„Wer spricht in wörtlicher Rede?“ Sandra Albers, Deutschlehrerin in der Klasse 6a der St.-Benedikt-Schule im Düsseldorfer Stadtzentrum, schreibt die Aufgabe für die Stillarbeit an die Tafel. Die Schülerinnen und Schüler sollen aus einem Text drei Namen notieren und farblich markieren. Konzentriert beugen sie sich über ihre Hefte. Finn (Name geändert) blickt versonnen aus dem Fenster. Nadia Mihand, die neben dem Jungen sitzt, tippt ihn kurz an und holt ihn mit einem freundlichen Nicken zurück in das Hier und Jetzt.
Die resolute Frau mit dem gewinnenden Lächeln ist Finns Inklusionshelferin. Den ganzen Vormittag unterstützt sie den Zwölfjährigen dabei, konzentriert zu arbeiten und sich an die Regeln des gemeinsamen Lernens zu halten. Ohne ihre Inklusionshelferinnen, davon ist Lehrerin Albers überzeugt, wären Finn und die beiden anderen Jungen mit sonderpädagogischem Förderbedarf in ihrer Klasse den Herausforderungen des Unterrichts an der Hauptschule kaum gewachsen.
Auch könnte der Unterricht nicht in der erforderlichen Qualität stattfinden: „Dank der Inklusionshelferinnen herrscht in der Klasse eine ruhige Lernatmosphäre. Sie sorgen dafür, dass ich meinen Unterricht abhalten kann, wie ich ihn strukturiert und geplant habe“, sagt Albers. Denn ohne die Begleiterinnen an ihrer Seite verlieren die drei Jungen mit Förderbedarf schnell die Geduld, rufen dazwischen oder laufen durch die Klasse. „Ich möchte, dass alle Schülerinnen und Schüler dieselbe Chance haben, sich auf den Unterricht konzentrieren zu können. Das wäre ohne die Inklusionshelferinnen nicht gegeben“, so die Klassenlehrerin.
Inklusionshelferinnen und -helfer helfen ausgewählten Kindern dabei, dem Unterricht zu folgen. Unterstützung beim Unterrichtsstoff hingegen geben sie nicht – das würde die Lernergebnisse verzerren.
Ob Deutsch, Mathe oder im sozialen Miteinander: Besonders an Schulen im Brennpunkt brauchen einige Kinder mehr Unterstützung als andere. Durch die individuelle Begleitung haben sie erst eine Chance auf Teilhabe.
Recht auf inklusive Bildung
Seit dem Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention 2009 wurde das Recht auf inklusive Bildung gesetzlich verankert. Inklusionshelferinnen und -helfer (auch Schulbegleiterinnen oder Integrationshelfer genannt) begleiten seitdem einzelne Kinder und Jugendliche mit körperlichen, geistigen oder seelischen Beeinträchtigungen im Unterricht, in der Pause oder auf dem Schulweg. Damit ermöglichen sie ihnen auch den Besuch von Regelschulen.
Ihren Einsatz stimmen die Inklusionshelferinnen und -helfer eng mit den Erziehungsberechtigten, der Schule und dem Jugendamt ab. Sie helfen, wenn es Konflikte gibt, sie betreuen und schützen das Kind. „Entscheidend ist, so viel wie nötig, aber so wenig wie möglich zu helfen“, erklärt Albers. Denn das langfristige Ziel der Unterstützung ist ein selbstbestimmtes Leben. Dieser Ansatz erfordert nach Ansicht von Schulleiterin Gerlinde Schulte-Kramm pädagogisches Fingerspitzengefühl, das sie dank der Teamarbeit in der Klasse 6a als besonders wertvoll empfindet. „So viel wie nötig, aber so wenig wie möglich zu helfen sichert nicht nur den Schulfrieden, sondern schenkt unseren Schülerinnen und Schülern das Wichtigste: die Erfahrung von Selbstwirksamkeit und echter Teilhabe“, sagt Schulte-Kramm.
Gut vorbereitet in die Schulbegleitung
Finns Inklusionshelferin Nadia Mihand hat ihren Job von der Pike auf gelernt. Nach ihrer Ausbildung als Inklusionsfachkraft begleitete sie mehr als 17 Jahre lang Kinder, Jugendliche und Familien in verschiedenen Lebenslagen, bevor sie in die Schulbegleitung wechselte. Unterstützung beim Unterrichtsstoff bietet Mihand nicht. Denn Hilfestellungen beim Lernstoff könnten die Beurteilung der Lehrkräfte verzerren. Und diese müssen einschätzen können, wo das Kind steht.
Vielmehr sorgen Mihand und ihre Kolleginnen dafür, dass die drei Jungen gut durch den Schulalltag kommen. Das erfordert nach ihrer Ansicht eine enge Beziehung. „Wir sind echte Bezugspersonen“, sagt Mihand. Die Voraussetzungen, um der Aufgabe gewachsen zu sein, seien Geduld, Empathie und soziale Kompetenz. „Man beobachtet und entwickelt ein Gefühl für die Kinder und Jugendlichen. Ruhe bewahren, auf Augenhöhe kommunizieren und die Betroffenen ernst nehmen mit ihren Defiziten: Damit habe ich die besten Erfahrungen gemacht“, sagt Mihand. Finn beispielsweise stand in den Pausen anfangs oft unbeteiligt am Rand. Immer wieder ermunterte Mihand ihn, mit den anderen Kindern Fußball zu spielen. Heute steht er in der Pause im Tor – und hält für seine Mannschaft den Kasten sauber.
Damit der Schulalltag gut funktioniert, pflegen Klassenlehrerin und Inklusionshelferinnen ein gutes Miteinander. „Wir sind ein eingespieltes Team“, betont Sandra Albers. „Wir arbeiten sehr gut zusammen, gehen aufeinander ein und sind auch offen für Vorschläge.“ „Ihre“ Inklusionshelferinnen seien erfahrene Kräfte, die das Beste für ihre Schützlinge herausholten, gleichzeitig aber besonnen das Gesamtsystem berücksichtigten. Die Kommunikation zwischen Finns Inklusionshelferin und der Klassenlehrerin funktioniert zum Teil sogar ohne Worte. „Manchmal reicht ein Blickkontakt, und beide wissen, was zu tun ist“, berichtet Mihand.
„Wir sind echte Bezugspersonen“
Modellprojekte für klassenübergreifende Inklusion
Sie und ihre Kolleginnen sind aus der Düsseldorfer Schule kaum wegzudenken. Doch die Inklusion von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf stellt manche Kollegien noch vor Herausforderungen. Denn auch wenn Inklusionshelferinnen und -helfer an allen Schulen willkommen sind, funktioniert die Einbindung in die pädagogischen Teams nicht überall gleich gut. Teilweise sind auch die Schülerinnen und Schüler, die eine individuelle Betreuung brauchen, Stigmatisierungen im Klassenverbund ausgesetzt. Aus diesem Grund laufen deutschlandweit mehrere Modellprojekte, um die Inklusion klassenübergreifend zu stärken.
In Lübeck beispielsweise startete schon 2013 erfolgreich ein „Poolmodell“, bei dem die Inklusionshelferinnen und -helfer für alle Kinder in der Klasse da sind – sowohl im Unterricht als auch in Pausenzeiten. Die Schulen gewinnen beim Poolmodell an Autonomie: Sie können Bedarfe selbst ermitteln, den Einsatz des Personals eigenständig steuern, auf tagesaktuelle Geschehnisse Rücksicht nehmen und etwaige Personalausfälle selbstständig und klassenübergreifend ausgleichen. Ein weiterer positiver Nebeneffekt ist der Wegfall des bürokratischen Aufwandes, den Eltern sowie Sozial- und Jugendhilfeträger bislang bei der Stellung und Genehmigung von Anträgen bewältigen mussten.
Auch im Kreis Recklinghausen etwa nahmen zu Beginn des Schuljahres 2025/2026 sogenannte Klassenassistenzen ihre Arbeit auf. Sie sollen alle Kinder in einer Klasse unterstützen, unabhängig von persönlichen Diagnosen oder Förderbedarfen. In Essen ging gleich an zehn Grundschulen das Modellprojekt „Klassenassistenzen für schulische Inklusion“ an den Start, das vom Institut für Kinder- und Jugendhilfe wissenschaftlich begleitet wird.
Inklusionshelferin Nadia Mihand liebt ihre Arbeit mit einzelnen Schülerinnen und Schülern, weil sie „etwas Gutes bewirkt“ und sie unmittelbare Erfolge sieht. Ein Kind ein Stück seines Weges zu begleiten, damit es merkt, „es fühlt sich gut an, so wie ich bin“ – das mache ihre Aufgabe aus. Eines Tages, so Mihands Hoffnung, sollen ihre Schützlinge sagen, dass sie sich in der Schule mit ihrer Unterstützung wohlfühlen konnten.
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