Künstliche Intelligenz

KI-Coaches leist­en einen Bei­trag zur Bildungs- und Chancen­gerechtigkeit

Mavin Zaman erprobt den Ein­satz von künst­licher Intelli­genz (KI) im Mathematik­unterricht. Ein E-Mail-Austausch über die Erfahr­ungen, die der Lehrer im KIMADU-Projekt gesammelt hat.

Betreff: Es geht los!

Dienstag, 24. Februar 2026

Herr Zaman, Sie sind Anfang 2025 in das KI-Projekt KIMADU gestartet. Seitdem setzen Sie KI im Mathe­matikunterricht ein. Was waren die Beweggründe dafür?

Viele unserer Schülerinnen und Schüler der Hauptschule Grillostraße bringen besondere Heraus­for­derungen mit und benötigen individu­elle Unterstützung. Sie haben teils sehr unterschiedliche Lernniveaus, sprachliche Fähigkeiten und soziale Voraussetzungen. Der Einsatz von KI erschien uns hier als große Chance, insbesondere den Mathematik­unterricht individueller und anschau­licher zu gestalten, um jedem Kind so noch besser gerecht zu werden. Gleichzeitig erhofften wir uns als Lehrkräfte neue Impulse für differenz­ierte Aufgaben­formate und eine zeitgemäße Unterrichtsplanung. All das wollten wir also im Rahmen von KIMADU (Anm. d. Red.: mehr Infos siehe Infokasten) vorantreiben.

Betreff: Umgang mit KI-Tools erlernen

Montag, 2. März 2026
Zwischen Unterrichtsvorbereitung, Elternarbeit und Klassenmanagement bleibt nicht viel Zeit. Wie leicht oder schwer ist es Ihnen gefallen, sich in die KI-Tools einzuarbeiten?

Anfangs hat mich das tatsächlich sehr gefordert. Enorm hilfreich war hier die praxisnahe Beratung durch das Projektteam der Uni Siegen und der intensive Erfahrungsaustausch im Kollegium: Wir haben uns gegenseitig Tipps gegeben und im Rahmen von Pädagogischen Ganztagen ein- bis zweistündige Mini-Workshops organisiert. In diesen haben wir uns unter anderem mit „Vibe Coding“, also mit der Entwicklung von Software mittels KI-Prompts, beschäftigt sowie mit der Erstellung und der Opti­mierung von KI-Agenten. Außerdem haben wir KI-Agenten erstellt, die uns beim Differenzieren von Aufgaben geholfen haben.

Betreff: Welche Tools für welche Zwecke?

Dienstag, 10. März 2026
Welche KI-Tools setzen Sie im Unterricht ein?

Mit den Plattformen Fobizz und Sidekick Education erstellen wir KI-Coaches für den Mathe­matik­unterricht. Mit diesen können wir Übungsaufgaben unter­schiedlicher Niveaustufen generieren, lebensnahe Kontexte bei Sachaufgaben entwickeln und komplexe Zusammen­hänge in der Geometrie anschaulich visualisieren. Die Schülerinnen und Schüler können sich von den KI-Coaches Lösungswege Schritt für Schritt erklären lassen, alternative Vorgehensweisen nachvollziehen oder ihrerseits zusätzliche Übungs­aufgaben erstellen. Dabei lernen sie in ihrem eigenen Tempo – ein großer Vorteil in einer Lerngruppe mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen.

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Durch den Einsatz von KI im Mathematikunterricht erhalten die Schülerinnen und Schüler der Hauptschule Grillostraße Übungsaufgaben unterschiedlicher Niveaustufen. Auch werden komplexe Zusammenhänge anschaulich visualisiert. Das hilft beim Lernen.

Betreff: Herausforderungen beim KI-Einsatz

Mittwoch, 18. März 2026
Kamen die Schülerinnen und Schüler mit ihren neuen KI-Coaches zurecht? Oder gab es Hürden?

Einige Schülerinnen und Schüler haben sich erstaunlich schnell und souverän in die neue Technik ein­gearbeitet. Andere hatten zunächst Schwierigkeiten, Fragen präzise zu formulieren, wodurch auch die Antworten der KI oft ungenau aus­fielen. Daher haben wir das Formulieren von Fragen mit den Jugendlichen gezielt trainiert, etwa durch Beispiele, Leitfäden und klare Vorgaben wie „Erkläre es wie für die 8. Klasse“.

Zusätzlich haben wir die Schülerinnen und Schüler dafür sensibilisiert, die Antworten der KI kritisch zu hinter­fragen und bei Unklarheiten aktiv nach­zuhaken. Ein weiteres Learning: Bei der Erstellung von KI-Agenten achten wir mittlerweile noch stärker darauf, dass sie unnötig komplexe Fachsprache vermeiden, was anfangs nicht immer der Fall war. Hilfreich ist für mich hierbei der Prompting-Unterstützer, der im Rahmen von KIMADU entwickelt wurde.

Betreff: Besseres Lernen, besserer Unterricht durch KI?

Montag, 30. März 2026
Wie hat der Einsatz von KI das Lernen der Mädchen und Jungen verändert? Und wie den Unterricht?

Schon nach wenigen Wochen waren die ersten Effekte sichtbar: Die Lern­motivation der Schülerinnen und Schüler ist gestiegen, und sie ver­suchen häufiger, Aufgaben zunächst eigenständig mithilfe ihres KI-Partners zu bearbeiten, bevor sie sich an uns wenden. Das hat unseren Unterricht spürbar verändert. Inzwischen beziehen wir die KI-Agenten regelmäßig in unsere Planung ein, und die Lernenden nutzen sie in Gruppenarbeitsphasen ganz selbst­verständlich als Unter­stützung. Wichtig war dabei in den Klassen die gemeinsame Reflexion über die Rolle der KI. Die Schülerinnen und Schüler sollen verstehen, dass die KI ein Hilfsmittel ist, kein Ersatz für das eigene Lernen und Verstehen.

Betreff: Prüfungen im KI-Zeitalter

Dienstag, 14. April 2026

Die neue Technologie hat natürlich auch eine Schattenseite: Immer mehr Jugend­liche delegieren ihre Hausaufgaben an ChatGPT und Co. Haben Sie in der Leistungsüber­prüfung auf diese Entwicklung reagiert?

Tatsächlich verlieren viele traditionelle Aufgabenformate durch die Verfügbarkeit von KI-Chatbots ihre Aussagekraft. Ich setze daher vermehrt mündliche Prüfungen und Projektprüfungen ein: Die Jugend­lichen erarbeiten in Gruppen ein Thema – sie erstellen etwa ein Video, das einen komplexen mathema­tischen Sachverhalt visualisiert, dokumentieren den Prozess und präsentieren das Ergebnis ihrer Arbeit. Zudem sind bei uns im Fach Mathematik hybride Formate bei Klassenarbeiten zum Standard geworden: Den ersten Teil der Mathearbeit erstellen die Jugend­lichen klassisch ohne Hilfsmittel auf dem Papier, den zweiten mit Taschenrechner oder KI-Unter­stützung, wobei sie auch Reflexions­fragen zur eingesetzten Technologie beantworten.

Betreff: Zeit für eine Zwischenbilanz

Montag, 4. Mai 2026

Herr Zaman, was ist Ihr Fazit nach über einem Jahr KIMADU? Was würden Sie anderen Schulen mitgeben, die über den Einsatz von KI im Unterricht nach­denken?

Die bisherigen Ergebnisse sind tatsächlich sehr ermutigend und erfüllen die Erwartungen, mit denen wir in das Projekt gestartet sind: Die Jugendlichen sind motivierter, arbeiten selbstständiger und wagen sich eher an anspruchsvolle Aufgaben heran. Schülerinnen und Schüler, die sich aus Angst vor den Reak­tionen der Klasse oder der Lehrkraft sonst nie melden, stellen der KI ohne Scham dreimal hintereinander dieselbe Frage, bis sie das Prinzip – zum Beispiel das Kürzen von Brüchen – verstanden haben.

Viele Jugendliche erleben so häufiger Momente der Selbst­wirksamkeit, was besonders für unsere Schulform von großer Bedeutung ist. Wichtige Bedingung dafür ist, dass die Lehr­kräfte die Schülerinnen und Schüler in ihrer Kommu­nikations­fähigkeit stärken und dass sie bei der Erstellung der KI-Agenten darauf achten, dass deren Sprache und Erklärungen zum Lernstand und zur Lebens­wirklichkeit der Mädchen und Jungen passen. Sind diese Voraus­setzungen erfüllt, leisten KI-Coaches einen Beitrag zur Bildungs- und Chancengerechtigkeit. Sie eröffnen uns neue Wege, individuelle Förderung nicht nur punktuell, sondern strukturell im Unterricht zu verankern.

Dazu gehört auch, dass ich als Lehrkraft nun nicht mehr als „Feuerlöscher“ von Tisch zu Tisch rennen muss, um Standardfragen zu beantworten. Stattdessen habe ich endlich die Zeit, mich intensiv den Schülerinnen und Schülern zu widmen, die wirklich tiefgehende menschliche Unterstützung beim Lernen brauchen.

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Was sich an der Hauptschule Grillostraße noch verändert hat: Die Jugendlichen erarbeiten in Gruppen unter Nutzung von KI-Chatbots ein Thema, dokumentieren den Prozess und präsentieren das Ergebnis ihrer Arbeit.
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Positive Effekte durch KI: Eine positive Lernatmosphäre und eigenständiges Arbeiten im Team. An die Lehrkraft wendet sich, wer darüber hinaus konkrete Hilfestellung braucht.

Was ist KIMADU?

KIMADU – kurz für „Künstliche Intelligenz im Mathematik- und Deutschunterricht“ – ist ein vom Schulministerium Nordrhein-Westfalen gefördertes Modell­projekt, das derzeit an 25 weiterführenden Schulen im Bundesland erprobt wird. Das Ziel: generative KI-Anwendungen sinnvoll im Unterricht einzusetzen, um die Basiskompetenzen der Schülerinnen und Schüler zu stärken und Lehrkräfte zu entlasten. Wissen­schaftlich begleitet wird das Projekt von der Universität Siegen, unter der Leitung der Institute für Didaktik der Mathematik und für Didaktik der deutschen Sprache. Die Forschungs­ergebnisse sollen Ende 2027 vorliegen. Damit auch andere Schulen von den gesammelten Erfahrungen profitieren können, werden erfolgreiche Lehr-Lern­szenarien dokumentiert und bereits während der Projektlaufzeit auf dieser Website veröffentlicht.

Foto: © Privat

Mavin Zaman arbeitet seit 2024 als Lehrer an der Hauptschule Grillostraße in Gelsenkirchen. Ein bezieh­ungsorientierter Umgang auf Augenhöhe ist ihm wichtig, Chancen­gleichheit ein Herzens­anliegen: „Digitale Medien und KI bieten uns heute die historische Chance, Bildung gerechter zu machen, indem sie jedem Kind unabhängig von den Startbedingungen die gleichen Werkzeuge an die Hand geben.“

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