Eigentlich sollten sie zu zehnt hier sitzen. Fünf Kinder und je ein Elternteil. Aber wie es manchmal so ist im Schulalltag: Eine Familie musste wegen eines privaten Termins absagen, einer anderen ist die Babysitterin abgesprungen, zwei Kinder schreiben in der ersten Unterrichtsstunde einen unerwarteten Test.
Und so sitzt an diesem Montagmorgen um halb neun nur Haschim neben seiner Mutter und schreibt konzentriert in sein Deutschheft. Die Mütter von Ilyas und Anwar müssen Däumchen drehen, bis auch ihre Söhne – nach absolviertem Mathetest – dazustoßen. Doch was machen die Eltern überhaupt hier, auf Stühlen, die zu klein für sie sind, in einem Klassenzimmer im zweiten Stock der Amtmann-Kreyenfeld-Grundschule in Bochum?
Sie sind Teil der Familienklasse. Jeden Montag kommen sie in die Schule, um gemeinsam mit ihren Kindern zu lernen. Ein ganz normaler Schultag, von morgens bis mittags, nur dass die Kinder nicht in ihren regulären Klassen sitzen, sondern eben in der Familienklasse, an einem Tisch mit Mama oder Papa. Die Idee: Schülerinnen und Schüler aller Jahrgangsstufen, deren schulischer Erfolg dadurch gefährdet ist, dass sie bestimmte grundlegende Anforderungen nicht erfüllen – etwa konzentriertes Arbeiten, das Einhalten von Regeln oder der ordentliche Umgang mit Lernmaterialien –, sollen diese Kompetenzen in der Familienklasse erwerben. Unterstützt werden sie und ihre Eltern dabei durch eine Lehrkraft und eine Familiencoachin oder einen -coach.
Das Angebot, das in Kooperation mit dem regionalen Bildungsbüro, dem Jugendamt und dem Schulverwaltungsamt durchgeführt wird, gibt es aktuell an sieben Bochumer Grundschulen. Die Amtmann-Kreyenfeld-Schule ganz im Osten der Stadt war 2015 eine der ersten Schulen, die das Konzept eingeführt hat. Geleitet wird die Familienklasse von Frauke Funk und Dirk Kuschmierz. Als Lehrerin ist Funk für die Unterrichtsgestaltung zuständig, Kuschmierz kümmert sich – kurz gesagt – um den Rest. Er ist der Sozialarbeiter der Schule und hat eine Ausbildung zum Multifamilientherapeuten absolviert.
„Jeder hat seinen Rucksack zu tragen."
Dirk Kuschmierz, Sozialarbeiter Amtmann-Kreyenfeld-Grundschule
Multifamilienarbeit: Eltern helfen sich gegenseitig
Der Arbeit in der Familienklasse liegen mehrere Überzeugungen zugrunde. Erstens: Wenn ein Kind sich problematisch verhält, liegen die Ursachen meist im privaten Umfeld, im Familiensystem. Dass das nicht als Vorwurf gemeint ist, wird deutlich, wenn man Dirk Kuschmierz zuhört. „Jeder hat seinen Rucksack zu tragen – ob das Verschuldung ist, ob das Abhängigkeit ist, ob das Traumata sind oder der ganz normale Alltagsstress. Es gibt viele Problematiken, die dazu führen, dass sich ein Kind so verhält, wie es sich verhält.“ Zweitens: Die meisten Eltern sind in der Lage, Verantwortung für das Verhalten ihrer Kinder zu übernehmen, wenn man sie darin bestärkt und unterstützt. Und drittens: Das eigene Verhalten kritisch zu hinterfragen fällt leichter, wenn man damit nicht allein ist. Wenn man sieht, dass auch andere Eltern Fehler machen. Wenn der Tipp, etwas anders zu machen, mal nicht von der Lehrkraft kommt, sondern von Mutter zu Mutter oder Vater zu Vater.
Bei allen Tipps und Kniffen kommt es vor, dass sich ein Eltern-Kind-Team so verhakt hat, dass es einfach nicht mehr miteinander arbeiten kann. Dann gibt’s die Möglichkeit des sogenannten Elterntauschs. So lernt Ilyas beispielsweise mit Haschims Mutter, während Haschim neben der Mutter von Anwar sitzt. Später reflektiert die Gruppe gemeinsam, was genau passiert ist, wie es zum Konflikt kam und was die Beteiligten beim nächsten Mal anders machen könnten.
Es geht aufwärts: Auswertungen belegen, dass das Angebot der Familienklasse die schulische Leistung verbessert.
Funktionierendes Duo: Sozialarbeiter Dirk Kuschmierz und Lehrerin Frauke Funk leiten die Familienklasse.
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Klare Ziele, klare Konsequenzen
Denn in der Familienklasse setzt man sich Ziele. Die Tochter von Beatrix Erdmann-Fenner nahm sich vor, lauter zu sprechen. Ilyas will besser zuhören und seine Sachen sofort wegräumen, wenn er mit etwas fertig ist. Ob ihm das im Schulalltag gelingt, wird täglich überprüft. Jedes Kind hat eine Mappe mit Bewertungsbogen und ist selbst dafür verantwortlich, diese Mappe morgens seiner Klassenleitung zu übergeben. Für jede einzelne Stunde und jedes Ziel bewerten die Lehrkräfte das Verhalten der Schülerinnen und Schüler auf einer Skala von 1 bis 5, am Nachmittag nehmen die Kinder ihre Mappe wieder mit.
Die Eltern müssen die Ergebnisse des Tages unterschreiben – und dabei an ihren eigenen Zielen arbeiten; etwa „Ich achte auf meine Tonlage“, „Ich bin geduldig“, „Ich lobe mein Kind“ oder „Ich bleibe konsequent“. Konsequenz spielt in der Familienklasse ohnehin eine große Rolle. Dirk Kuschmierz ist das wichtig: „Die Eltern müssen konsequent sein. Kinder brauchen Führung, sie brauchen einen roten Faden.“ In der Praxis bedeutet das: Wenn eine Woche besonders gut oder besonders schlecht lief, hat das Konsequenzen, im Positiven (Kinobesuch, Extra-Kuschelzeit) wie im Negativen (Medienverbot). Es liege an den Eltern, diese umzusetzen.
„Die Kinder genießen die gemeinsame Zeit mit ihren Eltern“
An diesem Montagmorgen ist von Konflikten jedoch nichts zu spüren. Im Gegenteil: Die Atmosphäre in der Familienklasse ist ruhig, vertraut, ja sogar kuschelig. Während der Arbeitspausen nutzen Ilyas und seine Mutter immer wieder die Gelegenheit, einander zu umarmen und zu drücken. Dirk Kuschmierz beobachtet so etwas häufig. „Die Kinder genießen die gemeinsame Zeit mit ihren Eltern“, sagt der Sozialarbeiter. „Hier spüren sie, dass sie für sie da sind, dass sie sie begleiten, in guten Momenten, aber auch in schlechten.“
Geschwister, Arbeit, Alltagsstress: Es gibt viele Gründe, warum die nötige Aufmerksamkeit zu Hause manchmal fehlt. Bei Familie Erdmann-Fenner war es die kranke Oma, die von der Mutter daheim gepflegt wurde. Die Coronapandemie sorgte für zusätzliche Unsicherheit. „Als meine Tochter in die Schule kam, fiel dann schnell auf, dass sie Ängste hatte. Wenn zwischen den Schulstunden im Klassenraum oder auf dem Pausenhof kein Erwachsener in der Nähe war, war das für sie sehr schwierig“, erzählt Beatrix Erdmann-Fenner.
Als der Klassenlehrer ihr die Teilnahme an der Familienklasse vorgeschlagen habe, sei sie zunächst skeptisch gewesen, gibt Erdmann-Fenner zu. Was sollte sie mit ihrer zurückhaltenden, aber gut mitarbeitenden Tochter zwischen lauter zappeligen Kindern, die über Tische und Bänke springen? Doch die Skepsis hielt nicht lange vor. „Nachdem wir dort waren, wollten wir gar nicht mehr weg. Es war wirklich schön, dass wir diese Zeit für uns hatten. Das hat meine Tochter sehr gestärkt.“ Zwei Jahre lang, bis Ende 2023, blieben sie dabei. Vorgesehen ist eigentlich ein halbes Jahr, aber Dirk Kuschmierz beobachtet, dass die meisten Familien länger bleiben. Weil es ihnen so gut gefällt – oder weil sie ihre Ziele noch nicht erreicht haben.
Spiele stärken Vertrauen und Kommunikation
In der Familienklasse zu sein bedeutet Arbeit. Doch neben Lernphasen, Planbesprechungen und Reflexionsrunden stehen auch viele schöne Aktivitäten auf dem Programm. Ausflüge, Bastelaktionen und vor allem: viele Spiele. Wobei natürlich auch die einen pädagogischen Zweck verfolgen. Manche Spiele fördern Geschicklichkeit und Kreativität, andere sollen die Kommunikation zwischen Kindern und Eltern stärken. „Bei den Spielen ging es viel um Vertrauen“, erinnert sich Erdmann-Fenner. „Dass wir uns gegenseitig vertrauen können, dass die Kinder wirklich als Team arbeiten. So etwas stärkt das Selbstbewusstsein.“
Heute steht das Bierdeckelspiel auf dem Tagesplan. Das Ziel: möglichst viele Bierdeckel auf die Seite der gegnerischen Mannschaft werfen. Eltern gegen Kinder. Schon fliegen die ersten Pappplatten durch die Luft. Geht es hier um Teamgeist, um Vertrauen, um Geschicklichkeit? Ach egal, Hauptsache, es macht Spaß. Und am Ende räumen alle gemeinsam auf. Ganz konsequent.
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