Gerechte Chancen für alle – das ist der Anspruch des deutschen Bildungssystems. Mit individuellen Fähigkeiten und Anstrengungen den eigenen Bildungsweg selbstbestimmt gestalten: Das wäre gerecht. Die Realität aber sieht anders aus. Laut Nationalem Bildungsbericht beeinflusst die soziale Herkunft die Bildungsbiografie von Kindern vom Kita- bis hinein ins Erwachsenenalter.
Dabei zeigen sich die Bildungsungleichheiten im Kompetenzerwerb, etwa beim Schreiben, Lesen und Rechnen, ebenso wie im erreichten Abschluss. Folgende Grafiken aus dem Bericht verdeutlichen die verschiedenen Faktoren von sozialer Ungleichheit mit ihren weitreichenden Folgen.
Bildungsungleichheiten entstehen im frühen Kindesalter
Die traurige Wahrheit: Wer schlechte Karten hat, dem kann Schule selten bessere Karten geben. Denn die Ungleichheiten beginnen schon wesentlich früher, was sich beispielsweise im Wortschatz von Zweijährigen zeigt: je gebildeter die Mutter, desto umfangreicher der Wortschatz. Die Kita könnte das ausgleichen, doch gehen Mädchen und Jungen aus sozioökonomisch benachteiligten Familien seltener in Kitas. In den ersten Schuljahren schrumpft die Ungleichheit leicht, bevor die Unterschiede gerade im Lesen, Schreiben und Rechnen immer deutlicher werden.
Wenn das Studium keine Option zu sein scheint
Wer in der Grundschule gute Leistungen zeigt, wechselt oft aufs Gymnasium. Wie es nach dem Abitur weitergeht, ist allerdings weniger eine Frage von Leistung, sondern vielmehr abhängig vom sozialen Background. Der Nationale Bildungsbericht spricht von „entscheidungsbezogenen Effekten“: Viele junge Frauen und Männer, in deren Familien der Wert von Bildung kaum verankert ist, scheuen vor einem Studium zurück und starten lieber eine Ausbildung. Die Angst: Die Kosten eines Studiums sind zu hoch, der langfristige Nutzen zu gering.
Ziel: Möglichst lange gemeinsam lernen
Mathematik funktioniert überall nach denselben Regeln, deshalb lassen sich die mathematischen Leistungen von Schülerinnen und Schülern länderübergreifend gut vergleichen. Bei solchen Vergleichen landet Deutschland verlässlich im hinteren Drittel. Ein Grund dafür ist laut Nationalem Bildungsbericht die frühe Aufteilung der Mädchen und Jungen auf verschiedene Schultypen. Wissenschaftliche Studien zeigen: Je länger die Kinder und Jugendlichen gemeinsam lernen, desto geringer sind die Abstände im mathematischen Wissen.
Kompetenzen für ein erfolgreiches Leben
Wer schlecht rechnen, lesen und schreiben kann, wird während der gesamten Schulzeit – und auch anschließend – Probleme haben. Diese Kompetenzen sind laut Nationalem Bildungsbericht „Voraussetzung für weitere Lernprozesse, den Erwerb von Bildungsabschlüssen und gesellschaftliche Teilhabe“. Diese Voraussetzung ist allerdings keineswegs immer gegeben: 39 Prozent der 15-Jährigen aus den am meisten benachteiligten Elternhäusern erreichen nur die unterste Kompetenzstufe im Lesen, in Mathematik sind es sogar 47 Prozent.
Die Chance „Kita“ wird selten genutzt
Je früher sich Mädchen und Jungen Kompetenzen bei Sprache und Wortschatz aneignen, desto besser für den späteren Bildungsweg. Deshalb ist es durchaus ein Problem, dass nur ein Fünftel der Familien mit niedrigem Bildungsabschluss ihre Kinder früh (also vor dem dritten Geburtstag) in eine Kita schickt. Bei Eltern mit hohem Bildungsabschluss liegt die Quote doppelt so hoch. Die Konsequenzen zeigen sich Jahre später, wenn deutlich mehr Kinder bildungsbeflissener Eltern eine Ausbildung oder ein Studium beginnen.
Über den Nationalen Bildungsbericht
„Bildung in Deutschland“ ist ein Bericht, der alle zwei Jahre eine systematische Bestandsaufnahme des deutschen Bildungssystems auf Basis von Daten der amtlichen Statistik und aus sozialwissenschaftlichen Erhebungen bietet. Eine wissenschaftlich unabhängige Gruppe aus Autorinnen und Autoren erstellt den von der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland (KMK) und dem Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ) geförderten Bericht.
Die aktuelle Ausgabe legt zum elften Mal eine umfassende wissenschaftlich fundierte Übersicht über das deutsche Bildungswesen vor. Sie reicht von der frühen Bildung im Kindesalter bis zu den verschiedenen Formen der Weiterbildung im Erwachsenenalter. Der Nationale Bildungsbericht beschreibt Bildungsverläufe, Kompetenzentwicklungen und Erträge von Bildung inner- und außerhalb institutionalisierter Bildung. Die aktuelle Veröffentlichung legt im Schwerpunktkapitel den Fokus auf das Thema „Bildungsungleichheiten nach sozialer Herkunft“.