Porträt einer Schulsozialarbeiterin

„Ich sehe kleine Fortschritte, und das gibt mir die Kraft, weiterzu­machen“

Viel Hilfe, viel Herz: Daniela Nitschke zeigt, wie Schul­sozialarbeit an einer Mag­deburger Schule im Brenn­punkt funktioniert – und warum sie so wichtig ist.

„Die Kinder sind sehr offen. Es kann passieren, dass sie einen einfach um­armen“, sagt Daniela Nitschke, bevor sie aus dem Schulgebäude tritt. Es ist ein trüber Vormittag im November, Laune und Lautstärke der Schülerinnen und Schüler tut das jedoch keinen Abbruch. Sie rennen und spielen, rufen und schreien über den kleinen Schulhof. Normales Große-Pause-Gewusel. Doch etwas ist besonders: Nitschke ist keine fünf Meter gegangen, da kommen die ersten Mädchen strahlend auf sie zu, umringen sie, umarmen sie tat­sächlich. „Viele Kinder nennen mich beim Vor­namen“, berichtet sie. „Denn für ihre Eltern bin ich einfach Frau Daniela.“

An der Grundschule Am Umfassungsweg in Magdeburg haben von 190 Kindern, die hier unterrichtet werden, 86 Prozent einen Migrations­hintergrund. 70 Prozent der Erstklässlerinnen und Erstklässler sprechen kein Deutsch.

Daniela Nitschke ist seit 2011 Schul­sozialarbeiterin an der Grundschule Am Umfassungsweg in Magdeburg, Neue Neustadt. Von 190 Kindern, die hier unter­richtet werden, haben 86 Prozent einen Migrationshintergrund. 70 Pro­zent der Erstklässlerinnen und Erstklässler spre­chen kein Deutsch. Die meisten leben in der Rom*nja-Community, die seit 2015 in der Neuen Neustadt ein Zuhause ge­funden hat. Das Viertel sei in der Stadt nicht besonders gut angesehen, erklärt Nitschke: Müll, Lärm und ver­meintlich hohe Kriminalitäts­raten machen es in der Wahrnehmung vieler zu einem sozialen Brennpunkt. Kein leichtes Pflaster für die Schulsozialarbeit.

Ansprechpartnerin für alle – und manchmal die Feuerwehr

Eine halbe Stunde vor der großen Pause, Daniela Nitschke serviert Kaffee und Spekulatius in ihrem Büro. „Ich arbeite sehr gerne hier“, sagt sie. „Ich bin mit vollem Herzen an dieser Schule.“ Als Schul­sozialarbeiterin ist sie Ansprech­partnerin für alle und alles. Wenn eine neue Schülerin keine Bücher hat, weil zu Hause das Geld fehlt, organisiert sie die Mittel. Wenn ein Schüler nicht zum Unter­richt kommt, macht sie Haus­besuche. Außerdem orga­nisiert sie eine Koch-AG und das tägliche Frühstück, das vom Schulförderverein gesponsert wird. Die Spenden dafür wirbt sie selbst ein. Zweimal in der Woche gibt Nitschke in den Klassen ein Sozialtraining, das den Kin­dern hilft, sich zwischen­menschlich weiter­zu­entwickeln.

Häufig, so erzählt die studierte Diplom-Gesundheitswirtin, sei sie aber auch die „Feuer­wehr“: Kinder, die im Unterricht verhaltensauffällig sind oder sich auf dem Schulhof prü­geln, kämen zu ihr, die Gewalt habe in den letzten Jahren zu­genommen. „Neulich war ein Kind hier, das sich nicht wohl in der Klasse fühlte und störte“, berichtet Nitschke. „Es hat dann ein Stimmungs­bild gemalt, wir haben eine Runde Memory gespielt, und danach konnte es wieder in die Klasse zurück­gehen.“ Solche Situationen gehören zu ihrem Alltag – Raum geben, das Eis brechen und Vertrauen schaffen. „Man muss mit den Kindern auf Augenhöhe sein und ihnen zeigen, dass sie jederzeit kommen können“, betont sie.

Klangschale für Entspannungsmomente: Daniela Nitschke ist darauf bedacht, den Kindern viele Angebote zu machen, bei denen sie sich vom stressigen Alltag erholen können.
„Ich bin mit vollem Herzen an dieser Schule“, sagt Daniela Nitschke. Sie ist für ihre Schülerinnen und Schüler da, auch über den Unterricht hinaus.
Viele Kinder können aufgrund von Sprachbarrieren ihre Gefühle kaum ausdrücken. Das zu forcieren gehört zu einem integrativen Schulalltag dazu.

Brücken schlagen, sprachlich und kulturell

Die Sprache ist eine der großen Heraus­forderungen. Gefühle auszudrücken, in einer noch fremden Sprache, ist für viele Kinder sehr schwierig. Nitschke hat vor einigen Jahren eine zusätzliche Aus­bildung als Systemische Thera­peutin gemacht, um mit kritischen Gesprächs­situationen besser umgehen zu können. Sie nutzt non­verbale Methoden und einfache, klare Wörter, um sich mit den Kindern zu ver­ständigen. Wenn nötig, holt sie eine Dolmetscherin oder einen Dol­metscher dazu. Manchmal sind das die älteren Brüder und Schwestern. „Die Fami­lien sind sehr groß und leben auf engem Raum zusam­men“, erläutert sie. Häufig seien die Kinder dennoch auf sich allein gestellt, wenn es um Hausaufgaben geht.

Die Arbeit mit den Eltern bezeichnet Nitschke als besonders anspruchsvoll. Vielen fehle es an Zeit und Ressourcen, um sich mehr um ihre Kinder zu kümmern, außerdem am Verständnis für Bildung. Junge Schüler­innen und Schüler, die übermüdet im Unterricht sitzen, weil sie abends lange auf der Straße unterwegs waren, sind keine Seltenheit. „Es ist oft schwierig, die Eltern an die Schule zu bekommen, gerade die Väter“, sagt sie. Gleichzeitig hat Nitschke in den ver­gangenen zehn Jahren sehr viel Ver­trauen in der Rom*nja-Community aufgebaut. „Frau Daniela“, die herzliche Anrede, kommt nicht von ungefähr.

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Unterstützung, die ankommt

Nitschke arbeitet eng mit dem Projekt „Neustadt­miteinander“ zusammen, um die Kinder und ihre Familien best­möglich zu unterstützen. „Wir sind das einzige Pro­jekt in Magdeburg, das sich um die Rom*nja kümmert“, sagt Edna Pevestorf, die Projekt­leiterin. „Wir begleiten die Menschen in allen Lebens­lagen.“ Bei Arzt­terminen, Behörden­besuchen, Sprach­kursen und vielem mehr hilft sie mit ihrer Kollegin Adina Georgiana Caraian, selbst eine gebürtige Romni, aus. Beide sind in Teilzeit angestellt, die Projektförderung über das Land Sachsen-Anhalt und die Stadt Magdeburg muss jedes Jahr neu beantragt werden.

Im kommenden Jahr wollen Nitschke und Pevestorf das „Elterncafé“ wieder ver­anstalten – ein Format, das Rom*nja-Mütter in der Vergangenheit genutzt haben, um sich im deutschen Schul- und Bürokratie­system zurecht­zufinden. Aktuell fehlen dafür die Kapazitäten. Da­bei wäre eine weitere Zusammenarbeit sehr wichtig, sagt Pevestorf: „Frau Nitschke hat es geschafft, dass die Kinder sich freuen, in die Schule zu gehen. Das ist in anderen Schulen nicht so.“

Gefühle zulassen, Gefühle vermitteln: Die Schul­sozial­arbeiterin lebt auch mit kleinen Gesten vor, wie es ist, mit vollem Herzen dabei zu sein.
Unterstützende Atmosphäre: Motivierende Botschaften weisen die Mädchen und Jungen darauf hin, welche Stärken und Ziele sie haben.

Die Zukunft der Schulsozialarbeit ist unsicher

Sicherheit und Ressourcen würde sich auch Daniela Nitschke wünschen: „Wir brauchen an der Schule mehr finan­zielle Mittel und vor allem Personal, um die Kinder angemessen betreuen zu können.“ Sie arbeite selbst meist am Limit. Ihre Stelle ist größtenteils über den Euro­päischen Sozialfonds (ESF) finanziert und bis 2028 befristet. Über eine Verlän­gerung wird das Bildungs­ministerium von Sachsen-Anhalt nach den Landtags­wahlen 2026 entscheiden. „Wenn man den Prog­nosen glaubt, wird es vielleicht gar keine Schulsozialarbeit mehr geben“, sagt Nitschke. „Die AfD findet: Schulen haben einen Bildungs­auftrag, und den können die Lehr­kräfte erfüllen.“ Eine Einschätzung, die sie für völlig realitäts­fern hält. Schule sei auch ein Ort der Begegnung und der Per­sönlichkeits­entwicklung – und Schul­sozial­arbeit befähige viele Kinder über­haupt erst zum Lernen.

Die große Pause an der Grundschule Am Umfassungsweg ist zu Ende. „Hier kann ich … stolz auf mich sein. Hilfe an­nehmen. Gefühle zulassen. Träume haben“ steht an der Tür von Daniela Nitschkes Büro. Einige Räume weiter bietet sie im Ruheraum Entspannungs­stunden an, die sehr be­liebt sind. Das Leben sei heute für viele Kinder nicht einfach: die Coronajahre, die Kriege, die sozialen Medien. Für die Kinder in Magdeburg, Neue Neustadt, sei der Rucksack, den sie zu tragen haben, noch um einiges schwerer. Doch Daniela Nitschke bleibt optimistisch: „Ich sehe kleine Fortschritte, und das gibt mir die Kraft, weiterzumachen. Wir können durch unsere Arbeit etwas bewirken. Das motiviert mich jeden Tag.“

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