Berufsorientierung

Zwischen Klassenzimmer und Kasse

Im Campus-Store in Verden lernen Schülerinnen und Schüler viel über Ver­antwor­tung, Selbst­vertrauen und die Berufswelt – ganz prak­tisch, mitten in der Stadt.

Die Frühlingssonne tastet sich an die­sem Freitagmorgen durch die Schaufen­ster, erste Lä­den öffnen ihre Türen. Noch ist es ruhig in der Verdener In­nenstadt – doch in einem Ge­schäft ist längst Betrieb. Zwei Schülerinnen hän­gen bunte Oster­eier ins Schaufenster, da­hinter stehen Origami-Hasen, selbst gebastelt und bemalt, wie in einem Ate­lier. Ein Schüler fegt den Boden, andere falten Secondhandkleidung und legen sie ordentlich in die Regale.

Es sind keine Auszubildenden, die hier arbeiten. Es sind Neunt- und Zehntkläs­slerinnen und -klässler der Verdener Cam­pus Oberschule. Wer eintritt, merkt schnell: Der Campus-Store ist kein Schulprojekt im klassischen Sinne. Hier wird ver­kauft, beraten, dekoriert – und ge­lernt, wie sich Arbeitsalltag anfühlt. Passantinnen bleiben stehen, schauen hinein, ei­nige kommen ins Geschäft. Für die Jugendlichen ist das eine neue Rol­le, in die sie schlüpfen. Noch sind sie vorsichtig im Umgang mit der Kund­schaft – und doch spürbar stolz auf ihren eigenen Laden. 

Schülerin Summer mag es, Verantwortung zu über­nehmen. Durch ihre Tätigkeit im Campus-Store hat die 16-Jährige den Impuls bekommen, Hotelfach­frau zu werden.

Verantwortung verändert Perspek­tiven

Summer, 16, steht an der Kleiderstange. „Wir haben Klei­derspenden gesammelt und die Sachen für den Laden ausge­sucht“, sagt sie. Mode interessiere sie – „aber mir ging es vor allem darum, Ver­antwortung zu übernehmen“. Wenn we­nig los ist, bemalt sie auch Ostereier. Lieber aber spricht sie inzwischen mit Kundinnen und Kunden. „Das macht mir Spaß.“ So sehr, dass sie sich für eine Ausbildung zur Hotelfachfrau beworben hat. „Darauf bin ich erst durch die Ar­beit hier gekommen.“

Ein paar Meter weiter steht Louis, 15 Jahre alt, und räumt kleine Dekoartikel zurecht. „Hier kann man seine eigenen Ideen ein­bringen“, sagt er. „Und man lernt, Verant­wortung zu übernehmen.“ Was das konkret heißt, hat er schnell verstanden: „Wenn man nichts produ­ziert, kann auch nie­mand was kaufen. Wenn niemand mit den Kun­dinnen und Kunden redet, kommen auch keine mehr.“ Louis malt gern, bastelt, pro­biert sich aus. Ob ihm das bei der Berufs­wahl hilft, weiß er noch nicht genau. „Ich will vielleicht Polizist werden“, sagt er. „Ich mache viel Sport und habe gern mit Men­schen zu tun.“ Der Laden habe ihm zumin­dest ge­zeigt, dass ihm Letz­teres auch liegt.
Schüler Louis packt gerne mit an. Ob ihm die Ar­beit in der Schülerfirma bei der Berufswahl hilft, weiß er noch nicht genau. „Ich will vielleicht Po­lizist werden“, sagt er.
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Wenn Orientierung fehlt

Dass solche Erfahrungen keine Selbst­verständlichkeit sind, zeigt ein Blick auf die Zahlen der letzten PISA-Studie aus dem Jahr 2022: Rund 60 Prozent der 15-Jährigen in Deutsch­land geben an, dass sie in der Schule kaum etwas lernen, das ihnen später im Beruf hilft – ein Spitzenwert im internationalen Ver­gleich. Gleichzeitig landet Deutschland auf ei­nem der letzten Plätze, wenn es um das Selbstvertrauen von Jugend­lichen in ihre eigenen Ent­scheidungen geht.

Die Folgen sind spürbar: 39 Prozent der Jugendlichen sind unsicher, welchen Berufsweg sie einschlagen sollen. Das sind fast doppelt so viele wie noch we­nige Jahre zuvor. Und jede fünfte befra­gte Person nennt einen Be­rufs­wunsch, der nicht zum geplanten Bil­dungsweg passt. Bildung verläuft dabei nicht für alle gleich: Der soziale Hinter­grund be­einflusst die Bildungs­biogra­fien in Deutschland weiterhin stark, oft stär­ker als die tatsächliche Leis­tung. 

Ein außerschulischer Lernort mit Wirkung

In der Schülerfirma der Verdener Cam­pus Oberschule arbeiten 183 Schülerin­nen und Schü­ler aus den Jahrgängen 9 und 10 in elf Bereichen: vom Einzelhan­del über Dienstleistungen bis zu Hand­werk und Gastronomie, begleitet von 16 Lehr­kräften und drei Ehrenamtlichen. Der Campus-Store ist ihr sichtbares Zentrum und ihre Arbeit dort fester Be­standteil der Berufsvorbereitung an der Startchancenschule. Hier werden Pro­dukte verkauft, Ideen er­probt, Gesprä­che geführt. Seit der Eröffnung im De­zember 2025 dient er als Geschäft und Begegnungsort zugleich.
Mit Liebe hergestellt: In ihrer Schülerfirma ver­kaufen die engagierten Jugendlichen Selbstge­machtes. Eine ansprechende Präsentation gehört dazu.
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„So ein Laden bringt Leben in die Stadt“, sagt Sofie Herbstreit. Die ehemalige Verdenerin ist spontan in der Stadt und schaut sich im Geschäft um.

Zunehmend öffnet sich der Store auch für die Stadt: mit Mitmachangeboten wie ei­ner Schach-AG, bei der Bürge­rin­nen und Bürger mitspielen können, oder geplanten Un­terstützungsangeboten für ältere Men­schen im Umgang mit Handy und PC. So entsteht ein Ort, der Austausch, Lernen und Gemeinschaft verbindet.

Sofie Herbstreit kommt zufällig im La­den vorbei. „Die Pro­dukte sind echt süß“, sagt sie und hält einen Deko-Os­ter­hasen in der Hand. „Einige sehen richtig professionell aus, andere sind vielleicht etwas schief – aber das macht sie sympathisch.“ Die ehe­malige Verdenerin ist nur kurz zu Besuch in der Heimatstadt. Dass ein Projekt wie die­ses mitten in der Innenstadt stattfin­det, freut sie dennoch. „So ein Laden bringt Leben in die Stadt.“ Beim näch­sten Besuch wolle sie wieder vorbei­schauen. 

„Hier blühen sie auf“

Für Karin Tiebel ist genau das Teil der Idee. Die Lehrerin koordiniert die Schü­lerfirma und steht an diesem Freitag selbst mit im Laden. „Hier kommen wir auf einer ganz anderen Ebe­ne zusam­men als im Unterricht“, sagt sie. „Es gibt Schüle­rinnen und Schüler, die sich im Klassenzimmer schwertun – und hier plötzlich aufblühen.“ Gerade darin liegt für sie der entscheidende Punkt: „Hier entdecken die Jugendlichen Stärken, die im klassischen Unter­richt oft un­sichtbar bleiben.“ Wer etwas herstellt und später verkauft, erlebe unmittelbar Wirkung. „Jeder verkaufte Artikel stei­gert das Selbstwert­gefühl.“

Und jeder verkaufte Artikel trägt dazu bei, dass sich die Schülerfirma selbst finan­zieren kann. „Bei der Entwick­lung der Pro­dukte lernen die Schülerinnen und Schüler einfache Preiskalkulatio­nen, damit wir in geringem Maße Ge­winne erzielen“, so Tie­bel. Die Gewinne fließen direkt in neue Ma­terialien, neue Ausstattung oder Weiter­bildun­gen.

Die Idee für den Laden sei aus dem Kolle­gium entstan­den, inspiriert von Pop-up-Stores in der Innenstadt, er­zählt Schul­leiter Christian Piechot. Die Stadt Verden stel­lte schließlich ein La­denlokal zur Ver­fügung. „Ohne diese Unterstützung wäre das nicht möglich gewesen“, sagt Piechot. Für ihn ist der Store ein Lernort, der über klassi­sche Praktika hinausgeht. „Hier ver­stehen die Schülerin­nen und Schüler, wie die Welt funktioniert“, sagt er. „Nicht nur für ein paar Tage, sondern über einen län­geren Zeit­raum, mit echter Verant­wor­tung.“ Gerade für Jugendliche, die im klas­sischen Schulsystem nicht im­mer ihren Platz finden, könne das ent­scheidend sein. 

Die Kundschaft hat im Cam­pus-Store eine große Auswahl an selbst her­gestellten Pro­dukten. Jeder verkaufte Ar­tikel trägt dazu bei, dass sich die Schüler­firma selbst finanzieren kann.
Schulleiter Christian Pie­chot und Lehrerin Karin Tiebel: „Es gibt Schülerin­nen und Schüler, die sich im Klassenzimmer schwertun – und hier plötzlich aufblü­hen“, berichtet die Koordi­natorin der Schülerfirma.

„Hier verstehen die Schülerinnen und Schüler, wie die Welt funktioniert“

Lernen im echten Moment

Kurz vor Ladenschluss betreten noch einmal zwei Frauen den Laden. Eine der beiden nimmt einen Pullover in die Hand und fragt nach dem Preis. Summer zö­gert: „Eigentlich sind die noch nicht zu verkaufen, wir haben noch keine Preise.“ Die Frau legt den Pullover zurück und will gehen. Karin Tiebel gibt Summer ein Zeichen. Sie soll es versuchen. „Wie viel wür­den Sie denn zahlen?“, fragt Sum­mer. „Das musst du doch wissen als Verkäuferin“, entgegnet die Kundin. Summer: „Viel­leicht 15 Euro? Oder zehn?“ Die Frau schüttelt den Kopf. „Viel zu teuer. Das werdet ihr nie los.“ Sum­mers letzter Versuch: „Oder fünf Euro?“ „Schönen Tag noch“, sagt die Kundin, als sie den Laden verlässt. Die Schülerin bleibt irritiert zurück.

„Na, die hatte heute Morgen aber schon gute Laune“, scherzt Tiebel. Summer fragt, ob sie etwas falsch gemacht ha­be. „Du hast nichts falsch gemacht“, beruhigt die Lehrerin sie. „Das ist ein­fach sehr direktes Feedback.“ Den Pul­lover hat Summer nicht verkauft, dafür aber eine wertvolle Erfahrung gewon­nen, die sich nicht im Klassenzimmer lernen lässt – und für viele Jugendliche den Unterschied machen kann bei der späteren Berufswahl. Im­merhin: Für Summer bleibt der Berufswunsch als Hotelfachangestellte bestehen – trotz dieses Vorgeschmacks auf so manchen Kundenkontakt im späteren Berufs­leben.

Basteln, malen, verkau­fen: Die Tätigkeiten im Campus-Store sind viel­fältig. Jede und jeder kann hier ihre und sei­ne Vorlieben und Fähig­keiten einbringen.
Selbst gemachte Ohr­ringe für fünf Euro: für einige Kundinnen und Kunden ein fairer Preis, den sie für diesen gu­ten Zweck zu zahlen bereit sind.

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