Frau Schimmel, Sie sind Referentin für Schulentwicklung im größten Schulamt Thüringens. Wie sind Sie und Ihr Team aufgestellt?
Mandy Schimmel: Als Schulamt Ostthüringen betreuen wir etwa 210 staatliche Schulen sowie 50 Schulen in freier Trägerschaft. Da gibt es viel zu tun. Die Arbeit ist bei uns in zwei Bereiche aufgeteilt: Wir haben einmal die Schulaufsicht, bei der es um die Rechtsberatung sowie die Dienst- und Fachaufsicht geht.
Der Bereich übernimmt also eher die Rolle einer Kontrollinstanz?
Schimmel: Genau. Der andere Bereich, in dem auch ich sitze, beschäftigt sich mit der Schulentwicklung. Wir bemühen uns um eine Unterstützung der einzelnen Schulen, indem wir Denkprozesse anleiten, Reflexionsräume eröffnen und Möglichkeiten zur Weiterentwicklung eruieren, um dann mit den Schulen gemeinsam durch bestimmte Projekte und Konzepte zu gehen.
Eine besondere Unterstützung bekommen derzeit die Schulen, die am Startchancen-Programm teilnehmen. Wie sieht ihre Arbeit in diesem Bereich aus?
Schimmel: Die Startchancen-Schulen sind quasi verpflichtet, etwas zu verändern. Dazu bekommen sie aus dem Schulamt ein Berater-Tandem zur Seite gestellt, das aus einer psychologischen sowie einer pädagogischen Fachkraft besteht. Den pädagogischen Part übernehme ich für 15 der insgesamt 29 Startchancen-Schulen im Schulamt Ostthüringen. Zusätzlich zu dieser inhaltlichen Begleitung steht den Schulen noch eine Cluster-Assistenz zur Verfügung, die vor allem die Schulleitung bei der Datenverwaltung, Recherchen und Förderanträgen unterstützt.
Immer auf dem Laufenden bleiben!
Abonnieren Sie unseren wöchentlichen Newsletter mit den besten Geschichten.
„Ich versuche, mit meinen Fragen auf andere Perspektiven aufmerksam zu machen. Zusätzlich bringe ich die Schulen mit anderen Partnerinnen und Partnern zusammen, die sie bei ihren Vorhaben unterstützen können. "
Mandy Schimmel, Referentin für Schulentwicklung am Schulamt Ostthüringen
Frau Wagner, die Erich Kästner Grundschule nimmt am Startchancen-Programm teil. Wie haben Sie persönlich die Zusammenarbeit mit dem Schulamt Ostthüringen erlebt?
Sabine Wagner: Zunächst einmal hat es mich sehr gefreut, als wir erfahren haben, dass Frau Schimmel den Beratungsteil für unsere Schule übernimmt. Ich kannte sie schon von verschiedenen Veranstaltungen, bei denen sie nicht nur viel Wissen klar verständlich vermittelt und spannende Inspirationen gegeben hat, sondern auch sehr wertschätzend mit allen umgegangen ist. Deshalb hatte ich von Anfang an ein gutes Vertrauen in ihr Können und ihre Haltung – für mich mit die wichtigsten Schlüsselpunkte für eine gute Zusammenarbeit.
Warum spielen Vertrauen und Wertschätzung so eine große Rolle für eine erfolgreiche Schulentwicklung?
Wagner: Wenn man anderen vertraut, ist es viel einfacher, offen zu sein und auch über Fehler zu reden. Wir müssen offen sein, andere Professionen in unsere Schule zu lassen. Und sie dürfen auch ein Wörtchen mitsprechen. Denn das kann für alle sehr gewinnbringend sein.
Wie sieht Ihre Zusammenarbeit konkret aus?
Schimmel: In der Regel sehen wir uns mindestens einmal im Monat, bei Veranstaltungen oder Beratungsterminen. Manchmal nur zu zweit, aber auch mit der Schulentwicklungsgruppe an der Erich Kästner Grundschule. Und einmal im Jahr gibt es eine Klausurtagung mit dem ganzen Schulteam.
Wagner: Häufig telefonieren wir beide auch zwischendurch, vor allem, wenn ich eine zweite Meinung oder auch Rückendeckung brauche und mich rechtlich bei einer Entscheidung absichern möchte. Es ist gut zu wissen, dass wir mit den Schulamt-Tandems eine Struktur haben, die von außen auf uns schaut. Wir können Dinge ausprobieren, haben aber jemand Wissenden an der Seite, der uns auf unserem Weg unterstützt – und zur Not auch mal ausbremst.
Welche Themen und Fragen werden bei den Beratungstreffen besprochen?
Wagner: Zum einen gucken wir gemeinsam, wo wir stehen, wohin wir möchten und was wir dafür brauchen. Dazu bringen wir vonseiten der Schule unsere Ansichten vor, und Frau Schimmel stellt Fragen: Welche Schritte passen zu uns, wie können wir anfangen, was ist möglich? Außerdem berichtet sie von Erfahrungen aus anderen Schulen und füttert uns mit Daten. So sind wir zum Beispiel auch unsere Ideen mit ihr durchgegangen, wie wir unsere Grundschule zu einem Familienschulzentrum ausbauen können. Unsere Schule soll zu einem Ort der Begegnung für Familien in unserem Stadtteil werden. Als einen ersten Schritt haben wir im Frühjahr einen Markt für Selbstgemachtes veranstaltet. Aber wir möchten auch Angebote für Eltern schaffen, etwa Sprach- und Beratungskurse.
Schimmel: Das Team an der Erich Kästner Grundschule ist sehr engagiert, innovativ und gut organisiert. Da braucht es von meiner Seite nicht so viel. Ich versuche, mit meinen Fragen auf andere Perspektiven aufmerksam zu machen. Zusätzlich bringe ich die Schulen mit anderen Partnerinnen und Partnern zusammen, die sie bei ihren Vorhaben unterstützen können. Netzwerke spielen eine wichtige Rolle in meiner Arbeit.
Schulen sind ein Ort vieler Gestaltungsmöglichkeiten und Chancen. In Ostthüringen erhalten sie die nötige professionelle Unterstützung vonseiten des Schulamts. Foto: © Wübben Stiftung Bildung/Peter Gwiazda
Aufgaben erfüllt? Schulämter erfüllen weitaus mehr als ihre Aufsichtspflicht. Wie im Falle Ostthüringens werden Prozesse und Projekte vertrauensvoll besprochen und zum Erfolg gebracht. Foto: © Wübben Stiftung Bildung/Vera Loitzsch
„Wenn man anderen vertraut, ist es viel einfacher, offen zu sein und auch über Fehler zu reden. Wir müssen offen sein, andere Professionen in unsere Schule zu lassen.“
Sabine Wagner, Leiterin der Erich Kästner Grundschule in Gera
Frau Schimmel, mit Ihrer Beratung zeigen Sie, dass Schulaufsicht mehr sein kann als eine Kontrollinstanz. Wie kommt Ihr Wissen noch an die Schulen?
Schimmel: Wir veranstalten regelmäßig Workshops und Vernetzungstreffen. Zudem informieren wir die Schulen zu verschiedenen Themen und Neuerungen per Mail und Newsletter.
Frau Wagner, welche dieser Angebote nehmen Sie als Schulleiterin wahr?
Wagner: Ich war bereits bei verschiedenen Fortbildungen und Veranstaltungen. Besonders spannend finde ich das Format „DENKBAR – Schule geht anders, aber wie?“.
Schimmel: Das ist eine regionale Netzwerk- und Bildungsveranstaltung, die ich einmal im Jahr organisiere und die Anregungen liefern soll, wie und wo Schulen sich verändern und verbessern können. Dazu lade ich Schulen aus unserem Umkreis ein, damit sie ihre Schokoladenseite präsentieren und ihre Maßnahmen vorstellen, durch die sich bei ihnen etwas positiv entwickelt hat.
In welchem Bereich könnte Ihre Schule als Vorbild dienen, Frau Wagner?
Wagner: Bei uns ist es auf jeden Fall das Team, das hervorsticht. Alle sind bereit, unsere Schule weiterzuentwickeln. Das merkt man an kleinen Dingen wie zum Beispiel an der schnellen Einführung des Lesebands, einem täglichen Lesetraining. Aber das Kollegium steht auch hinter den großen Schritten, die wir vor allem im Rahmen des Startchancen-Programms anstreben, beispielsweise der Ausbau als Familienschulzentrum. Es ist ein gutes Gefühl, wenn alle an einem Strang ziehen.
Dieser Beitrag ist zuvor im impaktmagazin der Wübben Stiftung Bildung erschienen: impaktmagazin: Mehr als Aufsicht – Partnerin für Schulentwicklung.
Mandy Schimmel ist seit 2018 Referentin für Schulentwicklung am Schulamt Ostthüringen und dort Teil der Leitung des Startchancen-Programms. Zuvor arbeitete die gelernte Krankenschwester und Pflege- und Gesundheitswissenschaftlerin an einer berufsbildenden Schule – als Lehrkraft und Fachbereichsleiterin. Zeitgleich bildete sie sich in Coaching und Supervision weiter.