Serie „Bessere Bildung durch Daten“

„Heute treffe ich Entscheidungen differenzierter und passgenauer“

Welche Rolle spielt die datengestützte Qualitätsentwicklung an Schulen? In dieser Serie teilen Schulleitungen ihre Erfahrungen. Teil 1: Nicole Wrana.

Früher empfand Nicole Wrana, Schulleiterin der Grundschule Bogenstraße in Solingen in Nordrhein-Westfalen, vorgeschriebene Evaluationen als notwendige Pflicht. Heute erhebt sie aus Überzeugung eine ganze Reihe an Daten, die über die reine Leistungserfassung hinausgehen. Regelmäßig holt sie anonymisiertes Feedback zum Unterricht ein, initiiert Meinungsabfragen unter Kindern, Eltern und Lehrkräften oder kooperiert für Erhebungen eng mit dem schulpsychologischen Dienst. Nicole Wrana ist sich sicher: Die Arbeit mit Daten bringt ihre Schule – und alle Beteiligten – ein ganzes Stück voran.

Welche Haltung hat sie zum Thema Daten? Wie wirken sie, und wie verändert die datengestützte Qualitätsentwicklung die Teamarbeit? Zu folgenden fünf Themenbereichen schildert Nicole Wrana ihre Erfahrungen.

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HALTUNG & INNERE ÜBERZEUGUNG

„Die damalige Coronapandemie veränderte für viele alles. Es galt, das gemeinsam durchzustehen, aber da waren ja die eingeschränkten Begegnungsmöglichkeiten. Wir hatten keinen Überblick darüber, wie es den Kindern geht, wie sie mit dem Onlineunterricht zurechtkommen, wo es hakt. Das war der Startschuss für meine Schule, zu sagen: Da müssen wir genauer hingucken, wir müssen Daten erheben. Und es sollte vor allen Dingen etwas Konkretes daraus resultieren. Damals konnten wir glücklicherweise alle Kinder mit mobilen Endgeräten versorgen und so den Unterricht komplett digital abbilden. Nach den ersten Tagen Onlineunterricht haben wir eine Umfrage durchgeführt, bei der wir auch von den Eltern wissen wollten, wie die Umsetzung dieser neuen Unterrichtsform aus ihrer Sicht gelingt. Mithilfe der Ergebnisse konnten wir Maßnahmen entwickeln, um die Eltern zielgerichteter zu unterstützen, sodass alle Kinder am Unterricht teilnehmen konnten, dadurch Zugang zu Bildung hatten und wir in Kontakt mit den Familien waren.

Durch diese Erfahrung haben wir erlebt, dass, wenn wir gezielt Daten sammeln, wir unseren Auftrag als Schule besser erfüllen können. Darum haben wir die Arbeit mit Daten nach der Pandemie beibehalten.

Dadurch hat sich unsere Schulentwicklung insgesamt stark verändert. Früher fühlte es sich an, als würde man einen riesigen Berg bezwingen müssen. Wenn wir Veränderungen bei gewissen Themen herbeiführen wollten, war das in der Regel ein endlos langer Prozess, bei dem wir bestimmte Meilensteine formulierten und zwischendrin regelmäßig überprüften, wie es läuft. Aber es ging nicht so richtig voran. Die Arbeit mit Daten und das gezielte Nachfragen wirken wie ein Trichter: Alles wird überschaubarer, die Arbeitspakete werden kleiner und sind besser zu bewältigen.

In der Regel gehen wir dafür folgendermaßen vor: Nach der Ursachenforschung mithilfe von Erhebungen planen wir entsprechende Arbeitsschritte. Diese werden im Sinne des Qualitätskreislaufs erneut evaluiert, um dann Anpassungen vorzunehmen oder weitere Arbeitsschritte zu planen. Dabei nutzen wir auch die Möglichkeiten, die uns die KI für die Interpretation der Daten gibt.

Anfangs war das Ganze natürlich aufwendiger, weil wir uns erst reinfuchsen mussten. Zu Beginn waren unsere Datenerhebungen manchmal nicht so erfolgreich, weil wir noch handwerkliche Fehler gemacht haben. Wir mussten zunächst üben, die Fragen richtig zu formulieren, um für uns nutzbare Ergebnisse zu erhalten, und lernen, wie wir diese am Ende auswerten.

Heute haben wir einen geübten Blick und können auch schnell Querverbindungen ziehen, wenn wir feststellen, dass verschiedene Datenerhebungen miteinander zusammenhängen. Aber das muss sich entwickeln, denn das Ganze ist kein Sprint, sondern ein Marathon.“

„Früher habe ich Entscheidungen zu einem Thema getroffen, weil ich etwas gesehen oder gehört hatte, vielleicht basierend auf Gesprächen mit anderen. Daraus entwickelte sich in der Regel eine Aufgabenstellung, die bearbeitet wurde. Wir haben aber oft ein wenig in den Nebel gearbeitet. Heute treffe ich Entscheidungen differenzierter und passgenauer, weil ich anhand vorliegender Daten genau weiß, was die Probleme oder Herausforderungen sind. So ist auch direkt klar, an welcher Stelle ich anpacken muss. Das macht meine Arbeit viel einfacher und schneller.

Ganz wesentlich für eine erfolgreiche Umsetzung ist, dass nicht nur die Kolleginnen und Kollegen, sondern auch die Schülerinnen, Schüler und Eltern erleben sollen, dass mit den Daten, die erhoben werden, wirklich etwas passiert und es zu einer Verbesserung kommt. Und zwar relativ schnell. Auch wenn es nur eine Mini-Veränderung ist, die uns unserem gemeinsamen Ziel – für unsere Schule ist das ‚Starke Kinder, starke Zukunft, gemeinsam die Welt bewegen‘ – ein Stückchen näherbringt. Wenn hingegen nichts geschieht, dann wird das Erheben von Daten als Last empfunden.“

„Für mich hat das Thema Datenerhebung ganz viel mit Partizipation zu tun. Wenn ich Daten an meiner Schule erhebe und die Menschen nach ihrer Meinung frage – egal, ob das Team, die Kinder, die Eltern –, beziehe ich in meiner Funktion als Schulleiterin alle Beteiligten wirklich ein. Wir bemerken ein hohes Maß an Zufriedenheit, weil alle wissen, dass sie gehört, ihre Rückmeldungen ernst genommen werden.

Außerdem sehen wir fachliche Erfolge unserer kontinuierlichen Weiterentwicklung, das merken wir auch sehr deutlich an den positiven Leistungsdaten, die uns vorliegen. Dafür gibt es natürlich unterschiedliche Gründe, aber die Arbeit mit Daten hat allemal einen Anteil daran. So geben uns zum Beispiel die Lernstandserhebungen immer wieder Hinweise, wie wir durch die ritualisierte Einbindung von mathematischen Themen in alle Lernbereiche das Interesse der Kinder wecken und ihre mathematischen Kompetenzen stärken können.“

„Offenheit – davon hängt alles ab. Sobald man anfängt, den Deckel auf irgendetwas draufzuhalten, entsteht Misstrauen. Deshalb muss Transparenz selbstverständlich sein. Aber das ist im System Schule tatsächlich eine Herausforderung. Wir sprechen zwar immer von einer guten Fehlerkultur, die jedoch nicht leicht zu leben ist in einer Institution, die als Tradition den Rotstift hat. Und da ist von mir als Schulleiterin ganz deutlich Führung gefragt.

Wenn Kritisches zurückgemeldet wird, kann es passieren, dass Gefühle wie Schuld und Scham aufkommen. Da ist es ganz wesentlich, das Ergebnis nicht als Schwachstelle zu kommunizieren und dem Kollegium klarzumachen, dass Daten nichts Beschämendes haben, sondern dass sie unsere Stütze sind, um es künftig besser zu machen – denn genau dafür haben wir die Daten ja erhoben.

Gleichzeitig sollte man immer wieder den Blick auf all die positiven Ergebnisse lenken. Bei uns zeigen sich in wirklich jeder Erhebung Dinge, die gerade gut oder sogar sehr gut laufen. Beispielsweise haben wir bei einer Befragung der Kinder zur neu eingeführten Wochenplanarbeit erfahren, dass sie diese Arbeitsstruktur hilfreich finden und die Kinder auch Spaß daran haben. So wussten wir, dass wir auf einem guten Weg sind. Solche Erfolge zu feiern halte ich für wesentlich. Sobald sich eine positive Veränderung bemerkbar macht, sollte das mit Stolz anerkannt werden.

Dadurch, dass die Lehrkräfte bei uns so intensiv in die Prozesse einbezogen sind, haben sie zum einen mehr Vertrauen in die Dinge, die passieren, zum anderen entsteht ein größeres Commitment. Ich erlebe im Kollegium auch einen sehr lebendigen Dialog, weil die erhobenen Daten eben nicht unter Verschluss sind, sondern gemeinsam besprochen werden. Es ist wirklich erstaunlich, wie intensiv man sich mit Daten inhaltlich auseinandersetzen kann und wie unterschiedlich die Ergebnisse wahrgenommen werden. Dadurch eröffnen sich verschiedene Perspektiven, die in unsere Arbeit einfließen. So ein produktiver Austausch ist nicht unbedingt Standard in Lehrerkonferenzen.“

„Für ein Forschungsprojekt starten wir gerade eine Kooperation mit einer Universität, bei der es um vorschulische Förderung geht. Die Fragestellung ist: Wie können wir uns noch besser mit Kitas verzahnen, damit Kinder einen leichteren Eintritt in die Schule haben? Konkret geht es um Schülerinnen und Schüler, die sich schwertun, die emotionale Auffälligkeiten haben, die psychisch nicht ganz stabil sind. Dafür wird es an unserer Schule eine Bedarfserhebung geben, und daraus werden sich Fortbildungen für das Team ableiten. Eine Überlegung der Forschenden ist, schon vor der Einschulung schulische Teams in Kontakt mit den Kindern und den Familien zu bringen. Das halte ich für sehr sinnvoll.

Was uns sonst in Sachen Daten voranbringen könnte, wäre eine Finanzierung für ein Tool, das einen offenen Zugang hat, womit wir unbegrenzt Daten erheben können, sie in verschiedenen Darstellungsformen erhalten, wo die Daten gesichert sind und alles den offiziellen Anforderungen entspricht. Aktuell müssen wir als Schule sämtliche Programme selbst bezahlen und uns provisorisch behelfen, damit das funktioniert.“

Foto: © Wübben Stiftung Bildung/Peter Gwiazda

Nicole Wrana ist Schulleiterin der Grundschule Bogenstraße in Solingenwelche sich das Motto gegeben hat: „Starke Kinder, starke Zukunft, gemeinsam die Welt bewegen“. Nicole Wrana ist überzeugt, dass die Arbeit mit Daten genau darauf einzahlt. 

Serie „Bessere Bildung durch Daten“

Wie können Daten Schulen wirklich helfen, Unterricht zu verbessern und Kinder gezielter zu fördern? Mit dieser Frage beschäftigt sich die Wübben Stiftung Bildung in diesem Jahr in mehreren Publikationen, Veranstaltungen – und auch hier im SchuB-Magazin. Aus Sicht der Stiftung braucht gute datengestützte Schulentwicklung vor allem eines: klare und messbare Bildungsziele. Erst wenn diese festgelegt sind, können Daten sinnvoll genutzt werden. 

In der Serie „Bessere Bildung durch Daten“ berichten Schulleitungen aus ihrem Schulalltag: Welche Haltung braucht es für die Arbeit mit Daten? Wie gelingt der Einstieg im Kollegium? Und was verändert sich, wenn Schulen ihre Entwicklung systematisch anhand von Daten steuern? Außerdem stellen wir in der Serie ausgewählte Publikationen der Stiftung zu diesem Thema vor. 

Weitere Beiträge der Serie „Bessere Bildung durch Daten“:

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„Dieser Schul­entwick­lungsprozess hätte früher vielleicht fünf Jahre gedauert“

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