Inklusion

„Entscheidend ist, so viel wie nötig, aber so wenig wie möglich zu helfen“

Sandra Albers wird in ihrem Unterricht von drei Inklusions­helferinnen unterstützt. Von der individuellen Hilfe profi­tieren alle Kinder – und auch die Lehrerin selbst.

Nadia Mihand ist ausgebildete Inklusions­fachkraft. Sie unterstützt Kinder mit körperlichen, geistigen oder seelischen Beeinträchtigungen dabei, gut durch den Schulalltag zu kommen.

„Wer spricht in wörtlicher Rede?“ Sandra Albers, Deutsch­lehrerin in der Klasse 6a der St.-Benedikt-Schule im Düsseldorfer Stadtzentrum, schreibt die Aufgabe für die Stillarbeit an die Tafel. Die Schülerinnen und Schüler sollen aus einem Text drei Namen notieren und farblich markieren. Kon­zentriert beugen sie sich über ihre Hefte. Finn (Name geändert) blickt ver­sonnen aus dem Fenster. Nadia Mihand, die neben dem Jungen sitzt, tippt ihn kurz an und holt ihn mit einem freundlichen Nicken zurück in das Hier und Jetzt.

„Ich möchte, dass alle Schülerinnen und Schüler dieselbe Chance haben, sich auf den Unterricht konzentrieren zu können. Das wäre ohne die Inklusionshelferinnen nicht gegeben“, sagt Klassenlehrerin Sandra Albers.

Die resolute Frau mit dem gewin­nen­den Lächeln ist Finns Inklusions­helfer­in. Den ganzen Vormittag unter­stützt sie den Zwölfjährigen dabei, konzen­triert zu ar­beiten und sich an die Re­geln des gemein­samen Lernens zu halten. Ohne ihre Inklu­sions­helfer­innen, davon ist Lehrerin Albers über­zeugt, wären Finn und die beiden an­deren Jungen mit sonder­pädago­gisch­em Förderbedarf in ihrer Klasse den Her­aus­forderungen des Unterrichts an der Haupt­schule kaum gewachsen.

Auch könnte der Unterricht nicht in der erforderlichen Qualität stattfinden: „Dank der Inklusions­helferinnen herrscht in der Klasse eine ruhige Lernatmosphäre. Sie sorgen dafür, dass ich meinen Unterricht abhalten kann, wie ich ihn strukturiert und geplant habe“, sagt Albers. Denn ohne die Be­glei­terinnen an ihrer Seite ver­lieren die drei Jungen mit Förder­bedarf schnell die Geduld, rufen dazwi­schen oder laufen durch die Klasse. „Ich möchte, dass alle Schülerinnen und Schüler dieselbe Chance haben, sich auf den Unterricht konzentrie­ren zu können. Das wäre ohne die Inklu­sions­­helfer­in­nen nicht gegeben“, so die Klassen­leh­rerin.

Inklusionshelfer­innen und -helfer helfen ausgewählten Kindern dabei, dem Unterricht zu folgen. Un­ter­stützung beim Unter­richtsstoff hin­gegen ge­ben sie nicht – das würde die Lern­ergebnisse verzerren.

Ob Deutsch, Mathe oder im sozialen Miteinander: Be­sonders an Schulen im Brennpunkt brauchen ei­nige Kinder mehr Unter­stützung als andere. Durch die individuelle Begleitung haben sie erst eine Chance auf Teilhabe.

Einige der Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf wären den Herausforderungen des Unterrichts an der Hauptschule kaum gewachsen – gäbe es die Inklusionshelferinnen und -helfer nicht.

Recht auf inklusive Bildung

Seit dem Inkrafttreten der UN-Behin­derten­rechtskonven­tion 2009 wurde das Recht auf inklusive Bildung ge­setz­­lich verankert. Inklusionshelfer­innen und -helfer (auch Schulbeglei­terinnen oder Integrationshelfer genannt) be­glei­ten seitdem einzelne Kinder und Jugendliche mit körper­lichen, geistigen oder see­lischen Beeinträchti­gungen im Unterricht, in der Pause oder auf dem Schul­weg. Damit ermöglichen sie ihnen auch den Besuch von Regelschulen.

Ihren Einsatz stimmen die Inklusions­helferinnen und -helfer eng mit den Erziehungsbe­rech­tigten, der Schule und dem Jugendamt ab. Sie helfen, wenn es Konflikte gibt, sie betreuen und schützen das Kind. „Entscheidend ist, so viel wie nötig, aber so wenig wie möglich zu hel­fen“, erklärt Albers. Denn das lang­fristige Ziel der Unter­stützung ist ein selbstbe­stimmtes Leben. Dieser Ansatz erfordert nach Ansicht von Schul­leiterin Gerlinde Schulte-­­Kramm pädagogisches Finger­spitz­engefühl, das sie dank der Teamar­beit in der Klasse 6a als besonders wert­voll em­pfindet. „So viel wie nötig, aber so wenig wie möglich zu helfen sichert nicht nur den Schulfrieden, sondern schenkt unseren Schülerinnen und Schülern das Wichtigste: die Erfahrung von Selbst­wirksam­keit und echter Teilhabe“, sagt Schulte-Kramm.

An der St.-Benedikt-Schule im Düsseldorfer Stadt­zentrum sind gleich drei Inklusionshelferinnen am Start. Sie tragen dazu bei, dass gemeinsames Lernen gut funktioniert.

Gut vorbereitet in die Schul­begleitung

Finns Inklusionshelferin Nadia Mihand hat ihren Job von der Pike auf gelernt. Nach ihrer Ausbildung als Inklusions­fachkraft begleitete sie mehr als 17 Jah­re lang Kinder, Jugendliche und Familien in ver­schie­denen Lebens­lagen, bevor sie in die Schulbegleitung wechsel­te. Unter­stüt­­­­z­ung beim Unter­richtsstoff bietet Mihand nicht. Denn Hilfestellungen beim Lernstoff könnten die Beurteilung der Lehrkräfte verzer­ren. Und diese müssen einschätzen können, wo das Kind steht.

Vielmehr sorgen Mihand und ihre Kol­leg­innen dafür, dass die drei Jungen gut durch den Schulalltag kommen. Das erfor­dert nach ihrer Ansicht eine enge Bezie­hung. „Wir sind echte Bezugs­per­sonen“, sagt Mihand. Die Vorausset­zungen, um der Aufgabe gewachsen zu sein, seien Geduld, Empathie und so­ziale Kompetenz. „Man beobachtet und entwickelt ein Ge­fühl für die Kinder und Jugendlichen. Ruhe bewah­ren, auf Au­genhöhe kommunizieren und die Be­troffenen ernst nehmen mit ihren Defiziten: Damit habe ich die besten Erfah­rungen gemacht“, sagt Mihand. Finn beispielsweise stand in den Pau­sen anfangs oft unbeteiligt am Rand. Immer wieder ermunterte Mihand ihn, mit den anderen Kindern Fußball zu spie­len. Heute steht er in der Pause im Tor – und hält für seine Mannschaft den Kasten sauber.

Damit der Schul­alltag gut funktioniert, pflegen Klas­sen­lehrerin und Inklusions­hel­ferinnen ein gutes Miteinander. „Wir sind ein eingespieltes Team“, betont Sandra Albers. „Wir arbei­ten sehr gut zusam­men, gehen aufeinander ein und sind auch offen für Vorschläge.“ „Ihre“ Inklusionshel­ferinnen seien erfahrene Kräfte, die das Beste für ihre Schütz­linge heraus­holten, gleichzeitig aber besonnen das Gesamt­system berück­sichtigten. Die Kommuni­kation zwi­schen Finns Inklusionshelferin und der Klassenlehrerin funktioniert zum Teil sogar ohne Worte. „Manchmal reicht ein Blickkontakt, und beide wissen, was zu tun ist“, berichtet Mihand.

„Wir sind echte Bezugs­per­sonen“

Modellprojekte für klassenüber­greifende Inklusion

Sie und ihre Kolleginnen sind aus der Düsseldorfer Schule kaum wegzu­den­ken. Doch die Inklusion von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf stellt manche Kollegien noch vor He­raus­forderungen. Denn auch wenn Inklusions­helferinnen und -helfer an allen Schulen willkommen sind, funk­tioniert die Einbindung in die pädago­gischen Teams nicht überall gleich gut. Teilweise sind auch die Schülerinnen und Schüler, die eine individuelle Be­treuung brauchen, Stigma­tisierungen im Klassen­verbund ausgesetzt. Aus diesem Grund laufen deutschlandweit mehrere Modellprojekte, um die Inklu­sion klassenübergreifend zu stärken.

In Lübeck beispielsweise startete schon 2013 erfolgreich ein „Poolmodell“, bei dem die Inklusionshelferinnen und -helfer für alle Kinder in der Klasse da sind – sowohl im Unter­richt als auch in Pausen­zeiten. Die Schulen gewinnen beim Poolmodell an Autonomie: Sie können Bedarfe selbst ermitteln, den Einsatz des Personals eigenständig steuern, auf tagesaktuelle Gescheh­nisse Rücksicht nehmen und etwaige Personalausfälle selbst­ständig und klassenübergreifend ausgleichen. Ein weiterer positiver Nebeneffekt ist der Wegfall des bürokra­tischen Aufwandes, den Eltern sowie Sozial- und Jugend­hilfeträger bislang bei der Stellung und Genehmigung von Anträgen bewältigen mussten.

Miteinander statt nebeneinander: Eines Tages, so Nadia Mihands Hoffnung, sollen ihre Schützlinge sagen, dass sie sich in der Schule mit ihrer Unterstützung wohlfühlen konnten.

Auch im Kreis Recklinghausen etwa nahmen zu Beginn des Schuljahres 2025/2026 soge­nannte Klassen­assis­tenzen ihre Arbeit auf. Sie sollen alle Kinder in einer Klasse unter­stützen, unabhängig von persönlichen Diagno­sen oder Förderbedarfen. In Essen ging gleich an zehn Grund­schul­en das Modellprojekt „Klassen­assis­tenzen für schulische Inklusion“ an den Start, das vom Institut für Kinder- und Jugend­hilfe wissen­schaftlich begleitet wird.

Inklusionshelferin Nadia Mihand liebt ihre Arbeit mit einzelnen Schülerinnen und Schülern, weil sie „etwas Gutes bewirkt“ und sie unmittelbare Erfolge sieht. Ein Kind ein Stück seines Weges zu begleiten, damit es merkt, „es fühlt sich gut an, so wie ich bin“ – das mache ihre Aufgabe aus. Eines Tages, so Mihands Hoffnung, sollen ihre Schütz­linge sagen, dass sie sich in der Schule mit ihrer Unterstützung wohl­fühlen konnten.

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