Eine kleine kanadische Provinz nimmt es mit der Welt auf. Alberta, weites Land zwischen Rocky Mountains und Prärie, schreibt seit Jahren an einer Bildungs-Bilderbuchgeschichte. Kinder und Jugendliche schneiden hier im Lesen und in den Naturwissenschaften so gut ab, dass sie zur weltweiten Spitzenklasse gehören. Und Mathe können Albertas Schülerinnen und Schüler auch besonders gut.
Unter den zehn Provinzen Kanadas liegt Alberta ebenfalls weit vorne, wobei das ganze Land bei internationalen Leistungsvergleichen wie Pisa seit Jahren vordere Plätze belegt. Kein Wunder, dass deutsche Bildungspolitikerinnen und -politiker gerade häufiger nach Nordamerika reisen, in der Hoffnung, aus dem kanadischen Erfolgsmodell eine Formel abzuleiten, mit der sich die Bildungskrise im eigenen Land lösen lässt. Bundesbildungsministerin Karin Prien wird in wenigen Wochen zum zweiten Mal in Alberta erwartet. Sie treibt die Frage um, wie es die Kanadier schaffen, aus riesigen Datenmengen über das Leben und Lernen ihrer Schülerinnen und Schüler Erkenntnisse zu generieren, die im Idealfall jedem einzelnen Kind zugutekommen.
Die Selbstverständlichkeit, mit der Kanada Informationen über Kinder und Jugendliche in herausragende Lernergebnisse verwandelt, überrascht die Deutschen. Denn hierzulande wird zwar schon darüber geredet, wie man effektivere Schlussfolgerungen aus Leistungsvergleichen und Lernstandserhebungen ziehen kann. Die Debatte aber ist bestimmt von Zweifeln, Vorurteilen und Datenschutzbedenken. Die „datengestützte Schulentwicklung” wird zum Schreckgespenst (der gläserne Schüler, die Vermessung der Kindheit) statt zur Hoffnung auf eine gerechtere und fortschrittlichere Schule.
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Die Schulbehörde
Im Zentrum von Calgary protzt ein Glaspalast, der wie ein Ausrufezeichen in der Stadt steht. Seht her, hier sitzen wir, die Experten des Lernens. Wir, die Schulbehörde! „Students come first” steht in großen weißen Buchstaben auf rotem Grund im Foyer der Behörde.
Joanne Pitman, Behördenchefin, die hier alle „Jo” nennen, weiß viel zum Wert von Bildung zu sagen („Das Lernen ist der Kern unserer Arbeit”), präsentiert dann aber das, was Besucherinnen und Besucher am meisten beeindruckt: das Daten-Dashboard. Hier lässt sich alles ablesen, was man über die Schulen in Calgary wissen muss. Die Anzahl der Kinder. Die Zahl jener, die noch nicht ausreichend Englisch sprechen. Der Anteil derer, die sich einer indigenen Gruppe zugehörig fühlen – oder die einen Förderbedarf haben. Wie viele Kinder die Schule schwänzen? Die Matheleistungen der Grundschüler? Die Lesekompetenz der Neuntklässler? Zack. Sehen Sie hier!
Das Dashboard präsentiert die Ergebnisse von Kanada-weiten Leistungsvergleichen, Daten aus Alberta und aus den Schulen der Stadt. Zu jeder einzelnen Aussage gehören weitere Statistiken und Diagramme, die auf dem Behördenserver liegen und sich jederzeit abrufen lassen. Es gibt nichts, was man in Calgary nicht weiß: Abschlussnoten, demografische und soziale Daten von Familien, die Ergebnisse von Umfragen unter Schülern und Eltern zu Wohlbefinden, Zufriedenheit, Sicherheit. Neben der Behörde hat auch jede Schule ein Dashboard, auf dem sich die Noten ganzer Jahrgänge vergleichen lassen, das preisgibt, wie viele Kinder einer Klasse in Armut leben – aber auch wie etwa Jack oder Kylie aus der Dritten im Lesen und Rechnen abschneiden, ob sie als hochbegabt gelten oder Medikamente nehmen.
Behörde und Schulleitungen blicken so tief ins Herz ihrer Klassenzimmer. Erkennen Stimmungen und Entwicklungen. Sehen Alarmsignale leuchten. Sie können reagieren wie ein Hausarzt auf die Entzündungswerte im Blut. Die Daten sind immer auch ein Aufruf zum Handeln. Sackt eine Schule etwa in den Mathe- oder Physiknoten ab, gibt es sofort Gespräche mit Schulleitung, Lehrkräften, Schulaufsicht und Fachberatern: Wo liegt das Problem? Was können wir tun – bis wann?
Daten werden in Alberta seit Jahrzehnten genutzt, um Schule, Unterricht und jeden einzelnen Schüler voranzubringen. Aber sie allein bedeuten keinen Fortschritt, sagt Joanne Pitman: „Daten sind kalt und klar, ohne Emotionen. Was wir aus ihnen schlussfolgern, wie wir sie benutzen und wie wir über sie sprechen, darauf kommt es an.”
Die Daten lösen kein einziges der Probleme, vor denen Pitman täglich steht. Aber sie machen deutlich, wie groß die Probleme sind. Zu volle Klassen, eine steigende Zahl von Kindern mit Sprachdefiziten, Verhaltensauffälligkeiten und Lernschwächen; Lehrkräfte, die sich angesichts „komplexer Situationen in den Klassenzimmern” überfordert fühlen und den Job aufgeben. Alberta ist die kanadische Provinz mit den höchsten Zuwanderungsquoten. Allein Calgarys Schulen nehmen jedes Jahr 3.000 neue Schülerinnen und Schüler auf. Zehn neue Schulen entstehen. Kinder werden mit den gelben Schulbussen quer durch die Stadt kutschiert, besuchen oft Klassen, die nicht in der Nachbarschaft liegen. Aber nur so gelingt es, dass all jene, die neu in Calgary ankommen, möglichst schnell im Unterricht sitzen.
„Daten sind kalt und klar, ohne Emotionen. Was wir aus ihnen schlussfolgern, wie wir sie benutzen und wie wir über sie sprechen, darauf kommt es an.“
Joanne Pitman, Chief Superintendent of Schools, Calgary Board of Education
Das Welcome-Center
Väter mit farbigem Turban, Mütter mit Kopftuch und Kinder, die sich schüchtern umschauen – im Welcome-Center der Schulbehörde treffen Menschen aus aller Welt aufeinander. Was sie verbindet, ist der Wunsch, in Kanada neu anzufangen, ihren Nachwuchs auf gute Schulen zu schicken.
Niemand muss hier Nummern ziehen und überfordert mit Formularen stundenlang warten. In Calgary kommen die Mitarbeiter des Welcome-Centers mit Klemmbrettern unterm Arm direkt zu den Familien an die Vierer- und Fünfertische. Ein erwartungsvolles Gemurmel erfüllt den hellen Raum. Bis zu 120 Kinder und Jugendliche werden hier pro Tag registriert. „Wir beeilen uns mit der Vermittlung an eine Schule, länger als ein, zwei Wochen brauchen wir nicht. Ein Kind ohne Bildung warten zu lassen, wäre eine Schande”, sagt eine Mitarbeiterin. Jeder künftige Schüler bekommt eine Bildungs-ID, die der Schulbehörde von nun an helfen wird, seine Lernbiografie zu verfolgen. Die ersten Daten werden im Welcome-Center gesammelt – die Ergebnisse von Sprachtests, die bei der Aufnahme absolviert werden, genauso wie Informationen über Herkunft, Familie, über kognitive Einschränkungen, psychische Belastungen. Die Daten gehen an die Schule, die das Kind aufnehmen wird. Schon vor dem ersten Schultag können sich die künftigen Lehrer dort fragen: Welche Sprachförderung braucht das Kind, in welcher Klasse wird es gut aufgehoben sein?
Die Grundschule
Das große rote Eingangsportal der Kenneth D. Taylor School im Norden Calgarys ist schon von Weitem zu sehen. Adam Topp erlebt als Leiter der Grundschule unmittelbar, wie schnell die Stadt wächst. Von den rund 640 Schülerinnen und Schülern benötigen 150 Kinder gezielte Sprachförderung, 23 von ihnen können so gut wie kein Englisch. Topp und seine Stellvertreterin Melissa Forsyth brauchen weniger als fünf Minuten, bis auch sie bei den Daten gelandet sind. „Sie erzählen uns wichtige Geschichten”, sagt Forsyth. Aber manchmal müsse man die Geschichte hinter den Daten auch erst erkennen. „Wenn wir etwa Erstklässler haben, die wenig Fortschritte beim Lernen machen, dann müssen wir diesen Kindern schnell helfen.” Forsyth erklärt, dass zuerst die Lehrkräfte über Lösungen beraten, aber auch externe Fachberater eingeschaltet werden, die sich die Kinder im Unterricht anschauen, mit den Lehrern sprechen, Vorschläge machen. „Und wir holen die Eltern dazu, gehen zurück in die Kindheit des einzelnen Schülers, sammeln weitere Informationen. Und stellen so fest: Da gab es bei einem Kind eine neurologische Erkrankung, die könnte für die heutigen Lernprobleme eine Ursache sein.”
Bessere Leistungen im Schreiben – daran wird auf der Grundlage von Daten an der Kenneth D. Taylor School intensiv gearbeitet.
Anhand von Bildern üben die Kinder, Sätze zu bilden und ihren Wortschatz zu vergrößern.
Die Versammlung der Schulleiter
Ein paarmal im Jahr treffen sich die Direktorinnen und Direktoren sowie die Stellvertreterinnen und Stellvertreter der 251 öffentlichen Schulen in Calgary im Konferenzzentrum des Olympia-Parks und beginnen den Tag mit Schwarztee und Cookies. Joanne Pitman, die Behördenchefin, ist im weißen Anzug gekommen, um ihre „Principals” ordentlich zu loben: „Ihr denkt so viel an andere, seid immer im Dienst, aber heute geht es mal um euch.” Durchs Fenster blickt die Vollversammlung auf Sprungschanzen, Abfahrtshänge und einen Bobschlitten, der bei den Olympischen Winterspielen 1988 ins Rennen ging. Ein Ort, der für großen Ehrgeiz und Wettbewerb steht. Aber was macht das dauernde Testen, Vergleichen und Messen mit den Schulleitern, ihren Lehrern? Was, wenn eine Klasse versagt, eine Schule schlecht abschneidet: Steht dann der Lehrer am Pranger?
Pitman hört diese Frage oft, gerade von Deutschen, die sich inmitten einer Bildungskrise immer noch schwertun, Verantwortungen zu benennen, die gewohnt sind, dass 16 Länder ihre eigenen Schulsysteme verwalten und selten an gemeinsamen Lösungen gearbeitet wird, um den Lernerfolg des einzelnen Kindes zu verbessern.
„Mit den Daten Menschen zu beschämen, diese Gefahr bestünde”, sagt Pitman, „wenn wir sie verwenden würden, um zu kritisieren, mit dem Finger zu zeigen auf jene Schulen oder gar Lehrer, die weniger gut abschneiden.” Ob Lehrkräfte Einblick in die Daten bekommen, entscheide die Schulleitung. Das sei eine hochsensible Frage. „Aber natürlich muss der einzelne Lehrer wissen, wenn Kinder in seinem Unterricht zu wenig lernen”, sagt Pitman. Wie man ihm das mitteile, ohne ihn zu demütigen, zu demotivieren, das sei die Kunst. Wenn sie Schulen besuche, setze sie sich im Unterricht immer neben den schwierigsten Schüler. „Und den Schulleiter bitte ich, mich zu jenem Lehrer zu bringen, der gerade eine besonders harte Zeit hat. Weil ich wissen muss, was los ist und was wir als Behörde tun müssen, damit es für diesen Kollegen wieder einfacher wird.”
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Um seine Streberrolle, seinen Ruf als Bildungsvorbild muss Alberta inzwischen kämpfen. Die Schule verändert sich so rasant, wie es die Gesellschaft tut. Die Lust am Lesen, die Motivation für Mathematik gehen auch bei jungen Kanadiern zurück. Gerade die Middle Schools, an denen sich die Defizite besonders zeigen, seien nun zu „gezielten Interventionen” verpflichtet, sagt Pitman. Die Behörde überprüft, was sie unternehmen, um das Lesen zu fördern, und hat „Trainingsprogramme” für die Lehrer entwickelt. An keiner Schule dürfe es jetzt noch Pädagogen geben, die sich nicht fürs Lesen verantwortlich fühlen, sagt Pitman – und weiß, dass das nicht genügt. So früh wie möglich müssen sie mit der Förderung anfangen, bei den Kleinsten, beim Erlernen erster Buchstaben. Damit das Lesen gar nicht erst zum Problem wird.
Ein Lernort für Indigene
Wer viel fragt, bekommt viel Antwort. Eine Redewendung, die das Dilemma beschreibt, in das die Daten manchmal führen. Denn nicht immer reicht es, den Unterricht zu verbessern, Geld auszugeben für größere Klassenräume, mehr Personal. So zeigen die Statistiken, dass Kinder aus indigenen Familien häufiger dem Unterricht fernbleiben als andere. Sie schwänzen, ihre Leistungen sind oft schlechter. Gleichzeitig fühlen sie sich weniger wohl, weniger sicher an der Schule. Wie wird man diesen Kindern gerecht, wie gewinnt die Schule ihr Vertrauen?
Im Niitsitapi Learning Center in Calgary bleiben die indigenen Kinder zunächst unter sich. Sie kommen mit zwei Jahren und können bis zum Ende der zweiten Klasse hier lernen. Es gibt Kinderbücher in indigenen Sprachen, traditionelle Spielzeuge und einen Raum für Rituale. Tracy Rand leitet das Zentrum und hat wie die meisten Mitarbeiterinnen indigene Wurzeln. Sie weiß, warum es Eltern schwerfällt, ihre Kinder einer staatlichen Einrichtung zu übergeben. Bis in die Neunzigerjahre hinein wurden viele indigene Kinder an den Residential Schools umerzogen und ihrer traditionellen Sprache beraubt. Die Erinnerung daran genügt, dass Mütter und Väter noch immer Angst haben, ihren Söhnen und Töchtern könnte Schlimmes widerfahren. Das Learning Center ist ein Versuch der Wiedergutmachung. Und ein Versuch, die Lust am Lernen zu wecken. Ob das reicht?
Am Ende werden es Daten sein, die zeigen, wie sich die Kinder aus dem Niitsitapi Learning Center weiterentwickeln, ob sie überhaupt zur Schule gehen. Ob sie einen Abschluss schaffen, eine Zukunft haben. Jede neue Zahl wird wieder ein Auftrag sein.
Dieser Artikel wurde zuerst in der ZEIT Nr.14/2026 veröffentlicht.
Die Recherche zu diesem Text fand mit Unterstützung der Wübben Stiftung Bildung statt.