Serie „Bessere Bildung durch Daten“

„Oft sind es kleine Umfragen, die für uns eine enorme Bedeutung haben“

Welche Rolle spielt die datengestützte Qua­litätsentwicklung an Schulen? In dieser Serie teilen Schulleitungen ihre Erfahrungen. Teil 7: Nadine Düppe und Jonas Schmidt.

Nadine Düppe und Jonas Schmidt bil­den einen Teil des Schulleitungs­teams an der Kepler-Schule in Berlin-Neukölln. Datengestützte Qua­litätsentwicklung ist hier schon ziemlich eta­bliert und wird breit ein­gesetzt: von Leistungser­fassungen über Beobachtungen und Stim­mungsbilder bis hin zu kurzen, nie­drigschwelligen Abfragen. Daten helfen der Schule dabei, gesteckte Ziele voran­zutreiben und Klarheit zu erlan­gen – sowohl im Schulalltag als auch bei neu­en Vorhaben.

Wie setzt das Schulleitungsteam Da­tenerhebungen so ein, dass da­raus konkrete Schritte resultieren? Welche Stellschrauben wurden in der Schul­organisation bereits angepasst? Und wie gelingt es, im Kol­legium Akzeptanz aufzubauen, ohne dass die Datennut­zung als Kon­trollmechanismus wahrge­nommen wird? Zu folgenden fünf The­men­bereichen schildern Nadine Düppe und Jonas Schmidt ihre Erfahrungen.

HALTUNG & INNERE ÜBERZEUGUNG

„Wie nützlich datengestütztes Arbei­ten ist, haben wir vor al­lem in Situ­ationen realisiert, in denen die An­sichten innerhalb des Kollegiums weit auseinan­dergingen. Oder wenn Dis­kus­sionen nicht mehr sachlich wa­ren – und wir dem kein belast­bares Argu­ment entgegenset­zen konnten. Zum Beispiel wur­de einmal kontrovers be­spro­chen, ob die Leis­tungen eines gesamten Jahrgangs gerade enorm abfallen. Für solche Fälle ist eine Datenbasis un­gemein hilfreich.

Der Aufwand, Daten zu erhe­ben, lohnt sich aber auch bei der Umsetzung neuer Projekte, weil wir deutlich schneller mer­ken, ob uns dieser Schritt wirk­lich et­was bringt. Sollten wir etwa nach einem Jahr fest­stel­len, dass es in eine falsche Richtung geht, kön­nen wir di­rekt umsteuern und ha­ben nicht mehrere Jahre verloren.

Allerdings haben Datenerhe­bungen einen unbeque­men Ne­beneffekt: Manchmal wird da­durch erst sichtbar, dass ein Problem größer ist, als man an­genommen hatte. Das haben wir beim Thema Dis­kriminie­rung erlebt. Es ist kein gutes Gefühl, durch eine Um­frage zu erfahr­en, dass es zig mehr Dis­krimi­nierungsfälle gibt, als offiziell bekannt war. In sol­chen Fällen muss man sich immer wieder be­wusst ma­chen: Es ist gut, davon erfahren zu haben, und wir werden daran arbeiten.“

„Wir erheben jede Menge Leis­tungs­daten. Allerdings sind für uns nicht nur Zahlen und Fak­ten Daten, son­dern auch Be­schreibungen und Beobach­tun­gen. Ein Schwerpunkt unse­rer Schule ist zum Beispiel die Sprachför­derung, wofür wir in­tensive Unter­richtsbe­obach­tungen durchführen. In den Klassen arbeiten wir außerdem mit Tagebüchern und Logbü­chern, um engmaschig heraus­zufinden, wie es den Schülerin­nen und Schülern ge­rade geht. Das hilft den Klas­senlei­tungen im Unterrichtsalltag sehr.

Das Abfragen von Meinungen und Stimmungen un­terstützt uns darüber hinaus auf orga­nisatorischer Ebene, um zum Beispiel ein passendes AG-Angebot zu schaffen oder Maß­nah­men umzusetzen, die das Wohlbe­finden der Schülerinnen und Schüler verbes­sern. Auch bei finanziellen Entschei­dungen helfen uns Daten, indem wir vorab versuchen herauszu­fin­den, ob sich bestimmte Investi­tionen lohnen. Ein Beispiel: Wir­ wol­l-ten Bücherkisten anschaf­fen, um das eigenständige Le­sen zu fördern. Bevor wir diese flä­chendeckend eingeführt ha­ben, haben wir erst einmal nur we­nige gekauft und dann den Bedarf abgefragt, um zu sehen, ob sie über­haupt genutzt werden.

Oft sind es genau solche klei­nen Um­fragen – keine großen Evaluationen –, die für uns eine enorme Be­deutung haben, weil wir dadurch im Alltag un­mittel­bar etwas verändern können.“

„Ausgehend von den vorliegen­den Leistungsergeb­nissen und Rückmel­dungen zum Wohl­befin­den un­serer Schülerinnen und Schüler haben wir inzwi­schen in der Schulorganisation eini­ges angepasst. Zum Bei­spiel ha­ben wir Förder­bänder einge­führt, in denen Schüle­rinnen und Schüler mit Förder­bedarf aktiver unter­stützt wer­den können. Außerdem haben wir Wahl­pflichtkurse einge­führt, um die Basiskom­petenzen zu stärken – weil die eben oft nicht aus­reichen und wir ge­merkt haben, dass wir recht­zeitig gegensteuern müssen, bevor der Aufhol­bedarf zu groß wird.

Gleichwohl können wir nicht behaup­ten, dass sich durch die Arbeit mit Daten und die abge­leiteten Maßnah­men die Leis­tungen der Schülerinnen und Schüler schon signifikant ver­bes­sert haben. Natür­lich wäre es toll, wenn das positive Outcome auto­matisch die Leistungsverbesserung wäre – und selbstverständlich wün­schen wir uns für unsere Schü­lerin­nen und Schüler den best­möglichen Ab­schluss. Aber bei vielen Herausfor­derungen, mit denen wir im Alltag konfron­tiert sind, ist das nicht das aus­schlaggebende Kriterium.

Für uns ist es bereits ein Ge­winn, wenn Daten uns helfen, Prozesse zu verbessern, ziel­führender zu disku­tieren, Emo­tionalität aus Debatten zu neh­men und klarer zu sehen, wel­che Probleme es gibt und wo­ran wir ar­beiten müssen.“

„Wir haben angefangen, unser Kolle­gium mit kleinen Häpp­chen an das Thema heran­zuführen: Zunächst ha­ben wir nur Aus­schnitte von Daten vorgestellt, nicht gleich die gesamte Daten­lage. Anhand dieser Beispiele haben wir erklärt, warum es sinnvoll war, diese Daten erho­ben zu haben. Auch wenn uns ex­terne Daten zur Verfügung gestellt wurden, war uns wich­tig, zu zeigen, welche Schlüsse wir daraus für unsere Schule ziehen können. Dadurch haben wir im Kol­legium oft Aha-Mo­mente erlebt. An dem Punkt haben viele verstanden, dass die Erkenntnisse spannend sind und dass das Arbeiten mit Da­ten etwas bringt.

Zusätzlich haben wir das Kol­legium früh in Erhe­bungspro­zesse einge­bunden. Zum Bei­spiel haben wir un­sere Unter­­richts­beobachtungs­bögen zur Sprach­bildung nicht allein im Schulleitungsteam entwickelt, son­dern alle Kolleginnen und Kollegen befragt, ob unsere Entwürfe aus ihrer Sicht in der Unterrichts­praxis so funk­tio­nieren. Dabei haben wir auch trans­parent kommuniziert, wa­rum wir die­se Dinge über­haupt erheben wollen und was wir uns davon ver­sprechen. Als die fertigen Unterrichtsbeobach­tungs­bögen dann eingesetzt wurden, gab es auto­matisch mehr Verständnis und Akzep­tanz für die ganze Sache.

Wahrscheinlich spielt dabei außerdem eine große Rolle, welche Haltung wir als Schul­leitung ganz allgemein haben und wie wir innerhalb des Kolle­giums agieren – unab­hängig von Daten. Also: Gibt es eine positive Feedbackkultur? Wie ist die Vertrau­ensbasis? Wie re­den und arbeiten wir miteinan­der? Wenn das alles stimmt, wird das mit den Daten auch nicht als eine wilde Sache wahrgenommen.“

„In diesem Schuljahr haben wir eine Hip-Hop-Klasse gegründet. In dem Rahmen finden regel­mäßig Work­shops zum Thema statt, es gab bereits eine Hip-Hop-Fahrt, das Thema Hip-Hop wird in alle Unter­richtsfächer inte­griert beziehungs­weise mit beste­henden Inhalten ver­knüpft, und eine AG wurde ge­gründet. Jetzt beobach­ten wir, wie sich dieser Fokus auf die Leistungen, aber vor allem auf die Motiva­tion, Partizi­pations­­bereitschaft und Selbstwirk­sam­keit der jeweiligen Schü­lerinnen und Schüler aus­wirkt. Dafür erheben wir durch Um­fragen sowohl in der Hip-Hop-Klasse Daten als auch in einer Parallel­klasse, um einen Ver­gleichswert zu haben.

Im Moment haben wir noch nicht viele Daten vor­liegen, deshalb können wir derzeit keine validen Schlüsse ziehen. Aber subjektiv haben wir den Ein­druck, dass einige Schü­lerin­nen und Schüler durch­aus moti­vierter sind. Und dass sie an den Tagen, an denen die AG stattfindet, häufiger auch im Deutsch-, Mathe- oder Englisch­unter­richt anwesend sind. Das ist noch nicht unser Hauptziel, aber es ist ein An­fang, darauf können wir auf­bauen. Wenn das erste Schul­jahr um ist, wol­len wir einen Vergleich ziehen zwi­schen der Hip-Hop-Klasse und der Para­llelklasse. Diese Er­kenntnisse werden wir nutzen, um hoff­ent­lich mehr Schülerin­nen und Schüler auf ähnliche Weise zu motivieren.“

Foto: © Wübben Stiftung Bildung/Stefanie Loos

Nadine Düppe ist seit 2022 Schulleiterin an der Kepler-Schule in Berlin-Neukölln. Davor war sie mehrere Jah­re als stellvertretende Schulleiterin an einer Se­kundar­schule, als Referen­tin für Schulentwicklung am Landes­insti­tut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg und als Fach­seminarleiterin für Geogra­fie in der Ausbildung von Lehrkräften tätig.

Jonas Schmidt ist Teil des Schulleitungsteams der Kepler-Schule in Berlin-Neukölln und übernimmt aktuell die Aufgaben eines Qualitätsbeauftragten. Ne­ben seiner Tätigkeit an der Schule ist er wissen­schaft­licher Mit­arbeiter an der Freien Universität Berlin im Arbeits­bereich politische Bildung.

Serie „Bessere Bildung durch Daten“

Wie können Daten Schulen wirklich helfen, Unterricht zu verbessern und Kinder gezielter zu fördern? Mit dieser Frage be­schäftigt sich die Wübben Stiftung Bildung in diesem Jahr in mehreren Publi­kationen, Veran­stalt­­ungen – und auch hier im SchuB-Magazin. Aus Sicht der Stiftung braucht gute daten­gestützte Schulentwicklung vor allem eines: klare und mess­bare Bildungsziele. Erst wenn diese festgelegt sind, können Daten sinnvoll genutzt werden.

In der Serie „Bessere Bildung durch Daten“ berichten Schul­leitungen aus ihrem Schulalltag: Welche Hal­tung braucht es für die Arbeit mit Daten? Wie gelingt der Einstieg im Kollegium? Und was verändert sich, wenn Schulen ihre Entwicklung systematisch anhand von Daten steuern? Außerdem stel­len wir in der Serie aus­ge­wählte Publikationen der Stiftung zu diesem Thema vor.

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