Schulentwicklung

Näher dran am individuellen Fortschritt

Die Grundschule Vörden setzt auf jahrgangsübergreifendes Lernen und weniger Leistungs­druck. Ein Besuch zeigt: Hier geht es um die Bildungschancen aller Kinder.

20260520_L10_26_Bericht_051
Morgens, 7.30 Uhr, „Trainingszeit“: Die Kinder arbeiten eigenständig – manche lesen, andere rechnen oder beschäftigen sich mit ihren individuellen Lernplänen.

7.45 Uhr: Die Klingel kündigt den Unter­richtsbeginn in der Grundschule Vörden an. Müde Augen huschen über die Flure, in den Räumen sitzen bereits einige Kinder mit Ohrenschützern über ihren Aufgaben. Manche arbeiten auf dem Teppichboden, an kleinen Tischen haben sich Zweier- oder Dreiergruppen zusam­mengefunden. Da­zwischen gehen Kinder ein und aus, holen Materialien, setzen sich wieder hin. Es ist Betrieb in den Unter­richts­räumen – und trotzdem überraschend ruhig.

Lernen vor Unter­richtsstart? Das klingt nicht nach altbe­kanntem Schulbetrieb. An dieser Schule, die zwar fern der Hektik großer Städte gelegen ist und dennoch viele Herausforderungen zu meistern hat, ist tatsächlich vieles anders. Kein tradi­tioneller Klassenverband, bei dem Schüler­­innen und Schüler desselben Alters zusammen lernen, keine Haus­aufgaben, keine Klassenarbeiten, keine Noten. Klingt nach Chaos? „Viele denken erst einmal: Wenn Kinder so frei lernen dürfen, funktioniert das doch niemals“, berichtet Schulleiter Ben Bramlage von den Vorurteilen. Die Realität sehe jedoch anders aus.

An der Grundschule Vörden lernen seit diesem Schuljahr alle Kinder der Jahr­gänge eins bis vier gemeinsam. Die klassischen Klassen wurden aufgelöst. Stattdessen gibt es zehn altersge­misch­te Lerngruppen mit Namen wie „Lila“ oder „Hellgrün“. Rund 190 Kinder besuch­en die Schule. Viele kommen aus sehr unter­schiedlichen sozialen Lebens­realitäten. Manche wachsen in gut situierten Familien auf, manche in he­raus­fordernden Verhältnissen. Immer wieder kommen Kinder ohne ausrei­chende Deutsch­kenntnisse neu an die Schule, etwa aus Rumänien oder Bulgarien.

Für Ben Bramlage sind die Vorteile seines Schulkonzepts klar: Die Lehrkräfte müssen weniger Zeit in die klassische Unterrichtsvorbereitung investieren, können dafür im Umkehrschluss eine individuellere Lernbegleitung gewährleisten.

Lernen im eigenen Tempo

Gerade diese Unterschiede seien einer der Gründe gewesen, warum die Schule ihr Konzept grundlegend verändert habe, sagt Bramlage. „Im klassischen System muss­ten alle Kinder zur glei­chen Zeit dasselbe lernen. Aber Kinder lernen eben nicht gleich schnell.“ Einige seien unter­fordert gewesen, andere hätten den Anschluss verloren. Beson­ders Kinder mit schwieri­gen Startbe­dingungen hätten darunter gelitten.

Studien bestätigen diese Be­obachtung seit Jahren. Der Bil­dungs­erfolg von Kindern hängt in Deutschland beson­ders stark vom Elternhaus ab. Erhe­bungen der OECD sowie des Deutschen Instituts für Wirtschafts­forschung zeigen immer wieder, dass die soziale Herkunft einen erheblichen Einfluss auf schulische Leistungen hat – unter anderem durch unterschiedliche Unterstützungs­möglich­keiten zu Hause. Auch Hausaufgaben verstärken diesen Effekt häufig. Kinder, deren Eltern Zeit, Sprach­kenntnisse oder finanzielle Ressourcen mitbringen, profitieren meist stärker davon als andere.

„Das entspannte Ankommen ist wichtig.“

Entspannt ankommen

In Vörden versucht man deshalb, das Lernen stärker in die Schule selbst zu verlagern. Der Schultag beginnt mit einer sogenannten Trainingszeit. Sie ersetzt die klassischen Hausaufgaben. Die Kinder kommen ab 7:30 Uhr in die Schule und beginnen, eigenständig zu arbeiten. Die einen lesen, die anderen üben Mathe­matik oder arbeiten an ihren individuellen Lernplänen. „Das ent­spannte Ankommen ist wichtig“, sagt Lehrerin Susanne Wellmann, die seit mehr als 20 Jahren an der Schule arbeitet. „Aber gleichzeitig wissen die Kinder sehr genau, dass es dann auch losgeht.“

Tatsächlich scheint kaum jemand er­innert werden zu müssen. Selbst dort, wo gerade keine Lehrkraft anwe­send ist, arbeiten die Kinder konzentriert weiter. „Früher musste man oft viel stärker von vorne steuern“, sagt Well­mann. „Heute organisieren die Kinder vieles selbst oder eben zusammen.“

Lehrerin Susanne Wellmann arbeitet seit 20 Jahren an der Schule. Sie sagt: „Früher musste man oft viel stärker von vorne steuern, heute organisieren die Kinder vieles selbst oder eben zusammen.“

Nach der Trainingszeit sitzen die Grup­pen im Kreis zusammen. Gemeinsam wird ein Lied gesungen, die Kinder erzählen kurz, wie es ihnen geht. Da­nach verteilen sie sich wieder auf unterschiedliche Räume. Einige ziehen sich in ruhige Arbeits­bereiche zurück, andere beschäftigen sich gemeinsam mit Aufgaben. Überall hängen Lernland­karten und Kompe­tenz­übersichten. Jedes Kind arbeitet an individuellen Lernzielen, allerdings wird dabei die Kooperation und Kommunika­tion unter­einander gefördert. Ganz auf klas­sisch­en Unterricht verzichtet die Schule dennoch nicht: Die Lehrerin erklärt der Gruppe an der Tafel einen neuen Rechen­weg. Fragen werden gemeinsam besprochen, Aufgaben zusammen ge­löst. Die Lehrkräfte begleiten die Lernprozesse weiterhin – nur flexibler und stärker orientiert am individuellen Lernstand der Kinder.

Nach der Trainingszeit kommen die altersgemischten Lerngruppen im Sitzkreis zusammen. Die Kinder erzählen und singen gemeinsam; danach schwirren sie wieder in verschiedene Räume aus, um an ihren Aufgaben zu arbeiten.

„Entscheidend ist, dass die Basiskompetenzen gesichert werden.“

Keine Noten und Hausaufgaben

„Nicht alle Kinder müssen gleichzeitig am selben Punkt sein“, betont Bramlage. „Entschei­dend ist, dass die Basiskom­petenzen gesichert werden.“ Lesen, Schreiben und Rechnen hätten Priorität. Die Kinder bekommen dafür im Zweifel mehr Zeit: Statt vier Jahre Grund­schul­zeit haben sie fünf oder in sehr selten­en Fällen sechs Jahre. Das Gefühl des Sitzen­bleibens entfällt.

„Nicht alle Kinder müssen gleichzeitig am selben Punkt sein“, betont Schulleiter Ben Bramlage. „Entscheidend ist, dass die Basiskompetenzen gesichert werden.“
Starkes Motto, sichtbar für alle: An der Vördener Grundschule lernen alle Kinder der Jahrgänge eins bis vier gemeinsam – jede und jeder nach ihrem oder seinem eigenen Tempo, ohne Hausaufgaben, Klassenarbeiten und Noten.
Auch die Leistungsbewertung wurde verändert. Klassenarbeiten und Noten entfallen, dafür gibt es kompe­tenz­­orientierte Leistungsrückmeldungen. Durch sogenannte Kompetenz­beweise zeigen die Kinder, dass sie bestimmte Lernziele erreicht haben – allerdings erst dann, wenn sie sich bereit dafür fühlen. Rückmeldungen erfolgen schrift­lich und konkret statt in Ziffernnoten.
Überall in den Lernräumen hängen Lernlandkarten und Kompetenzübersichten. Diese helfen den Schülerinnen und Schülern, ihren Lernfortschritt im Blick zu behalten und daran zu arbeiten.

Raul, sieben Jahre alt, findet das hilf­reich. „Dann weiß ich genau, was ich schon gut kann und was ich noch üben muss“, sagt er. Noten vermisse er nicht. „Mathe macht mir sowieso Spaß. Ich bin da schon ziemlich weit.“ Zu Hause lese er meistens noch zehn Minuten. Haus­aufgaben habe er keine mehr. Nur zehn Minuten Lesen sind zu Hause Pflicht, Aufga­ben zum Schreiben und Rechnen sind freiwillig. „Das finde ich gut. Da bleibt mehr Zeit für Fußball.“

Eigener Fortschritt statt Konkurrenzdenken

Die Idee dahinter: Lernen soll weniger mit Druck und stärker mit Motivation verbun­den sein. Die Konkurrenz zwi­schen den Kindern habe deutlich abgenommen, be­obachten Lehrkräfte. „Früher haben sich viele direkt verglich­en“, sagt Bramlage. „Heute geht es stärker um den eigenen Fortschritt.“

Gleichzeitig verändert sich auch das soziale Miteinander. Weil Kinder unter­schiedlichen Alters gemeinsam lernen, entstehen neue Beziehungen. Ältere Kinder unterstützen jüngere, jüngere orientieren sich an älteren. Einige Erstklässlerinnen und Erstklässler be­kommen feste Partnerkinder aus höheren Lernstufen an die Seite ge­stellt. Für Lehrerin Susanne Wellmann war das eine der größten Über­raschun­gen. „Dadurch ist unglaublich viel Verantwor­tung entstan­den“, sagt sie. „Viele ältere Kinder sind richtig aufge­blüht.“ Auch Kinder, die zuvor eher zurückhaltend gewesen seien, hätten neue Rollen gefun­den.

Auf dem Schul­hof zeigt Bruno stolz auf seine Freund­innen und Freunde. Der Achtjährige ist erst vor wenigen Monaten aus Sachsen nach Vörden gezogen. Früher besuchte er eine klassische Grundschule mit Noten. „Hier fühle ich mich weniger unter Druck“, sagt er. Besonders überrascht habe ihn, wie schnell er Anschluss gefunden habe. Dass Kinder unterschiedlichen Alters mitein­ander spielen, wirke selbstverständlich.

Der achtjährige Bruno besuchte früher eine klassische Grundschule mit Noten. „Hier fühle ich mich weniger unter Druck“, sagt er. Besonders überrascht habe ihn, wie schnell er Anschluss gefunden habe.

An der Grund­schule Vörden setzt man auf individuelle Be­dürfnisse: Wer beim Ler­nen Ruhe braucht, kann sich zurück­ziehen und Kopfhörer aufsetzen.

Groß und Klein lernen und spielen zusammen. Eine Selbstverständlichkeit, die durch das neue Schulkon­zept eingeführt wurde und nun unter Mitwirken aller weiter etabliert wird.

Besserer Fokus auf jedes Kind

Ganz ohne Kritik verläuft die Entwick­lung allerdings nicht. Vier Lehrkräfte hätten den Weg der Schule nicht mitge­hen wollen und die Schule ver­lassen, erzählt Bramlage offen. Auch unter den Eltern habe es anfangs Skepsis gegeben. „Viele konnten sich das schlicht nicht vorstel­len.“ Deshalb lädt die Schule regelmäßig zu Hospita­tionen ein.

Der organisatorische Auf­wand sei enorm gewesen, sagt Bramlage. „Dass die Umstellung so gut funktioniert hat, liegt eindeutig an unserem tollen Team.“ Lernpläne, Kompetenzziele und neue Strukturen hätten über Jahre entwickelt werden müssen. Gleichzeitig sei die Schule rechtlich Neuland gegangen. Doch der Aufwand lohnt sich auch für die Lehrkräfte schon jetzt: „Wir merken inzwischen, dass sich die Arbeit positiv verändert hat.“ Weniger klassische Unterrichtsvor­bereitung, dafür mehr individuelle Lern­begleitung. „Ich habe jetzt viel mehr Zeit und Raum, indivi­duell auf Kinder einzuge­hen“, sagt Wellmann. „Das nimmt unglaub­lich viel Druck.“ Noch lasse sich nicht endgültig beurteilen, wie erfolgreich das Modell langfristig sein werde. Dafür sei das Konzept noch zu neu. Erst wenn Kinder die gesamte Grundschulzeit in diesem System durch­laufen hätten, könne man belastbare Entwicklungen erkennen.

Schüler Raul findet die kompetenzorientierten Leistungsrückmeldungen gut und hilfreich. „Dann weiß ich genau, was ich schon gut kann und was ich noch üben muss“, sagt er.

An diesem Morgen wirkt die neue Struk­tur allerdings selbstverständlich. Raul sitzt wieder neben seinem Mitschüler und erklärt leise eine Mathematik­auf­gabe. Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Idee dieser Schule: Unter­schiede nicht verschwinden lassen zu wollen, sondern ihnen Raum zu geben. Denn dass Kinder mit völlig unter­schied­lichen Voraus­setz­ungen in die Schule kommen, lässt sich auch in Vörden nicht ändern. Die Frage ist nur, wie die Schule darauf reagiert. „Das Elternhaus wird immer prägend bleiben“, sagt Schulleiter Ben Bramlage. „Aber es soll nicht darüber entscheiden, ob ein Kind in der Schule erfolgreich sein kann.“

Newsletter

Immer auf dem Laufenden bleiben!

Abonnieren Sie unseren wöchentlichen Newsletter mit den besten Geschichten.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert


… im Postfach

Abonnieren Sie unseren wöchentlichen Newsletter mit den besten Geschichten.

[sibwp_form id=1]

Das könnte Sie auch interessieren:

Bitte beachte unsere Netiquette.

Auf SchuB möchten wir den fachlichen Austausch der Schulen im Brennpunkt untereinander fördern. Daher freuen wir uns sehr über Eure Meinung zu unseren Beiträgen. Für einen respektvollen und konstruktiven Austausch bitten wir Euch folgende Regeln zu beachten:
Wir danken Euch für Eurer Verständnis und Eure Mitwirkung und wünschen Euch viel Freude beim Kommentieren.

Wie sind Sie auf uns aufmerksam geworden?

Wie sind Sie auf uns Aufmerksam geworden