Die Frühlingssonne tastet sich an diesem Freitagmorgen durch die Schaufenster, erste Läden öffnen ihre Türen. Noch ist es ruhig in der Verdener Innenstadt – doch in einem Geschäft ist längst Betrieb. Zwei Schülerinnen hängen bunte Ostereier ins Schaufenster, dahinter stehen Origami-Hasen, selbst gebastelt und bemalt, wie in einem Atelier. Ein Schüler fegt den Boden, andere falten Secondhandkleidung und legen sie ordentlich in die Regale.
Es sind keine Auszubildenden, die hier arbeiten. Es sind Neunt- und Zehntklässlerinnen und -klässler der Verdener Campus Oberschule. Wer eintritt, merkt schnell: Der Campus-Store ist kein Schulprojekt im klassischen Sinne. Hier wird verkauft, beraten, dekoriert – und gelernt, wie sich Arbeitsalltag anfühlt. Passantinnen bleiben stehen, schauen hinein, einige kommen ins Geschäft. Für die Jugendlichen ist das eine neue Rolle, in die sie schlüpfen. Noch sind sie vorsichtig im Umgang mit der Kundschaft – und doch spürbar stolz auf ihren eigenen Laden.
Verantwortung verändert Perspektiven
Summer, 16, steht an der Kleiderstange. „Wir haben Kleiderspenden gesammelt und die Sachen für den Laden ausgesucht“, sagt sie. Mode interessiere sie – „aber mir ging es vor allem darum, Verantwortung zu übernehmen“. Wenn wenig los ist, bemalt sie auch Ostereier. Lieber aber spricht sie inzwischen mit Kundinnen und Kunden. „Das macht mir Spaß.“ So sehr, dass sie sich für eine Ausbildung zur Hotelfachfrau beworben hat. „Darauf bin ich erst durch die Arbeit hier gekommen.“
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Wenn Orientierung fehlt
Dass solche Erfahrungen keine Selbstverständlichkeit sind, zeigt ein Blick auf die Zahlen der letzten PISA-Studie aus dem Jahr 2022: Rund 60 Prozent der 15-Jährigen in Deutschland geben an, dass sie in der Schule kaum etwas lernen, das ihnen später im Beruf hilft – ein Spitzenwert im internationalen Vergleich. Gleichzeitig landet Deutschland auf einem der letzten Plätze, wenn es um das Selbstvertrauen von Jugendlichen in ihre eigenen Entscheidungen geht.
Die Folgen sind spürbar: 39 Prozent der Jugendlichen sind unsicher, welchen Berufsweg sie einschlagen sollen. Das sind fast doppelt so viele wie noch wenige Jahre zuvor. Und jede fünfte befragte Person nennt einen Berufswunsch, der nicht zum geplanten Bildungsweg passt. Bildung verläuft dabei nicht für alle gleich: Der soziale Hintergrund beeinflusst die Bildungsbiografien in Deutschland weiterhin stark, oft stärker als die tatsächliche Leistung.
Ein außerschulischer Lernort mit Wirkung
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Wie stehen Sie zu diesem Thema? Wie ist die Situation bei Ihnen an der Schule und welche Erfahrungen haben Sie im Schulalltag gemacht? Erzählen Sie uns davon.
Zunehmend öffnet sich der Store auch für die Stadt: mit Mitmachangeboten wie einer Schach-AG, bei der Bürgerinnen und Bürger mitspielen können, oder geplanten Unterstützungsangeboten für ältere Menschen im Umgang mit Handy und PC. So entsteht ein Ort, der Austausch, Lernen und Gemeinschaft verbindet.
Sofie Herbstreit kommt zufällig im Laden vorbei. „Die Produkte sind echt süß“, sagt sie und hält einen Deko-Osterhasen in der Hand. „Einige sehen richtig professionell aus, andere sind vielleicht etwas schief – aber das macht sie sympathisch.“ Die ehemalige Verdenerin ist nur kurz zu Besuch in der Heimatstadt. Dass ein Projekt wie dieses mitten in der Innenstadt stattfindet, freut sie dennoch. „So ein Laden bringt Leben in die Stadt.“ Beim nächsten Besuch wolle sie wieder vorbeischauen.
„Hier blühen sie auf“
Für Karin Tiebel ist genau das Teil der Idee. Die Lehrerin koordiniert die Schülerfirma und steht an diesem Freitag selbst mit im Laden. „Hier kommen wir auf einer ganz anderen Ebene zusammen als im Unterricht“, sagt sie. „Es gibt Schülerinnen und Schüler, die sich im Klassenzimmer schwertun – und hier plötzlich aufblühen.“ Gerade darin liegt für sie der entscheidende Punkt: „Hier entdecken die Jugendlichen Stärken, die im klassischen Unterricht oft unsichtbar bleiben.“ Wer etwas herstellt und später verkauft, erlebe unmittelbar Wirkung. „Jeder verkaufte Artikel steigert das Selbstwertgefühl.“
Und jeder verkaufte Artikel trägt dazu bei, dass sich die Schülerfirma selbst finanzieren kann. „Bei der Entwicklung der Produkte lernen die Schülerinnen und Schüler einfache Preiskalkulationen, damit wir in geringem Maße Gewinne erzielen“, so Tiebel. Die Gewinne fließen direkt in neue Materialien, neue Ausstattung oder Weiterbildungen.
Die Idee für den Laden sei aus dem Kollegium entstanden, inspiriert von Pop-up-Stores in der Innenstadt, erzählt Schulleiter Christian Piechot. Die Stadt Verden stellte schließlich ein Ladenlokal zur Verfügung. „Ohne diese Unterstützung wäre das nicht möglich gewesen“, sagt Piechot. Für ihn ist der Store ein Lernort, der über klassische Praktika hinausgeht. „Hier verstehen die Schülerinnen und Schüler, wie die Welt funktioniert“, sagt er. „Nicht nur für ein paar Tage, sondern über einen längeren Zeitraum, mit echter Verantwortung.“ Gerade für Jugendliche, die im klassischen Schulsystem nicht immer ihren Platz finden, könne das entscheidend sein.
„Hier verstehen die Schülerinnen und Schüler, wie die Welt funktioniert“
Christian Piechot, Schulleiter der Verdener Campus Oberschule.
Lernen im echten Moment
Kurz vor Ladenschluss betreten noch einmal zwei Frauen den Laden. Eine der beiden nimmt einen Pullover in die Hand und fragt nach dem Preis. Summer zögert: „Eigentlich sind die noch nicht zu verkaufen, wir haben noch keine Preise.“ Die Frau legt den Pullover zurück und will gehen. Karin Tiebel gibt Summer ein Zeichen. Sie soll es versuchen. „Wie viel würden Sie denn zahlen?“, fragt Summer. „Das musst du doch wissen als Verkäuferin“, entgegnet die Kundin. Summer: „Vielleicht 15 Euro? Oder zehn?“ Die Frau schüttelt den Kopf. „Viel zu teuer. Das werdet ihr nie los.“ Summers letzter Versuch: „Oder fünf Euro?“ „Schönen Tag noch“, sagt die Kundin, als sie den Laden verlässt. Die Schülerin bleibt irritiert zurück.
„Na, die hatte heute Morgen aber schon gute Laune“, scherzt Tiebel. Summer fragt, ob sie etwas falsch gemacht habe. „Du hast nichts falsch gemacht“, beruhigt die Lehrerin sie. „Das ist einfach sehr direktes Feedback.“ Den Pullover hat Summer nicht verkauft, dafür aber eine wertvolle Erfahrung gewonnen, die sich nicht im Klassenzimmer lernen lässt – und für viele Jugendliche den Unterschied machen kann bei der späteren Berufswahl. Immerhin: Für Summer bleibt der Berufswunsch als Hotelfachangestellte bestehen – trotz dieses Vorgeschmacks auf so manchen Kundenkontakt im späteren Berufsleben.