Die Publikation „Bessere Bildung 2035“ der Wübben Stiftung Bildung fordert messbare Ziele für bessere Bildungsleistungen bis 2035. Das ifo Institut hat auf dieser Basis den volkswirtschaftlichen Nutzen berechnet, sollten diese Ziele erreicht werden. Zu welchem Ergebnis kommen Sie?
Ludger Wößmann: Die empirische Wirtschaftsforschung belegt einen engen Zusammenhang zwischen den Bildungsleistungen der Bevölkerung und dem volkswirtschaftlichen Wachstum. Wir haben dieses Wissen in einem Projektionsmodell genutzt, um zu quantifizieren, wie viel zusätzliche Wirtschaftsleistung im Verlauf der Lebenserwartung eines heute geborenen Kindes entstehen würde, wenn die Bildungsziele erreicht würden. Für Deutschland beträgt der Wert dieser Verbesserungen im Jahr 2075 bereits 6,7 Billionen Euro und im Jahr 2105 knapp 21 Billionen Euro an zusätzlichem Bruttoinlandsprodukt.
Es lohnt sich also, wenn die Politik eine Verbesserung der Bildungsergebnisse priorisiert.
Wößmann: Bildung ist in der Tat die nachhaltigste Wachstumsstrategie, die ein Land haben kann. Wer in bessere Schulen investiert, investiert in Fachkräfte, in Innovation und in gesellschaftlichen Zusammenhalt. Jeder Euro, der heute in bessere Bildung fließt, sichert den Aufwärtstrend von morgen.
Gilt das automatisch auch für die persönliche Karriere? Glauben junge Menschen denn noch an das Versprechen „Aufstieg durch Bildung“?
Wößmann: Der Gedanke „Was soll ich mit dem Abschluss? Dadurch verdiene ich keinen Cent mehr“ ist inzwischen leider weitverbreitet – aber falsch. Viele Jugendliche haben keine Vorstellungen davon, wer in welchem Beruf wie viel verdient. Sie unterschätzen, wie groß die finanziellen Unterschiede zwischen Hochschule, Berufsausbildung und fehlendem Bildungsabschluss sind. Gerade im Angesicht von künstlicher Intelligenz stellt sich die Frage: Was brauchen wir an Kompetenzen für unser Berufsleben, was müssen wir lernen?
Prof. Dr. Ludger Wößmann ist Leiter des ifo Zentrums für Bildungsökonomik und Professor für Volkswirtschaftslehre an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Wößmann, der auch im Kuratorium der Wübben Stiftung Bildung sitzt, begleitet die Bildungspolitik in Deutschland seit mehr als zwei Jahrzehnten mit wissenschaftlichen Untersuchungen.
Wie lautet da Ihre Einschätzung?
Wößmann: Meine Antwort: Lesen, Schreiben und Rechnen werden noch wichtiger. KI wird uns mehr und mehr Antworten liefern – aber es bleibt die Aufgabe von uns Menschen, die richtigen Fragen zu stellen und die Antworten einzuordnen und sinnvoll zu nutzen. Dafür sind Bildung und Lernen unverzichtbar. Mehr noch müssen junge Menschen flexibel bleiben und gewillt sein, sich ein Leben lang weiterzubilden.
Vermitteln Schulen diese Flexibilität?
Wößmann: Gute Lehrkräfte und gute Schulen schaffen das. Allerdings schränken manche Strukturen die notwendige Flexibilität ein. Ein Beispiel ist das duale Berufsbildungssystem: Unternehmen freuen sich, dass ihre Azubis ziemlich passgenau auf konkrete Aufgaben hin ausgebildet werden. Diese Aufgaben werden aber in zehn Jahren vielfach anders aussehen. Vieles, was heute gelernt wird, wird dann so nicht mehr gebraucht.
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Wo steht Deutschland heute in puncto Schulleistung?
Wößmann: Der PISA-Schock hat dem Land der Dichter und Denker die Augen geöffnet: Deutschland war im Jahr 2000 im europäischen Vergleich ein Underperformer. Dieser Schock hat etwas ausgelöst, in den folgenden Jahren gingen die Leistungen der Schülerinnen und Schüler in Lesen, Schreiben und Rechnen nach oben. Dann erlahmte der Elan. Die Folge: Seit 15 Jahren haben wir einen Abwärtstrend. Alle Studien zeigen: Die Lage ist verheerend. Das Problem ist nur: Niemand will es hören.
Ein Fazit Ihrer Studie ist, dass es jetzt eine gemeinsame bildungspolitische Kraftanstrengung von Bund, Ländern, Wissenschaft und Schulpraxis braucht. Worum geht es da im Kern?
Die da wären?
Wößmann: Das, was ich eingangs erwähnt habe: die Vermittlung von Basiskompetenzen, also Lesen, Schreiben und Rechnen, auch Naturwissenschaften. Das Ziel muss sein, hier klare Standards zu erreichen. Dabei würde mehr Transparenz durch regelmäßige deutschlandweit einheitliche Tests helfen. Dann könnte jedes Bundesland sehen, wie gut es abschneidet und in welchen Bereichen es vielleicht Nachhol- oder Aufholbedarf gibt. Aus den Testergebnissen ließe sich zudem ableiten, welche Schule wie erfolgreich arbeitet – mit diesem Wissen könnten den einzelnen Schulen auch mehr Freiräume eingeräumt werden.
Diskutieren Sie mit!
Wie stehen Sie zu diesem Thema? Wie ist die Situation bei Ihnen an der Schule und welche Erfahrungen haben Sie im Schulalltag gemacht? Erzählen Sie uns davon.
Wo lässt sich noch ansetzen?
Wößmann: Schulämter verteilen Lehrkräfte auf Schulen, ohne wirklich um die Bedürfnisse vor Ort zu wissen oder die jeweiligen Stärken der Lehrkräfte zu kennen. Diese Planwirtschaft hilft beiden Seiten nicht weiter. Jede Schule hat ihre eigenen Herausforderungen. Wer Geld mit der Gießkanne verteilt, wird sehen, dass viel davon versickert. Sinnvoller ist es, die Schulen bei ihren jeweiligen Herausforderungen gezielt zu unterstützen. Dazu muss man um die Probleme vor Ort wissen und gemeinsam mit den Schulleitungen und Lehrkräften ansetzen.
Und je früher gehandelt wird, desto besser?
„Es ist kein Hexenwerk, Kinder und Jugendliche auf ihrem Bildungsweg zu unterstützen.“
Prof. Dr. Ludger Wößmann, Leiter des ifo Zentrums für Bildungsökonomik und Professor für Volkswirtschaftslehre an der Ludwig-Maximilians-Universität München
Welche weiteren wirksamen Konzepte oder Maßnahmen fallen Ihnen ein, die sich leicht adaptieren ließen?
Wößmann: Eine Idee ist, ärmeren Familien die Nachhilfe zu finanzieren – das könnte viel bringen. Selbst bildungsferne Familien wollen, dass ihre Kinder die Schule mit einem Abschluss verlassen. Eine andere Idee ist, Mentoring-Programme aufzubauen. Die funktionieren! In einem Feldexperiment haben wir ein Programm evaluiert, bei dem Studierende als ehrenamtliche Mentorinnen und Mentoren für Jugendliche in der achten und neunten Klasse einer Hauptschule oder einer ähnlichen Schulform in benachteiligten Stadtvierteln fungieren. Wichtig ist dabei, dass es nicht in erster Linie ums ständige Lernen geht. Viele Jugendliche haben oft keine Lust auf Schule, denen kann man nicht mit noch mehr Schule kommen. Von den Jugendlichen, die am Mentoring-Programm teilnahmen, begannen mehr als doppelt so viele eine Ausbildung als jene, die nicht von den Studierenden begleitet wurden. Diese und viele andere Beispiele zeigen: Es ist kein Hexenwerk, Kinder und Jugendliche auf ihrem Bildungsweg zu unterstützen.
Volkswirtschaftlicher Nutzen durch bessere Bildung
Die ehemaligen Bildungsministerinnen Karin Prien (CDU), Stefanie Hubig (SPD) und Theresa Schopper (Grüne) haben 2025 mit dem Vorschlag „Bessere Bildung 2035“ der Wübben Stiftung Bildung parteiübergreifend messbare Ziele für bessere Bildungsleistungen innerhalb der nächsten zehn Jahre formuliert. Demnach:
- … soll die Zahl der Schülerinnen und Schüler, die die Mindestanforderungen in Deutsch und Mathematik nicht erreichen, um die Hälfte verringert werden.
- … sollen 20 Prozent mehr Schülerinnen und Schüler die Regelstandards in Deutsch und Mathematik erfüllen oder übertreffen.
- …sollen 30 Prozent mehr Schülerinnen und Schüler in den beiden Fächern zur Spitzengruppe zählen.
Wie sich die deutsche Wirtschaft entwickeln würde, sollten diese Ziele erreicht werden, hat das ifo Zentrum für Bildungsökonomik im Auftrag der Bertelsmann Stiftung berechnet. Das Ergebnis der Studie „Volkswirtschaftliche Erträge besserer Bildung“: Bessere Bildungsleistungen würden das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) bis zum Jahr 2105 um insgesamt 20,9 Billionen Euro zusätzlich wachsen lassen. Das entspricht dem fünffachen Wert des derzeitigen BIP Deutschlands.