Wenn Engin Çatık, der Schulleiter der Friedrich-Bergius-Schule, in den vergangenen Monaten vor sein Kollegium trat, hatte er oft Neuerungen zu verkünden. Es gab viel zu tun, schließlich war er eingestellt worden, um die Berliner Skandalschule auf einen besseren Weg zu bringen. Als er in diesen Tagen die Lehrerinnen und Lehrer um sich versammelte, verkündete er hingegen seinen Abschied zum Ende des Schuljahres. Nach etwas mehr als einem Jahr hat sich der junge Pädagoge entschieden, zu gehen. Wohin genau ist zum jetzigen Zeitpunkt noch unklar.
Es ist das Ende eines Dauerlaufs. Wer Çatıks in den vergangenen Monaten begleitete, konnte das ahnen. Wie sollte das jemand durchhalten? Sein Alltag als Schulretter war gespickt mit kleinen und großen Vorfällen, Konflikten, Streit. Kaum war das eine Problem gelöst, wartete das nächste vor seiner Tür.
So wie an einem Tag im September 2025: Das neue Schuljahr hat begonnen. Zwei Jungen warten auf einer Bank im Korridor auf ihr Gespräch mit dem Schulleiter. Sie haben mit einer Karte das verschlossene Tor im Pausenhof geknackt, um das Schulgelände ohne Erlaubnis zu verlassen. Eine Lehrerin hat sie erwischt.
Im Büro von Çatık stapeln sich Ordner und Akten. Ein weißer Kopfhörer liegt daneben, die rechte Muschel hängt an wenigen Kabeln. Jemand muss mit voller Wucht daran gezogen haben. „Der Kopfhörer gehört einer Schülerin“, sagt Çatık und zieht eine Augenbraue nach oben. Ein Schüler habe ihn kaputt gemacht. Dann wird er vom Klingeln des Telefons unterbrochen.
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Ein Brandbrief und Skandale
Im November 2024 war die Bergius-Schule zum Symbol dessen geworden, was in Deutschlands Bildungssystem schiefläuft. Die integrierte Sekundarschule – eine Berliner Schulform, in der Jugendliche einen Haupt- oder Realschulabschluss erlangen können – machte damals bundesweit Schlagzeilen. Das gesamte Kollegium hatte einen Brandbrief an die Schulaufsicht geschrieben. Von „bedrohlicher Gewaltbereitschaft“ seitens der Schülerschaft war darin die Rede, von „Zusammenrottungen“ auf dem Schulhof, von einer Angstatmosphäre unter den Schülerinnen und Schülern, von Überlastung des Lehrenden.
Mitte Januar vergangenen Jahres folgte der zweite Skandal: Ein Siebtklässler wurde von einer großen Gruppe Jugendlicher gejagt, die Polizei rückte mit einer Hundertschaft an. Infolgedessen stellte Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU) die damalige Schulleiterin frei. Statt ihrer beorderte Günther-Wünsch den 38-jährigen Engin Çatık hierher, mit dem Auftrag, „die Schule zu stabilisieren“. Vor etwa sechs Jahren hatte Çatık sich als Krisenmanager einen Namen gemacht, als er die Johanna-Eck-Schule, die wegen Rassismusvorwürfen und Mobbing in die Schlagzeilen geraten war, als neuer Schulleiter mit Vertrauensaufbau und einer neuen Schulkultur aus der Krise führte. DIE ZEIT berichtete, als er die Leitung der Bergius-Schule übernahm.
Im neuen Schuljahr solle alles anders werden, hatte Çatık damals gesagt. Die Ambitionen waren groß. Hat er etwas bewegen können? Kann die Bergius-Schule zu einem Beispiel werden, wie sich die Situation an Berliner Brennpunkt-Schulen verbessern ließe? Wer in der Schule nach Antworten sucht, findet neue Fragen. Die größte ist: Wie soll es hier weitergehen?
Das alte Gemäuer der Friedrich-Bergius-Schule im bürgerlichen Ortsteil Friedenau liegt zwischen den Villen, in denen wohl keiner der rund 400 Schülerinnen und Schüler der Schule wohnt. Viele kommen aus Familien in schwierigen Lagen, die wenig Geld und kaum Zugang zu Bildung haben. Jeden Tag fahren sie aus anderen Bezirken mit der S-Bahn zur Schule.
Einige Veränderungen sieht man der Schule von außen an. Das Hauptportal ist verschlossen. Neben der Klingel hängt ein Schild mit dem Hinweis, dass diese Maßnahme „aus Sicherheitsgründen überwiegend während der Unterrichtszeit“ greift. Darunter stehen die Einlasszeiten für die Schülerinnen und Schüler. Wer zu spät kommt, muss warten, bis ein Sozialarbeiter öffnet.
Im Innern der Schule fallen weitere Neuerungen auf. Zwar befinden sich auf der linken Seite noch immer Schul-Informationen als Papieraushänge hinter Glas. Doch rechts wurde ein großer Bildschirm angebracht, der Änderungen in den Stundenplänen anzeigt. Und das Schulmuseum im Erdgeschoss, das es seit 2010 gibt, wurde zu einem sogenannten Trainingsraum umfunktioniert. Statt Vitrinen stehen dort nun Einzeltische für Schülerinnen und Schüler, die den Unterricht stören und hier ihr Verhalten reflektieren sollen – in der Nähe der Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter.
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Eine verantwortliche Person ist nicht genug
Çatık kam mit einem Plan. Er wollte für Aufbruchstimmung im Kollegium sorgen, eine neue Schulstruktur und -kultur etablieren, die Gräben zwischen Schüler- und Lehrerschaft überwinden, eine neue Schulgemeinschaft aufbauen. Er wollte Schülerinnen und Schülern, die im Unterricht nicht stillsitzen können, ein neues Lernangebot ermöglichen und die Schule im bürgerlichen Viertel verankern.
Was er nicht hatte: mehr Geld. Und was er auch nicht bekam: mehr Personal. Als eine andere Berliner Brennpunkt-Schule, die Rütli-Schule, vor rund 20 Jahren umgestaltet wurde, gab es von beidem reichlich. Das Ergebnis war eine Vorzeige-Schule, der Rütli-Campus. Diesmal sollte ein Mann reichen: Çatık.
Hat es gereicht? Was sich auf jeden Fall verändert hat, ist die Verfassung des Schulleiters. Wirkte er beim ersten Besuch der ZEIT noch energiegeladen, zeigt er sich im Verlauf des Jahres zunehmend erschöpft. Çatık sagt, er habe keine Energie verloren. Als es an der Tür klopft, reibt Çatık sich die Augen und nimmt einen Schluck Kaffee, bevor er hereinbittet. Eine junge Lehrerin steht im Türrahmen. Sie ist neu an der Schule. „Ich wollte mit dir über eine Fußball-AG nur für Mädchen sprechen“, sagt sie. „Ich möchte sie anbieten.“ Çatık dreht sich zu ihr und lächelt. „Ich finde deine Motivation toll, aber das Schuljahr ist erst losgegangen. Es wird noch genug auf dich zukommen. Lass uns erst mal abwarten.“
Präsenz reicht nicht aus
Von Tag eins war der neue Schulleiter bemüht, bei den Schülerinnen und Schülern präsent zu sein. Aber Präsenz allein löst nicht die Fälle, die immer wieder bei ihm landen. „Ich muss zugeben, zu einigen Schülern habe ich den Zugang verloren, weil sie sich auch selbst nichts mehr zutrauen“, sagt Çatık.
Einem Schüler begegnet er nur in Konfliktsituationen, in denen er sein Verhalten bestrafen muss. Çatık zeigt auf den weißen Kopfhörer. Dieser Schüler war zuletzt in einem Langzeitpraktikum und sei nun wieder an der Schule. Für Fälle wie ihn hat Çatık eine Praxislerngruppe ins Leben gerufen, in der die Schüler drei Tage unterrichtet werden und sich zwei Tage im Praktikum befinden. Doch bei ihm gerät auch Çatık an seine Grenzen. Der Schüler schaffe es nicht einmal, regelmäßig mindestens einen Tag pro Woche in die Schule zu kommen. Und wenn er da sei, dann schreie er im Flur, störe den Unterricht, sei in den Pausen stark verhaltensauffällig. „Bei solchen Kindern und Jugendlichen müssen wir viel früher als in der Schule ansetzen“, sagt er. Solche Fälle zeigen ihm, dass die Schule an Grenzen kommt. „Migration, Inklusion, Fluchterfahrung, Sprachdefizite – wir können als Schule nicht alle gesellschaftlichen Herausforderungen auffangen. Das System krankt.“
Seit diesem Schuljahr ist die Friedrich-Bergius-Schule Teil des bundesweiten Startchancen-Programms, das benachteiligten Kindern und Jugendlichen helfen soll und so zur Chancengleichheit im Bildungssystem. Das helfe, sagt Çatık. Damit könne er unter anderem Programme wie das Leseband finanzieren, das nun angeboten wird. Aber das allein reicht bei Weitem nicht, um die tiefgehenden Probleme zu lösen.
Melanie Wink überlegt lange, bevor sie auf Fragen antwortet. Manchmal kneift sie die Augen zusammen. Wink hat 2024 den Brandbrief unterschrieben. Sie sei damals nicht mehr gern zur Arbeit gegangen, die Grundstimmung sei negativ gewesen, Lehrkräfte und Schulleitung seien überfordert gewesen und hätten sich nicht mehr zu helfen gewusst. Damals dachte Wink daran, nicht nur die Schule zu wechseln, sondern den Beruf aufzugeben.
„Migration, Inklusion, Fluchterfahrung, Sprachdefizite – wir können als Schule nicht alle gesellschaftlichen Herausforderungen auffangen. Das System krankt.“
Engin Çatık , Schulleitung an der Friedrich-Bergius-Schule in Berlin
Nicht alle sind von Çatık überzeugt
Als Çatık im Februar des vergangenen Jahres die Bergius-Schule übernommen habe, habe er einen guten ersten Eindruck gemacht, sagt Wink. Dennoch seien die meisten im Kollegium skeptisch gewesen. „Wir waren nicht happy, wie die damalige Schulleiterin abgesetzt worden war. Das war nicht fair“, sagt sie. „Es ging alles so schnell.“ Çatık mache einen guten Job. Er habe versucht, das Kollegium da abzuholen, wo es stand. Das betont Wink immer wieder im Gespräch. Sie wisse das zu schätzen. Die Stimmung habe sich deutlich verbessert. Dennoch sei der Krankenstand noch immer so hoch wie zu Zeiten des Brandbriefs.
Heute sind nicht alle im Kollegium von Çatık überzeugt. Wink spricht von drei Gruppen: Gegner, Unterstützer – und jene, die seine Arbeit schätzen, aber auf Distanz bleiben, weil sie glauben, dass er die Schule bei nächster Gelegenheit verlassen wird.
„Es gab Kolleginnen und Kollegen, die die Kinder im Lehrerzimmer lautstark als dumm und asozial bezeichnet haben“, sagt Seibert. Das habe ihn irritiert. Noch heute bevorzugten viele ältere Lehrkräfte die Methoden des autoritären Schulleiters, erzählt er. Doch es gebe auch Menschen im Kollegium, die anpacken und etwas verändern wollten – häufig eher die Jüngeren.
Seibert beschreibt seine Schülerinnen und Schüler nicht als gewalttätig, etliche seien eher verwahrlost. Der Lehrer spricht von fettigen Haaren, von Jugendlichen, die vier Wochen hintereinander dieselbe Jogginghose tragen. Er habe sogar zwei Schüler gehabt, die einen Hautpilz auf dem Kopf gehabt hätten, der nicht mehr zu übersehen gewesen sei. „Diese Kinder und Jugendlichen haben alle möglichen Probleme.“ Das könne von einem gewalttätigen Elternhaus über mögliche sexuelle Übergriffe bis zu Drogenabhängigkeiten reichen. „Vieles liegt im Graubereich. Und uns fehlen ganz konkrete Tatbestände und die Kapazitäten, um vielem konkret nachgehen zu können. Es sind einfach so viele Kinder von strukturellen Problemen betroffen“, sagt er.
Ohne das Leben außerhalb der Schule geht es nicht
Das ist das große Thema, wenn es darum geht, wie es mit der Friedrich-Bergius-Schule weitergehen soll. Was kann man jenseits der Klassenräume und des Pausenhofs an den Verhältnissen ändern, in denen die Kinder aufwachsen? Will Seibert mit den Eltern ins Gespräch kommen möchte, erreicht er oft niemanden.
Doch der Lehrer, der Informatik unterrichtet, kann auch von Erfolgen berichten. Ihm sei aufgefallen, dass viele gern Hacken lernen wollen, erzählt Seibert. Daran habe er angeknüpft: Wer Hacker werden wolle, müsse erst einmal lernen, einen Ordner anzulegen, sagte er im Unterricht. Das habe bei einem Teil der Schüler gut funktioniert. Und wenn einige Schülerinnen und Schüler den Unterricht früher geschwänzt hätten, blieben sie mittlerweile in der Schule. „Sie beginnen den Ort langsam zu schätzen“, sagt er.
Eine neue Station für Çatık
Bei einem neuen Besuch Anfang März 2026 sind Çatıks Augenringe verschwunden. Auf dem vorher vollgestellten Tisch in seinem Büro liegen nur ein paar Zettel mit Stichpunkten. Und ein Notizbuch mit der Aufschrift „Unerschrocken Denken“. Die Entscheidung, zu gehen, ist gefallen: „Für mich und einige erfahrene Kollegen war von Anfang an klar, dass ich nicht lange bleiben werde“, sagt Çatık. „Die Krise ist vorüber, ausschreitende Eskalationen hat es nicht mehr gegeben.“
Und doch habe sich etwas verschoben. „In meiner Zeit habe ich es geschafft, im Kollegium und an der Schule eine Sensibilität für die Lebensrealität der Schülerinnen und Schüler zu erhöhen“, sagt Çatık. Davon sei er überzeugt.
Aber viele Herausforderungen seien noch da. Etwa die Sprachdefizite, die Fehlzeiten der Schülerinnen und Schüler, das fehlende Engagement der Eltern. „Es sind alles Daten, die sich noch verbessern müssen“, gibt er zu. Es brauche noch viel, um an vergleichbare Schulen in Deutschland anzuknüpfen. Aber nicht mehr mit ihm.
Nicht mehr mit dem Mann, der die einzige Idee war, wie man der Bergius-Schule helfen könnte.