Das Erste, was ihm aufgefallen ist: Wie laut es hier ist, selbst für eine Schule. In den Klassenräumen, vor allem auf den Fluren. Nicht mal vor der Tür ist Ruhe, da stehen in der Pause die Raucher und Vaper. „Du hast keine ruhige Minute“, hatte Jonas Overländer vorhergesagt und gelacht, findet er nicht schlimm, eher im Gegenteil. Obwohl er selbst wirklich kein lauter Typ ist. Jetzt, nach einem Rundgang durch die tatsächlich ziemlich lauten Flure des Berufskollegs am Goldberg in Gelsenkirchen, sagt er: „Das Leben ist hier.“
An dem Gymnasium, auf das er selbst gegangen ist, dürfte einer der lauteren Teile die Jazz-AG gewesen sein, in der er spielte. Jonas Overländer ist 21, jünger als mancher Schüler hier am Berufskolleg. Eigentlich studiert er in Bochum Germanistik und Philosophie auf Lehramt. Alle zwei Wochen fährt er nach Gelsenkirchen, um hier an der Schule zu arbeiten. Ein Nebenjob, einerseits. Aber er ist auch Teil eines Versuchs, der Nachwuchs an Schulen bringen soll, an denen immer weniger Lehrer unterrichten wollen.
Das Berufskolleg am Goldberg ist nicht nur laut, sondern für den Erstbesucher auch einigermaßen unübersichtlich. Es besteht aus sieben verwinkelten Gebäudeteilen. Gebaut wurde der Großteil des Komplexes in den Fünfzigern, was einigen Trakten auch anzusehen ist. Verschrammter Linoleumfußboden, speckige Tapete, im Computerraum tropft der Wasserhahn. Andere Teile haben sie inzwischen sanieren können, da sind die Wände jetzt zum Beispiel Magenta. Aber überall hängen digitale Tafeln an den Wänden.
2250 Schülerinnen und Schüler haben sie hier. „Alles dabei“, sagt Schulleiter Ralf Niebisch, 55 Jahre alt, der den Schulrundgang anführt. Im Vorbeigehen fragt er ständig müde aussehende Jugendliche: „Und in welche Klasse gehen Sie?“ Knapp die Hälfte der Schüler macht hier den schulischen Teil der Ausbildung, viele sind angehende Kaufleute und medizinische Fachangestellte. Dann gibt es die, die ihr Abi machen. Aber auch die, die ihren Hauptschulabschluss nach der zehnten Klasse nachholen. Die, die in „Internationalen Förderklassen“ Deutsch lernen. Oder die, denen man in der „Alphabetisierungsklasse“ überhaupt erst mal Lesen und Schreiben beibringen muss.
Schulleiter Niebisch umreißt ein paar Rahmendaten: 40 Prozent Bürgergeldquote unter den Schülern. 80 Prozent mit Zuwanderungsgeschichte, was für sich genommen kein Negativkriterium sei, aber gewisse Sprachschwierigkeiten und manchen kulturellen Konflikt erkläre. Immer mal wieder gibt es auch Prügeleien. Einige Schüler haben gut gefüllte Vorstrafenregister, Gewalt, Drogen, alles Mögliche. Manche erleben zu Hause selbst Gewalt. „Zwangsheirat, auch ein Thema“, sagt von der Seite Schulsozialarbeiterin Alexandra Pandilov. Eine Brennpunktschule, könnte man sagen, dabei liegt sie gar nicht im Brennpunkt: Hier im Stadtteil Buer sind die Hecken vor den Reihenhäusern eher sauber gestutzt und die Vorgärten recht großzügig – für Gelsenkirchener Verhältnisse. Jonas Overländer sagt, ein Freund von ihm nenne es „Beverly Buer“. Viele Schüler kommen aus anderen Ecken der Stadt, die immerhin eine der ärmsten Deutschlands ist. Der Schulleiter sagt, wenn man die Adresslisten aus manchen Klassen abfahre, „da sind Häuser dabei, wo du denkst, da kann doch keiner leben“.
Niebisch, sonst eher ein Freund des klaren Wortes, sagt lieber: Schule in fordernder Lage. Auch weil er findet, dass die Situation der Schule und ihrer Schüler zwar alle fordert, aber es nicht immer und ausschließlich brennt. Obwohl sie neulich mal wieder Polizei und Rettungsdienst rufen mussten, weil ein Schüler Pfefferspray versprüht hatte.
Mit solchen Dingen umzugehen, „das lernt man in der Uni nicht“, sagt Jonas Overländer. Muss man aber drauf eingestellt sein, sagt wiederum Schulleiter Ralf Niebisch. Er hat schon einige neue Lehrer erlebt, die schnell wieder weg waren.
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Praktisch überall in der Republik fehlen Lehrkräfte, allein in NRW sind 8000 Stellen unbesetzt. Besonders trifft es das Ruhrgebiet und ganz besonders eben Brennpunktschulen. Viele wollen lieber in entspannteren Gegenden oder am Gymnasium unterrichten. Die Bezirksregierung Münster hat vor zwei Jahren sogar angefangen, Lehrkräfte aus Münster an Grundschulen nach Gelsenkirchen, Bottrop oder Recklinghausen abzuordnen, was einige ganz und gar nicht lustig fanden.
Seit 2024 läuft nun das Experiment, bei dem der Student Jonas Overländer mitmacht: das „Lehramtsstipendium Ruhr“. Die Idee ist, dass Lehramtsstudierende von der Ruhr-Uni Bochum, der TU Dortmund und der Uni Duisburg-Essen erstens Workshops und Seminare über Bildungsgerechtigkeit bekommen und dass sie zweitens als „Lernhelfer“ an Brennpunktschulen arbeiten. Dafür bekommen sie 300 Euro im Monat. In der Hoffnung, dass sie am Ende des Studiums nicht an ein katholisches Gymnasium im Münsterland gehen, sondern an eine der besonders gekniffenen Schulen im Ruhrgebiet.
Ein paar Wochen vor dem Schulrundgang sitzt Jonas Overländer in einem Café in seiner Heimatstadt Dinslaken. Beworben habe er sich, erzählt er, „weil ich ein politischer Mensch bin“. Er ist bei den Jusos und sagt mit seinen 21 Jahren tatsächlich Sätze wie diesen: „Das sozialdemokratische Aufstiegsversprechen muss auch für die nächsten Generationen gelten.“ Seine Mutter kam als Kind mit ihren Eltern aus Polen nach Deutschland, sein Großvater hat dann unter Tage geschuftet, seine Mutter war auf der Haupt- und der Realschule, arbeitete später in der Pflege.
„Bildungschancen sind nicht fair verteilt“, sagt Overländer, über eine Limonade gebeugt. „Man kann sich eben nicht aussuchen, in welche Familie man reingeboren wird.“ Die Schule, findet er, „kann ein Ausweg sein“. Und da würde er gern etwas beitragen. Außerdem fand er, dass alle Theorie an der Uni ja nett sei, dass aber ein bisschen mehr als die fünf vorgesehenen Wochen Schulpraktikum in drei Jahren Bachelorstudium schon nicht schlecht wären.
Bis zu drei Jahre lang bekommen die Stipendiaten das Geld, das Begleitprogramm mit den Seminaren läuft bis zum Ende ihres Masters. Jonas Overländer ist Teil des ersten Jahrgangs. Mittlerweile gibt es einen zweiten, insgesamt 136 Studierende. Bezahlt wird das alles vom Schulministerium in Düsseldorf, von der RAG-Stiftung der ehemaligen Ruhrkohle AG, die dafür sorgen soll, dass in den alten Bergbaustädten des Ruhrgebiets etwas nachwächst, und von der privaten Wübben-Bildungsstiftung.
„Das Personal der Schulen in herausfordernden Lagen empfängt jede neue Lehrkraft mit offenen Armen“, sagt Nordrhein-Westfalens Schulministerin Dorothee Feller (CDU), was wohl so viel heißen soll wie: Die brauchen wirklich jeden. Die Stipendiaten zeigten, sagt Feller, „dass sie genau diese Schulen bereichern wollen“. Den Mangel an den Brennpunktschulen werden sie nicht allein mit dem Stipendienprogramm lösen. Es soll helfen, und immerhin soll es weitergehen: Gerade hätten sie die Förderzusage für zwei weitere Jahrgänge bekommen, sagt Hanna Baumgarten, die das Projekt koordiniert.
Die Zeit als Lernhelfer ist auf drei Semester ausgelegt. Jonas Overländer hat Anfang 2025 am Berufskolleg am Goldberg angefangen. Eigentlich studiert er Lehramt für Gymnasium und Gesamtschule, aber Berufskolleg, das fand er interessant, auch weil es ebenso verschiedene Zweige gibt. Anfangs war er jeden Freitag da, im Sommer zeitweilig sogar zwei-, dreimal pro Woche. Jetzt ist sein Uni-Stundenplan voller, deshalb schafft er es nur noch jeden zweiten Freitag.
Wie bändigt man Teenager, die alles im Kopf haben, außer brav zuzuhören? Schulleiter Ralf Niebisch sagt, er sei wirklich froh, ihn zu haben. Im Vergleich zu anderen Schulen gehe es ihnen hier zwar ganz gut, 94 Prozent besetzte Stellen. Aber damit kein Unterricht ausfallen muss, gilt als Richtwert eigentlich 110 Prozent, weil es ja immer auch Krankheitsfälle oder Elternzeiten gibt. Am Morgen hätten sich allein zehn der 110 Lehrkräfte krankgemeldet, sagt Niebisch. „Wir brauchen Mensch!“ Es klingt nach einem Flehen.
In dem knappen Jahr, das Jonas Overländer jetzt in Gelsenkirchen arbeitet, hat er mal Nachhilfe gegeben, mal einen kleinen Deutschkurs geleitet, über vier Wochen sogar sein eigenes Projekt mit einer der Integrationsklassen gemacht: dazu, was Bildungsgerechtigkeit für die Schüler bedeutet. Oft ist er bei Lehrerinnen und Lehrern mitgelaufen und hat sich den Unterricht angeschaut. In einer der Klassen, in der Schüler ihren Hauptschulabschluss nachholen, sagt er mit Schulleiter Niebisch an diesem Mittag kurz Hallo. Vorn erzählt eine Jugendliche, dass sie gerade Praktikum in einer Arztpraxis gemacht habe, neben ihr meckert ein anderer, dass der Chef in seinem Praktikum im Supermarkt ihn nur ausgenutzt habe. Hinten rangeln zwei Jungs und brüllen rum.
Wieder draußen vor der Tür sagt Schulleiter Niebisch, bei vielen dieser Jugendlichen habe es schon einen Grund, dass sie an der Regelschule den Abschluss nicht geschafft hätten. „Verhaltenskreativ“ nennt er sie. Overländer lacht und sagt, er sei beim ersten Mal doch ganz froh gewesen, nicht allein vor der Klasse zu stehen. Muss man ja auch erst mal lernen: eine Gruppe Teenager bändigen, die alles im Kopf haben, nur nicht brav zuhören.
Wobei ihm die Freude anzusehen ist, wenn sich Klischees gerade nicht bestätigen. Der Weg über den Parkplatz führt zur „Study Hall“, dem Schülertreffpunkt mit Sitzecken, Beamer, Bastelsachen, Spielen und Büchern; im Moment ist es Jonas Overländers Einsatzort. Er setzt sich neben den Schulleiter an einen der niedrigen Tische und erzählt, wie viel Spaß die Schüler neulich gehabt hätten beim gemeinsamen Knüpfen von Armbändern. Auch die Jungs übrigens, von denen man das nicht unbedingt erwartet hätte. Am Nebentisch sitzen gerade wieder drei, 15, 16 Jahre alt vielleicht, Bomberjacken, die Haare an den Seiten kurz rasiert. Zwei basteln Armbänder, einer malt. Nebenbei hört man, wie sie sich auf Türkisch unterhalten und dann die zweite Studentin, die hier arbeitet, ausfragen, was bei der Uhrzeit auf Deutsch noch mal der Unterschied zwischen Viertel nach und Viertel vor ist. Sie erklärt es geduldig.
Irgendwann zwischen Kaffee und Keksen stupst der Schulleiter Jonas Overländer an: „Die Zeit hier hat Ihr Berufsziel aber nicht in weitere Ferne gerückt, oder?“ Overländer schüttelt sehr energisch den Kopf. „Auf gar keinen Fall!“ Aber 2026 will er erst mal mit dem Bachelor fertig werden, dann kommt der Master, erst danach ja das Referendariat. Ob es am Ende ein Berufskolleg im Ruhrgebiet wird, weiß er noch nicht. Aber er kann es sich vorstellen. Schulleiter Niebisch nickt zufrieden. Mehr kann er nicht erwarten, findet er.
Dieser Artikel wurde zuerst in der Süddeutschen Zeitung (SZ) am 30. Dezember 2025 veröffentlicht.
Hinweis der Redaktion: Da es sich um einen Originaltext der SZ handelt, wird darin der Begriff „Brennpunktschulen” verwendet und darf durch uns nicht verändert werden. Auf SchuB bevorzugen wir die Begriffe „Schulen im Brennpunkt” und „Schulen in herausfordernder Lage”.
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