Serie „Bessere Bildung durch Daten“

„Es war beeindruckend, zu sehen, wie eng Lehrkräfte zusammenarbeiten“

Gemeinsame Unterrichtsplanung, gezielte Förderung und eine Kultur des Hinschauens: IQB-Leiterin Petra Stanat berichtet, welche Impulse deutsche Schulen aus Alberta mitnehmen können.

Schülerinnen und Schüler der Provinz Alberta, Kanada, zählen laut PISA zu den leistungsstärksten weltweit. Vom 26. April bis 2. Mai 2026 reisten Vertreter­innen und Vertreter des deutschen Bildungs­systems, darunter auch Petra Stanat, Lei­terin des Instituts für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB), nach Kanada, um Anregungen für die datengestützte Schul- und Unterrichts­­entwicklung zu bekommen. Die Reise wurde von der Deutsche Telekom Stiftung und der Wübben Stiftung Bildung initiiert und verfolgte das Ziel, Impulse zu sammeln, die für das Bildungssystem in Deutschland genutzt werden können. Die Delegation besuchte verschiedene Schulen und tauschte sich mit Vertreterinnen und Vertretern von Schulbehörden aus. Im Fokus standen die Datennutzung der Bildungs­ver­waltung, die datengestützte Unter­richts­­ent­wick­lung sowie die datenbasierte Förderung von Schüler­innen und Schülern. Nun spricht Petra Stanat über ihre Erkenntnisse und die Übertragbarkeit des kanadischen Modells auf das deutsche Bildungssystem.

Ein buntes Team: Die Reisegruppe aus Vertreterinnen und Vertretern von Bildungsministerien aus sieben Bundesländern, vom Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend, von der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission der Kultusministerkonferenz sowie Mitarbeitende der Deutsche Telekom Stiftung und der Wübben Stiftung Bildung. Foto: Ministry of Education and Childcare

Frau Stanat, wie werden in Alberta Daten im Schulsystem genutzt?

Petra Stanat: In Alberta werden Daten auf allen Ebenen des Schulystems genutzt, von der Ebene des Minister­iums über die lokale Schulbehörde und Schulaufsicht (School Boards, Superintendents) bis zu den Schullei­tungen und Lehrkräften. Wichtig ist dabei, dass sich die Datennutzung auf klare Ziele bezieht, die im ganzen System verankert sind. Alle Schüler­innen und Schüler sollen am Anfang der Grundschulzeit basale Kompetenzen in den Bereichen Literacy und Numeracy erwerben, sie sollen in jedem Schuljahr solche defi­nierten Lernziele wie „reading at grade-level“ erreichen, möglichst viele von ihnen sollen einen Highschool-Abschluss erwerben. Zugleich wird angestrebt, dass die Schülerinnen und Schüler sich wohlfühlen und mit ihren Schulen zufrieden sind – auch „well-being“ gilt als sehr wichtiges Qualitäts­kriterium. Diese Ziele scheinen alle im System verinner­licht zu haben. Wir haben auf der Reise mit Akteurinnen und Akteuren auf verschiedenen Ebenen gesprochen und diese Einigkeit war schon sehr beeindruckend.

Ist der Erfolg Kanadas bei PISA auf diesen Umgang mit Daten zurückzuführen?

Stanat: Nicht die Daten stehen in Alberta im Zentrum, sondern der Lernerfolg und das Wohlbefinden der Kinder und Jugendlichen. Und darauf bezogen eben die Frage, inwieweit die Ziele erreicht oder noch nicht erreicht werden und Unterstützungsbedarf besteht. Daten haben eine dienende Funktion, aber sie werden als unabdingbar erachtet, um zielgerichtet agieren zu können – auf allen Ebenen des Systems. Neben der Klarheit von Zielen scheint mir der nüchterne, konstruktive Umgang mit Rückmel­dungen über Stärken und Schwächen zentral zu sein. Wenn Schwächen sichtbar werden, wird gefragt, welche Unterstützung benötigt wird. Lehrkräfte erhalten dann unter Umstän­den Unterstützung von Fachcoaches oder Schülerinnen und Schüler von Intervention Teachers. Die Intervention Teachers in den von uns besuchten Schulen haben einen eigenen Raum und fördern dort gezielt einzelne Schüler­innen und Schüler oder Gruppen, die etwa im Lesen oder in Mathe hinter­her­hinken. Damit wird ganz offen und sachlich umgegangen und jeder Fortschritt wird gefeiert.

Warmes Willkommen trotz Schnee: Beim Besuch verschiedener Schulen konnte die Reisegruppe die Umsetzung des kanadischen Bildungsprogramms in der Praxis kennenlernen. Foto: Deutsche Telekom Stiftung, Wübben Stiftung Bildung

Wie werden Daten auf anderen Ebenen des Bildungssystems genutzt?

Stanat: Auch auf Ebene der Schulbehörde werden Daten genutzt, um zielgerichtet zu agieren – jedenfalls in den Behörden, in die wir Einblicke erhalten haben. Hier wird bei der Einführung von Programmen zum Beispiel definiert, welche Ziele damit erreicht werden sollen und anhand welcher Indikatoren dies begleitet und geprüft wird. Programme, die sich nicht als wirksam erweisen, können dann auch wieder eingestellt werden. Davon sind natürlich diejenigen Akteure, die an die Programme glauben, nicht immer begeistert. Aber es geht eben nicht um Überzeugungen, sondern um Effektivität und durchaus auch um Effizienz, denn schließlich ist man auch dem Steuer­zahler gegenüber rechenschafts­pflich­tig – darauf wurde in unseren Gesprächen ebenfalls Bezug genommen.

Was unterscheidet die datengestützte Bildung in Kanada grundlegend vom deutschen Ansatz?

Stanat: Was die zentralen Lernstands­erhebungen angeht, sind wir im Vergleich zu Alberta sogar sehr gut aufgestellt. Wir haben VERA 3 und VERA 8, Alberta hat Provincial Achievement Tests in der 6. und 9. Jahr­gangs­stufe. Die Provincial Achievement Tests in der 3. Jahr­g­angs­­stufe wurden jüngst durch Screenings basaler Kompetenzen in den Bereichen Literacy und Numeracy abgelöst, die erstmals im Vorschuljahr und dann von der 1. bis zur 3. Jahr­gangs­stufe jeweils 2-3 Mal pro Jahr durchgeführt werden. Hier haben wir uns in Deutschland auch schon auf den Weg gemacht und werden mit StarS und den Basiskompetenztests bald normierte Tests zur Erfassung basaler Kompetenzen in den Bereichen Sprache und Mathematik in der Grundschule einsetzen können. Unsere Testverfahren sind gut, aber in der systema­tisch­en Nutzung der Ergebnisse hinken wir weit hinterher. Dies ist das eigentlich dicke Brett, das zu bohren ist: Eine Kultur des Hinschauens wie in Kanada zu etablieren, wo auf allen Ebenen des Systems Daten zur Identifikation von Stärken und Schwächen genutzt werden. Davon ausgeh­end müssen konkrete und realistische Ziele für die Weiterentwicklung definiert sowie Maßnahmen ergriffen werden, um diese Ziele zu erreichen, was dann wiederum geprüft wird. Hierfür bedarf es einer Strategie, die Verantwortlichkeiten defininiert, die verschiedenen Akteurinnen und Akteure professiona­lisiert und vor allem auch dafür sorgt, dass Schulen und Lehrkräfte gut unterstützt werden. Umfassende Hinweise dazu gibt das Gutachten der SWK zu „Datengestützte Entwicklung und Steuerung in Schulen und frühkindlicher Bildung“.

Wie nutzen die Lehrkräfte in Kanada Daten konkret im Unterricht?

Stanat: Daten werden in Schulen und von Lehrkräften dazu genutzt, besonderen Unterstützungsbedarf zu erkennen und darauf zu reagieren. Und sie werden vor allem auch in der Teamarbeit genutzt. Es war beein­druckend, zu sehen, wie eng Lehrkräfte zusammen­arbeiten. In den Schulen, die wir besucht haben, scheint es selbstverständlich zu sein, dass Unterricht gemein­sam geplant und vorbereitet wird und man in Parallel­klassen diesel­ben „assessments“ einsetzt, um die Lernfortschritte der Schülerinnen und Schüler zu erfassen. Die Zusammenarbeit findet im Arbeitsalltag fortlaufend statt. Darüber hinaus gibt es ausgewiesene Kooperationszeiten, etwa am Freitag­nachmittag, wenn der Unterricht schon um die Mittagszeit endet. Im Austauch über den Unterstützungsbedarf einzelner Schülerinnen und Schüler wird entschieden, welche Maßnahmen zu ergreifen sind, um ihnen gerecht zu werden. In den Prä­sentationen und Gesprächen wurde dabei immer wieder Bezug genommen auf die Pyramide der Förderung, die man aus dem Response­­-to-Intervention-Ansatz kennt: Reicht bei einem Kind bzw. Jugend­lichen die allgemeine Förderung im Unterricht mit Binnendifferen­zie­rung aus? Oder ist eine gezieltere Unterstützung in Kleingruppen für Schülerinnen und Schüler mit ähnlichen Herausfor­der­ungen erforderlich? Oder wird eine intensive individuelle Förderung benötigt? Dieser Ansatz wird nicht nur für Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf, sondern allgemein angewendet.

Foto: © IQB
Prof. Dr. Petra Stanat ist seit 2010 Direktorin des Instituts zur Qualitäts­entwicklung im Bildungs­wesen (IQB) an der Humboldt-Universität zu Berlin. Ihre Forschungs­schwerpunkte umfassen unter anderem Zweit­sprachenförderung und Lesekompetenz und Bildungsqualität und Bildungsmonitoring.
„well-being“ als Qualitätskriterium: Kana­dische Schulen zeigen, wie Wohlbefinden der Schlüssel zu Zufriedenheit und Lernbereit­schaft sein kann. Foto: Deutsche Telekom Stiftung, Wübben Stiftung Bildung
Ein stimmiges Gesamtkonzept aus vielen Einzelteilen: Unterricht wird in Kanada gemeinsam vorbereitet und in einen kooperativen Arbeitsalltag integriert. Foto: Deutsche Telekom Stiftung, Wübben Stiftung Bildung

„Und wir sollten, wie Kanada, auch das Wohlbefinden der Schülerinnen und Schüler stärker in die datengestützte Qualitätsentwicklung einbeziehen.“

Geht es denn in kanadischen Schulen nur um das Erreichen vorgegebener Ziele?

Stanat: In den Kernbereichen schu­lischer Bildung, die für erfolgreiches Weiterlernen und Bildungserfolg zentral sind, wird in der Tat sehr darauf geachtet, dass alle Schülerinnen und Schüler bestimmte Lernziele erreichen. Darüber hinaus gibt es aber ein vielfältiges Kursangebot, das unter­schiedliche Interessen bedient. In der von uns besuchten High­school zum Beispiel haben wir eine Robotics Class gesehen, in der die Schülerinnen und Schüler einen Basketball werfenden Roboter gebaut haben (mit Unter­stützung durch Lehrkräfte und Professionelle aus der Freien Wirt­schaft), und einen Journalismus-Kurs, der unter anderem jeden Morgen Fernsehnachrichten für die Schule produziert. Hier haben wir die Vielfalt des Angebots erlebt, von denen Austauschschülerinnen und -schüler oft begeistert berichten, die eine Schule in Kanada oder auch in den USA besucht haben.

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Auf der Reise haben sich die Teilnehmenden unter anderem mit dem Bildungsminister von Alberta sowie mit Vertreterinnen und Vertretern von unterschiedlichen Schulbehörden ausgetauscht. Foto: Claudio Frimmel

Gibt es etwas, das hinter Ihren Erwartungen zurückgeblieben ist?

Stanat: Überrascht hat mich, wie wenig digital die Schu­len in Alberta noch sind. Zwar kommen auch Tablets und Computer im Unterricht zum Einsatz, aber das war deutlich weniger prominent, als ich es erwartet hätte. Auch mit der Entwicklung von Dashboards zur Verwaltung und Darstellung von Daten sind sie in Alberta noch nicht überall so viel weiter als wir, und es scheint – wie bei uns – viele Parallelentwicklungen zu geben.

Geht es denn in kanadischen Schulen nur um das Erreichen vorgegebener Ziele?

Stanat: In den Kernbereichen schulischer Bildung, die für erfolg­reiches Weiterlernen und Bildungserfolg zentral sind, wird in der Tat sehr darauf geachtet, dass alle Schü­ler­innen und Schüler bestimmte Lernziele erreichen. Darüber hinaus gibt es aber ein vielfältiges Kursangebot, das unter­schied­liche Interessen bedient. In der von uns besuchten Highschool zum Beispiel haben wir eine Robotics Class gesehen, in der die Schülerinnen und Schüler einen Basketball werfenden Roboter gebaut haben (mit Unter­stützung durch Lehrkräfte und Profes­sionelle aus der Freien Wirtschaft), und einen Journalis­mus­­-Kurs, der unter anderem jeden Morgen Fernseh­nachrich­ten für die Schule produziert. Hier haben wir die Vielfalt des Angebots erlebt, von denen Austauschschü­lerinnen und -schüler oft begeistert berichten, die eine Schule in Kanada oder auch in den USA besucht haben.

Mit einem authentischen Reisebus ging es für die Gruppe im Auftrag der Bildung durch Kanada. Foto: Deutsche Telekom Stiftung, Wübben Stiftung Bildung

Was ist Ihr persönliches Fazit nach der Reise?

Stanat: Die Reise nach Kanada hat meines Erachtens bestätigt, dass es die richtige Entscheidung von Bund und Ländern war, in ihrer Roadmap für bessere Bildung das Handlungsfeld „datengestützte Schul-, Unterrichts- und Qualitätsent­wicklung“ zu priori­sieren. Das ist ein ambitioniertes Vorhaben, bei dem so viel wie möglich gemeinsam in Angriff genommen werden sollte, gerade auch angesicht der aktuell sehr knappen Kassen. Dies gilt für die Entwicklung und Weiter­entwicklung zentraler Lernstands­erhebungen ebenso wie für eine gut organisierte Bereitstellung qualitäts­gesicherter Instrumente zur diagnose­basierten Förderung. Die Strategien der Nutzung dieser Instrumente hingegen werden spezifischer ausgestaltet werden müssen, weil die Länder von unterschiedlichen Ausgangspunkten starten und sich in ihren Kontext­bedingungen unterscheiden. Aber auch hierzu sollten sich die Länder intensiv austauschen und zum Beispiel auch Erfahrungen aus Österreich nutzen, wo man in der Entwicklung und Umsetzung einer Strategie für daten­gestützte Qualitätsentwicklung schon recht weit ist. Wichtig ist, dass die Elemente der Strategie an klaren, kohärenten Zielen ausgerichtet sind – das ist meines Erachtens eine der eindrücklichsten Lehren aus Kanada. Hierfür haben wir in Deutschland die Bildungs­standards der KMK und die darauf basierenden Mindeststandards. Und wir sollten, wie Kanada, auch das Wohlbefinden der Schülerinnen und Schüler stärker in die datengestützte Qualitätsentwicklung einbeziehen. Im IQB-Bildungstrend erfassen wir bereits solche Merkmale wie Schulzufriedenheit und soziale Eingebundenheit – hierzu sollten auch Schulen regelmäßig eine Rückmeldung erhalten. Die Dokumentation der Bildungsreise ist auf der Website der Wübben Stiftung Bildung verfügbar.

Dieses Interview wurde zuerst auf der Website des IQB am 28. Mai 2026 veröffentlicht.

Serie „Bessere Bildung durch Daten“

Wie können Daten Schulen wirklich helfen, Unterricht zu verbessern und Kinder gezielter zu fördern? Mit dieser Frage beschäftigt sich die Wübben Stiftung Bildung in diesem Jahr in mehreren Publikationen, Veran­stal­tungen – und auch hier im SchuB-Magazin. Aus Sicht der Stiftung braucht gute daten­gestützte Schulentwicklung vor allem eines: klare und messbare Bildungsziele. Erst wenn diese festgelegt sind, können Daten sinnvoll genutzt werden. 

In der Serie „Bessere Bildung durch Daten“ berichten Schul­lei­tungen aus ihrem Schulalltag: Welche Haltung braucht es für die Arbeit mit Daten? Wie gelingt der Einstieg im Kollegium? Und was verändert sich, wenn Schulen ihre Entwicklung systematisch anhand von Daten steuern? Außerdem stellen wir in der Serie ausge­wählte Publikationen der Stiftung zu diesem Thema vor. 

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