Familiengrundschulzentren

„Das stärkt die Motivation der Kinder genauso wie das Selbstwertgefühl der Eltern“

Nicht ohne meine Eltern! An der 117. Grund­schule in Dres­den erledigen Kinder und Eltern Hausaufgaben ge­meinsam. Kristin Seydel stellt das besondere Angebot vor.

Frau Seydel, im Rahmen der Haus­auf­gabenwerkstatt werden an Ihrer Schu­le Kinder betreut, die ihre Eltern mit­bringen. Welche Idee liegt dem zu­grunde?

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Kristin Seydel: Die Idee entstand gleich zu Beginn meiner Tätigkeit als Ko­ordi­natorin des hiesigen Familienschul­zentrums – und zwar als eine Antwort auf die Frage, was Eltern brauchen, um ihre Kinder unterstützen zu können. Auch an Schulen in herausfordernder Lage wollen viele Eltern ihren Kindern helfen, die schulischen Anforde­rungen zu bewältigen, sind aber sprachlich oft über­fordert. Mitunter fällt es ihnen schwer, eine komplexe Aufgabenstel­lung richtig zu verstehen. Oder es ge­lingt ihnen nicht, die Inhalte eines Ar­beitsblatts in Vorberei­tung auf einen Test richtig zu lesen. In der Hausaufga­benwerkstatt soll das aufgefangen werden, indem wir die Dinge gemein­sam mit den Eltern besprechen. Wenn die Eltern ein Vorbild sind, stärkt das die Motivation der Kinder genauso wie das Selbstwertgefühl der Eltern.

„Wenn die Eltern ein Vorbild sind, stärkt das die Motivation der Kinder genauso wie das Selbstwertgefühl der Eltern.“

Wie organisieren Sie die Hausaufgabenwerkstatt?

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Seydel: Die wichtigste Info vorab: Das Projekt lebt vom Ehrenamt! Schülerin­nen und Schüler ab 16 Jahren, be­rufstä­tige Erwachsene, Seniorinnen und Sen­ioren – sie alle machen mit. Wir suchen und finden sie über Online­anzei­gen. Um den Anreiz zu erhöhen, bekommen die Eh­renamtlichen eine kleine Aufwands­entschädigung. Nach einem persön­lichen Gespräch mit mir und einer Schnup­perstunde kann der Einsatz an unserer Schule dann star­ten. Bei den Familien wiederum ist die Mund-zu-Mund-Propaganda die wichtigste Art der Werbung. Insbeson­dere jene Mütter, die gute Erfahrungen mit dem Projekt gemacht haben, tragen dies innerhalb ihrer eigenen Sprachcommuni­ty weiter. Zurzeit sind ausschließlich Familien mit Migrationshintergrund an­gemeldet.

Und nun zum Ablauf: Das FSZ hat einen eigenen Raum im Keller der Schule. Dort treffen sich jeden Mittwoch und Don­nerstag die Ehrenamtlichen, die Fami­lien und Helfe­rinnen und Helfer. Dane­ben stehen uns der Speisesaal und die Bücherei zur Verfügung, alle befinden sich auf derselben Etage. Die Kern­zeit liegt zwischen 15.30 Uhr und 17 Uhr. Die Kinder bringen aber nicht immer Haus­auf­gaben mit, weswegen der Projekt­name ein wenig irre­führend ist und geändert werden soll. Denn grundsätz­lich haben die Schülerinnen und Schü­ler die Möglichkeit, ihre Hausaufgaben im Hort zu erledigen. Meist geht es also um Aufgaben, die die Kinder nicht ge­schafft haben. Oder sie möchten gezielt für einen Test lernen oder an­hand von Zusatzaufgaben ihr Wissen festigen. Dabei stehen Deutsch und Sachkunde im Fokus, seltener Ma­the, denn da kön­nen viele Eltern trotz geringer Deutsch­kenntnisse auch zu Hause helfen.

Die Treffen enden, wenn entweder alle Aufgaben erledigt sind, die Zeit vorbei ist oder die Kinder zu unkonzentriert werden. Man darf schließlich nicht ver­gessen, dass der Schultag für sie schon sehr früh angefangen hat. Des­halb ist es inzwischen ein Ritual, dass die letzte halbe Stunde zum gemeinsamen Spie­len genutzt wird.

Das Angebot wird seitens des Fami­lienschulzentrums gestellt. Das hat ja vornehmlich zum Ziel, Eltern stärker als Bildungspart­nerinnen und -partner einzube­ziehen. Wie gut gelingt das in diesem Rahmen?

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Seydel: Wenn man sich die Entwicklung anschaut, sehr gut. Gestartet sind wir im Januar 2025 mit drei Ehren­amtlichen und sechs Kindern samt Eltern. Aktuell treffen sich insgesamt zehn Ehrenamt­liche mit 17 Kindern und deren Eltern. Wir haben sogar eine Warteliste. Grund­sätz­lich geben uns die Eltern positives Feedback. Sie gehen nach jeder Einheit mit einem „Plan“ nach Hause, wissen, was sie eventuell noch mit ihren Kin­dern wiederholen kön­nen. Insgesamt können sie sich besser mit ihren Kin­dern über den Schul­stoff austauschen, mitreden. Sie sind also Partnerinnen oder Partner, denn sie haben ge­mein­sam etwas gelernt. Das verändert viel zum Posi­tiven.

Trotz dieser Erfolge gibt es natürlich weiterhin Eltern, die wir über dieses Projekt nicht erreichen. Hier gibt es sei­tens FSZ und Schulsozialarbeit das An­gebot, bei der Su­che nach externen Nachhilfeagenturen und bei Bedarf auch beim Beantragen des Bildungs- und Teilhabepakets zu unterstützen.

Foto: © Privat

Kristin Seydel ist Koordina­torin des Familienschulzen­trums (in Sachsen wer­den Familiengrundschulzentren (FGZ) als Familienschulzen­tren (FSZ) be­zeichnet, weil auch Förderschulen inklu­diert sind) an der 117. Grund­schule „Ludwig Reichenbach“ in Dres­den. Sie verwaltet die An­meldungen zur Haus­auf­gabenwerkstatt sowie die Vermittlung zwischen teil­nehmenden Familien und Eh­renamtlichen. Außerdem kommt sie selbst als „Spring­erin“ zum Ein­satz.

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