Bildungsgerechtigkeit

Mitten in Marxloh

Der Campus Marxloh schafft Räume, die mehr sind als Un­terrichtsorte: Er bündelt An­gebote, senkt Hürden und stärkt die Teilhabe der Menschen im Stadtteil.

Bildung braucht Räume. Doch wer den Platz An der Paulskirche in Duisburg-Marxloh er­reicht, stellt fest: Räume sind nicht gleich Räume. Wo früher eine Kir­che stand, reihen sich heute weiße Con­tainer aneinander. Mehrere Klassen der Herbert-Grillo-Gesamtschule, kurz HGG, werden darin unterrichtet – ein Notbe­helf, aber immerhin. Lieber Bildung in Containern als gar keine Bildung. Viele Schulen in ganz Deutschland müssen temporär auf dieses Modell zurück­greifen.

Die betroffenen Schülerinnen und Schü­ler kann man nicht befragen, wegen einer Lehrer­fortbildung haben sie heute schulfrei. Doch man ahnt, dass sie nichts dagegen haben, wenn sie ge­legentlich für einige Unterrichtsstunden pro Wo­che nach nebenan umsiedeln dürfen. In diese anderen Räume.

Freundlich rot und einladend steht er da, der Neubau, der den Campus Marxloh beherbergt. Anders als der Name vermu­ten lässt, handelt es sich beim Campus Marxloh zwar nur um ein einzelnes Gebäude. Aber das hat es in sich.

Klaus Peter Müller, Stabstellenleiter im Duisburger De­zernat für Bildung, Arbeit und Soziales, hat die Bil­dungs- und Kulturanbieter der Stadt von Beginn an in das Projekt Campus Marxloh eingebunden.

Die Bauphase: Ein langer Weg mit glück­ lichem Ausgang

Klaus Peter Müller führt durch die Räum­lichkeiten. Als Stabstellenleiter im Duisburger Dezernat für Bildung, Arbeit und Soziales hat er das Projekt Campus Marxloh von Beginn an begleitet. Von der Beantragung der EFRE-Fördergelder im Jahr 2014 über den ersten Spaten­stich 2020 bis zur Inbetriebnahme im vergang­enen Jahr sei es ein langer Weg gewesen, erzählt Müller.

Und ein teurer. Aus den veranschlagten knapp 18 Millio­nen wurden Baukosten in Höhe von 34 Millionen Euro – auch weil Material- und Energiepreise durch die Corona­pandemie und den Krieg in der Ukraine in die Höhe schos­sen. „Bei jeder Preissteigerung gab es Überle­gungen, ob man den Rohbau nicht wieder abrei­ßen sollte“, sagt Müller. „Aber die Stadt hat sich Gott sei Dank dagegen ent­schieden.“ Die Erleich­terung kommt von Herzen. Klaus Peter Müller ist sichtlich froh darüber, dass der Campus Marxloh zum Leben er­wacht ist.

Räume für jeden Zweck

Die Führung geht los. Vorbei an den an­ge­regt plaudern­den Lehrerinnen und Lehrern der Herbert-Grillo-Schule, deren Fortbil­dung hier stattfindet, geht es zunächst in den dritten Stock. Müller führt durch die Holzwerkstatt, zeigt die beeindruckenden Maschinen der Me­tallwerk­statt sowie einen Raum, der eigens dafür da ist, das Malern und Tapezieren zu üben.

Ähnlich geht es auf den anderen Eta­gen weiter. Neben einem Textil- und Nähzim­mer, der top ausgestatteten Lernküche, einem Musik- und einem Medienraum und der kleinen Stadtteil­bibliothek verweist Müller auch mal auf einen „ganz normalen Klassenraum“. Nur um gleich hinzu­zufügen, dass die­ser Raum für den IT-Unterricht der HGG und auch von anderen Einrichtungen genutzt werde, weshalb jeder Tisch mit Steckdosen und USB-Anschlüs­sen aus­ge­stattet sei. Wenn Bildung Räume braucht, dann diese.

Und so ist es kein Wunder, dass schon jetzt 50 Organisa­tionen den Campus nutzen. Neben der Gesamtschule sind das auch die umliegenden Grundschu­len sowie ver­schiedene gemeinnützige Bildungsträ­ger, Kulturprojekte, Bera­tungsorganisa­tionen, Vereine, Initia­tiven. Manche von ihnen sind jeden Tag da, etwa das kom­munale Inte­grations­zentrum der Stadt Duisburg, das Zu­wanderer­familien unter­stützt und hier feste Büroräume bezogen hat. Andere Anbieter wie die Volkshoch­schule oder das Klavierfestival Ruhr nut­zen die Campusräume für wö­chentliche Proben und Kurse. Wieder andere kommen nur für Einzelveranstaltungen – so wie letztes Wochenende, als ein türkischer Verein den großen Veranstaltungssaal für eine Theateraufführung gebucht hatte. 175 Sitzplätze, restlos ausverkauft.

Die Werkräume sind für praktische und kreative An­gebote vorgesehen. Genutzt werden sie sowohl von der Herbert-Grillo-Gesamtschule als auch von ver­schiedenen gemeinnützigen Bildungsträgern.
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Ein Ort für alle: 50 Or­ganisationen nutzen den Campus an der Adresse „An der Pauls­kirche 6". Er lädt auch außer­halb des Gebäu­des zum Verweilen ein, mit Sitzgelegen­heiten und Spielmöglichkeiten für Kinder.
Niedrige Regale, Sitz­gelegenheiten und frei zugängliche Medien: Der Biblio­theksbereich im Campus Marxloh ist als offenes Angebot für Schulen und den Stadt­teil konzipiert.

Was brauchen die Menschen in Marxloh?

„Schon in der Planungsphase haben wir die Träger gefragt: Was braucht ihr, um die Räume gut nutzen zu können?“

Für die Bildungs- und Kulturanbieter der Stadt ist der Campus Marxloh ein Glücksfall. Nicht nur, weil die Stadt Duisburg ihnen die Räume kostenfrei zur Verfügung stellt. Sondern auch, weil Klaus Peter Müller und das Campus­management-Team sie intensiv ein­binden. „Schon in der Planungsphase haben wir die Träger gefragt: Was braucht ihr, um die Räume gut nutzen zu können?“

Kunstlehrkräfte können ange­fangene Werke ihrer Schü­lerin­nen und Schü­ler bei Bedarf in den Räum­lich­keiten des Cam­pus Marx­loh de­ponieren und in der fol­gen­den Un­ter­richts­stunde weiter mit ihnen daran arbeiten.
Auf die vier Geschosse des Neu­baus sind fünf zen­trale Nutzungs­bereiche mit ins­gesamt 91 Räu­men verteilt, darunter der Bereich Kunst und Kultur.

Genannt wurden oft Kleinigkeiten, doch gerade die kön­nen einen großen Unter­schied machen. Ein Kunstlehrer etwa wünschte sich Lagerflächen für Pro­jekte, an denen in der nächsten Un­terrichtsstun­de weitergearbeitet wer­den soll. Und eine Organisation, die Schwangerschafts- und Sexualbera­tung anbietet, bat um einen separaten Zugang zu ihren Beratungs­räumen. Klar: Wer zum Beispiel ungewollt schwanger ist, möchte nicht vor aller Augen in der Warteschlange sitzen.

Im Campusrat – einem Gremium, das sich derzeit in der Gründung befindet – werden sich die Hauptnutzenden und das Cam­pusmanagement auch zukünf­tig regel­mäßig austauschen. Welche Angebote fehlen noch, wie können wir bestehende weiter ausbauen? Klaus Peter Müller be­tont, wie wichtig die räumliche Nähe für die Anwohnerin­nen und Anwohner sei. „Viele Menschen, die hier leben, sind oft nicht mobil, die kommen kaum aus ihrem Stadt­teil raus.“ Zudem hätten viele der Zuge­wanderten in ihren Herkunftsländern schlechte Erfahrungen mit Behörden gemacht.

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Wichtige Orientierungshilfe in der Nähe des Ein­gangs, schließlich wird der Campus Marxloh von verschiedenen Einrichtungen und Personengrup­pen thematisch sehr breit gefächert genutzt.

Niedrigschwellige und gut erreichbare Angebote

Die Distanz der Zugewanderten zu öf­fent­lichen Einrich­tungen zeige sich un­ter an­derem bei den Schuleingangs­untersuchun­gen für Vorschulkinder sowie Seitenein­stei­gerinnen und Sei­teneinsteiger: ein verpflichtender Ter­min, bei dem die Ge­sundheit und der Entwicklungsstand der Kinder über­prüft wird. „Bisher läuft das zentral beim Gesundheitsamt. Von hier sind das 20 Minuten mit der Straßenbahn“, sagt Müller. „Und in der Regel ist es so, dass zu wenige Kinder den Termin wahr­nehmen.“

Um das zu ändern, werden die Untersu­chungen für die Kinder des Stadtteils zu­künftig hier stattfinden, in den Räu­men des Campus Marxloh. Noch ist es nicht so weit, aber Müller ist zuver­sichtlich: „Bei Kindern aus Zuwan­de­rerfamilien ist es besonders wichtig, Förderbedarfe früh zu erkennen, um ihnen einen guten Schul­start zu er­möglichen. Ich glaube, dass solche niederschwelligen und gut erreich­baren Angebote einen Unterschied machen werden.“

Die Zukunft wird es zeigen. Denn der Cam­pus Marxloh legt gerade erst rich­tig los. Im Rahmen eines Stadtteil­schulfestes am 10. Juli 2026 wurde das Ge­bäude offiziell er­öffnet. Alle Interes­sierten sind herzlich willkommen.

Herzlicher Empfang im Campus Marxloh – einem Ort, der geschaffen wurde, um möglichst vielen Menschen des Duisburger Stadtteils Bildungsan­gebote machen zu können.

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