Demokratieförderung

Wo sich Rassismus in Schulen versteckt

Sich selbst reflektieren, Sensibilität schaffen, Diskriminierung vorbeugen: Im Ratgeber „Anti-Rassis­mus für Lehrkräfte“ stecken viele Tipps für Lehrerinnen und Lehrer.

Ich, eine Rassistin oder ein Rassist? Das würden die meisten Lehrerinnen und Lehrer vermutlich empört von sich weisen. Und doch steckt viel unbe­merkter Rassismus in unseren Schulen. Ein flapsiger Kommentar hier, ein vermeintlich harmloser Witz da oder eine ungleiche Bewertung geben Schülerinnen und Schülern mit Migra­tionshintergrund das Gefühl, anders zu sein.

Lehrkräfte, die dagegen vorgehen möchten, müssen mehr tun, als bloß gegen Rassismus zu sein: Das schreiben die Autorinnen und Autoren des Ratgebers „Anti-Rassismus für Lehr­kräfte“. Sie liefern – auch aus eigener Erfahrung – Vorschläge, Handlungsanleitungen und Checklisten, wie Lehrerinnen und Lehrer Anti­rassismus lernen und im Schulalltag anwenden können. Die wichtigsten Tipps im Überblick:

Wie Lehrkräfte antirassistisch werden

Lehrkräfte, die echte Anti­rassistinnen und Anti­rassisten werden möchten, müssen sich mit rassistischen Struk­turen auseinandersetzen, Rassismus im eigenen Alltag erkennen und bewusst dagegen­halten. Eine anti­rassistische Haltung setzt das Ein­geständnis voraus, Teil des Problems zu sein – wenn auch nur unbewusst. Dazu können sich Lehrkräfte selbst fragen, welche rassistischen Vor­urteile sie mög­licherweise verinner­licht haben. Anschlie­ßend sollten sie sich dazu bekennen, Teil der Lösung sein zu wollen, um Schule zu einem „diskrimi­nierungssensibleren“ Ort zu machen.

Es fängt bei der Aussprache von Namen an: Schülerinnen und Schüler mit ungewohnt klingen­dem Namen fühlen sich schnell unwohl, wenn dieser laut vorgelesen, falsch aus­gesprochen oder gar noch mit Reimen versehen wird. Nach der richtigen Aus­sprache des Namens könnte man im Vier­augen­gespräch fragen. Wird eine Lehrkraft für eine pro­blema­tische Äußerung kriti­siert, sollte sie sich entschul­digen und die Kritik an­nehmen.

Auf eine „Deutschpflicht“ sollte man verzichten – jede Sprache hat ihre Daseinsberechtigung. Statt­dessen könnte man die Sprachenvielfalt in der Klasse würdigen, indem man etwa die morgendliche Begrüßung in unter­schiedlichen Sprachen vornimmt. Lobende Worte darüber, dass jemand „aber gut Deutsch“ spreche, sollten sich Lehrkräfte dagegen verkneifen. Sie betonen lediglich die Anders­artigkeit.

Bei Unterrichtsprojekten zum Thema Antirassismus ist eine intensive Vor­bereitung gefragt, etwa im Hinblick auf die Gruppenzusammen­setzung. Von Rassismus betroffene Schüler­innen und Schüler können Lehrerinnen und Lehrer vorher selbst fragen, was sie sich inhaltlich wünschen. Im Unterricht selbst ist Raum für Fehler. Bei rassistischen oder diskrimi­nierenden Äußerungen sollten Lehr­kräfte jedoch sofort einschreiten. Gleich­zeitig sollten sie selbst Vorbild sein und klischeehafte Sprache ver­meiden. Fehlverhalten von Kolleginnen oder Kollegen kann man nachträglich gewaltfrei ansprechen.

Bei der Auswahl von Literatur nehmen westliche Bücher und Geschichts­schreibung meist viel Raum ein, während die Darstellung der Lebens­wirklichkeit auf anderen Kon­tinenten häufig von Stereo­typen geprägt ist (Afrika als armer, krisengeschüttelter Kontinent). Schulbücher, Arbeits­blätter, Sachtexte und Filme sollten Lehrkräfte daher in jedem Fach so auswählen, dass der Unterricht multi­perspektivisch, inklusiv und diskriminierungs­kritisch ist. Das Schul­material darf in seinen Darstellungen, Inhalten und Texten nicht nur die Perspektive der Mehrheits­gesellschaft abbilden.

Lehrkräfte sollten sich während der Planung diskrimi­nierungskritischer Unterrichts­einheiten bewusst machen, welche Privilegien sie selbst genießen und ob die Schü­lerinnen und Schüler für unterschiedliche Lebens­realitäten sensibilisiert werden – etwa durch bildlich und sprachlich differen­zierte Darstellung von Personen. Ziel eines solchen Unter­richts ist es, Vielfalt als Normalität zu vermitteln. Tipp: Der Ratgeber enthält Checklisten für die Beurteilung von Unter­richts­material und weitere Werk­zeuge für die praktische Umsetzung im Unterricht.

Wer sich mit marginalisierten Grup­pen solidarisiert und sich für diese einsetzt, wird im Englischen „Ally“ genannt. Auch Lehrkräfte können diese Rolle ein­nehmen und sich für von Rassismus betroffene Schüle­rinnen und Schüler sowie Kolleginnen und Kollegen starkmachen.

Wer etwa Zeugin oder Zeuge eines rassis­tischen Witzes wird, sollte die Diskriminierung deutlich benennen und mög­liche Folgen aufzeigen. Mit­lachen? Verboten! Trösten nach einem rassistischen Ausfall ist gut gemeint, besser ist es aber, aktiv Hilfe anzu­bieten. Verbiegen muss man sich als Ally trotzdem nicht. Es reicht, den Mitmenschen mit Ver­ständnis und Wärme zu be­gegnen.

Über das Buch „Anti-Rassismus für Lehrkräfte“

Der Ratgeber „Anti-Rassismus für Lehrkräfte“ bietet Wissen, praktische Ansätze sowie gezielte Reflexionsimpulse zum Thema Antirassismus. Das 168 Seiten umfassende Buch ist im Verlag an der Ruhr erschienen. ISBN 978-3-8346-4986-7. Die Autorinnen und Autoren sind Haluk Yumurtacı, Anna Lena Lutz, Eva Rupp, Elif Kırömeroğlu sowie Stephen Guy.

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