Sinkende Schülerzahlen und der Ruf einer „Restschule“ bereiteten Melanie Schmitt, Leiterin der Clara-Viebig-Realschule plus in Wittlich, und Johannes Balzer, ihrem Kollegen aus dem Schulleitungsteam, lange Kopfzerbrechen. Ihre Schule war aus einer Dualen Oberschule hervorgegangen, die meisten Eltern bevorzugten die zweite Realschule der Stadt. Als Schmitt in einer Fortbildung die Chancen von datenbasiertem Arbeiten erkannte, erwies sich das als Startschuss für den Aufwärtstrend.
Statt einmal jährlich führt die Schule Lernstandserhebungen in Deutsch und Mathe jetzt einmal pro Halbjahr durch. Neben der Stärkung der Basiskompetenzen hat sie im Rahmen des Startchancenprogramms die weiteren Schwerpunkte Persönlichkeitsentwicklung und demokratische Teilhabe gesetzt. Diese entwickelten sich aus den Erfahrungen mit dem Vorgängerprogramm „Schule macht stark (SchuMaS)“.
Für Schmitt zahlt sich die Arbeit mit Daten seitdem direkt in einer „Währung“ aus, die für Schulen entscheidend ist: in steigenden Schülerzahlen. Hier schildern Melanie Schmitt und Johannes Balzer, warum ihre Schule nun beliebt ist, warum das Schulteam mehr denn je an einem Strang zieht und warum Datenerhebung noch besser wird, wenn man die Ergebnisse sichtbar macht.
HALTUNG & INNERE ÜBERZEUGUNG
„Wir haben festgestellt, dass immer mehr Schülerinnen und Schüler unter psychischen Belastungen leiden und sogar der Schule fernbleiben. Nach einem Netzwerktreffen von SchuMaS zum datengestützten Arbeiten starteten wir daher erstmals eine Umfrage zum Thema Wohlbefinden und Schülergesundheit. Dabei haben wir erlebt, wie entlastend es sein kann, sich auf Daten zu berufen. Und wir konnten der Schülerschaft gegenüber zeigen, dass wir uns kümmern.
Dieses Kümmern hatte zur Folge, dass wir uns intensiv mit dem Profil und einer Vision für die Schule beschäftigt haben. Unser Schwerpunkt lag bereits im Rahmen des Vorgängerprogramms SchuMaS auf der Stärkung der Basiskompetenzen in Deutsch und Mathematik sowie der Kindergesundheit mit den Säulen psychische Gesundheit, Ernährung, Bewegung und Social-Media-Umgang. Daran haben wir im Startchancenprogramm mit den Bereichen Persönlichkeitsentwicklung und demokratische Teilhabe angeknüpft. Diese Neuausrichtung hat den Anmeldezahlen an unserer Schule einen richtigen Schub gegeben.
Neben unseren informellen Abfragen führen wir in allen Klassenstufen Lernstandserhebungen und eine verpflichtende Kompetenzanalyse in der siebten Klasse durch. Zusätzlich nutzen wir verschiedene Onlinetools in Mathe und Deutsch. Mit den vorhandenen Programmen sind wir allerdings nicht gänzlich zufrieden, weil sich die Abfragen stark am Lehrplan orientieren. Sind die Basiskompetenzen erfüllt oder nicht? Diese Information fehlt uns. Trotzdem arbeiten wir erfolgreich mit den Daten – das macht Hunger auf mehr.“
BEWEGUNG UND UMSETZUNG
„An unserer Schule ist vieles in Bewegung geraten. Besonders die demokratische Teilhabe wurde gestärkt, es gibt Abstimmungen im Klassenrat oder auch Meinungsumfragen zu Tools und Methoden. Durch die Umfragen unter Schülerinnen und Schülern, Eltern und Lehrkräften haben sich auch die Entscheidungsprozesse verändert. Früher traf die Gesamtkonferenz wichtige Entscheidungen. Heute fließen ganz neue Perspektiven in unsere Entscheidungsprozesse ein. Zurzeit erarbeiten wir ein Schutzkonzept. Auch dazu werden wir uns die Meinung von Eltern und Schülerinnen und Schülern einholen. Kurze, punktuelle Abfragen machen wir regelmäßig zu unterschiedlichen Themen. Beispielsweise befragen wir die Kolleginnen und Kollegen zur Gesamtarbeitssituation oder wie sie sich selbst im Veränderungsprozess sehen. Durch diesen kooperativen Ansatz hat sich auch das Schreiben von Förderplänen geändert. Diese gehen wir jetzt gemeinschaftlich an, indem sich verschiedene Fachlehrkräfte zu einer Förderplankonferenz zusammensetzen.
Auch durch die regelmäßigen Lernstandserhebungen hat sich einiges bewegt. Früher hat man nur seinen eigenen kleinen Bereich gesehen – die Klasse oder selten mal die ganze Jahrgangsstufe. Dank der regelmäßigen Datenerfassung haben wir jetzt einen umfassenden Überblick. Daraus haben wir in den fünften und sechsten Klassen sogenannte Lernbänder entwickelt: In den Fächern Mathe und Deutsch lernen die Kinder eine Wochenstunde nicht im Klassenverband. Vielmehr werden aus drei Klassen fünf Gruppen gebildet, die wir auf Basis der Erhebungen und der Einschätzung der Fachlehrkräfte nach Leistungsniveau zusammenstellen.
Bei der Qualität der Daten aus den Lernstandserhebungen gibt es allerdings noch viel Luft nach oben, denn wir möchten diese für die Fachkonferenzen besser sichtbar machen. Wir haben uns eine Excel-Tabelle angelegt und erstellen daraus Diagramme. Andere Länder wie Kanada haben gute Erfahrungen mit Dashboard-Lösungen gemacht, bei denen man einen besseren Überblick über Stammdaten und Leistungen einer jeden Schülerin und eines jeden Schülers erhält. Davon sind wir hierzulande leider noch weit entfernt.“
WIRKUNG UND RESONANZ
„Unser Schulentwicklungsprozess hat in den letzten fünf Jahren stark an Tempo gewonnen. Die Schülerinnen und Schüler empfinden es als wertschätzend, dass sie in vielen Bereichen mitentscheiden dürfen. Dadurch hat auch das Interesse zugenommen, sich in der Schülervertretung zu engagieren. In Wittlich wurde ein Jugendparlament gewählt. Aus unserer Schule haben sich im Vergleich zu den anderen Schulen in Wittlich die meisten Kandidatinnen und Kandidaten zur Wahl aufstellen lassen, weil unsere Kinder es gewohnt sind, miteinbezogen zu werden.
Auch die tollen Rückmeldungen des Schulelternbeirats zu unserer datengestützten Arbeit freuen uns sehr. Zusätzlich hat sich die Netzwerkarbeit verstärkt. Andere Schulen in Wittlich arbeiten auch mit Daten, daraus entwickeln sich gemeinsame Ziele. Mit einer Grundschule sind wir im engen Austausch. Es wäre spannend, vor dem Übergang auf die weiterführende Schule auf deren Daten zurückzugreifen.“
TEAM UND KULTUR
BLICK NACH VORN
Melanie Schmitt arbeitet seit 1999 an der Clara-Viebig-Realschule plus in Wittlich, seit 2023 ist sie dort Schulleiterin. Was sie an ihrer Schule liebt: dass sich das Team immer wieder motiviert auf neue Entwicklungen einstellen kann.
Johannes Balzer gehört seit 2026 als didaktischer Koordinator für die Bereiche Schulentwicklung und Digitalisierung zum Schulleitungsteam. Als Förderschullehrer sind Diagnostik und Testen Teile seines Jobs. Beim Thema Daten juckt es ihn deshalb seit jeher in den Fingern.
Serie „Bessere Bildung durch Daten“
Wie können Daten Schulen wirklich helfen, Unterricht zu verbessern und Kinder gezielter zu fördern? Mit dieser Frage beschäftigt sich die Wübben Stiftung Bildung in diesem Jahr in mehreren Publikationen, Veranstaltungen – und auch hier im SchuB-Magazin. Aus Sicht der Stiftung braucht gute datengestützte Schulentwicklung vor allem eines: klare und messbare Bildungsziele. Erst wenn diese festgelegt sind, können Daten sinnvoll genutzt werden.
In der Serie „Bessere Bildung durch Daten“ berichten Schulleitungen aus ihrem Schulalltag: Welche Haltung braucht es für die Arbeit mit Daten? Wie gelingt der Einstieg im Kollegium? Und was verändert sich, wenn Schulen ihre Entwicklung systematisch anhand von Daten steuern? Außerdem stellen wir in der Serie ausgewählte Publikationen der Stiftung zu diesem Thema vor.