Bildungsgerechtigkeit

Herkunft entscheidet über Bildungserfolg

Der Chancenmonitor des ifo Instituts und von „Ein Herz für Kinder“ zeigt, wie stark die Bil­dungschancen von Kin­dern in Deutschland von ihrem familiären Hintergrund abhängen.

Jedes Kind sollte die gleichen Möglich­keiten haben, sein Potenzial entfalten zu können. Doch von dieser Chancen­ge­rechtigkeit ist das deutsche Bildungs­system weit ent­fernt. Das zeigt der aktuelle Chancenmonitor, den das ifo Zentrum für Bildungsökonomik im Auf­trag von „Ein Herz für Kinder“ erstellt hat, am Beispiel des Gymnasialbe­suchs. Die Datenba­sis liefert der 2022 erho­bene Mikro­zensus (siehe Kasten). Das Ergebnis der Auswertung: Vier von fünf Kindern aus der privilegiertesten Grup­pe des fa­miliären Hintergrundes gehen aufs Gym­nasium. Im Ge­gensatz dazu gehen fünf von sechs Kindern aus der am meisten benach­teiligten Her­kunftsgruppe eben nicht aufs Gymnasium.

Laut Chancenmonitor besuchen vier von fünf Kin­dern aus der privile­giertesten Gruppe des famili­ären Hin­tergrundes das Gymnasium. Im Gegensatz dazu gehen fünf von sechs Kindern aus der am meisten benach­teilligten Herkunftsgruppe nicht aufs Gymnasium. Foto: © Wübben Stiftung Bildung / Frieda Schurig

„Selbstverständlich ist es nicht für je­des Kind die beste Bildungsentschei­dung, auf ein Gymnasium zu gehen“, sagt Ludger Wößmann. Er ist Leiter des ifo Zentrums für Bildungsökonomik und einer der Auto­ren des Chancen­moni­tors. „Aber die Chan­ce auf den Besuch des Gymna­siums sollte nicht von der Herkunft oder dem Ge­schlecht des Kindes abhängen.“ Tatsäch­lich wech­seln deutlich we­niger Jungen aufs Gymnasium als Mädchen (siehe Er­geb­nisse unten).

Dabei ist Bildung keineswegs Selbst­zweck: Wer Abitur hat, verdient netto im Durch­schnitt 42 Prozent mehr im Monat als Menschen ohne Abitur. „Der Gym­nasial­­besuch ist ein aussage­kräftiges Maß für die sozialen und die wirt­schaftlichen Chancen eines Kin­des“, sagt Wößmann. „Er eröffnet den Zugang zu Bildungswegen, die mit wohl­stands­bringenden Be­rufsaus­sichten verbunden sind.“ Gu­te Bildung, zählt Wöß­mann auf, habe auch nicht mo­netäre Auswirkungen auf Berei­che wie „Gesund­heit, Lebenser­wartung und Le­benszu­friedenheit“.

Die Kernergebnisse im Überblick

Der Chancenmonitor untersucht den Gymnasialbesuch von Kindern anhand von vier Merk­malen der sozialen Her­kunft: Bildungsstand der Eltern, Haus­haltseinkommen, Migrations­hintergrund und ob sie mit einem alleinerziehenden Elternteil aufwachsen.

  • 72,6 Prozent aller Kinder, deren Eltern ein Abitur haben, gehen aufs Gymna­sium. Bei Eltern ohne Abitur sinkt diese Quote auf 25,3 Prozent.
 
  • Nur 16,9 Prozent der Kinder, deren Eltern ohne Mi­grationshintergrund kein Abitur haben und in das un­terste Viertel der Haushaltsein­kommen (unter 2.750 Euro) fallen, besuchen ein Gymnasium.
 
  • 80,3 Prozent der Kinder, die ge­mein­sam erziehende Eltern mit Abitur mit Mi­grations­hintergrund haben und sich im obersten Ein­kommensviertel (über 6.000 Euro) befinden, werden aufs Gym­nasium geschickt.
 
  • Bildung und Einkommen der Eltern sind entschei­dend, während we­der ein Alleiner­ziehen­den­status noch ein Migrationshintergrund die Werte deutlich verändern.
 
  • 43,5 Prozent der Mädchen, aber nur 36,9 Prozent der Jungen be­suchen ein Gymnasium. Jungen haben also deutlich geringere Bildungschancen als Mädchen.
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„Kinder aus benachteiligten Verhältnissen müssen gezielt gefördert werden.“

Sechs Ansätze für mehr Chancen­gerechtigkeit mit Blick auf die soziale Herkunft

Der Chancenmonitor dokumentiert, wie ungleich die Bildungschancen von Kin­dern mit un­terschiedlicher sozialer Her­kunft verteilt sind. „Um das zu ändern, reichen Maßnahmen nach dem Gieß­kannenprinzip nicht aus“, sagt Bildungs­for­scher Wöß­mann. „Kinder aus benach­teiligten Verhältnissen müssen gezielt gefördert werden.“

Ansatz 1: Frühkindliche Bil­dungs­angebote ausbauen

Der Kitabesuch sollte verpflichtend wer­den. Wößmann schlägt vor, ihn für be­nach­­teiligte Familien flächen­deckend kosten­frei zu stellen. Darüber hinaus regt er eine Opt-out-Regelung an: Kin­der sind automa­tisch in einer Kita an­gemeldet, und Eltern können nur in begrün­deten Fällen eine Ausnahme beantragen.

Ansatz 2: Familien bei der Erziehung unterstützen

Eltern bei der Erziehung zu helfen, schafft ein entwick­lungsförderndes Umfeld für Kinder. Entsprechende Pro­gramme zeigen nachhaltige Effekte, zum Beispiel durch häufige Hausbe­suche bei einkommens­schwächeren Müt­tern von Kindern bis zwei Jahre. Die Besuche steigern das Wissen der Müt­ter über Kindererziehung und die Wahr­nehmung der eigenen Selbstwirk­sam­keit als Elternteil.

Das Beste zu geben hilft beim persönlichen Bil­dungs­weg immer. Oftmals hängt die Chance auf Bildungs­erfolg aber von anderen Parametern ab: vom Bildungs­stand der Eltern, dem Haushaltsein­kommen, vom Mi­gra­tionshintergrund und ob Kin­der mit einem allein­erziehenden Elternteil auf­wachsen. Foto: © Wübben Stiftung Bildung / Mika Volkmann

Ansatz 3: Die besten Lehrkräfte nutzen 

Schulkinder lernen besser, wenn die Qualität ihrer Lehrkräfte hoch ist. Leider zeigt sich, dass Schulen mit vielen be­nach­teiligten Kindern unter einer hohen Fluktuation bei Lehr­kräften leiden. Hier ließe sich laut Wößmann mit flexiblen Vergü­tungen und Unterstützung – etwa durch assistierende Hilfskräfte im Klas­senzimmer – gegensteuern.

Welche Schulform wird es? „Die Chance auf den Be­such des Gymnasiums sollte nicht von der Her­kunft oder dem Geschlecht des Kindes abhän­gen“, sagt Ludger Wößmann, Leiter des ifo Zentrums für Bil­dungsökono­mik und einer der Autoren des Chancen­monitors. Foto: © Wübben Stiftung Bildung / Simon Hofmann

Ansatz 4: Kostenlose Nachhilfe anbieten

Nachhilfeprogramme haben erhebliche po­sitive Effekte auf den Lernerfolg von Schulkindern. Die Effekte sind tenden­ziell größer, je jünger die Schul­kinder sind. Nach­hilfe steigert unter anderem das Ver­trauen der Jungen und Mädchen in ihre eigenen Fähigkeiten, ihre Moti­vation und ihre kognitiven Fähigkeiten.

Ansatz 5: Klassenverbünde länger erhal­ten

Die frühe Aufteilung auf weiterführen­de Schulen erhöht die Ungleichheit bei den Schülerleistungen. Lernschwä­chere ver­bessern sich erheblich, wenn die Auftei­lung erst später erfolgt. Auf Lernstärkere hat die spätere Auf­teilung keine Auswir­kungen. Längeres gemein­sames Ler­nen hat also eine ausglei­chende Wirkung – ohne Effi­zienzein­bußen.

Ansatz 6: Mentoring-Programme fördern

Mentoring wirkt dort, wo familiäre Un­terstützung nur eingeschränkt vorhan­den ist. So fun­gieren etwa im Programm „Balu und Du“ Studierende als Vorbilder und sprechen mit Grund­schulkindern über ihre schulischen Chancen. Bei Kin­dern aus benachteiligten Verhältnissen führt dies zu einer 20 Prozent höheren Wahrschein­lichkeit, ein Gymnasium zu besu­chen. Das Programm „Rock Your Life!“ wendet sich an stark benachtei­ligte Jugendliche. Es ver­doppelt den Anteil der Jugendlichen, die erfolgreich eine Berufsausbildung aufgenommen haben.

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Ansätze für mehr Chancen­gerech­tigkeit von Jungen

Der Chancenmonitor dokumentiert zu­dem die ungleichen Bildungschancen zwischen Mädchen und Jungen und ar­beitet ver­schiedene Ansätze aus, um die Bildungs­chan­cen von Jungen zu steigern. Das be­ginnt bei der Ref­lexion von Geschlechter­stereotypen, von Un­terrichts- und Erzie­hungsformen. Und in der Stärkung der Bildungs­­­as­pi­rationen von Jungen, etwa durch mehr männ­liches Personal in Kitas und Schulen, die Bildung für Jungen po­sitiv beset­zen. „Auch Eltern sollten für ihre Söhne die­selben Bildungsaspirationen haben wie für ihre Töchter“, sagt Wößmann. „Jungen müssen es als er­strebenswert ansehen, sich für bessere Bildungser­gebnisse anzustren­gen.“ Gerade die Lesekompetenzen und die Selbstre­gula­tion von Jungen müssten früh ge­fördert werden. Hier gelte es anzuset­zen, damit Jungen vom Schulsystem nicht frustriert sind – und aussortiert werden.

Abgehängt? 43,5 Prozent der Mädchen, aber nur 36,9 Prozent der Jungen besuchen ein Gymna­sium. Jungen haben also deutlich geringere Bil­dungschancen als Mädchen. Foto: Foto: © Wübben Stiftung Bildung / Kaja Grope
Foto: © Wübben Stif­tung Bildung / Marco Urban
Ludger Wößmann, Co-Autor des Chancenmonitors, ist Leiter des ifo Zen­trums für Bildungsökonomik und Pro­fessor für Volkswirt­schaftslehre an der Ludwig-Maxi­milians-Universität München. Wößmann gehört zum Ku­ratorium der Wübben Stiftung Bildung und begleitet die Bildungs­politik in Deutsch­land seit mehr als zwei Jahr­zehnten mit wissenschaftlichen Untersuchungen.

Über den Chancenmonitor

Der Chancenmonitor, zum zweiten Mal nach 2023 erhoben, nutzt den aktu­ellen Mikrozensus, für den Daten von 974.601 Personen er­fasst wurden. Der Chancenmoni­tor konzentriert sich auf Haushal­te, in denen mindestens ein Kind im Alter zwischen 10 und 18 Jah­ren lebt, das nicht mehr die Grund­schule besucht, und für die alle benötigten Infor­mationen zum fami­liären Hinter­grund vorliegen. Damit liefert der Mikrozensus verlässliche Daten für 67.851 Kinder und Jugendliche.

Der familiäre Hintergrund eines Kindes wird durch vier Merkmale abge­bil­det: Bildungsstand der Eltern, das monatliche Haus­haltsnetto­einkom­men (unterteilt in vier Quartile), der Migrations­hintergrund und ob das Kind in einem allein­erziehenden Haushalt aufwächst. Werden alle Ausprä­gun­gen dieser Merk­male kombi­niert, ergeben sich insgesamt 40 verschiedene Vari­anten. Für jede dieser Merkmals­kombina­tionen berechnet der Chan­cen­monitor den Anteil der Kinder, die das Gymnasium besuchen.

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