Schulentwicklung

„Wir müssen offen sein, andere Professionen in unsere Schule zu lassen“

Die Erich Kästner Grundschule in Gera erhält durch das Startchancen-Programm ein Berater-Tandem. Schulleiterin und Schulamtsreferentin berichten.

Frau Schimmel, Sie sind Referentin für Schulentwicklung im größten Schulamt Thüringens. Wie sind Sie und Ihr Team aufgestellt?

Mandy Schimmel: Als Schulamt Ost­thüringen betreuen wir etwa 210 staatliche Schulen sowie 50 Schulen in freier Trägerschaft. Da gibt es viel zu tun. Die Arbeit ist bei uns in zwei Bereiche aufgeteilt: Wir haben einmal die Schul­aufsicht, bei der es um die Rechts­beratung sowie die Dienst- und Fach­aufsicht geht.

Eine besondere Unterstützung bekommen Schulen, die am Startchancen-Programm teilnehmen. Sie müssen viele Veränderungen anstoßen, was mit der nötigen Hilfe leichter gelingt. Foto: © Wübben Stiftung Bildung/Reinaldo Coddou

Der Bereich übernimmt also eher die Rolle einer Kontroll­instanz?

Schimmel: Genau. Der andere Bereich, in dem auch ich sitze, beschäftigt sich mit der Schulentwicklung. Wir be­mühen uns um eine Unterstützung der einzelnen Schul­en, indem wir Denk­prozesse an­leiten, Reflex­ions­räume eröffnen und Möglich­keiten zur Weiter­entwicklung eruieren, um dann mit den Schulen gemeinsam durch bestimmte Projekte und Konzepte zu gehen.

Eine besondere Unterstützung bekommen derzeit die Schulen, die am Startchancen-Programm teilnehmen. Wie sieht ihre Arbeit in diesem Bereich aus?

Schimmel: Die Startchancen-Schulen sind quasi verpflichtet, etwas zu ver­ändern. Dazu bekommen sie aus dem Schulamt ein Berater-Tandem zur Seite gestellt, das aus einer psycho­logischen sowie einer päda­­go­gischen Fachkraft besteht. Den pädago­gischen Part übernehme ich für 15 der ins­gesamt 29 Startchancen-Schulen im Schul­­amt Ostthüringen. Zusätzlich zu dieser inhaltlichen Begleitung steht den Schulen noch eine Cluster-Assistenz zur Verfügung, die vor allem die Schul­leitung bei der Daten­verwaltung, Recherchen und Förderanträgen unterstützt.

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„Ich versuche, mit meinen Fragen auf andere Perspektiven aufmerksam zu machen. Zusätzlich bringe ich die Schulen mit anderen Partnerinnen und Partnern zusammen, die sie bei ihren Vorhaben unterstützen können. "

Frau Wagner, die Erich Kästner Grundschule nimmt am Start­chancen-Programm teil. Wie haben Sie persönlich die Zusammen­arbeit mit dem Schulamt Ostthüringen erlebt?

Sabine Wagner: Zunächst einmal hat es mich sehr gefreut, als wir erfahren haben, dass Frau Schimmel den Berat­ungs­teil für unsere Schule übernimmt. Ich kannte sie schon von verschie­denen Veran­stalt­ungen, bei denen sie nicht nur viel Wissen klar verständlich ver­mittelt und spannende Inspira­tionen gegeben hat, sondern auch sehr wert­schätzend mit allen umgegangen ist. Deshalb hatte ich von Anfang an ein gutes Vertrauen in ihr Können und ihre Haltung – für mich mit die wichtigsten Schlüsselpunkte für eine gute Zusammen­arbeit.

Warum spielen Vertrauen und Wertschätzung so eine große Rolle für eine erfolgreiche Schulentwicklung?

Wagner: Wenn man anderen vertraut, ist es viel einfacher, offen zu sein und auch über Fehler zu reden. Wir müssen offen sein, andere Professionen in unsere Schule zu lassen. Und sie dür­fen auch ein Wörtchen mitsprechen. Denn das kann für alle sehr gewinn­bring­end sein.

Wie sieht Ihre Zusammenarbeit konkret aus?

Schimmel: In der Regel sehen wir uns mindestens einmal im Monat, bei Veran­staltungen oder Berat­ungs­terminen. Manchmal nur zu zweit, aber auch mit der Schulentwicklungsgruppe an der Erich Kästner Grundschule. Und einmal im Jahr gibt es eine Klausur­tagung mit dem gan­zen Schulteam.

Wagner: Häufig telefonieren wir beide auch zwischen­durch, vor allem, wenn ich eine zweite Meinung oder auch Rück­en­deckung brauche und mich recht­lich bei einer Entscheidung ab­sichern möchte. Es ist gut zu wissen, dass wir mit den Schulamt-Tandems eine Struktur haben, die von außen auf uns schaut. Wir können Dinge aus­probieren, haben aber jemand Wis­senden an der Seite, der uns auf unserem Weg unterstützt – und zur Not auch mal ausbremst.

Welche Themen und Fragen werden bei den Beratungstreffen besprochen?

Wagner: Zum einen gucken wir gemein­sam, wo wir stehen, wohin wir möch­ten und was wir dafür brauchen. Dazu bringen wir vonseiten der Schule unsere Ansichten vor, und Frau Schim­mel stellt Fragen: Welche Schritte passen zu uns, wie kön­nen wir an­fangen, was ist möglich? Außerdem berichtet sie von Erfahrungen aus anderen Schulen und füttert uns mit Daten. So sind wir zum Beispiel auch unsere Ideen mit ihr durchgegangen, wie wir unsere Grund­schule zu einem Familien­schulzentrum ausbauen können. Unsere Schule soll zu einem Ort der Begeg­nung für Familien in unserem Stadtteil werden. Als einen ersten Schritt haben wir im Früh­jahr einen Markt für Selbstgemachtes ver­an­staltet. Aber wir möchten auch Ange­bo­te für Eltern schaffen, etwa Sprach- und Beratungskurse.

Schimmel: Das Team an der Erich Kästner Grund­schule ist sehr enga­giert, innovativ und gut organ­isiert. Da braucht es von meiner Seite nicht so viel. Ich versuche, mit meinen Fragen auf andere Perspek­tiven aufmerksam zu machen. Zusätzlich bringe ich die Schulen mit anderen Part­nerinnen und Partnern zusammen, die sie bei ihren Vorhaben unterstützen können. Netzwerke spielen eine wichtige Rolle in meiner Arbeit.

Schulen sind ein Ort vieler Gestaltungs­möglichkeiten und Chancen. In Ost­thüringen erhalten sie die nötige professionelle Unterstützung vonseiten des Schulamts. Foto: © Wübben Stiftung Bildung/Peter Gwiazda

Aufgaben erfüllt? Schul­ämter erfüllen weitaus mehr als ihre Aufsichts­pflicht. Wie im Falle Ostthüringens werden Prozesse und Projekte vertrauensvoll besprochen und zum Erfolg gebracht. Foto: © Wübben Stiftung Bildung/Vera Loitzsch

„Wenn man anderen vertraut, ist es viel einfacher, offen zu sein und auch über Fehler zu reden. Wir müssen offen sein, andere Professionen in unsere Schule zu lassen.“

Frau Schimmel, mit Ihrer Beratung zeigen Sie, dass Schulaufsicht mehr sein kann als eine Kontroll­instanz. Wie kommt Ihr Wissen noch an die Schulen?

Schimmel: Wir veranstalten regelmäßig Workshops und Vernetzungstreffen. Zudem informieren wir die Schulen zu verschiedenen Themen und Neuerungen per Mail und Newsletter.

Frau Wagner, welche dieser Angebote nehmen Sie als Schulleiterin wahr?

Wagner: Ich war bereits bei ver­schied­enen Fortbildungen und Veran­stalt­ungen. Besonders spannend finde ich das Format „DENKBAR – Schule geht anders, aber wie?“.

Schimmel: Das ist eine regionale Netzwerk- und Bildungsveranstaltung, die ich einmal im Jahr organisiere und die Anregungen liefern soll, wie und wo Schulen sich verändern und verbessern können. Dazu lade ich Schulen aus unserem Umkreis ein, damit sie ihre Schokoladen­seite präsentieren und ihre Maßnahmen vorstellen, durch die sich bei ihnen etwas positiv entwickelt hat.

In welchem Bereich könnte Ihre Schule als Vorbild dienen, Frau Wagner?

Wagner: Bei uns ist es auf jeden Fall das Team, das hervorsticht. Alle sind bereit, unsere Schule weiter­zuent­wickeln. Das merkt man an kleinen Dingen wie zum Beispiel an der schnellen Einführung des Lesebands, einem täglichen Lesetraining. Aber das Kollegium steht auch hinter den großen Schritten, die wir vor allem im Rahmen des Startchancen-Programms anstre­ben, beispielsweise der Ausbau als Familienschulzentrum. Es ist ein gutes Gefühl, wenn alle an einem Strang ziehen.

Dieser Beitrag ist zuvor im impaktmagazin der Wübben Stiftung Bildung erschienen: impaktmagazin: Mehr als Aufsicht – Partnerin für Schulentwicklung.

Foto: © privat

Mandy Schimmel ist seit 2018 Referentin für Schul­ent­wicklung am Schulamt Ostthüringen und dort Teil der Leitung des Start­chancen-Programms. Zuvor arbeitete die gelern­te Krankenschwester und Pflege- und Gesund­heitswissenschaftlerin an einer berufsbildenden Schule – als Lehrkraft und Fachbereichsleiterin. Zeitgleich bildete sie sich in Coaching und Super­vision weiter.

Foto: © privat
Sabine Wagner lebt seit 16 Jahren in Thüringen und leitet seit 2025 die Erich Kästner Grund­schule in Gera mit mehr als 300 Kindern und einem Migra­tionsanteil von etwa 50 Prozent. Schon seit ihrem Referendariat an der Grundschule Kleine Kiel­stra­ße in Dortmund inte­ressiert sie sich für die Entwicklung von Schulen in herausfordernden Lagen.

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