7.45 Uhr: Die Klingel kündigt den Unterrichtsbeginn in der Grundschule Vörden an. Müde Augen huschen über die Flure, in den Räumen sitzen bereits einige Kinder mit Ohrenschützern über ihren Aufgaben. Manche arbeiten auf dem Teppichboden, an kleinen Tischen haben sich Zweier- oder Dreiergruppen zusammengefunden. Dazwischen gehen Kinder ein und aus, holen Materialien, setzen sich wieder hin. Es ist Betrieb in den Unterrichtsräumen – und trotzdem überraschend ruhig.
Lernen vor Unterrichtsstart? Das klingt nicht nach altbekanntem Schulbetrieb. An dieser Schule, die zwar fern der Hektik großer Städte gelegen ist und dennoch viele Herausforderungen zu meistern hat, ist tatsächlich vieles anders. Kein traditioneller Klassenverband, bei dem Schülerinnen und Schüler desselben Alters zusammen lernen, keine Hausaufgaben, keine Klassenarbeiten, keine Noten. Klingt nach Chaos? „Viele denken erst einmal: Wenn Kinder so frei lernen dürfen, funktioniert das doch niemals“, berichtet Schulleiter Ben Bramlage von den Vorurteilen. Die Realität sehe jedoch anders aus.
An der Grundschule Vörden lernen seit diesem Schuljahr alle Kinder der Jahrgänge eins bis vier gemeinsam. Die klassischen Klassen wurden aufgelöst. Stattdessen gibt es zehn altersgemischte Lerngruppen mit Namen wie „Lila“ oder „Hellgrün“. Rund 190 Kinder besuchen die Schule. Viele kommen aus sehr unterschiedlichen sozialen Lebensrealitäten. Manche wachsen in gut situierten Familien auf, manche in herausfordernden Verhältnissen. Immer wieder kommen Kinder ohne ausreichende Deutschkenntnisse neu an die Schule, etwa aus Rumänien oder Bulgarien.
Lernen im eigenen Tempo
Gerade diese Unterschiede seien einer der Gründe gewesen, warum die Schule ihr Konzept grundlegend verändert habe, sagt Bramlage. „Im klassischen System mussten alle Kinder zur gleichen Zeit dasselbe lernen. Aber Kinder lernen eben nicht gleich schnell.“ Einige seien unterfordert gewesen, andere hätten den Anschluss verloren. Besonders Kinder mit schwierigen Startbedingungen hätten darunter gelitten.
Studien bestätigen diese Beobachtung seit Jahren. Der Bildungserfolg von Kindern hängt in Deutschland besonders stark vom Elternhaus ab. Erhebungen der OECD sowie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung zeigen immer wieder, dass die soziale Herkunft einen erheblichen Einfluss auf schulische Leistungen hat – unter anderem durch unterschiedliche Unterstützungsmöglichkeiten zu Hause. Auch Hausaufgaben verstärken diesen Effekt häufig. Kinder, deren Eltern Zeit, Sprachkenntnisse oder finanzielle Ressourcen mitbringen, profitieren meist stärker davon als andere.
„Das entspannte Ankommen ist wichtig.“
Susanne Wellmann, Lehrerin an der Grundschule Vörden
Entspannt ankommen
In Vörden versucht man deshalb, das Lernen stärker in die Schule selbst zu verlagern. Der Schultag beginnt mit einer sogenannten Trainingszeit. Sie ersetzt die klassischen Hausaufgaben. Die Kinder kommen ab 7:30 Uhr in die Schule und beginnen, eigenständig zu arbeiten. Die einen lesen, die anderen üben Mathematik oder arbeiten an ihren individuellen Lernplänen. „Das entspannte Ankommen ist wichtig“, sagt Lehrerin Susanne Wellmann, die seit mehr als 20 Jahren an der Schule arbeitet. „Aber gleichzeitig wissen die Kinder sehr genau, dass es dann auch losgeht.“
Tatsächlich scheint kaum jemand erinnert werden zu müssen. Selbst dort, wo gerade keine Lehrkraft anwesend ist, arbeiten die Kinder konzentriert weiter. „Früher musste man oft viel stärker von vorne steuern“, sagt Wellmann. „Heute organisieren die Kinder vieles selbst oder eben zusammen.“
Nach der Trainingszeit sitzen die Gruppen im Kreis zusammen. Gemeinsam wird ein Lied gesungen, die Kinder erzählen kurz, wie es ihnen geht. Danach verteilen sie sich wieder auf unterschiedliche Räume. Einige ziehen sich in ruhige Arbeitsbereiche zurück, andere beschäftigen sich gemeinsam mit Aufgaben. Überall hängen Lernlandkarten und Kompetenzübersichten. Jedes Kind arbeitet an individuellen Lernzielen, allerdings wird dabei die Kooperation und Kommunikation untereinander gefördert. Ganz auf klassischen Unterricht verzichtet die Schule dennoch nicht: Die Lehrerin erklärt der Gruppe an der Tafel einen neuen Rechenweg. Fragen werden gemeinsam besprochen, Aufgaben zusammen gelöst. Die Lehrkräfte begleiten die Lernprozesse weiterhin – nur flexibler und stärker orientiert am individuellen Lernstand der Kinder.
„Entscheidend ist, dass die Basiskompetenzen gesichert werden.“
Ben Bramlage, Schulleiter der Grundschule Vörden
Keine Noten und Hausaufgaben
„Nicht alle Kinder müssen gleichzeitig am selben Punkt sein“, betont Bramlage. „Entscheidend ist, dass die Basiskompetenzen gesichert werden.“ Lesen, Schreiben und Rechnen hätten Priorität. Die Kinder bekommen dafür im Zweifel mehr Zeit: Statt vier Jahre Grundschulzeit haben sie fünf oder in sehr seltenen Fällen sechs Jahre. Das Gefühl des Sitzenbleibens entfällt.
Raul, sieben Jahre alt, findet das hilfreich. „Dann weiß ich genau, was ich schon gut kann und was ich noch üben muss“, sagt er. Noten vermisse er nicht. „Mathe macht mir sowieso Spaß. Ich bin da schon ziemlich weit.“ Zu Hause lese er meistens noch zehn Minuten. Hausaufgaben habe er keine mehr. Nur zehn Minuten Lesen sind zu Hause Pflicht, Aufgaben zum Schreiben und Rechnen sind freiwillig. „Das finde ich gut. Da bleibt mehr Zeit für Fußball.“
Eigener Fortschritt statt Konkurrenzdenken
Die Idee dahinter: Lernen soll weniger mit Druck und stärker mit Motivation verbunden sein. Die Konkurrenz zwischen den Kindern habe deutlich abgenommen, beobachten Lehrkräfte. „Früher haben sich viele direkt verglichen“, sagt Bramlage. „Heute geht es stärker um den eigenen Fortschritt.“
Gleichzeitig verändert sich auch das soziale Miteinander. Weil Kinder unterschiedlichen Alters gemeinsam lernen, entstehen neue Beziehungen. Ältere Kinder unterstützen jüngere, jüngere orientieren sich an älteren. Einige Erstklässlerinnen und Erstklässler bekommen feste Partnerkinder aus höheren Lernstufen an die Seite gestellt. Für Lehrerin Susanne Wellmann war das eine der größten Überraschungen. „Dadurch ist unglaublich viel Verantwortung entstanden“, sagt sie. „Viele ältere Kinder sind richtig aufgeblüht.“ Auch Kinder, die zuvor eher zurückhaltend gewesen seien, hätten neue Rollen gefunden.
Auf dem Schulhof zeigt Bruno stolz auf seine Freundinnen und Freunde. Der Achtjährige ist erst vor wenigen Monaten aus Sachsen nach Vörden gezogen. Früher besuchte er eine klassische Grundschule mit Noten. „Hier fühle ich mich weniger unter Druck“, sagt er. Besonders überrascht habe ihn, wie schnell er Anschluss gefunden habe. Dass Kinder unterschiedlichen Alters miteinander spielen, wirke selbstverständlich.
An der Grundschule Vörden setzt man auf individuelle Bedürfnisse: Wer beim Lernen Ruhe braucht, kann sich zurückziehen und Kopfhörer aufsetzen.
Besserer Fokus auf jedes Kind
Ganz ohne Kritik verläuft die Entwicklung allerdings nicht. Vier Lehrkräfte hätten den Weg der Schule nicht mitgehen wollen und die Schule verlassen, erzählt Bramlage offen. Auch unter den Eltern habe es anfangs Skepsis gegeben. „Viele konnten sich das schlicht nicht vorstellen.“ Deshalb lädt die Schule regelmäßig zu Hospitationen ein.
Der organisatorische Aufwand sei enorm gewesen, sagt Bramlage. „Dass die Umstellung so gut funktioniert hat, liegt eindeutig an unserem tollen Team.“ Lernpläne, Kompetenzziele und neue Strukturen hätten über Jahre entwickelt werden müssen. Gleichzeitig sei die Schule rechtlich Neuland gegangen. Doch der Aufwand lohnt sich auch für die Lehrkräfte schon jetzt: „Wir merken inzwischen, dass sich die Arbeit positiv verändert hat.“ Weniger klassische Unterrichtsvorbereitung, dafür mehr individuelle Lernbegleitung. „Ich habe jetzt viel mehr Zeit und Raum, individuell auf Kinder einzugehen“, sagt Wellmann. „Das nimmt unglaublich viel Druck.“ Noch lasse sich nicht endgültig beurteilen, wie erfolgreich das Modell langfristig sein werde. Dafür sei das Konzept noch zu neu. Erst wenn Kinder die gesamte Grundschulzeit in diesem System durchlaufen hätten, könne man belastbare Entwicklungen erkennen.
An diesem Morgen wirkt die neue Struktur allerdings selbstverständlich. Raul sitzt wieder neben seinem Mitschüler und erklärt leise eine Mathematikaufgabe. Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Idee dieser Schule: Unterschiede nicht verschwinden lassen zu wollen, sondern ihnen Raum zu geben. Denn dass Kinder mit völlig unterschiedlichen Voraussetzungen in die Schule kommen, lässt sich auch in Vörden nicht ändern. Die Frage ist nur, wie die Schule darauf reagiert. „Das Elternhaus wird immer prägend bleiben“, sagt Schulleiter Ben Bramlage. „Aber es soll nicht darüber entscheiden, ob ein Kind in der Schule erfolgreich sein kann.“
Immer auf dem Laufenden bleiben!
Abonnieren Sie unseren wöchentlichen Newsletter mit den besten Geschichten.