Schulgemeinschaft

Per Schatzsuche zur Wohlfühlschule

In der Ganztagsgrundschule Völklingen/Heid­stock-Luisen­thal unternehmen alle Kin­der eine Lernreise mit dem Schiffsklabauter Jonte. So wird sie zum Wohlfühlort.

Wie ein Fernrohr haben die Kinder der Klasse 2c von der gebundenen Ganz­tagsgrundschule Völklingen/Heidstock-Luisen­thal im Saarland ihre Hände ge­formt und halten sie vor die Augen. Sie schauen zuerst nach links und rechts, dann auf ei­ne große Schatzkarte, die in ihrer Mitte liegt. „Oh, wie schön!“, rufen ein paar Mädchen und zeigen auf ge­malte Palmen, Wasserfälle und Hänge­brücken. Die Blicke der Kinder wandern über die Karte. Sie suchen nach einem Schlüsselteil, den der Schiffsklabauter Jonte verloren hat und der zu ihrer Wohlfühlschule führt.
Die Kinder der Klasse 2c der gebundenen Ganz­tagsgrundschule Völklingen/Heidstock-Luisenthal machen begeistert mit, wenn es darum geht, Rät­sel und Aufgaben rund um den Schiffsklabauter Jonte zu lösen.

Die Geschichte von Jonte haben die Lehrkräfte der Ganztagsgrundschule verfasst und da­zu eine Lernreise er­funden. Von Klasse eins bis vier begeg­nen die Kinder immer wieder dem Kla­bauter – sei es am Eingang der Schule, wo eine kleine Wichtel-Tür zu Jontes Wohnreich führt, oder in selbst entwi­ckelten Unterrichtseinheiten. In einem eigens dafür gestal­teten Bilderbuch er­fahren sie von Jontes Erlebnissen und bekommen auf Schatz­karten verschie­dene Aufgaben gestellt. Dabei geht es zum Beispiel um das Übernehmen von Verantwor­tung oder darum, sich gegen­seitig Mut zu machen. Ge­meinsam sol­len die Schülerinnen und Schüler so Werte erleben und erlernen, die aus ihrer Schule eine Wohl­fühlschule ma­chen. Denn das ist das große Ziel der Ganztagsgrundschule Völklingen/Heid­stock-Luisenthal: eine Schule zu sein, an der sich alle wohlfühlen – sowohl die Kinder, die jeden Tag hierherkom­men, als auch alle, die hier arbeiten.

Jonte ist überall prä­sent: Am Eingang der Schule führt eine kleine Wichtel-Tür zu Jontes Wohnreich. Der Schiffs­klabauter ist integriert in Geschich­ten, Rätsel, Aushänge, Hinweise und in vieles mehr.
„Auf dem Weg zur Wohlfühlschule, Teil 1“: Eigens wurden Mate­ria­lien wie dieses Bilder­buch hergestellt, in dem die Kinder von Jontes Abenteuern erfahren.
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Gemeinsame Werte statt Gewalt und Strafen

Als die jetzige Schulleiterin Linda Ried-Ackermann vor et­wa vier Jahren hier an­fing, war das alles andere als eine Wohl­fühlschule. „Unter den Kindern herrschte eine hohe Gewaltbereit­schaft, Schimpf­wörter schallten laut über den Hof, es gab viele Konflikte, die Stimmung war rau“, er­innert sich Ried-Ackermann. Sie hatte sich bewusst für diese Schule im Brennpunkt beworben, weil sie spürte, hier wirklich gebraucht zu werden. Auch im Kollegium do­mi­nierte damals eine verzweifelte An­spannung. Androh­ungen und Strafen wa­ren die vorrangige Reaktion auf Aus­einan­dersetzungen. „Wir alle spürten den Druck. Es war klar, dass sich etwas ändern musste.“

Und so holte Ried-Ackermann alle Lehr­kräfte sowie die Erzieherinnen und Er­zieher an einen Tisch, um Fragen zu klä­ren: Wie möchten wir hier mitein­ander arbeiten und umgehen, vor allem wenn es mal nicht rundläuft? Was sind un­sere Werte, nach denen wir handeln möchten? Das Kolle­gium nutzte päda­gogische Tage und Mikro­fort­bildungen, um ein gemeinsames Leit­bild zu ent­wickeln: „mit Beziehung, Basis­kompe­tenz und Bildung zur Wohl­fühlschu­le“. Das fußt auf klar definierten Werten, aus denen vier Leitziele formuliert wurden:

Die Arbeit mit Jonte trägt Früchte: „Un­sere ganze Sprache hat sich verän­dert. Wir sind alle viel wert­schätzender unterwegs“, stellt Schul­leiterin Linda Ried-Acker­mann fest.
Die gebundene Ganztags­grund­schule Völklin­gen/­Heidstock-Luisenthal: frü­her ein Ort vieler Streitig­keiten und Kraftaus­drücke, heute eine Wohlfühl­schule, in der Werte und Normen Orien­tierung geben.
  1. Ich achte auf mich und meine Um­welt.
  2. Ich bin da – egal, was kommt.
  3. Ich helfe, wo ich kann, wenn es er­wünscht ist.
  4. Ich behandle alle so, wie ich be­handelt werden möchte.
Hinter Ried-Ackermanns Schreibtisch hängen an der Wand Plakate mit Inseln, auf denen Hinweise zu Übungen der vier Leitsätze zu finden sind.

„Die Sätze muten einfach an, aber wir ha­ben sie mit vie­len Handlungen ge­füllt“, er­klärt die Schulleiterin und zeigt auf die Wand hinter ihrem Schreibtisch. Hier hän­gen Pla­kate mit Inseln, auf de­nen Hin­weise zu Übungen der vier Leit­sätze zu finden sind, zum Beispiel „Wasserfall der Wert­schätzung“, „Gi­raffensteppe der Gewalt­freiheit“ oder „Hängebrücke des Vertrau­ens“. Pro Halbjahr behandeln die Klassen jeweils eine Insel und erarbeiten sich de­ren Inhalte. In den Klassen drei und vier wiederholt sich das Ganze auf unter­schiedlichen Niveaus, um die Werte zu verstetigen.

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Wohlfühlen lässt sich üben und lernen

Die Klasse 2c bereist an diesem Früh­lingsmorgen die vierte Insel. Mit ihrer Lehrerin Carolin Steinmann sprechen die Kin­der gemeinsam den Leitsatz dazu aus: Ich behandle alle so, wie ich behandelt werden möchte. „Was bedeu­tet das wohl?“, fragt Steinmann in die Klasse. „Wenn ich nicht möchte, dass mich jemand anschreit, muss ich auch ruhig sprech­en“, ant­wortet Milena. „Ich mache keine anderen nach, weil ich das auch nicht mag“, meint Jamie. In der Jonte-Saga er­zählt der Klabauter, wie er sich auf dieser Insel ohne Gewalt mit den hier lebenden Piratinnen und Pi­raten auseinander­setzt, indem er offen und freundlich mit ihnen redet.

„Die Übungen sind besonders wichtig. Da­mit sammeln die Kinder eigene Er­fahrun­gen, an die sie sich bei Bedarf erinnern und nach denen sie dann han­deln können“, er­zählt Steinmann. Zur Insel vier gehört zum Beispiel der „Was­serfall der Wert­schätzung“, unter dem die Schülerin­nen und Schüler Dinge äu­ßern, die sie anei­nander mögen. „Mir hat jemand gesagt, dass er meine Haa­re schön fin­det. Das war wie eine war­me Dusche“, erinnert sich Ma­reike aus der 4a. Ihre Klasse hat heute von der Lehrerin Büsra Bilir Probleme geschil­dert bekommen, die die Kin­der nun in Kleingruppen mithilfe der vier Leitsätze lösen sollen. Dabei kommt auch Marei­kes Lieblingsübung zum Einsatz: das tiefe Ein- und Ausatmen zur Beruhi­gung. „Das hilft, wenn man wütend wird“, meint die Neun­jäh­rige. Ihr Mit­schüler Paul rät, darüber nachzuden­ken, was Jonte in dieser Situ­ation tun würde. „Der würde be­stimmt keinen Müll auf den Boden werfen oder andere schlagen.“ Bilir lächelt stolz in die Klas­se. „Es ist schön zu sehen, dass die Kinder die Leitsätze inzwischen ganz selbstverständlich anwenden.“

„Ich behandle alle so, wie ich behandelt wer­den möchte“ – so lautet der Leitsatz, der zur Insel vier gehört. Carolin Stein­mann dis­kutiert mit den Mäd­chen und Jun­gen über diesen und andere Werte.
Auch Lehrerin Büsra Bilir inte­griert Jonte in den Un­terricht. Sie hat Probleme geschildert, die die Kinder der Klasse 4a in Klein­gruppen mithil­fe der vier Leitsätze lösen sollen.

„Es ist schön zu sehen, dass die Kinder die Leitsätze inzwischen ganz selbstverständlich anwenden.“

Jonte kommt im Schulalltag gut an, die Kinder setzen sich unter anderem in kleinen Arbeitsgrup­pen spielend mit verschiedenen Fragestellungen auseinander.
Schulleiterin Linda Ried-Ackermann schlüpft jede Woche in ein Kapi­tänskostüm und liest den Schü­lerinnen und Schülern Briefe von Jonte vor.

Mehr Juhu-Momente für alle

Was hat sich an der Ganztagsgrund­schule Völklin­gen/Heidstock-Luisenthal durch Jonte verändert? „Es gibt bei uns definitiv weniger Gewalt als früher“, findet Linda Ried-Ackermann. Die Kinder haben erfah­ren, dass sich Konflikte auch anders lösen lassen, ohne Be­leidigun­gen oder Schläge. Und dass sie für Fehlverhalten Verant­wor­tung über­nehmen müssen. Die Leit­sätze ermög­lichen eine Kommunikation auf Au­gen­höhe – mit den Kindern, aber auch un­ter den Erwachsenen. „Wir haben eine ge­meinsame Handlungs­basis verein­bart, auf die wir uns immer wieder be­sinnen kön­nen, auch wenn es mal schiefläuft. Unsere ganze Sprache hat sich dadurch ver­ändert. Wir sind alle viel wertschätzender unter­wegs.“

Das sieht nicht nur die Schulleiterin so. Am Ende einer jeden Woche tauscht sich das Kollegium über positive Juhu- und negati­ve Grrr-Momente aus. Und da gibt es in­zwischen viel häufiger Juhu-Geschichten zu hören. „Das Gemein­schaftsgefühl ist richtig stark gewor­den. Ganz selbstver­ständlich helfen sich auch Kinder, die sich eigentlich nicht so gut verstehen oder ganz unter­schied­lich sind“, erzählt Büsra Bilir. Die Arbeit an dem Konzept „Wohl­fühlschule“ habe sich zu 100 Prozent ge­lohnt, meint ihre Kollegin Caro­lin Stein­mann. Geld brauchte die Ganz­tagsgrund­schule da­bei lediglich für den Druck der Pla­kate und Bilder­bücher. Ansonsten ging es vor allem um Zeit, die sich das Kolle­gium gerne genommen hat. Denn ein sta­biles Wertesystem, gepaart mit einer wertschätz­enden Beziehungsar­beit, führe auch zu einer positiven Lern-Einstellung, so die Erfahrungen von Ried-Ackermann. „Effektives Lernen gelingt am besten an einem Ort des Wohlfühlens, der Anerken­nung und Sicherheit.“

Jonte bestimmt auch die regelmäßigen Wochenversam­mlungen, zu denen sich die gesamte Schule in der Turn­halle trifft und bei denen Linda Ried-Acker­mann im Kapi­tänsoutfit Briefe vom Klabauter vorliest. Zum Abschluss er­klingen der Jonte-Rap, ein selbst ge­schriebener Sprechgesang über Jontes Stärken, und die Schulhymne. Darin heißt es: „Wir halten zusammen, ganz egal, was kommt.“ Und diese Zeilen singen alle aus voller Kehle – sowohl die Kinder als auch die Erwachsenen an ihrer Wohlfühlschule.

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