Serie „Bessere Bildung durch Daten“

„Daten helfen, blinde Flecken zu reduzieren“

Welche Rolle spielt die datengestützte Qualitäts­entwicklung an Schulen? In dieser Serie teilen Schul­leitungen ihre Erfahrungen. Teil 9: Linda Onken

Wenn Konrektorin Linda Onken die Screening-Tools aufzählt, mit denen das Familiengrund­schulzentrum Sonnen­straße in Düsseldorf arbeitet, schwingt lässige Routine mit. Längst sind an der nordrhein-westfälischen Grundschule neben standardisierten Lernstandser­he­bungen auch lernprozessbegleitende Diagnostiken in Deutsch und Mathe etabliert. Hambur­ger Schreibprobe, Leipziger Rechenprobe, das Salzburger Lesescreening oder die digitale Lern­plattform Meister Cody geben Auf­schluss über Lernstände, liefern Hin­weise auf Förder­bedarf und machen – teilweise KI-gestützte – Lernangebote. Einen Überblick über die Daten und nä­chste Schritte finden alle Lehrkräfte im selbst entwickelten Diagnostikkalender.

Linda Onken brennt für die Arbeit mit Daten, weil sie helfen, „blinde Flecken zu reduzieren“ und Kinder passgenauer zu fördern. Nachfolgend erzählt sie, weshalb es dabei nicht darum geht, im­mer mehr Daten zu erheben, welche Motivation ihr Team aus der Arbeit mit Daten generiert und warum es viel mehr Lehrkräfte braucht, die Daten professionell auswerten können.

HALTUNG & INNERE ÜBERZEUGUNG

„Daten geben unserem Handeln eine gewisse Struk­tur. Gesprä­che über die Kinder können wir damit ziel­gerich­teter führen. Entscheidungen werden trans­pa­renter, wir treffen sie weni­ger aus dem Bauch he­raus. Vor allem hel­fen uns die Ergebnisse von Eva­lua­tionen dabei, Priori­täten zu setzen. Wir erkennen jetzt viel schneller, wel­che Maßnahme wirklich wirkt und wo wir noch mal neu denken müssen. Da­durch entsteht ein viel professionel­lerer Fokus auf die Lernprozesse.

Dabei sind Daten für mich kein Kon­trollinstrument, sondern eher ein Orientierungsangebot. Sie ersetzen niemals die Lehr­kraft, sondern un­terstützen sie. Wichtig finde ich, dass wir Da­ten immer pädago­gisch inter­pretieren. Was steckt hinter dem Ergeb­nis? Welche Lernwe­ge sehen wir? Diagnosen und Maßnahmen müssen aufeinan­der abgestimmt sein. Wenn wir weniger von allge­meinen Ein­drücken spre­chen, sondern konkrete Antworten darauf be­kom­men, was das Kind braucht, um noch besser zu ler­nen, dann kann ganz viel Positives ent­stehen.“

„Daten machen Förderbedarfe expli­ziter. Das wurde uns nach einer kon­sequenten Auswer­tung der Er­gebnis­se von Vera 3 bewusst. Unsere ge­fühlte Ein­schätzung der einzelnen Lern­stände war überhaupt nicht de­ckungsgleich mit der Realität! Die Leistun­gen der Kinder wa­ren viel schwächer, als wir ge­dacht hatten. Da haben wir er­kannt, dass wir genauer hin­schauen müssen. Ein Kind bei­spielsweise konnte gut rech­nen. Bei Vera fiel jedoch auf, dass es seine Lö­sung nicht be­gründen konnte. Uns wurde da­mals bewusst, dass wir die Kinder im Hinblick auf Bil­dungs- und Fachsprache stärker unter­stützen müs­sen. Das war ein Wendepunkt.

Wir arbeiten viel in multipro­fessio­nellen Teams und schau­en uns ge­meinsam die Ergeb­nisse der Schreib- und Rechen­proben an. Stellen wir Auffällig­keiten fest, die sich bei meh­reren Schülerinnen und Schü­lern fin­den, bilden wir Kleinför­dergruppen mit Kin­dern, die an derselben Stelle im Lernprozess stehen. Seitdem wir uns mehr Zeit für die Analyse nehmen, er­greifen wir passgenauere Maß­nah­men, die dadurch auch bes­ser grei­fen.“

„Wir beobachten bei einzelnen Kindern erstaunliche Erfolge. Eine unserer Schülerinnen bei­spielsweise las sehr stockend und brauchte viel Unter­stüt­zung. Wir haben mit ihr ein Le­se­screening durchgeführt. Ihr Wert war schwach und wies auf große Schwie­rig­keiten hin. Wir haben die Schülerin dann im Rahmen der verbindlichen Lesezeit dreimal pro Woche mit dem immer gleichen Tool unter­stützt. Als wir das Screening am Ende des Schul­jahres er­neut durchge­führt haben, stel­lten wir eine wirklich eklatante Ver­besserung fest. Das war to­tal po­sitiv und wäre uns ohne die Datener­hebung so vielleicht gar nicht auf­ge­fallen. Auch wenn manche Lehrkräfte den­ken, die Kinder seien von der im­mer gleichen Lesezeit ge­langweilt, sieht man: Sie zeigt Wirkung.

Uns ist bewusst, dass wir nicht von heute auf mor­gen riesige Sprünge er­warten können, bloß weil wir Daten erheben und passgenauere Förderan­gebote machen. Es braucht Zeit, bis die Maßnahmen wirken. Aber die Ge­wissheit, dass wir uns auf einem gu­ten Weg befinden und nach bestem Wissen professio­nell handeln, gibt mir Rücken­wind.“

„Ich versuche, die Vorteile der Arbeit mit Daten in den Vorder­grund zu rü­cken: Wir können präziser ar­beiten. Viele Prozes­se sind klarer vorstruk­turiert, was eine Arbeitserleichterung darstellt. Schließlich müssen sich die Lehrkräfte nicht mehr selbst über­le­gen, an welcher Stelle ein Kind in Ma­the steht, sondern sie schauen in den Di­agnostikkalender. Da­rin steht, wer in diesem Monat die Diag­nose durch­führt und was an­schließend passiert. Im Idealfall kann man den Handlungs­bedarf klar erkennen.

Daten werden genutzt, um den Un­terricht bestmög­lich weiter­zuentwi­ckeln, und dürfen nicht personen­be­zogen gesehen werden. An unserer Schule ist der Team­geist tief veran­kert. Auch die Daten sehen wir uns im Team an und freuen uns mit­einander, wenn ein Kind in ei­nem Fach tolle Ent­wicklungen zeigt. Ich finde es wichtig, dass wir im Kol­legium eine gemein­same Haltung da­zu haben, Da­ten als Chance für die Unter­richtsentwick­lung zu begrei­fen.“

„Wir haben erstmalig in einem stan­dardisierten Rah­men Daten zum Wohl­befinden erhoben. Diese wollen wir noch stärker in die Unterrichts- und Schul­ent­wicklung einbeziehen. Denn die Kinder können ja nur gut lernen, wenn sie sich auch wohlfühlen. Rück­mel­dungen zum Unterricht und zum Wohl­befinden wol­len wir mit den Da­ten zu fachlichen Leistungen kom­bi­nieren. Mich hat zum Bei­spiel über­rascht, dass viele Kinder noch immer großen Druck bei Noten verspüren. Wir möchten herausfinden, woran das liegt und wie wir damit umgehen können.

Mit Blick auf die Zukunft sehe ich mit­hilfe von KI noch viele Möglichkeiten, die Arbeit mit Daten zu vereinfachen. Das könnte Lehrkräfte entlasten und ihnen mehr Zeit verschaf­fen, um Lern­prozesse für Kinder zu initiieren. Es geht nicht da­rum, immer mehr Daten zu er­heben, sondern zu schauen: Wel­che Da­ten helfen uns wirk­lich? Mein Ziel ist es, gemein­sam mit dem Kol­legium eine positive Datennutzungs­kultur zu leben.

Woran es uns jedoch mangelt, sind kompetente Per­sonen, die die Diag­nosen durchführen, auswerten und interpretieren können. Die Studie­renden so­wie die Lehramtsanwärte­rinnen und Lehramtsanwärter sollten viel mehr darüber erfahren, wie sol­che Daten zu lesen sind und welche Maßnahmen man da­raus ableiten kann. Wir müs­sten außerdem die vielen Sei­teneinsteigerinnen und -ein­steiger nachqualifi­zieren, damit auch sie datenbasiert arbeiten kön­nen.“

Foto: © Wübben Stiftung Bildung/Peter Gwiazda
Seit 2017 gestaltet Linda Onken das Familiengrund­schulzentrum Sonnen­stra­ße im bunten Düsseldorfer Stadtteil Oberbilk als Kon­rektorin mit. Einen Kraftakt hat die Schule seit dem Schuljahr 2025/26 in An­griff genommen: die Um­stellung auf jahrgangs­übergreifendes Lernen und die Einrichtung der Klas­senräume nach dem Churermodell.

Serie „Bessere Bildung durch Daten“

Wie können Daten Schulen wirklich helfen, Unterricht zu verbessern und Kinder gezielter zu fördern? Mit dieser Frage beschäftigt sich die Wübben Stiftung Bildung in diesem Jahr in mehreren Publi­kationen, Veranstaltun­gen – und auch hier im SchuB-Magazin. Aus Sicht der Stiftung braucht gute datengestützte Schulentwicklung vor allem eines: klare und mess­bare Bil­dungsziele. Erst wenn diese festgelegt sind, können Daten sinnvoll ge­nutzt werden.

In der Serie „Bessere Bildung durch Daten“ berichten Schul­leitungen aus ihrem Schulalltag: Welche Hal­tung braucht es für die Arbeit mit Daten? Wie gelingt der Einstieg im Kollegium? Und was verändert sich, wenn Schulen ihre Entwicklung systematisch anhand von Daten steuern? Außerdem stel­len wir in der Serie ausge­wählte Publikationen der Stiftung zu diesem Thema vor.

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