Seine Eltern hätten ihn niemals auf diese Schule geschickt – wegen des Schulgeldes und weil es in Philipp Drenkows Heimatort damals keine Privatschulen gab. Er selbst ging im ländlichen Mecklenburg-Vorpommern zur Schule, auf eine große mit mehr als 1.200 Kindern. Jahre später, am Ende seines Studiums, jobbte Philipp Drenkow nachts in einer Wohngruppe. Tagsüber kümmerte er sich um sein Neugeborenes, abends saß er in der Bibliothek.
Heute unterrichtet er als Lehrer an einer Privatschule in Rostock, an der integrierten Gesamtschule „Universitas“. Das Konzept: höchstens 18 Kinder pro Klasse, individuelle Förderung. Ich treffe ihn in einem Neubau mit Glasfront, mit Blick auf die Warnow. Die Schülerinnen und Schüler laufen mit Hausschuhen über die Teppiche der „Lernebenen“ – unten die Kleinen, oben die Oberstufe. Es gibt Sofas, Einzeltische, Gruppenräume, getrennt durch Glaswände. Drenkow, Shirt, kurze Hose und Sandalen, unterrichtet Sport, Gesellschaftswissenschaften und Philosophie.
Ich frage ihn: „Welche Kinder kommen auf Ihre Privatschule?“ Er sagt: „Sie sind sehr unterschiedlich. Ehrlich gesagt, interessieren mich die Einkommen und Hintergründe der Elternhäuser wenig. Mich interessiert eher: Welche Person sitzt da vor mir?“
Die Bildungschancen von Kindern in Deutschland hängen stark vom Einkommen und Bildungsgrad der Eltern ab. Kinder aus wohlhabenden Familien haben laut ifo-Institut leichter Zugang zu guten Schulen und Angeboten – das gilt auch für digitale Lernmittel oder Projekte mit KI. Kindern aus weniger privilegierten Verhältnissen bleibt das oft verschlossen. Das schreibt auch das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend in einer Handreichung zu KI in der Schule. Dabei könnte KI im Unterricht viel leisten: Lernen individualisieren, Rückmeldungen geben, Aufgaben erklären. Sie hilft Kindern, die nicht Deutsch als Familiensprache sprechen, und dient stillen Schülerinnen und Schüler als Sprachpartnerin. Doch die Frage bleibt: Kann KI diese Lücke verkleinern? Oder vergrößert sie die Kluft sogar?
Gleiche KI, ungleiche Startchancen
Ein Blick in zwei Schulen kann helfen: In Rostock unterrichtet Philipp Drenkow an einer kleinen Privatschule, gut 200 Kinder, die die Schulleitung auswählt. Die Eltern zahlen von 50 bis zu 570 Euro im Monat Schulgeld – je nach Einkommen. Jedes Kind kann hier mit einem Laptop oder Tablet arbeiten, manche bringen ihre persönlichen Geräte mit. Eine IT-Abteilung des Unternehmens kümmert sich um die Technik. In Berlin-Reinickendorf lernen 450 Kinder an der Grundschule am Schäfersee, in einem Viertel, in dem viele Eltern mit wenig Einkommen wohnen, die Unterstützung brauchen. Die kein WLAN zu Hause haben, die nicht in den Urlaub fahren können, deren Familiensprache nicht Deutsch ist. Dort sitzt mir Cordula Hobein per Videoanruf gegenüber, die seit mehr als vier Jahren die Schule leitet. Sie bräuchte mindestens für jede Klasse einen halben Satz Tablets, damit die Kinder gut arbeiten können – am besten in Partnerarbeit. Gerade sieht es so aus: ein Koffer mit Tablets pro Flur – für elf Klassen. „Die streiten sich darum“, sagt Hobein. Sie will, dass Lehrkräfte und Kinder ihr Bestes geben können. Dafür bringt sie die Schule nach vorn: kreidefrei, Smartboards in jedem Raum, Makerspace mit 3D-Drucker. Kürzlich erhielt sie das Berliner Qualitätssiegel „Exzellente digitale Schule“.
Ich frage sie: Wann war klar, dass Sie sich mit KI an der Schule beschäftigen müssen? Sie sagt: „An dem Tag, als ich als Schulleiterin an die Schule gekommen bin. Schluss, Aus, Banane.“
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Wie stehen Sie zu diesem Thema? Wie ist die Situation bei Ihnen an der Schule und welche Erfahrungen haben Sie im Schulalltag gemacht? Erzählen Sie uns davon.
Das sagt sie gern, wenn ihr etwas wichtig ist. Denn wenn die Rahmenbedingungen nicht stimmen, sinke die Motivation der Kolleginnen und Kollegen. Hobein hilft mit Kaffee und Kuchen nach. Natürlich nach Dienstschluss. „Nur wenn wir ein gutes Miteinander haben, können wir hier die Kinder mitnehmen, die benachteiligt sind.“ Viele Kinder kommen mit alten oder kaputten Smartphones in die Schule. Auch schon in der ersten oder zweiten Klasse. Medienbildung? „Hier ist das den Eltern wurscht. Das erleben wir sehr stark.“ Auch bürokratische Auflagen blockieren vieles: Nach Corona lagen Tablets monatelang ungenutzt im Keller, SIM-Karten fehlten. Ein Jahr lang rangelte Hobein mit der Senatsverwaltung darüber — nun darf sie die Tablets doch im Unterricht nutzen. Hobein setzt KI pragmatisch ein: Mithilfe einer App übersetzt sie Elternbriefe automatisch. „Endlich verstehen die Eltern, was wir meinen – das ist so viel wert.“ Kinder nutzen KI als Sprachhilfe, als „Talker“ im Unterricht: Geflüchtete aus der Ukraine, Kinder mit wenig Deutsch oder besonderen Bedürfnissen. Sie können am Unterricht teilnehmen und Ergebnisse liefern – manchmal eben in einer anderen Sprache. Hobein erstellt mit KI auch Förderpläne, Schulhaus-Ralleys und arbeitet mit VR-Brillen zur Berufsorientierung in der sechsten Klasse. Und über ihre Schulreden lässt sie auch eine generative KI laufen. Sie raunt. „Oh, ich liebe ChatGPT!”
An ihrer Schule hat Hobein eine IT-Sprechstunde eingerichtet, die wöchentlich von einer Lehrerin angeboten wird. Zudem gibt es eine IT-AG mit zwölf Kolleginnen und Kollegen, die Inhalte und auch KI testen und ins Kollegium tragen. Was sie sich wünscht: ein IT-Spezialist, der jeden Tag vor Ort ist und sich nur um Infrastruktur kümmert. „Was soll ich mit den Kindern arbeiten, wenn das Internet nicht funktioniert?“ Denn für sie ist klar: KI allein löst die Bildungsungerechtigkeit nicht. Aber richtig eingesetzt, kann sie helfen, die Kluft kleiner zu machen.
Wo KI wirkt, und wo nicht
In der Bildungsforschung beschreibt der Begriff „Digital Divide“ den ungleichen Zugang zu Medien und Technologien, die damit verbundenen Kompetenzen und die Auswirkungen auf Lernergebnisse. Es gibt noch wenige wissenschaftliche Studien und Daten darüber, aber eine Beobachtung hat Ute Schmid schon gemacht. Sie ist Professorin des Lehrstuhls für Kognitive Systeme der Universität Bamberg und lehrt seit vielen Jahren zu KI. „Üblicherweise setzen leistungsstarke, motivierte Schülerinnen und Schüler generative KI gezielter ein und profitieren eher davon.” Bildungshintergrund, Stellenwert von Bildung im Elternhaus und Zugang zu digitalen Tools spielen eine Rolle. Eltern aus bildungsfernen Schichten seien schwerer zu erreichen, sagt Schmid. Und: „Weniger leistungsorientierte Kinder nutzen KI-Tools nicht, um etwas besser zu machen, sondern um etwas schnell zu erledigen.“
Wenn Kinder also dieses „Cognitive Offloading“ betreiben, also geistige Aufgaben wie komplexes Denken an die KI verlagern, kürzen sie das Lernen ab — „mit der Folge eines gefährlichen Kompetenzverlusts“, sagt Schmid. Eine Studie des MIT sorgte im Frühjahr 2025 für Aufsehen: Forschende wollten herausfinden, wie sich das Schreiben eines Essays mithilfe von KI, mit einer Suchmaschine oder ganz ohne Hilfsmittel auf das Denken und die Gehirnaktivität auswirkt. Das Ergebnis: Je stärker die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ChatGPT nutzten, desto weniger kognitive Aktivität zeigte ihr Gehirn. Einfach gesagt: Wer zu oft die KI die Arbeit machen lässt, vergisst, wie man selbst kreativ und kritisch denkt.
Der Lehrer und Fortbildner Joscha Falck benennt dieses Widersprüchliche: Die Technologie, die Ungleichheiten verstärken kann, ermögliche auch personalisiertes Lernen, wenn Lehrkräfte die Nutzung anleiten. Einige Kinder bräuchten mehr Hilfe, um die Technologie sinnvoll und verantwortungsvoll zu nutzen.
Philipp Drenkow erlebt das auch im Unterricht: Viele seiner Schülerinnen und Schüler tippen einfach Fragen ein – ohne zu verstehen, wie gutes Prompting funktioniert. Die Antworten können sie oft kaum einordnen. ChatGPT schreibt zu allgemein, zu kompliziert. Drenkow klappt seinen Laptop auf, Sticker kleben hinten drauf: „Bildung first“, „Harz Gravel”. Er zeigt mir das Projekt „Meine Erde und ich“. Die siebte und achte Klasse arbeitete vier Wochen lang mithilfe von KI an einem Thema. Zuerst besprach er mit den Kindern, was KI ist und wie sie die sinnvoll nutzen können.
Ich frage ihn, ob er Kindern, die mehr Unterstützung brauchen, gezielt Hilfe anbietet beim Umgang mit KI. Es ist schließlich eine kleine Schule. Was zähle, sagt Drenkow, sei Bindung. „Das Wichtigste hier ist, die emotionale Bindung zu den Schülerinnen und Schülern aufzubauen und Kinder zu ermutigen, nach Hilfe zu fragen.“ Lehrkräfte können hier oft gemeinsam sitzen, im Morgenkreis dabei sein, jedes Kind im Blick behalten, wenn familiäre oder emotionale Probleme auftauchen. So entstehe eine Atmosphäre, in der Lernen möglich werde – eine Bedingung dafür, dass KI allen nützt. Wenn das jedes Kind erfahren könnte, fände das Drenkow gerecht. „KI ist ja für alle zugänglich. Alle haben hier ein Endgerät, mit dem sie arbeiten können.“ Aber er sagt auch: „Die Kinder müssen wissen, wie KI funktioniert und was damit möglich ist, welche Chancen darin stecken. Oder eben auch Herausforderungen.”
„Die Kinder müssen wissen, wie KI funktioniert und was damit möglich ist, welche Chancen darin stecken. Oder eben auch Herausforderungen.“
Cordula Hobein , Schulleiterin an der Grundschule am Schäfersee
KI kann viel, aber nicht alles
Gleichzeitig stößt er auch an Grenzen beim Einsatz der KI: „Wenn die Kids sagen, sie hätten einen Text selbst geschrieben – und ich sehe perfektes Deutsch, alle Kommata richtig. Dann denke ich: Aber ein handschriftliches „Guten Morgen” hat bei dir drei Fehler. Das kann nicht von dir sein. Diese Unehrlichkeit ist eine Belastung. Und ich kann es nicht beweisen.“ Ihm ist wichtig, ehrlich zu sein. Er setzt KI selbst ein, um den Unterricht vorzubereiten – und sagt das den Schülerinnen und Schülern auch. Auch zur Formulierung von Essays in der Oberstufe. Doch die KI schrieb seine Rückmeldungen einmal so, dass eine Schülerin aufgebracht war. „Die KI betonte Kritik, das Positive war nur kurz.“ Das war nicht das, was er erreichen wollte. Er diskutiert die Prompts weiter mit Kolleginnen und Kollegen, um daraus zu lernen. In seiner Schule haben sie zwei Tage lang über den Einsatz von KI in der Schule beraten.
Für Schulleiterin Cordula Hobein liegt das Problem oft auf einer viel grundlegenderen Ebene. Sie nervt, wenn das Internet nicht läuft, wenn Geräte kaputtgehen und Reparaturen lange dauern, wenn Lieferungen nicht kommen. Und ihre Lehrkräfte bräuchten Zeit, um sich fortzubilden. Das ist Schulleiterin Cordula Hobein wichtig. Sie sucht oft Fortbildungen heraus, am besten ganztägige, schickt ihre Kolleginnen und Kollegen raus aus der Schule, damit sie Zeit haben, sich darauf einzulassen. „Die Lehrkräfte sind einfach oft kaputt, müssen vielleicht noch eine Kindeswohlgefährdung schreiben oder eine Schulversäumnisanzeige. Dann noch eine Fortbildung hinten dran? Das ist häufig für viele wirklich schwierig. Deswegen genehmige ich ganztägige Fortbildungen und stelle ich die Kolleginnen und Kollegen alle frei.“ Hobein arbeitet mit kleinen Unternehmen oder Start-ups zusammen, kauft neue Apps ein, lässt sie testen. „Dann muss ich erst mal bei der Senatsverwaltung betteln, ob ich das alles auch darf. Und die Bürokratie ist schwierig.“
Trotzdem ist ihre Aufgabe klar: die Kinder auf die Welt draußen vorzubereiten. „Sie brauchen das Hinterfragen. Das müssen wir Ihnen beibringen.“ Zum Beispiel mit dem „Internetseepferdchen“ in der dritten Klasse. Das ganze dritte Jahr werden die Klassen in das Internet eingeführt: Wie melde ich mich auf einer Website an? Was ist ein Browser? Wo erkenne ich, dass es eine richtige Seite ist? „Gleichzeitig kann KI unendlich viel Kreativität hervorrufen“, sagt Hobein. „Deshalb sehe ich eine große Chance in KI, weil es Kinder gibt, die keine guten Startchancen ins Leben haben. Und KI kann ihnen wunderbar dabei helfen. Aber immer mit dem kritischen Blick.“
Was es für echte Bildungsgerechtigkeit braucht
Sowohl Professorin Ute Schmid als auch Lehrer und Fortbildner Joscha Falck betonen: In der Schuldebatte um KI ist Bildungsgerechtigkeit oft ein Randthema. „Am ehesten im sonderpädagogischen Bereich, wo KI Kinder mit Beeinträchtigungen und Lernschwierigkeiten gezielt fördern kann”, sagt Falck. Zum Beispiel könne Kinder beim Lesen fördern, Inhalte vereinfachen oder als Bedienungshilfen und digitale Assistenzsysteme agieren. „An den Gymnasien nehme ich den Aspekt der Gerechtigkeit weniger wahr. Hier geht es darum, wie trotz oder mit KI der Unterricht Fachwissen vermitteln kann”, so seine Beobachtung.
Schmid ergänzt, dass Lehrkräfte an Mittelschulen (früher als Hauptschulen bekannt) viel weniger eine Chance hätten, weil die Probleme auf einer anderen Ebene liegen: „Allein eine Klasse dazu zu bringen, zuzuhören, kann eine Herausforderung sein. Zeit für Inhaltliches bleibt nicht viel.“
Falck hält fest: Es fällt den Schulen leichter, KI einzubauen, die schon zuvor auf selbstorganisiertes Lernen gesetzt haben. „Sie sind ohnehin mehr in diesem Modus: Mit welchen Strategien erreichen wir unsere Ziele? Wie gestalten wir die Umgebung so, dass Kinder und Jugendliche hier arbeiten und lernen können?” KI sei dort nur ein Element unter vielen.
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Was es dafür braucht, sagen Expertinnen und Experten seit Jahren: „Wenn wir Bildungsgerechtigkeit wollen, müssen wir den Unterricht verändern und können nicht auf Unterrichtsmethoden des letzten Jahrhunderts verharren”, sagt Ute Schmid. Sie und Joscha Falck gehen noch einen Schritt weiter. Sie fordern eine nationale Task-Force und den Aufbau eines zentralen Instituts auf Bundesebene, um ein KI-Bildungskonzept zu entwickeln. „Denn wenn wir jetzt nicht anfangen, gezielte Maßnahmen zur Vermittlung von KI-Kompetenzen sowie zur sinnvollen Nutzung von KI im Unterricht zu entwickeln, wird der Digital Divide noch viel größer”, mahnt Ute Schmid.
Philipp Drenkow klappt seinen Laptop zu. Er zieht sich um, sammelt die Kinder für den Sportunterricht ein. Die wuseln vor der Schultür umher. Sie wachsen in einer Welt auf, in der KI längst Alltag ist – ob gerecht oder ungerecht verteilt. Ob sie damit Chancen gewinnen oder verlieren, hängt ein wenig von der Technik und viel von den Menschen, die sie begleiten ab. Von ihren Eltern. Und von Lehrkräften wie Philipp Drenkow oder Cordula Hobein.
Dieser Artikel wurde zuerst im lernen:digital Magazin des Kompetenzverbund lernen:digital, herausgegeben vom Forum Bildung Digitalisierung e.V, im Dezember 2025 veröffentlicht.