Die Geschichte von Jonte haben die Lehrkräfte der Ganztagsgrundschule verfasst und dazu eine Lernreise erfunden. Von Klasse eins bis vier begegnen die Kinder immer wieder dem Klabauter – sei es am Eingang der Schule, wo eine kleine Wichtel-Tür zu Jontes Wohnreich führt, oder in selbst entwickelten Unterrichtseinheiten. In einem eigens dafür gestalteten Bilderbuch erfahren sie von Jontes Erlebnissen und bekommen auf Schatzkarten verschiedene Aufgaben gestellt. Dabei geht es zum Beispiel um das Übernehmen von Verantwortung oder darum, sich gegenseitig Mut zu machen. Gemeinsam sollen die Schülerinnen und Schüler so Werte erleben und erlernen, die aus ihrer Schule eine Wohlfühlschule machen. Denn das ist das große Ziel der Ganztagsgrundschule Völklingen/Heidstock-Luisenthal: eine Schule zu sein, an der sich alle wohlfühlen – sowohl die Kinder, die jeden Tag hierherkommen, als auch alle, die hier arbeiten.
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Gemeinsame Werte statt Gewalt und Strafen
Als die jetzige Schulleiterin Linda Ried-Ackermann vor etwa vier Jahren hier anfing, war das alles andere als eine Wohlfühlschule. „Unter den Kindern herrschte eine hohe Gewaltbereitschaft, Schimpfwörter schallten laut über den Hof, es gab viele Konflikte, die Stimmung war rau“, erinnert sich Ried-Ackermann. Sie hatte sich bewusst für diese Schule im Brennpunkt beworben, weil sie spürte, hier wirklich gebraucht zu werden. Auch im Kollegium dominierte damals eine verzweifelte Anspannung. Androhungen und Strafen waren die vorrangige Reaktion auf Auseinandersetzungen. „Wir alle spürten den Druck. Es war klar, dass sich etwas ändern musste.“
Und so holte Ried-Ackermann alle Lehrkräfte sowie die Erzieherinnen und Erzieher an einen Tisch, um Fragen zu klären: Wie möchten wir hier miteinander arbeiten und umgehen, vor allem wenn es mal nicht rundläuft? Was sind unsere Werte, nach denen wir handeln möchten? Das Kollegium nutzte pädagogische Tage und Mikrofortbildungen, um ein gemeinsames Leitbild zu entwickeln: „mit Beziehung, Basiskompetenz und Bildung zur Wohlfühlschule“. Das fußt auf klar definierten Werten, aus denen vier Leitziele formuliert wurden:
- Ich achte auf mich und meine Umwelt.
- Ich bin da – egal, was kommt.
- Ich helfe, wo ich kann, wenn es erwünscht ist.
- Ich behandle alle so, wie ich behandelt werden möchte.
„Die Sätze muten einfach an, aber wir haben sie mit vielen Handlungen gefüllt“, erklärt die Schulleiterin und zeigt auf die Wand hinter ihrem Schreibtisch. Hier hängen Plakate mit Inseln, auf denen Hinweise zu Übungen der vier Leitsätze zu finden sind, zum Beispiel „Wasserfall der Wertschätzung“, „Giraffensteppe der Gewaltfreiheit“ oder „Hängebrücke des Vertrauens“. Pro Halbjahr behandeln die Klassen jeweils eine Insel und erarbeiten sich deren Inhalte. In den Klassen drei und vier wiederholt sich das Ganze auf unterschiedlichen Niveaus, um die Werte zu verstetigen.
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Wohlfühlen lässt sich üben und lernen
„Die Übungen sind besonders wichtig. Damit sammeln die Kinder eigene Erfahrungen, an die sie sich bei Bedarf erinnern und nach denen sie dann handeln können“, erzählt Steinmann. Zur Insel vier gehört zum Beispiel der „Wasserfall der Wertschätzung“, unter dem die Schülerinnen und Schüler Dinge äußern, die sie aneinander mögen. „Mir hat jemand gesagt, dass er meine Haare schön findet. Das war wie eine warme Dusche“, erinnert sich Mareike aus der 4a. Ihre Klasse hat heute von der Lehrerin Büsra Bilir Probleme geschildert bekommen, die die Kinder nun in Kleingruppen mithilfe der vier Leitsätze lösen sollen. Dabei kommt auch Mareikes Lieblingsübung zum Einsatz: das tiefe Ein- und Ausatmen zur Beruhigung. „Das hilft, wenn man wütend wird“, meint die Neunjährige. Ihr Mitschüler Paul rät, darüber nachzudenken, was Jonte in dieser Situation tun würde. „Der würde bestimmt keinen Müll auf den Boden werfen oder andere schlagen.“ Bilir lächelt stolz in die Klasse. „Es ist schön zu sehen, dass die Kinder die Leitsätze inzwischen ganz selbstverständlich anwenden.“
„Es ist schön zu sehen, dass die Kinder die Leitsätze inzwischen ganz selbstverständlich anwenden.“
Büsra Bilir, Lehrerin an der Ganztagsgrundschule Völklingen/Heidstock-Luisenthal
Mehr Juhu-Momente für alle
Was hat sich an der Ganztagsgrundschule Völklingen/Heidstock-Luisenthal durch Jonte verändert? „Es gibt bei uns definitiv weniger Gewalt als früher“, findet Linda Ried-Ackermann. Die Kinder haben erfahren, dass sich Konflikte auch anders lösen lassen, ohne Beleidigungen oder Schläge. Und dass sie für Fehlverhalten Verantwortung übernehmen müssen. Die Leitsätze ermöglichen eine Kommunikation auf Augenhöhe – mit den Kindern, aber auch unter den Erwachsenen. „Wir haben eine gemeinsame Handlungsbasis vereinbart, auf die wir uns immer wieder besinnen können, auch wenn es mal schiefläuft. Unsere ganze Sprache hat sich dadurch verändert. Wir sind alle viel wertschätzender unterwegs.“
Das sieht nicht nur die Schulleiterin so. Am Ende einer jeden Woche tauscht sich das Kollegium über positive Juhu- und negative Grrr-Momente aus. Und da gibt es inzwischen viel häufiger Juhu-Geschichten zu hören. „Das Gemeinschaftsgefühl ist richtig stark geworden. Ganz selbstverständlich helfen sich auch Kinder, die sich eigentlich nicht so gut verstehen oder ganz unterschiedlich sind“, erzählt Büsra Bilir. Die Arbeit an dem Konzept „Wohlfühlschule“ habe sich zu 100 Prozent gelohnt, meint ihre Kollegin Carolin Steinmann. Geld brauchte die Ganztagsgrundschule dabei lediglich für den Druck der Plakate und Bilderbücher. Ansonsten ging es vor allem um Zeit, die sich das Kollegium gerne genommen hat. Denn ein stabiles Wertesystem, gepaart mit einer wertschätzenden Beziehungsarbeit, führe auch zu einer positiven Lern-Einstellung, so die Erfahrungen von Ried-Ackermann. „Effektives Lernen gelingt am besten an einem Ort des Wohlfühlens, der Anerkennung und Sicherheit.“
Jonte bestimmt auch die regelmäßigen Wochenversammlungen, zu denen sich die gesamte Schule in der Turnhalle trifft und bei denen Linda Ried-Ackermann im Kapitänsoutfit Briefe vom Klabauter vorliest. Zum Abschluss erklingen der Jonte-Rap, ein selbst geschriebener Sprechgesang über Jontes Stärken, und die Schulhymne. Darin heißt es: „Wir halten zusammen, ganz egal, was kommt.“ Und diese Zeilen singen alle aus voller Kehle – sowohl die Kinder als auch die Erwachsenen an ihrer Wohlfühlschule.