Den Namen schreiben, einen Menschen zeichnen oder Begriffe nachsprechen: Das alles gehört für Kinder zur Schulanmeldung wie die Wundertüte zum ersten Schultag. Welche grundlegenden Kompetenzen die Grundschulen darüber hinaus abfragen und welche Schlüsse sie aus den Ergebnissen ziehen, bleibt ihnen jedoch weitgehend selbst überlassen. Damit die Stadt Krefeld besser einschätzen kann, wo „ihre“ Kinder im Altersvergleich stehen, hat sie sich dazu entschlossen, die Lernausgangslage der zukünftigen Erstklässlerinnen und Erstklässler einheitlich zu erfassen.
Und zwar mit dem softwarebasierten Screening-System eduLOG, das seit der Schulanmeldungsphase im Herbst 2025 von allen 31 Grundschulen der Stadt am Rhein genutzt wird. Die Stadt hat sich das ehrgeizige Ziel gesetzt, die Zahl der Kinder zu halbieren, die am Ende der Grundschulzeit die Basisanforderungen in Mathe und Deutsch nicht erfüllen.
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Die Deutlichkeit von Daten
Ein besonderer Aha-Moment war es, der diese Initiative gleich nach Einführung des Startchancen-Programms 2024 ins Rollen brachte. Zwölf Krefelder Startchancen-Grundschulen hatten damals gemeinsam entschieden, erstmals – und noch ganz analog – die Ergebnisse der Schuleingangsuntersuchungen des Gesundheitsamtes zu analysieren und standortspezifisch auszuwerten. „Dabei stellten wir frappierende Rückstände bei den Ausgangslagen der Kinder fest“, erzählt der Leiter der KGS Josefschule, Johannes Winters, der zugleich als Fachberater für die Startchancen-Schulen in Krefeld fungiert.
An manchen Startchancen-Grundschulen verfügten 80 Prozent der Kinder nicht über altersentsprechende Sprachkompetenzen. Auch im Bereich Motorik und Gesundheit lagen die Ergebnisse je nach Stadtteil weit auseinander. So waren die Kinder verhältnismäßig häufig von Adipositas betroffen. „Das in dieser Deutlichkeit aus den Daten abzulesen hat viele Schulleitungen schockiert. Und diesen Aha-Moment wollten wir nutzen“, so Winters.
Gemeinsam Veränderungen anstoßen
Als erste Reaktion beschlossen die zwölf Schulleitungen, ihren Austausch zu intensivieren. Alle zwei Wochen standen seitdem mehrstündige Arbeitstreffen auf dem Programm, in denen sie sich in die Analyse der Daten stürzten. Welche Entwicklungsbedarfe haben die Kinder vor Schuleintritt? Und wie können ihnen die Schulen bestmöglich auf die Sprünge helfen? Offenheit und Vertrauen spielten in den Diskussionen eine wichtige Rolle, schließlich kämpfen alle mit ähnlichen Herausforderungen.
Schnell stand fest: Einzelne Schulen würden die enormen Entwicklungsverzögerungen nicht alleine bewältigen können. Hier war auch der Schulträger gefragt. Um die Ausgangslagen an den verschiedenen Schulstandorten realistisch ermitteln zu können, plädierte Winters für die Einführung eines datengestützten Screening-Verfahrens, das Erkenntnisse über einzelne Kinder sowie alle Schulstandorte am Übergang von der Kita zur Schule liefert. Schulaufsicht und Stadt gaben grünes Licht – und Winters machte sich auf die Suche nach einer geeigneten Software.
Stärken und Schwächen spielerisch entdecken
In Krefeld erklärte sich die Regenbogenschule als eine der zwölf Startchancen-Grundschulen im Herbst 2024 spontan bereit, eduLOG mit ihren Schulneulingen zu testen. Im Anschluss an die Pilotphase war die Einführung zunächst nur für die Startchancen-Schulen geplant. Die Verantwortlichen von Schulaufsicht und Stadtverwaltung zeigten sich von eduLOG jedoch so überzeugt, dass sie das Verfahren für die Anmeldephase im Herbst 2025 gleich auf alle 31 städtischen Grundschulen ausrollten.
„Es ging uns von Anfang an vor allem um zentrale Befunde, die wir an allen Schulen feststellen, um daraus für den ganzen Verbund Ergebnisse abzuleiten und den Unterricht auf diese Problemlagen anzupassen“
Johannes Winters, Leiter der KGS Josefschule und Fachberater für die Startchancen-Schulen in Krefeld
Vor allem die Startchancen-Schulen mussten die Screening-Ergebnisse erst einmal verdauen. So erfüllten etwa an der Regenbogenschule lediglich fünf Kinder die Anforderungen. Entmutigen ließen sich die Schulen davon nicht – im Gegenteil. „Es ging uns von Anfang an vor allem um zentrale Befunde, die wir an allen Schulen feststellen, um daraus für den ganzen Verbund Ergebnisse abzuleiten und den Unterricht auf diese Problemlagen anzupassen“, erklärt Winters.
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Den Unterricht auf links gedreht
Auch das nahmen die zwölf Grundschulen gemeinsam in Angriff. Zunächst verständigten sie sich auf die gleichen Lernmaterialien und Lehrwerke, um sich besser über die Lernstände, Erfolge und Rückschläge austauschen zu können. Einige Schulen entschlossen sich, die angemeldeten Vorschulkinder schon vor der Einschulung regelmäßig einzuladen, um sie besser kennenzulernen. Zudem wurden Fortbildungen abgestimmt und anschließend der gesamte Unterricht der ersten Klasse auf links gedreht, um der Vermittlung von Vorläuferfähigkeiten mehr Raum zu geben. Statt Schwungübungen steht beispielsweise erst mal die Stifthaltung auf dem Programm. „In Mathe üben wir zunächst intensiv den Mengenbegriff. Diese Grundschwungübungen müssen erst in Fleisch und Blut übergehen, bevor wir anfangen zu rechnen“, erzählt die Schulleiterin der Regenbogenschule, Nadine Fahl. Zusätzlich gibt es Förderung in motorischer sowie sozialer und emotionaler Entwicklung.
Der Grundgedanke lautet: Druck rausnehmen und den Kindern Zeit lassen, ihre Stärken zu entdecken. Denn die Erfahrung zeigt, dass ein Großteil von ihnen ohnehin fünf Jahre an der Grundschule bleibt. Durch das Screening noch vor der Einschulung und die angepasste neue Förderung, so das Ziel, gehen unterwegs weniger Kinder verloren. Und dem Ziel, die Zahl der Kinder zu halbieren, die die Basisanforderungen nicht erfüllen, rückt die Stadt nun einen Schritt näher. Schulleiterin Nadine Fahl ist jedenfalls überzeugt: „Das Risiko, an den Kindern ,vorbeizufördern‘, sinkt durch die Datenerhebung deutlich.“
Wie können Daten Schulen wirklich helfen, Unterricht zu verbessern und Kinder gezielter zu fördern? Mit dieser Frage beschäftigt sich die Wübben Stiftung Bildung in diesem Jahr in mehreren Publikationen, Veranstaltungen – und auch hier im SchuB-Magazin. Aus Sicht der Stiftung braucht gute datengestützte Schulentwicklung vor allem eines: klare und messbare Bildungsziele. Erst wenn diese festgelegt sind, können Daten sinnvoll genutzt werden.
In der Serie „Bessere Bildung durch Daten“ berichten Schulleitungen aus ihrem Schulalltag: Welche Haltung braucht es für die Arbeit mit Daten? Wie gelingt der Einstieg im Kollegium? Und was verändert sich, wenn Schulen ihre Entwicklung systematisch anhand von Daten steuern? Außerdem stellen wir in der Serie ausgewählte Publikationen der Stiftung zu diesem Thema vor.