Individuelle Förderung

Inklusives Lernen – und wie gut es wirklich gelingt

Wie lernen Jugendliche mit und ohne Förderbedarf erfolgreich gemeinsam? Eine Langzeitstudie zeigt, was schon gut läuft und wo noch Luft nach oben ist.

Deutschland hat sich vor etwa 15 Jahren dazu verpflichtet, dass alle Schülerinnen und Schüler an allgemein­bildenden Schulen gemeinsam lernen – unabhängig davon, ob sie sonder­pädagogische Förderbedarfe aufweisen oder nicht. Damit das gelingt, müssen die Schulen den Bedürfnissen aller gerecht werden. Eine besondere Heraus­forderung für Schulen, auch für Schulen im Brennpunkt, die in vielerlei Hinsicht gewinnbringend sowie belastet sein kann.

Bundesländer, Schulbezirke und Schulen gehen bei der Umsetzung sehr unter­schiedliche Wege. Ein inter­disziplinäres Kooperationsprojekt von verschiedenen Universitäten (s. Infokasten) und unter Beteiligung des Leibniz-Instituts für Bildungsverläufe (LIfBi) hat untersucht, unter welchen Bedingungen Inklusion gelingt, wo sie an ihre Grenzen stößt und wie sich inklusiv lernende Schüler­innen und Schüler in der Sekundar­stufe I und darüber hinaus entwickeln. Der Name des Forschungs­projekts: „Inklusion in und nach der Sekundar­stufe I in Deutschland (INSIDE)“. Seine Laufzeit: mehr als neun Jahre.

Nun liegen die Ergebnisse der Langzeit­studie vor. Ausgewählte Resultate wurden in einem Sammelband der Zeitschrift für Erziehungs­wissenschaft (ZfE) veröffentlicht. Bildungs­forscherin Dr. Amelie Labsch vom LIfBi leitete das INSIDE-Projekt von September 2022 bis Dezember 2025. Hier ordnet sie die wichtigsten Ergebnisse der Studie für SchuB ein und erklärt, wie inklusiver Unterricht noch besser gelingen kann.

Die Herausforderungen von inklusivem Unterricht:

  • Förderbedarfe führen zu sozialer Ausgrenzung: Jugendliche mit sonderpädagogischen Förder­bedarfen fühlen sich in ihrer Klasse weniger sozial integriert als ihre Mitschülerinnen und Mitschüler ohne entsprechende Bedarfe. Das gilt für alle Förder­bereiche, insbesondere aber für Schülerinnen und Schüler mit dem Förderschwerpunkt „Emo­tionale und soziale Entwicklung“. Jugend­liche, die beispielsweise durch impulsives Verhalten auf­fallen, berichten besonders häufig von einer geringen sozialen Teilhabe im Klassenverbund.

 

  • Eine intensive Zusammenarbeit von Klassen- beziehungsweise Fachlehrkräften und sonder­pädagogischen Lehrkräften ist noch nicht selbst­verständlich: Um den Bedarfen aller Schüler­innen und Schüler an inklusiv arbeitenden Schulen gerecht zu werden, ist eine enge Zusammen­arbeit zwischen allgemein- und sonder­pädagogischen Lehrkräften immens wichtig. Bisher be­schränkt sich die Zusammenarbeit eher darauf, dass die Lehr­kräfte Informationen beziehungsweise Materialien austauschen oder sich Arbeiten aufteilen.
Gemeinsames Lernen, mit und ohne sonder­pädagogischen Förderbedarf, gestaltet sich laut der INSIDE-Studie als herausfordernd. © Wübben Stiftung Bildung/Peter Gwiazda
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Differenzierter Unterricht: Wenn die unter­schiedlichen Bedarfe der Kinder berücksichtigt werden, wirkt sich das laut der Studie positiv auf das Miteinander aus. © Wübben Stiftung Bildung/Peter Gwiazda

Was bereits gut läuft:

  • Gute Beziehungen zu Lehrkräften stärken das Zugehörigkeits­gefühl: Wenn die Beziehung zur Lehrkraft gut ist, fühlen sich alle Jugendlichen und somit auch die mit sonder­päda­gogischen Förder­bedarfen zumindest ein bisschen weniger aus­gegrenzt. Ein Grund dafür könnte sein, dass Lehrer­innen und Lehrer als Vorbild eine Haltung trans­portieren, an der sich die anderen Schüler­innen und Schüler orientieren können.

  • Differenzierter Unterricht wirkt sich ebenfalls positiv auf das Mit­einander aus: Wenn Jugendliche den Eindruck haben, dass Lehr­kräfte die Bedürf­nisse von jeder Schülerin und jedem Schüler berück­sichtigen, fühlen sie sich mehr als Teil der Klasse. Das gilt vor allem für die­jenigen mit sonderpädagogischen Förder­bedarfen. Die Studie hat das für die Fächer Deutsch und Mathe­matik untersucht.

Was Schulen konkret verbessern können:

  • Lehrkräfte sollten aktiv ihre Beziehungen zu ihren Schüler­innen und Schülern verbessern: Die Aus­grenzung von Jugendlichen mit sonder­päda­gogischen Förder­bedarfen „wächst sich nicht aus“. Lehrkräfte haben hier einen wichti­gen Einfluss. Bewusste Selbst­reflexion, Selbst­beobachtung oder gezielte Be­fragung der Schülerinnen und Schüler können Lehrkräften dabei helfen, überhaupt zu bemerken, wenn die Beziehungen nicht posi­tiv (genug) sind. Dann können sie mit Methoden wie der „Banking Time“ Interaktionsmuster durch­brechen und durch positive Beziehungs­erfahrungen über­schreiben. Bei dieser Methode verbringen Lehr­kräfte kurze, regelmäßige Einzel­zeiten mit bestimmten Schülerinnen und Schülern, um die Beziehung zu stärken, Vertrauen aufzubauen und problematisches Verhalten im Unterricht zu redu­zieren.

  • Politik, Verwaltungen und Schul­leitungen sollten die Kooperation zwischen allgemein- und sonder­pädagogischen Lehrkräften struktu­rell fördern: Die disziplin­über­greifende Zusammenarbeit funktioniert nicht automatisch, je länger Lehrkräfte an inklu­siven Schulen arbeiten. Stattdessen müssen alle Lehrkräfte in Aus- und Weiterbildung aktiv auf die Zusammen­­arbeit vorbereitet werden und sich von den Struk­turen sowie der Schul- und Team­kultur unter­stützt fühlen. Lehr­kräfte brauchen Räume und Zeiten für den Austausch im Schulalltag. Wenn Schulleitungen strukturelle Unterstützung bieten, wirkt sich das positiv auf die Zusammen­­arbeit der Lehrkräfte aus.
Mit gutem Beispiel vorangehen: Pflegen die Lehrkräfte gute Beziehungen zu ihren Schülerinnen und Schülern, fühlen diese sich weniger stark ausgegrenzt. © Wübben Stiftung Bildung/Lukas Schulze

INSIDE ist darüber hinaus weiteren Fragen nachgegangen, zum Beispiel wie sich die Kompe­tenzen aller inklusiv lernen­den Schülerinnen und Schüler entwickeln, wie schulische Inklu­sion und Demokratiebildung zusammen­hängen oder wie Elternnetzwerke den Schulerfolg fördern. Insgesamt zeigt die Studie: Inklusion gelingt noch nicht überall – aber sie scheitert auch nicht grundsätzlich. Ein bedeutender Faktor ist, welche Kultur an den Schulen gelebt wird und ob Schul­leitungen sich aktiv für den gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne sonder­päda­gogische Förderbedarfe beziehungs­weise eine engere Zusammenarbeit der pädagogischen Fachkräfte einsetzen.

Mehr über die Studie INSIDE

INSIDE …
  • … begleitete mehr als 4.000 Schülerinnen und Schüler der Sekundar­stufe I mit und ohne sonder­pädagogische Förderbedarfe an 246 allgemeinbildenden Schulen, viele davon über fünf Jahre hinweg.
  • … befragte auch erwachsene Expertinnen und Experten aus der Schulpraxis, darunter Schul­leitungen, Lehr- und Fachkräfte sowie Eltern.
  • … war ein interdisziplinäres Kooperationsprojekt.

Beteiligt waren das Leibniz-Institut für Bildungsverläufe (LIfBi), das Insti­tut zur Qualitäts­entwicklung im Bildungswesen (IQB) beziehungsweise die Humboldt-Universität zu Berlin (HU), die Bergische Uni­versität Wuppertal (BUW) und die Universität Potsdam (UP). Die Erfahrungen von Forschenden unter­schiedlicher Disziplinen sowie Beraterinnen und Beratern aus Wissen­schaft, Politik, Ver­bänden und Interessens­vertretungen kamen hier zusammen. Das Projekt wurde durch das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ), ehemals Bundes­ministerium für Bildung und Forschung (BMBF), gefördert.

Foto: © Dr. Amelie Labsch

Dr. Amelie Labsch arbeitete seit Januar 2017 im INSIDE-Projekt am Leibniz-Institut für Bildungsverläufe in Bamberg und leitete es von September 2022 bis Dezember 2025. Ihre Themen­schwerpunkte sind soziale und emotionale Entwicklung und Lern­umwelten. Darüber hinaus ist die Bildungsforscherin als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt NEPS-Etappe 5 tätig, das sich mit Wegen von Schülerinnen und Schülern durch die Sekundarstufe II und Übergängen in den tertiären Bereich oder den Arbeitsmarkt befasst.

Kommentare

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Wie stehen Sie zu diesem Thema? Wie ist die Situation bei Ihnen an der Schule und welche Erfahrungen haben Sie im Schulalltag gemacht? Erzählen Sie uns davon.

2 Kommentare

  1. Warum nicht mal über Inklusionsfachkräfte, sprich Erzieher:innen (nicht etwa sog. I-Helfer:innen), als Zusatzkraft im Klassenraum nachdenken?
    Ich habe während meiner Ausbildung zur Erzieherin an der OGS unterrichtsunterstützend vormittags in der Grundschule gearbeitet. Ich hatte mich nebenbei zur Inklusionsfachkraft weitergebildet. Wir, die beiden Klassenleitungen der vierten Klasse und ich, haben sehr gute Erfahrungen damit gemacht, in dieser Konstellation zu arbeiten. Ich habe beim differenzierten Vorgehen als zusätzliche Ressource viel für Kinder mit besonderen Lernherausforderungen leisten können. Ich habe mich intensiver um die Kinder mit vor allem sozial-emotionalem Förderbedarf kümmern können und die Entlastung für die ganze Klasse war deutlich. Für mich selbst eine außerordentlich befriedigende Arbeit!
    Zudem konnte ich viele der Kinder ab Mittag in meiner OGS-Gruppe weiterbegleiten – Inklusion im Ganztag eben.
    Leider ist das nicht selbstverständlich und ich konnte nach meiner Ausbildung nicht auf diese Weise weiterarbeiten. Ich persönlich denke, hier gäbe es Chancen, die man nutzen sollte. Beziehungsarbeit ist die Kernaufgabe jeder Erzieherin, wir werden dafür ausgebildet. Zudem sind wir “kostengünstiger” als Lehrkäfte.
    Nur mal eingeworfen.

  2. Ich habe drei Jahre an einer Schule mit dem Förderbedarf Hören unterrichtet. Da ich nicht gebärdensprachkompetent bin, habe ich bis zu zehn Klassen mit der Diagnose AVWS und Hörhilfen wie Hörgeräte oder CIs unterrichtet. Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass unterm Jahr etliche SuS von Regelschulen kamen, weil ihre Bedarfe einfach nicht in einem normalen Klassenzimmer abgebildet werden können: spezieller Schallschutz, Kopfhörer- und Mikrofonanbindung, Mundbild nur als Schlagworte. Vor allem ist es das Ankommen, Aufatmen, Austauschen.
    Leider wurde dank Inklusion und Streichung von Fördergeldern die Schule von 10- auf 3-zügig geschrumpft, das eigene Internat steht fast leer. Und mich hat es nach drei Jahren als Quereinsteigerin mit Fortbildungen und pädagogischer Eignung den Job gekostet.
    Inklusion ist eine Medaille mit zwei Seiten, ich kenne vor allem die untere, die grad keiner sehen will.

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