Serie „Bessere Bildung durch Daten“

„Datenkompetenz muss in der DNA einer Lehrkraft verankert sein“

Welche Rolle spielt die datengestützte Qua­litätsentwicklung an Schulen? In dieser Serie teilen Schulleitungen ihre Erfahrungen. Teil 5: Martin Buhl.

Martin Buhl, Schulleiter der Martin-Niemöller-Schule im hessischen Riedstadt, hatte schon immer ein großes Interesse daran, mit Daten zu arbeiten. Als er Mitte der Neunzigerjahre eine erste entsprechende Fortbildung machte, steckte das Thema noch in den Kinderschu­hen. Heute treibt er die datengestützte Schul- und Unterrichtsentwicklung an seiner Ge­samtschule zusammen mit einem kleinen Team entschie­den voran. Für Evaluationen und Umfragen nutzt die Schule nicht nur Online-Tools, sondern leitet auch aus kollegialem Er­fahrungsaus­tausch valide Erkenntnisse ab.

In welchem Bereich sieht er für seine Schule das größte Potenzial, mithilfe von Daten schneller und erfolgreicher zu werden? Welcher Entwicklungsschritt wäre ohne Evalu­ationen in dieser Form wohl nicht gelungen? Und was ist seiner Meinung nach das Er­folgsrezept für eine hohe Akzeptanz innerhalb des Kollegiums? Zu folgenden fünf The­menbereichen schildert Martin Buhl seine Erfahrungen.

HALTUNG & INNERE ÜBERZEUGUNG

„Mich musste man nicht erst zur da­tengestützten Qualitäts­ entwicklung überreden: Ich war schon im­mer da­tenaffin und bin Schulleiter gewor­den, weil ich unbedingt Schulent­wicklung machen wollte. Schon als junger Lehrer habe ich eine Ausbil­dung zum Evaluationsberater ge­macht, in der es darum ging, wie man Daten im Schulkontext nutzt, Befra­gungen durchführt und Fragebögen erstellt. Seitdem lässt mich das Thema nicht mehr los. Der Datenbegriff an sich ist für mich weit gefasst: Nicht nur Zahlen und Dinge, die man per Strichliste erfas­sen kann, sind für mich Daten, son­dern auch Erfahrungswerte und durch kollegialen Austausch gewonnene Erkenntnisse. Uns als Schule ist na­tür­lich vor allem daran gelegen, das Lernen zu unter­stützen, aber wir wol­len auch die Zufriedenheit der Schü­lerinnen und Schüler und des Kolle­giums si­cherstellen. Und so etwas kann man nicht aus­schließlich über numerische Abfragen erfassen. Das heißt, wenn wir eine Bilanzkonferenz zu unseren pädagogischen Entwick­lungsthemen haben, sind die Dinge, die wir dort zusammentragen, auch Daten, mit denen wir anschließend weiterarbeiten.“

„Unser erstes großes datengestütz­tes Entwick­lungsprojekt war die Ein­führung eines Lernraums. Dafür ha­ben wir Phasen im Unterrichtstag geschaf­fen, in denen die Schülerinnen und Schüler zum einen individuelle Arbeitsaufträge erhalten, die sie eigenständig bearbeiten sollen. Zum anderen gibt es gezielte Förderkurse, in denen sie grundlegende fachliche Kompetenzen vertiefen können. Die Idee entstand während der Corona­pandemie, als die Leistungsstände immer weiter auseinandergingen und wir einen Weg gesucht haben, mehr auf die individuellen Lernbedarfe der Kinder einzugehen.

Die Einführung des Lernraums war im Kollegium hoch umstritten, weil viele Lehrkräfte den Eindruck hat­ten, dass die Schülerinnen und Schüler in der vorge­sehenen Zeit nicht produktiv sind. Um eine objek­tivere Einschätz­ung des Ganzen zu erhalten, haben wir anfangen, systematisch Daten zu erheben und zu evaluieren, ob das Konzept funktioniert. Es stellte sich heraus, dass die Bedenken der Lehr­kräfte eher gefühlte Wahrheiten waren und nicht flächende­ckend auf alle Schülerinnen und Schüler zutra­fen. Das war gut, darauf konnten wir aufbauen und den Lernraum anpas­sen beziehungsweise optimieren. Diese Anpassungen haben wir dann kontinuierlich aufs Neue evaluiert. Und das hat sich gelohnt: In­zwischen sind unsere Lehrkräfte zufrieden da­mit, wie der Lernraum läuft. Also blei­ben wir bei dem Konzept. Das ist eine richtige Erfolgs­geschichte.

Ich bin der festen Überzeugung, dass wir ohne Daten dieses Ergebnis nicht erreicht hätten und dass der Entwick­lungsprozess nicht so stringent und konse­quent verlaufen wäre. Dabei war es angesichts der Zweifel im Kollegi­um auch wichtig, dass ich als Schul­leiter immer wieder mit klarer Haltung und Überzeugung für das Projekt ein­gestanden bin und appelliert habe, dem Prozess zu vertrauen.“

„Daten geben uns als Schule eine echte, objektive Grundlage für Ent­scheidungen und Strukturverän­derun­gen. Dadurch sind wir in unserem Vorgehen viel klarer, strukturierter und auch erfolgreicher ge­worden – vor allem in der Umsetzung von neuen, großen Projekten, mit denen wir keine Erfahrung haben. Gerade dann ist es ideal, engmaschig zu überprüfen, ob das, was wir tun, wirksam ist. Unsere Schulentwicklungs­ prozesse sind durch die Arbeit mit Daten nicht schneller geworden, weil sie einfach komplex sind. Aber ich hoffe, dass wir in die Unterrichtsentwicklung künftig mehr Geschwindig­keit reinbekommen. Hier sehe ich großes Potenzial, denn die Zyklen sind viel kürzer, und die Lehrkräfte haben einiges selbst in der Hand. Datengestützte Lernprogram­me, die an individuelle Leistungsstän­de anknüpfen, helfen außerdem dabei, schneller zum Erfolg zu kommen. Einige unserer Kolleginnen und Kol­legen arbeiten zum Beispiel mit dem Tool quop, das in relativ kurzen Ab­ständen die Lesegeschwin­digkeit der Schülerinnen und Schüler misst. Da­durch können die Kinder ihren eigenen Fortschritt genau verfolgen. Wir kon­nten beobachten, dass sie das oft dazu motiviert, dranzubleiben und weiterhin das Lesen zu üben.“

„Das Datenthema wird an unserer Schule mittlerwei­le gut angenommen, denn wir achten stark auf Transpa­renz und Partizipation. Ich glaube, genau das ist das Erfolgsrezept. Bei der Einführung des Lern­raums zum Beispiel haben die Kolleginnen und Kol­legen gemerkt, dass das kein ideologisch starrer Prozess ist, son­dern dass wir auf Basis ihrer Rück­meldungen und Erfahrungen gezielte Anpassungen vornehmen, damit es rundläuft.

Wichtig ist aber auch, Rahmenbedin­gungen zu schaffen, damit Datener­hebungen keine zusätzliche Arbeits­belastung für die Kolleginnen und Kollegen verursachen. Das alles muss einfach und handhab­bar sein. Auch deswegen fokussieren wir uns immer auf ein einziges Einwicklungsthema und evaluieren nicht 20 Dinge gleichzeitig.“

„Eines unserer nächsten Entwick­lungsthemen ist, dass wir vielleicht die Noten an unserer Schule ab­schaf­fen. Ein Großteil des Kollegiums hatte sich dafür ausgesprochen, und rein rechtlich wäre das in unserem Bun­desland Hessen bis zur 8. Jahrgangs­stufe möglich. Ich war ziemlich er­staunt, dass so viele unserer Lehr­kräfte das befürworten. Um he­raus­zufinden, was die Beweggründe dafür sind, haben wir im Kollegium eine Umfrage durchgeführt, mit geschlos­senen und offenen Fragen. Das Ergeb­nis zeigt, dass die dahinterliegenden Motive, die Noten abschaffen zu wol­len, völlig unterschiedlich sind. Mit diesen Erkenntnissen werden wir uns nun eingehender befassen, daran anknüpfend vermutlich weitere Eva­luationen vornehmen und ab einem ge­wissen Punkt auch die Schülerin­nen und Schüler in den Prozess involvieren.

Bei der Auswertung dieser Befragung mussten wir leider feststellen, dass uns ein paar Fehler unterlau­fen sind, denn die Rückmeldungen geben uns an manchen Stellen nicht die Antwor­ten, die wir brau­chen. Das ist natür­lich ärgerlich und hat uns wieder mal gezeigt: Es reicht nicht, einfach aus dem Bauch heraus Fragen zu formu­lieren. Wir lernen stetig dazu, aber es braucht handfeste Kompetenzen. Fortbil­dungen helfen enorm, doch ich bin der Meinung, dass datengestützte Qualitätsentwicklung und Lernver­laufsdiagnostik standardmäßig Teil der Grundausbildung aller Lehrkräfte sein sollten. Da­tenkompetenz muss heutzutage in der DNA einer Lehrkraft verankert sein.“

Foto: © Wübben Stiftung Bildung/Vera Loitzsch
Martin Buhl ist seit 2011 Schulleiter der Martin-Nie­möller-Schule im hes­sischen Riedstadt. Gemeinsam mit einer kleinen Steuergruppe treibt er an seiner Gesamt­schule die datengestützte Schul- und Unterrichtsent­wicklung voran.

Serie „Bessere Bildung durch Daten“

Wie können Daten Schulen wirklich helfen, Unterricht zu verbessern und Kinder gezielter zu fördern? Mit dieser Frage be­schäftigt sich die Wübben Stiftung Bildung in diesem Jahr in mehreren Publikationen, Veran­stalt­­ungen – und auch hier im SchuB-Magazin. Aus Sicht der Stiftung braucht gute daten­gestützte Schulentwicklung vor allem eines: klare und mess­bare Bildungsziele. Erst wenn diese festgelegt sind, können Daten sinnvoll genutzt werden.

In der Serie „Bessere Bildung durch Daten“ berichten Schul­leitungen aus ihrem Schulalltag: Welche Haltung braucht es für die Arbeit mit Daten? Wie gelingt der Einstieg im Kollegium? Und was verändert sich, wenn Schulen ihre Entwicklung systematisch anhand von Daten steuern? Außerdem stel­len wir in der Serie aus­gewählte Publikationen der Stiftung zu diesem Thema vor.

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