Serie „Bessere Bildung durch Daten“

„Wir müssen Daten erheben, die individuelle Entwicklungen zeigen“

Welche Rolle spielt die datengestützte Qualitäts­entwicklung an Schulen? In dieser Serie teilen Schul­leitungen ihre Erfahrungen. Teil 4: Cornelia Franz.

Cornelia Franz leitet die Grundschule Ebersteinstraße in Gelsenkirchen, Nordrhein-Westfalen, und sie ist überzeugt: Wer das Schulsystem nachhaltig verbessern will, kommt an Daten nicht vorbei. Ihre Schule wurde vor vier Jahren neu gegründet. Das war kein Nachteil, sondern eine Chance: Statt veraltete Konzepte mühsam umzubauen, konnte Cornelia Franz von Anfang an erproben, was wirkt. Doch datengestütztes Arbeiten zu lernen und im Schulalltag fest zu verankern ist auch bei einem Neustart keine leichte Aufgabe. Welche Erhebungen findet die Schulleiterin für Schulen im Brennpunkt besonders wichtig – im Vergleich zu Schulen in bildungsnaher Umgebung? Wo hakt es noch, und was bremst ihr Team bei der Arbeit mit Daten? Und warum ist ihr Kollegium ausgesprochen offen gegenüber datengestützter Qualitäts­entwicklung? Zu folgenden fünf Themenbereichen schildert Cornelia Franz ihre Erfahrungen.

HALTUNG & INNERE ÜBERZEUGUNG

„Ich muss es ganz offen sagen: Ich bin eine überzeugte Kritikerin unseres aktuellen Schulsystems. Deshalb bin ich bewusst Schulleiterin geworden – um Schule wirklich anders denken zu können, damit Kinder in diesem schwierigen System eine echte Chance haben. Und ich bin fest davon überzeugt, dass das nur durch regelmäßige Datenerhebungen und Wirksamkeitsüberprüfungen gelingt. Wir müssen uns bei allem auf aktuelle, belastbare Erkenntnisse stützen und klar wissen, ob das, was wir tun, tatsächlich funktioniert. Und daran muss ich mein Handeln ausrichten. Das ist meine Vision von Schule. Deshalb versuchen wir hier, so evidenzbasiert wie möglich zu arbeiten.

Aber wie geht das konkret? Wir befinden uns gerade in einem tiefgreifenden Transformations­prozess: Wir müssen herausfinden, wie wir einem alten System, das bisher kaum Erfahrung mit dieser Art Arbeit hat, etwas Neues überstülpen. In der Vergangenheit wurde im Schulkontext wenig systematisch erhoben. Bei vielen Arbeitsheften, Programmen oder Apps, die man einkaufen kann, wissen wir gar nicht, ob sie irgendeinen Lerneffekt haben – oder ob sie die Kinder schlicht beschäftigen. Und auch vieles, was engagierte Lehrkräfte in herausfordernder Lage ausprobieren, lehnt sich zwar an Erkenntnisse aus der Bildungsforschung oder an funktionierende Schulsysteme anderer Länder an. Aber ob es bei uns tatsächlich wirkt, ist vollkommen unklar. Das ist eine Katastrophe!

All das habe ich in dieser Breite erst in den letzten Monaten wirklich verstanden. Das Startchancen-Programm hat dazu einen entscheidenden Beitrag geleistet.“

„Unsere Schule wurde vor vier Jahren neu gegründet. Dadurch hatten wir die großartige Gelegenheit, alles von Grund auf neu zu denken und uns genau zu überlegen, was wir aufbauen und etablieren wollen. Dafür mussten wir natürlich viel ausprobieren und regelmäßig evaluieren – und das ist bis heute so. All das kostet viel Zeit und Kraft, weil uns vieles noch nicht routiniert von der Hand geht. Dazu kommen immer wieder Unsicherheiten, weil das gesamte Thema noch so neu ist.

Schnell wurde uns eines klar: Wir wollen nicht einfach erheben, wo alle Schülerinnen und Schüler zu einem bestimmten Zeitpunkt stehen. Das würde uns nicht weiterhelfen, weil bei uns kein Kind zur gleichen Zeit am gleichen Punkt ist. In einer bildungsnäheren Umgebung sieht das ganz anders aus. Dort kann ich mir vorstellen, dass datengestützte Arbeit ganz andere Effekte hat: Der Fokus ließe sich stärker auf Lerneffizienz und Kompetenzen legen. Aber für mich haben solche Aspekte keine Relevanz, denn unsere Schule ist mit anderen Herausforderungen konfrontiert.

Ein typisches Beispiel: Ein Kind mit großem emotionalem und sozialem Entwicklungsbedarf eskaliert siebenmal pro Woche und wirft mit Stühlen. Einige Zeit später passiert das nur noch einmal die Woche. Das klingt immer noch nicht gut – aber wir verbuchen es als Erfolg, denn da hat sich etwas verändert. Um solche Fortschritte überhaupt wahrnehmen zu können, müssen wir Daten erheben, die individuelle Entwicklungen zeigen und Wirksamkeit sichtbar machen. Das ist ganz entscheidend.

Eines der zentralen Themen, das wir derzeit mit Datenerfassungen vorantreiben, ist die Selbstregulations­kompetenz unserer Schülerinnen und Schüler. Unser langfristiges Ziel ist selbst reguliertes Lernen, aber davon sind wir noch weit entfernt. Zunächst müssen die Kinder lernen, überhaupt wahrzunehmen: Wie geht es mir gerade? Was brauche ich, um arbeitsfähig zu sein? Wie steht es um meine Impulskontrolle? Dafür entwickeln wir derzeit ein Erhebungsformat, das zwei Perspektiven verbindet: Die Kinder beantworten Fragebögen, während Lehrkräfte und pädagogisches Personal strukturierte Beobachtungen durchführen, um nachzuverfolgen, wie sich jedes Kind entwickelt.“

„Bei der datengestützten Arbeit stehen wir noch zu sehr am Anfang, um konkrete Effekte im Unterricht oder beim Lernen zu sehen. Wir sind längst nicht da, wo ich hinwill. Aber dass sich etwas zum Positiven verändert, das merkt man schon. Wir als Schule werden besser in dem, was wir tun. Allerdings bleibt das vorerst eine gefühlte Wahrheit. Denn hier liegt eine gewisse Ironie: Woran mache ich fest, dass sich die datengestützte Arbeit wirklich lohnt? Ich habe zumindest das Gefühl, deutlich handlungssicherer zu sein und Entscheidungen mit viel klareren Argumenten vertreten zu können.“

„Da unsere Schule neu gegründet wurde und kein Stammpersonal hat, besteht unser Kollegium nahezu ausschließlich aus Abordnungen, also überwiegend aus Berufsanfänger­innen und Berufsanfängern. Das bringt einen echten Vorteil mit sich, weil die Motivation und der Veränderungswille unserer Lehrkräfte sehr hoch sind. Und so begegnet das Team auch der datengestützten Arbeit mit großer Offenheit. Soweit ich es einschätzen kann, gibt es im Kollegium keine Bedenken, durch Erhebungen gemessen oder kontrolliert zu werden. Das hängt sicher auch mit der Kultur unserer Schule zusammen. Wir haben eine starke Gemeinschaft, tauschen uns wöchentlich über Sorgen und Herausforderungen aus, und jede und jeder trägt Verantwortung füreinander. Dazu kommt, dass bei uns die Türen buchstäblich immer offenstehen: Oft sitzt jemand aus dem Team mit im Unterricht, und es wird viel hospitiert, denn andere Schulen zeigen großes Interesse daran, wie die Dinge bei uns laufen.“

„Unser drängendstes Problem bei der Datenerhebung ist, dass wir keine Tools finden, die sowohl zu unseren Schul- und Unterrichtsentwicklungs­zielen passen als auch zu unseren Kindern und ihrer Lernentwicklung. Vor allem fehlen mir Instrumente, die individuelle Lernverläufe abbilden. Alles, was man einkaufen kann, ist nicht darauf ausgelegt – sondern auf Gleichschritt.

Der größte Bereich, den wir in Zukunft mithilfe von Daten erschließen wollen, ist die Elterneinbeziehung. Wir haben nämlich das Problem, dass wir einen Teil unserer sehr heterogenen Elternschaft einfach nicht erreichen. Dafür gibt es verschiedene Gründe: Manche Eltern können nicht lesen und schreiben, andere haben schlicht kein Interesse daran, sich zu involvieren. Bei Elternbefragungen ist deshalb von vornherein klar, dass eine große Gruppe nicht teilnimmt und ihre Belange damit außen vor bleiben. Hier braucht es mehr innovative Lösungen, um auch diese Familien einzubinden. Denn ich bin überzeugt: Der Bildungserfolg unserer Kinder ließe sich deutlich steigern, wenn mehr Familien wirklich einbezogen wären.“

Foto: © Wübben Stiftung Bildung/Peter Gwiazda

Cornelia Franz leitet die Grundschule Ebersteinstraße in Gelsenkirchen, Nordrhein-Westfalen. Die Schule wurde im Jahr 2022 neu gegründet, aber Cornelia Franz kennt die Herausforderungen eines Brennpunktstandorts bereits aus ihrer Zeit als Lehrkraft. Als Schulleiterin will sie jetzt vieles neu gestalten und für echte Veränderungen sorgen. 

Serie „Bessere Bildung durch Daten“

Wie können Daten Schulen wirklich helfen, Unterricht zu verbessern und Kinder gezielter zu fördern? Mit dieser Frage be­schäftigt sich die Wübben Stiftung Bildung in diesem Jahr in mehreren Publikationen, Veran­stalt­­ungen – und auch hier im SchuB-Magazin. Aus Sicht der Stiftung braucht gute daten­gestützte Schulentwicklung vor allem eines: klare und mess­bare Bildungsziele. Erst wenn diese festgelegt sind, können Daten sinnvoll genutzt werden.

In der Serie „Bessere Bildung durch Daten“ berichten Schul­leitungen aus ihrem Schulalltag: Welche Haltung braucht es für die Arbeit mit Daten? Wie gelingt der Einstieg im Kollegium? Und was verändert sich, wenn Schulen ihre Entwicklung systematisch anhand von Daten steuern? Außerdem stellen wir in der Serie aus­gewählte Publikationen der Stiftung zu diesem Thema vor.

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