Nicole Staehle, Schulleiterin der Goethe-Realschule plus Koblenz, ist eine Verfechterin von datengestützter Qualitätsentwicklung. Ihre Schule steht bei diesem Thema noch am Anfang, kann aber schon erste positive Veränderungen verzeichnen. Bisher erhebt die Schule vor allem Daten zu individuellen Leistungsständen und Kompetenzen, um ihre Schülerinnen und Schüler bestmöglich zu fördern. Das volle Potenzial dieser Testungen kann Nicole Staehle allerdings noch nicht ausschöpfen, denn es gibt ein großes Hindernis, das im Kollegium für viel Frust sorgt.
Was war die Initialzündung für das datengestützte Arbeiten an ihrer Schule? Wie gehen die Lehrkräfte mit der Einführung intensiver Datenerhebungen um? Und wo ist von ihr als Schulleiterin ganz besonders Haltung und klare Kommunikation gefragt? Zu folgenden fünf Themenbereichen schildert Nicole Staehle ihre Erfahrungen.
HALTUNG & INNERE ÜBERZEUGUNG
„Ich merke, dass an den meisten Schulen in Rheinland-Pfalz, die ich kenne, eine eher verhaltene Aufbruchstimmung herrscht, was datengestütztes Arbeiten angeht – auch an unserer. Aber meine Überzeugung, dass Daten wichtig sind, die ist ganz groß.
Das erste Mal, dass wir an unserer Schule Daten erhoben haben, war vor einigen Jahren im Rahmen des Deutsch-als-Zweitsprache-Unterrichts. Damals haben die Lehrkräfte das Sprachniveau ihrer Schülerinnen und Schüler erstmals eingehender getestet, um die Kinder schneller in passende Gruppen einzuteilen. Aber auch, um ihnen selbst zu zeigen, wo sie gerade mit ihrem Deutsch stehen und wie sie außerhalb des Unterrichts eigenständig weiterüben können. Auf diese Weise konnten wir den DaZ-Unterricht optimieren.
Dadurch, dass diese Testungen regelmäßig wiederholt und die Ergebnisse visualisiert wurden, sogar über Jahre hinweg, haben wir die sprachliche Entwicklungskurve der Schülerinnen und Schüler ganz wunderbar sehen können. Ging die Kurve plötzlich nach unten, war das für uns direkt ein Signal, nachzuforschen, woran das liegt. Das war ein großer Aha-Effekt für unsere Schule. Aufgrund dieser positiven Erfahrung haben wir anschließend punktuell auch erste Erhebungen in Deutsch und in Mathematik durchgeführt.
Inzwischen ist unsere Schule Teil des Startchancen-Programms, wodurch wir zu vielen unterschiedlichen Datenerhebungen verpflichtet sind. Das finde ich sehr, sehr gut.“
BEWEGUNG & UMSETZUNG
„Daten sind an unserer Schule die Basis, um Entwicklungsprozesse in Gang zu setzen. Denn Erhebungen machen Istzustände schneller deutlich und greifbarer. Allerdings helfen uns Daten nicht unbedingt dabei, diese Entwicklungsprozesse an sich zu beschleunigen – dafür spielen noch zu viele andere Faktoren eine Rolle.
Was auch klar ist: Schulentwicklung braucht Zeit. Und diese Zeit nehmen wir uns, denn wir haben nicht den Anspruch, dass alles direkt morgen perfekt funktionieren muss. Auch wenn wir natürlich wissen, dass wir zu einem Ziel kommen müssen. Dabei ist unser Rückenwind, dass Schulentwicklung unglaublich Spaß macht, vor allem wenn das gesamte Kollegium mit Neugier dabei ist.“
WIRKUNG & RESONANZ
„Die Frage, die mir Lehrkräfte im Zusammenhang mit den Datenerhebungen manchmal stellen, ist: Warum machen wir das? Da ist von mir als Schulleiterin klare Haltung gefragt: Wir machen das, weil wir unsere Schülerinnen und Schüler bestmöglich fördern, ihnen einen guten Unterricht geben und sie zu einem Abschluss bringen wollen. Und dafür brauchen wir eben gezielte Informationen, denn nur so bekommen wir ein gutes Bild, wo die Schülerinnen und Schüler stehen und wo wir anpacken müssen. Gleichzeitig machen Daten sichtbar, in welche Richtung wir uns entwickeln müssen und wo wir schon sehr gut aufgestellt sind – wo wir uns als Schulgemeinschaft also auf die Schulter klopfen dürfen.
Daten schärfen einfach den Blick. Ohne ist man immer ein bisschen im Nebulösen unterwegs und stellt Vermutungen an. Und dann läuft man als Schule Gefahr, in die falsche Richtung abzubiegen. Aber mit Daten wissen wir alle genau, wo wir stehen, denn wir haben es schwarz auf weiß.
Die regelmäßigen Testungen haben uns zum Beispiel gezeigt, dass bei unseren Schülerinnen und Schülern einerseits eine unglaubliche Bandbreite an Können und Wissen vorhanden ist, aber dass andererseits unglaublich viele Basiskompetenzen fehlen. Diese Lücken wurden teilweise über die Jahre immer weiter verschleppt, und das stellte sich erst durch die Erhebungen heraus. Das sind ganz wichtige Erkenntnisse, die uns vor Augen führen, dass wir den Unterricht anders gestalten und zu anderen Lern-Arrangements kommen müssen.“
TEAM & KULTUR
„Grundsätzlich ist im gesamten Kollegium die Einsicht vorhanden, dass Datenerhebungen der Schulentwicklung dienen. Aber anfangs, als unsere Schule in das Startchancen-Programm aufgenommen wurde und klar war, dass wir künftig verpflichtend sehr viele Daten erheben und vorlegen müssen, war die erste Frage: Will man uns jetzt kontrollieren?
Mit Sicherheit sind diese Erhebungen auch eine Art von Kontrolle, denn unsere Schule bekommt durch das Programm viel Geld, das natürlich sinnvoll und zielgerichtet eingesetzt werden muss. Deshalb müssen wir als Schule transparent darlegen: Was tun wir mit dem Geld, wie gehen wir damit in unserer Schulentwicklung voran, wie fördern wir unsere Schülerinnen und Schüler? Und das wird eben am besten durch Daten und eine Evaluation unserer Maßnahmen deutlich.
Aber in erster Linie helfen die Erhebungen uns Lehrkräften bei unserer Arbeit – in der Unterrichtsentwicklung und in der Schulentwicklung. Und genau das muss ich als Schulleitung regelmäßig im Kollegium kommunizieren, denn das Thema Kontrolle ploppt vereinzelt immer wieder mal auf. Aber das ist menschlich, und ich halte es auch nicht für hinderlich, denn grundsätzlich finde ich es in allen Angelegenheiten berechtigt, ab und an zu hinterfragen, warum man etwas eigentlich macht.“
BLICK NACH VORN
„Bei der datengestützten Unterrichtsentwicklung sind wir noch ganz am Anfang, darum ist das gerade ein großes Feld, in dem wir uns intensiv mit den Datenerhebungen in Deutsch und Mathematik auseinandersetzen. Um mit diesen Ergebnissen im Unterricht gut weiterarbeiten zu können, brauchen wir allerdings eine bessere Ausstattung. Es gibt so tolle digitale Lernprogramme für Deutsch und Mathematik, zum Beispiel Xploria oder Bettermarks, womit die Schülerinnen und Schüler selbstgesteuert lernen und ihre Kompetenzen vertiefen können. Die Aufgaben sind individuell und schließen an die Ergebnisse der Lernstandserhebungen an. Das sind wirklich hilfreiche Tools – nur können wir sie im Unterricht nicht richtig nutzen, weil wir nicht genügend digitale Endgeräte haben: Auf 407 Schülerinnen und Schüler kommen 130 Tablets und 17 PCs. Das ist wie ein fehlender Schreibtisch, den unsere Kinder und Jugendlichen zu Hause oftmals auch nicht besitzen.
Diese Problematik ist gerade unser großes Hemmnis und führt verständlicherweise zu viel Frust. Wir brauchen dringend eine Ausstattung für jedes einzelne Kind, und zwar die gleiche Ausstattung. Das wäre Bildungsgerechtigkeit. Außerdem ist unser Kollegium als Schule im Brennpunkt ohnehin schon sehr belastet, deshalb brauchen auch die Lehrkräfte eine gute Ausstattung, die ihnen die Arbeit erleichtert.
Solange wir dieses Problem nicht gelöst haben, wird das Datenthema immer als zusätzliche Belastung empfunden werden. Und wenn die weiterführende Arbeit in den Klassen mit den vorliegenden Daten noch gar nicht richtig funktioniert, bringt es nichts, immer mehr Erhebungen durchzuführen. Für uns ist jetzt – in einer Phase, in der wir begonnen haben, alle Klassen zu Beginn jedes Schuljahres zu testen – erst mal wichtig, dass die gesamte Schulgemeinschaft gute Erfahrungen mit diesem Thema sammelt.“
Nicole Staehle arbeitet seit 1999 an der Goethe-Realschule plus Koblenz, seit 2023 ist sie dort Rektorin. Schulentwicklung lag ihr bereits als junge Lehrerin sehr am Herzen, weshalb sie sich schon früh in der Steuergruppe der Goethe-Schule engagierte, die damals noch eine Hauptschule war.
Serie „Bessere Bildung durch Daten“
Wie können Daten Schulen wirklich helfen, Unterricht zu verbessern und Kinder gezielter zu fördern? Mit dieser Frage beschäftigt sich die Wübben Stiftung Bildung in diesem Jahr in mehreren Publikationen, Veranstaltungen – und auch hier im SchuB-Magazin. Aus Sicht der Stiftung braucht gute datengestützte Schulentwicklung vor allem eines: klare und messbare Bildungsziele. Erst wenn diese festgelegt sind, können Daten sinnvoll genutzt werden.
In der Serie „Bessere Bildung durch Daten“ berichten Schulleitungen aus ihrem Schulalltag: Welche Haltung braucht es für die Arbeit mit Daten? Wie gelingt der Einstieg im Kollegium? Und was verändert sich, wenn Schulen ihre Entwicklung systematisch anhand von Daten steuern? Außerdem stellen wir in der Serie ausgewählte Publikationen der Stiftung zu diesem Thema vor.