Serie „Bessere Bildung durch Daten“

„Dieser Schul­entwick­lungsprozess hätte früher vielleicht fünf Jahre gedauert“

Welche Rolle spielt die da­tengestützte Quali­täts­entwicklung an Schulen? In dieser Serie teilen Schul­leitungen ihre Erfahrungen. Teil 2: Silke Richter.

Dank ihrer hohen Affinität zu Daten er­schien es Schulleiterin Silke Richter von der Erich-Kästner-Gesamtschule Duis­burg-Homberg in Nordrhein-Westfalen logisch, auf datenge­stützte Qualitätsent­wick­lung zu setzen. Damit machen sie und ihre Kolleginnen und Kollegen nun positive Erfah­rungen. Erhoben werden vor allem tiefergehen­de Daten über die individuellen Lern­stände der Schülerinnen und Schüler, um gezieltere Förderung anbieten zu können – und später zu prüfen, ob diese den erhofften Kompetenzzuwachs brachte. Zusätzlich nutzt die Schule regelmäßig Schnellabfragen, um rasch ein Meinungsbild zu bestimmten Ent­wicklungen ein­zuholen. Die Schulleiterin ist sich sicher, dass die positive Lernat­mosphäre an ihrer Schule auch dieser intensiven Arbeit mit Daten zu verdan­ken ist.

Wie setzt sie die Datenerhebung an ihrer Schule um? Wie ist die Resonanz im Team und bei der Schülerschaft? Und was braucht ihre Schule, um noch bes­ser mit Datenerhebung arbei­ten zu kön­nen? Zu folgenden fünf Themenberei­chen schildert Silke Richter ihre Er­fahrun­gen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden bleiben!

Abonnieren Sie unseren wöchentlichen Newsletter mit den besten Geschichten.


HALTUNG & INNERE ÜBERZEUGUNG

„Wir haben schon immer viele Daten erhoben und sind das Thema Schul­entwicklung recht datenge­stützt an­gegangen. Doch im Sommer 2024 ha­ben wir die Ergebnisse der Lern­standserhebung bekommen, und die haben in einem Jahr­gang eine nega­tive Ent­wicklung gezeigt, die wir uns nicht erklä­ren konnten. Das Ergebnis war nicht dramatisch, es lag immer noch im Durchschnitt, aber war ins­gesamt ein biss­chen schlechter ge­worden. Daraufhin haben wir be­schlossen, uns die Lernentwicklung unserer Schü­lerinnen und Schüler noch mal tiefergehender anzu­gucken. Das war die Initialzündung, an unserer Schu­le insgesamt noch viel intensiver mit Datenerhe­bungen zu arbeiten.

Unsere Schulentwicklung ist dadurch noch mal deut­lich pro­fessioneller und effektiver ge­worden, weil vieles nicht mehr in der Schwebe bleibt. Wir ha­ben uns angewöhnt, immer ge­nau nachzufragen egal, worum es geht –, bei den Kolleginnen und Kollegen, bei den Schülerin­nen und Schülern, bei den El­tern. Wir verstehen Schule wirk­lich als Spielball der De­mo­kratie. So treffen wir auch viel zielgenauere Ent­scheidungen und korrigieren rasch, wo es notwendig ist.

Außerdem lohnt sich der Auf­wand, weil man viel mehr von­einander er­fährt. Wenn unsere Schülerin­nen und Schüler wis­sen, dass ihre Meinung gehört wird, sind sie auch bereit, uns eine ganze Menge zu sagen. Neulich wollten wir zum Bei­spiel in einer Multiple-Choice-Umfrage wissen, was aus ihrer Sicht das Lernen besser mach­en würde. Da haben fast 600 Schülerinnen und Schüler einen zu­sätzlichen Freitext mit Feed­back ver­fasst. Das war bemer­kens­wert, zumal sich auch viele beteiligt haben, die sonst eher ungern schreiben. Aus diesen Impulsen können wir sehr viel lernen. 

„Im Schulalltag ist der erste Gedanke oft: ‚Wir haben so viel zu tun – jetzt ist keine Zeit, schon wieder ei­ne Erhe­bung durchzuführen. Wir müssen drin­gend weitermachen.‘ Trotz­dem neh­men wir uns immer die Zeit für Daten und untersuchen relativ kleinschrittig, was un­sere Arbeit gebracht hat. Da­durch sind wir in der Schulent­wick­lung viel schneller gewor­den.

Ein Beispiel: Vor Kurzem haben wir die Schülerinnen und Schü­ler nach dem Konzept der Ge­meinde Wu­töschingen in Ba­den-Württemberg in Lernstar­ter, Durchstarter und Lernprofis einge­teilt. Die Umsetz­ung des Ganzen hat ein Vierteljahr ge­dauert. Wir ha­ben sie dann ge­fragt: Was funktioniert, was funktio­niert nicht, was braucht ihr? Nachdem wir diese Da­ten hatten, haben wir ein paar Din­ge angepasst, nochmals Feed­back in den Klassen eingeholt, und dann war das nach einem Schuljahr gesetzt. Dieser Schul­entwicklungsprozess hätte früher vielleicht fünf Jahre gedauert.

Eine der Grundlagen, damit die daten­gestützte Schulentwick­lung gelingt, ist, mit jeder Er­hebung ein klar de­finiertes Ziel zu verfolgen und dieses ent­sprechend zu kommunizieren. Denn wenn die Be­teiligten gar nicht wissen, wofür die Daten gedacht sind, gibt es verständ­licherweise eine gro­ße Bar­riere.

Im Kollegium finde ich es auch ganz wichtig, nicht von oben nach unten vorzugeben, welche Daten er­hoben werden und auf welche Art und Weise das pas­siert. Stattdessen einigen wir uns im ersten Schritt gemein­sam auf ein Vorhaben. Und im zweiten Schritt besprechen wir die Umsetzung. An dieser Stelle kann ich als Schulleitung den Lehrkräften ge­eignete Tools und Methoden empfehlen, die ihnen dabei helfen würden, das Ziel vielleicht bes­ser oder pro­fessioneller zu erreichen. Das konkrete Vorgehen lassen wir je­doch bewusst offen. Das heißt, die Kolleginnen und Kol­legen entscheiden eigenverant­wortlich, ob sie beispiels­weise Instrumente wie KESS nutzen oder eigene Wege zur Erfas­sung der Kompetenzen ihrer Schülerinnen und Schüler ge­hen. Entscheidend ist, dass wir die Ergebnisse anschlie­ßend ge­meinsam datenbasiert aus­werten.” 

„Oft liefern uns Datenerhebun­gen Er­klärungen dafür, warum etwas auf in­dividueller Ebene nicht funktio­niert. Zum Beispiel, weil sich zeigt, dass man bei ei­nem Kind auf der falschen Kom­petenzebene arbei­tet. Oder dass die Kognition eines Kindes besonders hoch ist, weshalb es im Unterricht unterfordert ist. Dank dieser Erkennt­nisse weiß man dann ganz ge­nau, welchen Hebel man als Schule an­setzt und wie man das Kind coachen kann. Das ist nicht nur für die Kinder gewinnbringend, son­dern natürlich auch für die Lehrkräfte eine positive Er­fahrung. Schließlich haben sie die­sen Job ergriffen, um Kin­dern etwas beizubringen.

Dadurch, dass wir alle Betei­ligten re­gelmäßig ‚Was ist los, wo drückt der Schuh, was sol­lten wir än­dern?‘ fra­gen, fühlt sich auch jede und jeder in der eigenen Rolle ernst genommen. So sind alle sehr zufrieden – von den Schülerinnen und Schülern über die Eltern bis hin zu den Lehrerinnen und Leh­rern.

Wir haben auch eine sehr po­sitive Lernatmosphäre in der Schule. Und unsere Umfragen zeigen, dass die Schülerinnen und Schüler ihre eige­nen Lern­prozesse ernst nehmen – das ist das Wichtigste, was man in der Schule erreichen kann. Noch sind wir allerdings nicht zufrieden mit der konkreten Ausgestaltung dieser Lern­prozesse. Darum arbeiten wir mit hoher Priorität daran, die Lerngele­genheiten so weiterzu­entwickeln, dass die Kompe­tenzentwicklung optimaler unterstützt wird.“ 

„Der Austausch im Kollegium und der Umgang mit Ent­wick­lungsprozessen ist viel professioneller und reflek­tier­ter geworden, seit wir so eng mit Da­ten ar­beiten. Au­ßerdem sind meine Kollegin­nen und Kolle­gen viel moti­vierter, weil nicht mehr stän­dig die Fra­ge im Raum steht, was unsere Ar­beit eigentlich bringt. Heute stellen wir vie­les auf den Prüfstand und ver­folgen eine Sache nur, wenn sie wirk­lich et­was be­wirkt. Wenn nicht, su­chen wir einen anderen Weg, und zwar relativ schnell. Dadurch gibt es im Kollegium eine viel größere Hand­lungsbereit­schaft, weil wir wissen, dass wir auch mal einen Fehler ma­chen dürfen. Schließlich können wir sehr schnell eva­luieren und nach­steuern.

Das Allerwichtigste für das Gelingen ist, dass die Daten in keiner Weise missbraucht werden, um je­manden abzu­qualifizieren, sondern dass sie genutzt werden, um Pro­zesse sicht­bar zu machen und zu verdeutlichen, wo Un­terstützung hilfreich sein kann. Wenn eine Klasse in einer Erhebung schlechter ab­schneidet, darf nicht die Konsequenz sein, die ent­sprechende Lehrkraft dafür zu verurteilen. Statt­des­sen fragen wir: Welche Beson­der­heiten und Heraus­for­derungen gibt es in der Klas­se, die diese Daten er­klären? Wie können wir helfen? Wo müssen wir gemeinsam bes­ser drauf­schauen?“

„Um noch besser datenge­stützt ar­beiten zu können, muss sich die Infra­struktur an Schulen verbessern. Be­stimmte Tools sollten uns und allen Schulen ge­stellt werden, denn die sind ja nicht kostenfrei. Au­ßerdem brauchen wir Fort­bildungen, damit das Kolle­gium darin geschult wird, pro­fessionell mit Daten umzugehen und sie korrekt zu lesen.

Zum anderen müssten wir auch mehr Raum und Zeit haben, um die erhobe­nen Daten zu analysieren, Ent­wick­lungsschritte abzuleiten und diese – das ist ganz essenziell – wiederum da­tengestützt zu reflek­tieren. Das ist ja ein Prozess, der kontinuierlich wei­tergeht und einfach Zeit braucht, die wir etwa durch weniger Bü­rokratie im Schulalltag ge­winnen kön­nten. Meines Er­achtens fehlt noch eine Pro­fessio­nalisierung im Schul­system, um Dinge langfristig qualitativ datenbasiert wei­terzuentwickeln.“ 

Foto: © Peter Gwiazda
Silke Richter leitet die  Erich-Kästner-Gesamt­schule Duisburg-Homberg, an der 1.100 Schülerinnen und Schüler unterrichtet werden. Dank tieferge­hender Lernstandserhe­bungen stellte sich heraus, dass viele von ihnen hoch­begabt sind – ein über­raschendes Ergebnis, das sich vorher nicht abge­zeichnet hatte.

Serie „Bessere Bildung durch Daten“

Wie können Daten Schulen wirklich helfen, Unterricht zu verbessern und Kinder gezielter zu för­dern? Mit dieser Frage beschäftigt sich die Wübben Stiftung Bildung in diesem Jahr in mehreren Publikationen, Veranstal­tungen – und auch hier im SchuB-Magazin. Aus Sicht der Stiftung braucht gute datengestütz­te Schul­entwicklung vor allem eines: klare und messbare Bildungs­ziele. Erst wenn diese festgelegt sind, können Daten sinnvoll genutzt werden.

In der Serie „Bessere Bildung durch Daten“ berichten Schulleitungen aus ihrem Schulalltag: Wel­che Hal­tung braucht es für die Arbeit mit Daten? Wie gelingt der Einstieg im Kollegium? Und was verändert sich, wenn Schulen ihre Entwicklung systematisch anhand von Daten steuern? Außer­dem stellen wir in der Serie ausgewählte Publi­kationen der Stiftung zu diesem Thema vor.

Weitere Beiträge der Serie „Bessere Bildung durch Daten“:

Serie „Bessere Bildung durch Daten“

„Wir müssen Daten erheben, die individuelle Entwicklungen zeigen“

Serie „Bessere Bildung durch Daten“

„Daten sind für uns die Basis, um Entwicklungsprozesse in Gang zu setzen“

Serie „Bessere Bildung durch Daten“

„Heute treffe ich Entscheidungen differenzierter und passgenauer“

Serie „Bessere Bildung durch Daten“

Daten als Werkzeug für bessere Bildung

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert


… im Postfach

Abonnieren Sie unseren wöchentlichen Newsletter mit den besten Geschichten.

[sibwp_form id=1]

Das könnte Sie auch interessieren:

Bitte beachte unsere Netiquette.

Auf SchuB möchten wir den fachlichen Austausch der Schulen im Brennpunkt untereinander fördern. Daher freuen wir uns sehr über Eure Meinung zu unseren Beiträgen. Für einen respektvollen und konstruktiven Austausch bitten wir Euch folgende Regeln zu beachten:
Wir danken Euch für Eurer Verständnis und Eure Mitwirkung und wünschen Euch viel Freude beim Kommentieren.