Porträt des Leiters eines Familiengrundschulzentrums

Morgenkreis und Metalkonzert

Robin Simon führt ein Doppel­leben: Der Leiter eines Familien­grundschul­zentrums in Duis­burg ist zugleich Bassist mehr­erer Bands. Wie geht das zusammen?

Wenn Robin Simon abends auf der Bühne oder im Proberaum steht, dröhnen Metal­klänge, britischer Hardrock oder die Songs der deutschen Pop-Rock-Sängerin LaFee aus den Boxen. Seine Bands hei­ßen Doomcrusher und Crimes of Passion. Als Robin Simon an diesem Donnerstag­mor­gen in einem Klassenraum in Duisburg-Hochfeld steht, klingt es etwas anders. Zusammen mit acht Vorschul­kin­dern tanzt er zu „Tschu Tschu Wa“, einem Kita-Hit, bei dem voller Körper­einsatz gefragt ist. Kopf nach oben, Po nach hinten, Zunge raus: bäh!

Hier Headbangen, da Popowackeln. Hier die Rolle als Bassist mehrerer Bands, da die Leitung des Familien­grundschul­zentrums der GGS Hochfelder Markt in Duis­burg. Dass Robin Simon beide Welten mitein­ander ver­binden kann, ist nicht selbst­ver­ständlich. Die Konzert­termine richten sich schließlich nicht nach den Schul­ferien. Doch sowohl die Schulleitung als auch sein Arbeit­geber, das Deutsche Rote Kreuz (DRK), lassen ihm viele Frei­heiten. „Ich bin sehr dank­bar für das Vertrauen“, sagt Simon. „Für Konzerte und Touren habe ich immer die Mö­glichkeit, mich rauszu­zie­hen, küm­mere mich aber natür­lich darum, dass hier alles läuft, während ich weg bin.“

Der FGZ-Leiter hat einen guten Draht zu den Kindern und ihren Eltern. Die Mädchen und Jungen nennen ihn liebevoll-lässig „Rob“.

Keine Ausbildung – aber ein guter Draht zu den Eltern

Bereits seit fünf Jahren leitet der 30-Jährige das Fami­liengrundschulzentrum in Hoch­feld. Dabei ist er formal gar nicht dafür ausgebil­det, qualifiziert hat er sich vor allem über die Praxis. Nach dem Abitur und einem Frei­willigen Sozialen Jahr zog Robin Simon vom Dorf nach Duisburg, machte sich als Mu­siker selbst­ständig, schrieb sich an der Uni ein, merkte aber schnell: „Studieren war nicht meins. Ich wollte nicht weiter die Schulbank drü­cken, ich wollte arbeiten.“ Über ein ehren­amtliches Enga­gement in Flüchtlings­unter­künften kam er in Kontakt mit dem DRK, das ihn immer häufiger als Honor­arkraft ein­setz­te: für Musik­unterricht, für Vorschulkurse – seit 2018 auch an der GGS Hochfelder Markt.

Robin Simon: Seiteneinsteiger, Leiter des Familiengrundschulzentrums und Bassist mehrerer Bands.

Offenbar hat der Seiteneinsteiger dabei einiges richtig gemacht. Denn als 2020 eine Leitung für das neu ge­gründete Fami­liengrundschulzentrum (FGZ) gesucht wurde, setzte sich die Schul­leitung für Robin Simon ein. „Sie wollten, dass ich das Familiengrund­schul­zentrum leite, weil ich schon länger an der Schule war und einen guten Draht zu den Eltern hatte.“ Und der ist hier beson­ders wichtig.

Bildung und Beratung für die ganze Familie

Hochfeld ist ein migrantisch geprägtes Viertel, viele bul­garische und rumän­ische Familien leben hier, 98 Pro­zent der Grund­schülerinnen und -schüler haben einen Mi­gra­tionshintergrund. Mit den Familien­grund­schul­zen­tren verfolgt die Stadt Duis­burg das Ziel, Schulen in heraus­fordernden Stadtteilen stärker für die Eltern zu öff­nen. Das FGZ soll eine Anlauf­stelle für die ganze Fami­lie sein, ein Ort der Begegnung, Bildung und Beratung.

Musik macht die Welt bunter. So passt es wie die Faust aufs Auge, dass Robin Simon die Vorschulkinder in diesem Fach unterrichtet.

„Die Arbeit mit den Kindern ist eine wichtige Grundlage für die Arbeit mit den Eltern und umgekehrt.“

Zum Angebot zählen gemeinsame Aus­flüge, Sprach- und Nähkurse, Beratung zu Ausbildung und Beruf, die Unter­stützung beim Ausfüllen von Anträgen und nicht zuletzt ein Elterncafé, das sich im Viertel großer Beliebtheit er­freut. Robin Simons Aufgabe ist es, all diese Angebote zu ko­ordinieren und erster Ansprech­partner für die Eltern zu sein. Besonders wichtig ist ihm dabei, dass die Angebote auch wirk­lich ihre Ziel­gruppe erreichen. In­for­mationen zum FGZ sind auf der­ Schul­website – ne­ben Deutsch – auf Arabisch, Bulgarisch, Rumänisch und Türkisch ver­fügbar. Den von Simon initiierten Podcast „Wir in Hoch­feld“ kann man sich ebenfalls in allen rele­vanten Spra­chen des Stadt­teils zusam­men­fassen lassen.

Das Elterncafé, der zentrale Treffpunkt des Familiengrundschulzentrums in Duisburg-Hochfeld. Hier bekommt der FGZ-Leiter mit, welche Themen die Eltern umtreiben.

Ein versteigerter Bass bringt Geld für Musikunterricht

Neben der Elternarbeit liege ihm auch die Arbeit mit den Kindern am Herzen, erklärt Robin Simon, der hier von allen Rob ge­nannt wird. Deshalb steht er an diesem Morgen im Klassen­raum, tanzt und singt, spielt Memory, leitet den Morgen­kreis. Kinder zwischen fünf und sechs Jahren, die nicht in die Kita gehen und einen erhöhten Förderbedarf haben, wer­den in diesem Kurs auf den Schulalltag vor­bereitet. Eine Mutter, die ihre Tochter bereits seit zwei Jahren herbringt, schwärmt von dem Angebot. „Ich bin ganz stolz auf euch“, sagt sie zu Simon und seiner Kollegin. „Die Kinder lernen hier so viel.“ Robin Simon weiß, dass er über die Kinderangebote das Vertrauen der Fa­milien gewinnen kann. „Die Arbeit mit den Kindern ist eine wichtige Grundlage für die Arbeit mit den Eltern und umgekehrt.“

Und manchmal ist es sogar seine Arbeit als Musiker, die ihm dabei hilft, an der Schule etwas zu bewegen. Der Bass, den er auf der letzten LaFee-Tour spielte, wurde von den Bandmitgliedern signiert und verstei­gert. Mit dem Erlös will Robin Simon Musikkurse für Kinder finan­zieren. Doch nicht nur das. „Zu beleuchten, was wir hier im FGZ ei­gentlich machen und was wir brau­­chen, das war mir fast noch wich­tiger als das Geld.“ Und das sei ihnen ge­lun­gen. „Durch die Aktion mit LaFee haben wir viel Auf­merksamkeit bekom­men.“ Die beiden Welten des Robin Simon: Sie lassen sich eben richtig gut miteinander verbinden.

Sein Herzensthema, die Musik, gibt Robin Simon mit Begeisterung an die Kinder seiner Schule weiter.
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