HALTUNG UND INNERE ÜBERZEUGUNG
„Als unserer Schule im Jahr 2017 erstmals angeboten wurde, an LALE teilzunehmen – der digitalen Lernausgangslagenerhebung für Deutsch und Mathematik –, war für mich sofort klar, dass wir das bei uns einführen. Damit ging die Arbeit mit Daten an unserer Schule so richtig los. LALE gibt es derzeit für die Klassenstufen 5, 7 und hoffentlich bald auch 9. So entsteht ein Längsschnitt, durch den die individuellen Entwicklungen einzelner Schülerinnen und Schüler sichtbar werden. Das ist viel sinnvoller als Einzelerhebungen wie die Vergleichsarbeiten VERA, die nur den Istzustand eines bestimmten Zeitpunktes zeigen.
Meine Hoffnung ist, eines Tages durch regelmäßige Datenerhebungen die Bildungsbiografien der Schülerinnen und Schüler von Klassenstufe 3 bis 9 vollständig abbilden zu können. Dafür ist es sehr hilfreich, dass in Bremen schon heute allen Schülerinnen und Schülern eine digitale ID zugewiesen wird, unter der alle erhobenen Daten über die gesamte Schulzeit zusammengeführt werden. Das ist ein wichtiger Grundstein. Viele andere Bundesländer beneiden uns darum.
Ich halte es in Summe für sehr sinnvoll, regelmäßig Evaluationen und Umfragen durchzuführen. Das bringt einen nicht in jeder Sachfrage weiter, macht uns als Schule nicht unbedingt schneller oder effizienter und löst auch nicht all unsere Probleme. Aber es unterstützt uns dabei, neue Wege in der Schul- und Unterrichtsentwicklung zu gehen.“
BEWEGUNG UND UMSETZUNG
„Wir waren eine der ersten Pilotschulen, die LALE in Bremen eingeführt haben. Die Testungen werden zu Beginn des Schuljahres vom IQHB, dem Institut für Qualitätsentwicklung im Land Bremen, durchgeführt. Es kommen also Mitarbeitende des IQHB zu uns in die Schule, führen die Onlinetests in den Klassen durch, nehmen die Auswertung vor und stellen uns die Ergebnisse im Nachgang zur Verfügung. Es ist ein absolutes Komfortprogramm für unsere Lehrkräfte, denn sie müssen im Vorfeld lediglich die iPads für die Tests vorbereiten – das war’s. So entsteht keine zusätzliche Last für unsere Kolleginnen und Kollegen, und ich glaube, das ist für die Akzeptanzbildung gegenüber der Arbeit mit Daten unglaublich wichtig.
Wir nutzen Evaluationen aber auch abseits von Lernstandserhebungen: In der Vergangenheit haben wir immer wieder Umfragen quantitativer und qualitativer Art im Kollegium durchgeführt, um uns im Schulentwicklungsprozess abzusichern und Meinungen oder Stimmungen sichtbar zu machen. Eines unserer großen Projekte war die Umgestaltung des Fachunterrichts im Jahrgang 5. Hierfür haben wir gemeinsam Fragestellungen erarbeitet, das Feedback in unsere Planung einbezogen und darauf aufbauend weitere Entwicklungsschritte geplant.“
WIRKUNG UND RESONANZ
„Was ich an datengestützter Arbeit schätze, ist, dass sie zur Versachlichung des Diskurses beiträgt, indem das Bauchgefühl zurückgedrängt wird und man zu einer evidenzbasierten Entscheidung kommt. Ideal wäre es, wenn die Daten wirklich systematisch und nicht nur an unserer Schule erhoben würden. Leider ist das deutsche Bildungssystem davon noch sehr weit entfernt.
In der Schulentwicklung sehe ich die Stärke von Daten eher im Nachgang – um die Wirkung von Neuerungen drei, vier Jahre später zu messen und systematisch abzusichern. Das initiale Anstoßen von Schulentwicklungsprozessen jedoch ist für mich losgelöst von Daten. Dafür braucht es vor allem Mut, das gemeinsame Ringen um eine Idee und Überzeugungskraft.
Im Bereich der Unterrichtsentwicklung ist das anders. Hier spielen Daten von Anfang an eine wichtige Rolle. Beispielsweise arbeiten wir mit quop, einem datengestützten Programm für die Lernverlaufsdiagnostik, das wir für das Lesenlernen einsetzen. Alle sechs Wochen machen die Klassen mit quop einen kurzen digitalen Lesetest, und sofort erhalten sie die Ergebnisse, visualisiert als Lernkurve. Das ist ideal, denn einerseits macht es für uns Lehrkräfte schnell sichtbar, ob eine bestimmte Maßnahme im Unterricht wirkt oder nicht. Andererseits ist es für die Schülerinnen und Schüler unglaublich motivierend, wenn sie feststellen, dass die Kurve nach oben zeigt, nachdem sie sich angestrengt und regelmäßig das Lesen geübt haben. Im Unterricht ist quop das effizienteste Werkzeug, das wir haben.“
TEAM UND KULTUR
„Als wir LALE eingeführt haben, kam im Kollegium immer wieder die Frage auf: Was passiert jetzt mit diesen Daten? Da gab es eine große Skepsis. Inzwischen vertrauen die Kolleginnen und Kollegen darauf, dass die Daten produktiv eingesetzt werden und uns einzig zur Beurteilung der Lernentwicklung unserer Schülerinnen und Schüler dienen. Unser oberster Grundsatz ist, dass Daten kein Bewertungsinstrument für unsere Lehrkräfte sind und niemand zur Rechenschaft gezogen wird. Das wäre fatal. Sollte sich anhand von Daten ein Handlungsbedarf in den Klassen abzeichnen, muss man das sehr sensibel kommunizieren.
Bei all dem geht es immer um die Schülerinnen und Schüler: darum, dass das ganze Schulsystem besser wird. Auch wir als Schule wollen besser werden und natürlich unsere Schülerinnen und Schüler bestmöglich fördern.“
BLICK NACH VORN
„Ich bin mit den Rahmenbedingungen und der Unterstützung hier in Bremen sehr zufrieden. Aber ich wünsche mir einen intensiveren regionalen Austausch darüber, was Schulen sich voneinander abgucken können, und dass interessante Ergebnisse, die über eine einzelne Schule hinweg relevant sind, mehr miteinander geteilt werden.
Außerdem finde ich für die Zukunft die stärkere Etablierung einer datengestützten Qualitätsentwicklung im System Schule wichtig. Wir brauchen Strukturen, die Prozesse automatisieren und Evaluationen in einem festen Rhythmus etablieren, sodass sie selbstverständlich zur Kultur der Schule gehören.
Vielversprechend erscheint mir eine neue Plattform, an der das IQHB aktuell arbeitet. Auf ihr sollen verschiedene Daten gebündelt – zum Beispiel die Ergebnisse von LALE 5, LALE 7 oder VERA – und für Schulleitungen, Lehrkräfte oder die Schulaufsicht passend aufbereitet werden. Ich bin sehr zuversichtlich, dass so ein hilfreiches Tool entsteht, um bestehende Vergleichsdaten sinnvoller für Schulentwicklungsprozesse nutzen zu können.“
Serie „Bessere Bildung durch Daten“
Wie können Daten Schulen wirklich helfen, Unterricht zu verbessern und Kinder gezielter zu fördern? Mit dieser Frage beschäftigt sich die Wübben Stiftung Bildung in diesem Jahr in mehreren Publikationen, Veranstaltungen – und auch hier im SchuB-Magazin. Aus Sicht der Stiftung braucht gute datengestützte Schulentwicklung vor allem eines: klare und messbare Bildungsziele. Erst wenn diese festgelegt sind, können Daten sinnvoll genutzt werden.
In der Serie „Bessere Bildung durch Daten“ berichten Schulleitungen aus ihrem Schulalltag: Welche Haltung braucht es für die Arbeit mit Daten? Wie gelingt der Einstieg im Kollegium? Und was verändert sich, wenn Schulen ihre Entwicklung systematisch anhand von Daten steuern? Außerdem stellen wir in der Serie ausgewählte Publikationen der Stiftung zu diesem Thema vor.