wichtiges Bindeglied, und wir erreichen mehr Eltern, die sich engagieren. 

Was ist dabei besonders herausfordernd für Sie und Ihr Team?

Poschen: Zum einen die Sprache. Wir haben inzwischen viele Möglichkeiten, in verschiedene Sprachen zu übersetzen, aber eben nicht immer. Eine zweite Herausforderung ist, dass manche Familien grundsätzlich wenig Zugang zum Thema Schule haben. Zum Teil haben diese Eltern selbst sehr schlechte Erfahrungen zu Schulzeiten gemacht. Andere denken wiederum, dass es ausreicht, wenn ihr Kind seinen Namen schreiben kann. Manchmal fehlt auch schlicht das Verständnis dafür, dass es eine Schulpflicht gibt und Kinder wirklich jeden Tag in die Schule gehen müssen. Zu guter Letzt seien hier auch familiäre Clanstrukturen erwähnt, an die wir nur schwer oder gar nicht herankommen. Was hier hilft, ist, ihre Herkunft, Kultur, ja auch ihre Erlebnisse zu kennen – und dieses Wissen in unseren Teams fortwährend aufzubauen. 

Foto: © Peter Gwiazda

Jennifer Poschen leitet seit 2014 die Gemeinschaftsgrundschule Hochfelder Markt in Duisburg.

„Eine Schule kann nicht erwarten, dass beim Sportfest Eltern aushelfen, wenn man sie nicht auch auf andere Weise an die Schule bindet."
Viele Eltern sind zum festen Bestandteil der Schulgemeinschaft geworden, wie diese Mutter.

Wie kommen Sie denn an jene heran, die sich für die Schule nicht interessieren?

Poschen: Manchmal haben wir einfach Glück. Wir starten eine Aktion und erreichen damit unverhofft neue Familien. Als wir einmal einen Trödelmarkt von Eltern für Eltern ausgerichtet haben, trat eine Mutter an mich heran, die ich vorher nur sehr selten gesehen hatte. Sie suchte Hosen für ihren Sohn. Beim nächsten Elterngespräch war sie dann plötzlich anwesend – ganz so, als sei durch den Trödelmarkt ein Knoten geplatzt. Solche Wendungen kann man nicht vorhersehen. Ein schönes Beispiel ist auch unser Iftar (Mahlzeit, die von Muslimas und Muslimen während des Fastenmonats Ramadan abends nach Sonnenuntergang eingenommen wird, Anmerkung der Redaktion): Einmal während des Ramadans bieten wir an unserer Schule ein gemeinsames Essen am Abend an. Als Schulgemeinschaft gestalten wir zusammen das Fastenbrechen. Letztes Jahr kamen da mehr als 200 Gäste! Es ist einfach wichtig, dass man nicht nur erzählt, die eigene Schule sei interkulturell und interreligiös, sondern dass man das lebt und dafür einsteht. Es muss ein gegenseitiges Geben und Nehmen sein. Eine Schule kann nicht erwarten, dass beim Sportfest Eltern aushelfen, wenn man sie nicht auch auf andere Weise mehr an die Schule bindet. 

„Als Schulgemeinschaft gestalten wir zusammen das Fastenbrechen. Letztes Jahr kamen da mehr als 200 Gäste!"

Ihre Schule ist inzwischen ein Familiengrundschulzentrum. Was hat sich seitdem verändert?

Poschen: Unsere Angebotspalette ist größer geworden, am Nachmittag, am Abend und an den Wochenenden. Bouldern am Samstag in einer Kletterhalle ist hier ein gutes Beispiel. So bringen wir den Kindern und ihren Familien ihr eigenes Lebensumfeld näher, was Vertrauen schafft. Mit Robin Simon, dem Koordinator des Familiengrundschulzentrums, haben wir außerdem eine wirklich einzigartige Fachkraft gewonnen. Durch seine offene und menschliche Art, mit der er die Dinge macht, mit welcher Haltung er alles angeht, ist er einfach ein Mehrgewinn für uns und für die Kinder und ihre Familien. Er ist umsichtig, stets ansprechbar und auch immer auf der Seite der Familien. Über Rob erreichen wir definitiv noch mehr Menschen. 

Ein Merkmal von Familiengrundschulzentren ist die Niedrigschwelligkeit. Was verstehen Sie darunter?

Poschen:
Ein Beispiel: Im Herbst 2021 hatten sich Eltern gewünscht, gemeinsam Drachen zu bauen und steigen zu lassen. Mir gefiel die Idee, und es kamen erstaunlich viele Menschen zusammen. Alle konnten mitmachen, unabhängig von Herkunft, Sprache und Bildungsstand. Das verstehe ich unter niedrigschwellig. Oder: Vor einigen Jahren haben wir zu Weihnachten gemeinsam Plätzchen gebacken, die Bude war voll. Es waren Menschen hier, die ich vorher noch nie gesehen hatte. Wir haben Weihnachtslieder aus verschiedenen Kulturen gesungen und uns dabei manchmal mit Händen und Füßen verständigt. Es war großartig! Wenn man das Thema Schule mit einer schönen Aktion verbindet und positive Erfahrungen sammelt, ist der Besuch des Unterrichts natürlich auch nicht mehr so schwer.

„Die Kinder und Jugendlichen sowie ihre Familien sollen sich auf diesen Campus verlassen können und immer wissen, dass sie dort Hilfe bekommen.“

Sie tun viel, damit das Schulleben für alle gut gelingt. Trotzdem haben auch Sie sicher noch Ziele. Welche sind das, und was brauchen Sie dafür?

Poschen: Eine Vision muss ja immer groß sein. Wir möchten hier in Hochfeld eine Art Bildungscampus errichten. Die Idee ist, dass werdende Eltern sowie Kinder und Jugendliche bis zum Berufseinstieg eine Ansprechperson haben und somit eine Bildungskette entsteht. Die Kinder und Jugendlichen sowie ihre Familien sollen sich auf diesen Campus verlassen können und immer wissen, dass sie dort Hilfe bekommen. Solch ein großes Projekt braucht Zeit und Begleitung. Und wir wollen das Tempo, die Struktur und auch das Selbstverständnis einer solchen Einrichtung vorgeben. Bei vielen Angeboten ist die Koordination durch die Kommune wichtig. Wir brauchen erstens einfache und klare Förderprogramme und zweitens Kommunen, die die Programme koordinieren und die Fachkräfte vor Ort so weit wie möglich entlasten. Da ist noch viel Luft nach oben. 

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