Wie setzt sie die Datenerhebung an ihrer Schule um? Wie ist die Resonanz im Team und bei der Schülerschaft? Und was braucht ihre Schule, um noch besser mit Datenerhebung arbeiten zu können? Zu folgenden fünf Themenbereichen schildert Silke Richter ihre Erfahrungen.
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HALTUNG & INNERE ÜBERZEUGUNG
„Wir haben schon immer viele Daten erhoben und sind das Thema Schulentwicklung recht datengestützt angegangen. Doch im Sommer 2024 haben wir die Ergebnisse der Lernstandserhebung bekommen, und die haben in einem Jahrgang eine negative Entwicklung gezeigt, die wir uns nicht erklären konnten. Das Ergebnis war nicht dramatisch, es lag immer noch im Durchschnitt, aber war insgesamt ein bisschen schlechter geworden. Daraufhin haben wir beschlossen, uns die Lernentwicklung unserer Schülerinnen und Schüler noch mal tiefergehender anzugucken. Das war die Initialzündung, an unserer Schule insgesamt noch viel intensiver mit Datenerhebungen zu arbeiten.
Unsere Schulentwicklung ist dadurch noch mal deutlich professioneller und effektiver geworden, weil vieles nicht mehr in der Schwebe bleibt. Wir haben uns angewöhnt, immer genau nachzufragen egal, worum es geht –, bei den Kolleginnen und Kollegen, bei den Schülerinnen und Schülern, bei den Eltern. Wir verstehen Schule wirklich als Spielball der Demokratie. So treffen wir auch viel zielgenauere Entscheidungen und korrigieren rasch, wo es notwendig ist.
Außerdem lohnt sich der Aufwand, weil man viel mehr voneinander erfährt. Wenn unsere Schülerinnen und Schüler wissen, dass ihre Meinung gehört wird, sind sie auch bereit, uns eine ganze Menge zu sagen. Neulich wollten wir zum Beispiel in einer Multiple-Choice-Umfrage wissen, was aus ihrer Sicht das Lernen besser machen würde. Da haben fast 600 Schülerinnen und Schüler einen zusätzlichen Freitext mit Feedback verfasst. Das war bemerkenswert, zumal sich auch viele beteiligt haben, die sonst eher ungern schreiben. Aus diesen Impulsen können wir sehr viel lernen.
BEWEGUNG & UMSETZUNG
„Im Schulalltag ist der erste Gedanke oft: ‚Wir haben so viel zu tun – jetzt ist keine Zeit, schon wieder eine Erhebung durchzuführen. Wir müssen dringend weitermachen.‘ Trotzdem nehmen wir uns immer die Zeit für Daten und untersuchen relativ kleinschrittig, was unsere Arbeit gebracht hat. Dadurch sind wir in der Schulentwicklung viel schneller geworden.
Ein Beispiel: Vor Kurzem haben wir die Schülerinnen und Schüler nach dem Konzept der Gemeinde Wutöschingen in Baden-Württemberg in Lernstarter, Durchstarter und Lernprofis eingeteilt. Die Umsetzung des Ganzen hat ein Vierteljahr gedauert. Wir haben sie dann gefragt: Was funktioniert, was funktioniert nicht, was braucht ihr? Nachdem wir diese Daten hatten, haben wir ein paar Dinge angepasst, nochmals Feedback in den Klassen eingeholt, und dann war das nach einem Schuljahr gesetzt. Dieser Schulentwicklungsprozess hätte früher vielleicht fünf Jahre gedauert.
Eine der Grundlagen, damit die datengestützte Schulentwicklung gelingt, ist, mit jeder Erhebung ein klar definiertes Ziel zu verfolgen und dieses entsprechend zu kommunizieren. Denn wenn die Beteiligten gar nicht wissen, wofür die Daten gedacht sind, gibt es verständlicherweise eine große Barriere.
Im Kollegium finde ich es auch ganz wichtig, nicht von oben nach unten vorzugeben, welche Daten erhoben werden und auf welche Art und Weise das passiert. Stattdessen einigen wir uns im ersten Schritt gemeinsam auf ein Vorhaben. Und im zweiten Schritt besprechen wir die Umsetzung. An dieser Stelle kann ich als Schulleitung den Lehrkräften geeignete Tools und Methoden empfehlen, die ihnen dabei helfen würden, das Ziel vielleicht besser oder professioneller zu erreichen. Das konkrete Vorgehen lassen wir jedoch bewusst offen. Das heißt, die Kolleginnen und Kollegen entscheiden eigenverantwortlich, ob sie beispielsweise Instrumente wie KESS nutzen oder eigene Wege zur Erfassung der Kompetenzen ihrer Schülerinnen und Schüler gehen. Entscheidend ist, dass wir die Ergebnisse anschließend gemeinsam datenbasiert auswerten.”
WIRKUNG & RESONANZ
„Oft liefern uns Datenerhebungen Erklärungen dafür, warum etwas auf individueller Ebene nicht funktioniert. Zum Beispiel, weil sich zeigt, dass man bei einem Kind auf der falschen Kompetenzebene arbeitet. Oder dass die Kognition eines Kindes besonders hoch ist, weshalb es im Unterricht unterfordert ist. Dank dieser Erkenntnisse weiß man dann ganz genau, welchen Hebel man als Schule ansetzt und wie man das Kind coachen kann. Das ist nicht nur für die Kinder gewinnbringend, sondern natürlich auch für die Lehrkräfte eine positive Erfahrung. Schließlich haben sie diesen Job ergriffen, um Kindern etwas beizubringen.
Dadurch, dass wir alle Beteiligten regelmäßig ‚Was ist los, wo drückt der Schuh, was sollten wir ändern?‘ fragen, fühlt sich auch jede und jeder in der eigenen Rolle ernst genommen. So sind alle sehr zufrieden – von den Schülerinnen und Schülern über die Eltern bis hin zu den Lehrerinnen und Lehrern.
Wir haben auch eine sehr positive Lernatmosphäre in der Schule. Und unsere Umfragen zeigen, dass die Schülerinnen und Schüler ihre eigenen Lernprozesse ernst nehmen – das ist das Wichtigste, was man in der Schule erreichen kann. Noch sind wir allerdings nicht zufrieden mit der konkreten Ausgestaltung dieser Lernprozesse. Darum arbeiten wir mit hoher Priorität daran, die Lerngelegenheiten so weiterzuentwickeln, dass die Kompetenzentwicklung optimaler unterstützt wird.“
TEAM & KULTUR
„Der Austausch im Kollegium und der Umgang mit Entwicklungsprozessen ist viel professioneller und reflektierter geworden, seit wir so eng mit Daten arbeiten. Außerdem sind meine Kolleginnen und Kollegen viel motivierter, weil nicht mehr ständig die Frage im Raum steht, was unsere Arbeit eigentlich bringt. Heute stellen wir vieles auf den Prüfstand und verfolgen eine Sache nur, wenn sie wirklich etwas bewirkt. Wenn nicht, suchen wir einen anderen Weg, und zwar relativ schnell. Dadurch gibt es im Kollegium eine viel größere Handlungsbereitschaft, weil wir wissen, dass wir auch mal einen Fehler machen dürfen. Schließlich können wir sehr schnell evaluieren und nachsteuern.
Das Allerwichtigste für das Gelingen ist, dass die Daten in keiner Weise missbraucht werden, um jemanden abzuqualifizieren, sondern dass sie genutzt werden, um Prozesse sichtbar zu machen und zu verdeutlichen, wo Unterstützung hilfreich sein kann. Wenn eine Klasse in einer Erhebung schlechter abschneidet, darf nicht die Konsequenz sein, die entsprechende Lehrkraft dafür zu verurteilen. Stattdessen fragen wir: Welche Besonderheiten und Herausforderungen gibt es in der Klasse, die diese Daten erklären? Wie können wir helfen? Wo müssen wir gemeinsam besser draufschauen?“
BLICK NACH VORN
„Um noch besser datengestützt arbeiten zu können, muss sich die Infrastruktur an Schulen verbessern. Bestimmte Tools sollten uns und allen Schulen gestellt werden, denn die sind ja nicht kostenfrei. Außerdem brauchen wir Fortbildungen, damit das Kollegium darin geschult wird, professionell mit Daten umzugehen und sie korrekt zu lesen.
Zum anderen müssten wir auch mehr Raum und Zeit haben, um die erhobenen Daten zu analysieren, Entwicklungsschritte abzuleiten und diese – das ist ganz essenziell – wiederum datengestützt zu reflektieren. Das ist ja ein Prozess, der kontinuierlich weitergeht und einfach Zeit braucht, die wir etwa durch weniger Bürokratie im Schulalltag gewinnen könnten. Meines Erachtens fehlt noch eine Professionalisierung im Schulsystem, um Dinge langfristig qualitativ datenbasiert weiterzuentwickeln.“
Serie „Bessere Bildung durch Daten“
Wie können Daten Schulen wirklich helfen, Unterricht zu verbessern und Kinder gezielter zu fördern? Mit dieser Frage beschäftigt sich die Wübben Stiftung Bildung in diesem Jahr in mehreren Publikationen, Veranstaltungen – und auch hier im SchuB-Magazin. Aus Sicht der Stiftung braucht gute datengestützte Schulentwicklung vor allem eines: klare und messbare Bildungsziele. Erst wenn diese festgelegt sind, können Daten sinnvoll genutzt werden.
In der Serie „Bessere Bildung durch Daten“ berichten Schulleitungen aus ihrem Schulalltag: Welche Haltung braucht es für die Arbeit mit Daten? Wie gelingt der Einstieg im Kollegium? Und was verändert sich, wenn Schulen ihre Entwicklung systematisch anhand von Daten steuern? Außerdem stellen wir in der Serie ausgewählte Publikationen der Stiftung zu diesem Thema vor.