Serie „Bessere Bildung durch Daten“ 

„Evaluationen müssen selbstver­ständlich zur Kul­tur der Schule gehören“

Welche Rolle spielt die da­tengestützte Qual­itätsent­wicklung an Schulen? In dieser Serie teilen Schul­leitungen ihre Erfahrungen. Teil 6: Christian Radke. 

Christian Radke, stellvertretender Schulleiter und didaktischer Leiter an der Neuen Ober­schule Gröpelingen in Bremen, schätzt die Vorteile, die sys­tematische Evaluationen mit sich brin­gen. Besonders dann, wenn es nicht bei Momentauf­nahmen bleibt, sondern Ent­wick­lungen langfristig sichtbar ge­macht werden. Dass datengestütztes Arbeiten jedoch der Schlüssel für die vielen Herausforderungen von Schulen im Brennpunkt ist, daran hat Radke so seine Zweifel. Dennoch hat seine Schule den Schritt hin zu einer regelmäßigen Da­tennut­zung geschafft. Wie ist das gelungen? Welche Instrumente sind für den stell­vertretenden Schulleiter im Unterricht wirklich wirk­sam? Und was muss sich aus seiner Sicht verändern, damit die da­tengestützte Entwicklung von Schu­len noch zielgerichteter und pro­duktiver wird? Zu folgenden fünf Themenberei­chen schildert Christian Radke seine Erfahrungen.

HALTUNG UND INNERE ÜBERZEUGUNG

„Als unserer Schule im Jahr 2017 erst­mals angebo­ten wur­de, an LALE teil­zunehmen – der digitalen Lernaus­gangslagen­erhebung für Deutsch und Ma­thematik –, war für mich sofort klar, dass wir das bei uns ein­führen. Damit ging die Arbeit mit Daten an unserer Schule so richtig los. LALE gibt es derzeit für die Klassenstufen 5, 7 und hoffentlich bald auch 9. So ent­steht ein Längsschnitt, durch den die indi­viduellen Entwick­lungen ein­zelner Schülerinnen und Schüler sichtbar werden. Das ist viel sinn­voller als Ein­zelerhebungen wie die Ver­gleichsarbeiten VERA, die nur den Istzustand eines bestim­mten Zeit­punktes zeigen.

Meine Hoffnung ist, eines Tages durch regelmäßige Datenerhe­bungen die Bildungsbiografien der Schü­lerinnen und Schüler von Klassenstufe 3 bis 9 voll­ständig abbilden zu können. Dafür ist es sehr hilf­reich, dass in Bremen schon heute allen Schülerin­nen und Schülern eine digitale ID zugewiesen wird, unter der alle erhobenen Daten über die gesamte Schulzeit zusam­mengeführt werden. Das ist ein wich­tiger Grundstein. Viele andere Bun­desländer beneiden uns darum.

Ich halte es in Summe für sehr sinn­voll, regelmäßig Evalua­tionen und Umfragen durchzu­führen. Das bringt einen nicht in jeder Sachfrage weiter, macht uns als Schule nicht unbedingt schneller oder effi­zienter und löst auch nicht all unsere Probleme. Aber es un­terstützt uns dabei, neue Wege in der Schul- und Unterrichts­ent­wicklung zu gehen.“

„Wir waren eine der ersten Pi­lotschu­len, die LALE in Bremen eingeführt haben. Die Testun­gen werden zu Be­ginn des Schuljahres vom IQHB, dem Institut für Qualitätsentwick­lung im Land Bremen, durchge­führt. Es kom­men also Mitar­beitende des IQHB zu uns in die Schule, führen die Online­tests in den Klassen durch, nehmen die Auswertung vor und stellen uns die Ergebnisse im Nach­gang zur Ver­fügung. Es ist ein absolutes Komfort­programm für unsere Lehrkräfte, denn sie müssen im Vorfeld lediglich die iPads für die Tests vorbereiten – das war’s. So entsteht keine zusätzliche Last für unsere Kolleginnen und Kol­legen, und ich glaube, das ist für die Ak­zeptanz­bildung gegenüber der Arbeit mit Daten unglaublich wichtig.

Wir nutzen Evaluationen aber auch abseits von Lern­stands­erhebungen: In der Vergangen­heit haben wir immer wieder Umfragen quantitativer und quali­tativer Art im Kollegium durchge­führt, um uns im Schul­entwicklungs­prozess abzu­sichern und Mei­nungen oder Stimmungen sichtbar zu ma­chen. Eines unserer großen Projekte war die Umgestaltung des Fachunter­richts im Jahr­gang 5. Hierfür haben wir ge­meinsam Fragestellungen erar­beitet, das Feed­back in unsere Planung einbezogen und darauf aufbauend weitere Entwick­lungsschritte geplant.“

„Was ich an datengestützter Arbeit schätze, ist, dass sie zur Versach­lichung des Diskurses beiträgt, indem das Bauchge­fühl zurückgedrängt wird und man zu einer evidenzbasierten Entscheidung kommt. Ideal wä­re es, wenn die Daten wirklich systematisch und nicht nur an unserer Schule erho­ben wür­den. Leider ist das deutsche Bildungssystem davon noch sehr weit entfernt.

In der Schulentwicklung sehe ich die Stärke von Da­ten eher im Nachgang – um die Wirkung von Neue­rungen drei, vier Jahre später zu messen und sys­te­matisch abzusichern. Das ini­tiale Anstoßen von Schulent­wicklungspro­zessen jedoch ist für mich losgelöst von Daten. Dafür braucht es vor allem Mut, das gemeinsame Ringen um eine Idee und Über­zeugungs­kraft.

Im Bereich der Unterrichtsent­wick­lung ist das an­ders. Hier spielen Da­ten von Anfang an eine wichtige Rolle. Bei­spiels­weise arbeiten wir mit quop, einem datengestützten Pro­gramm für die Lernverlaufs­diagnostik, das wir für das Lesenlernen einsetzen. Alle sechs Wochen machen die Klassen mit quop einen kurzen digitalen Lese­test, und sofort erhalten sie die Erge­bnisse, visualisiert als Lernkurve. Das ist ideal, denn einerseits macht es für uns Lehrkräfte schnell sichtbar, ob eine bestimmte Maßnahme im Unter­richt wirkt oder nicht. Andererseits ist es für die Schülerinnen und Schü­ler unglaublich motivie­rend, wenn sie feststellen, dass die Kurve nach oben zeigt, nach­dem sie sich angestrengt und regelmäßig das Lesen geübt ha­ben. Im Unterricht ist quop das effi­zienteste Werkzeug, das wir haben.“ 

„Als wir LALE eingeführt haben, kam im Kollegium immer wieder die Frage auf: Was passiert jetzt mit diesen Da­ten? Da gab es eine große Skepsis. Inzwi­schen vertrauen die Kollegin­nen und Kollegen darauf, dass die Daten produktiv eingesetzt werden und uns einzig zur Be­urteilung der Lernent­wicklung un­serer Schülerinnen und Schüler dienen. Unser ober­ster Grund­satz ist, dass Daten kein Bewertungs­instrument für unsere Lehrkräfte sind und niemand zur Rechenschaft gezo­gen wird. Das wäre fatal. Sollte sich anhand von Daten ein Handlungs­bedarf in den Klassen abzeichnen, muss man das sehr sensibel kom­muni­zieren.

Bei all dem geht es immer um die Schülerinnen und Schüler: darum, dass das ganze Schul­system besser wird. Auch wir als Schule wollen bes­ser wer­den und natürlich unsere Schü­lerinnen und Schüler best­möglich fördern.“

„Ich bin mit den Rahmenbe­dingungen und der Unter­stützung hier in Bremen sehr zufrieden. Aber ich wünsche mir einen intensiveren regio­nalen Aus­tausch darüber, was Schulen sich voneinander ab­gucken können, und dass in­teressante Ergebnisse, die über eine einzelne Schule hinweg relevant sind, mehr miteinander geteilt werden.

Außerdem finde ich für die Zu­kunft die stärkere Eta­blierung einer daten­gestützten Qua­litätsentwick­lung im System Schule wichtig. Wir brauchen Struk­turen, die Prozesse auto­mati­sieren und Evaluationen in einem festen Rhythmus eta­blieren, sodass sie selbstver­ständlich zur Kultur der Schule gehören.

Vielversprechend erscheint mir eine neue Plattform, an der das IQHB ak­tuell arbeitet. Auf ihr sollen ver­schie­dene Daten ge­bündelt – zum Beispiel die Er­gebnisse von LALE 5, LALE 7 oder VERA – und für Schullei­tungen, Lehr­kräfte oder die Schulaufsicht passend aufbe­reitet werden. Ich bin sehr zu­versicht­lich, dass so ein hilf­reiches Tool entsteht, um be­stehende Ver­gleichsdaten sinnvoller für Schul­entwick­lungsprozesse nutzen zu können.“

Foto: © Phil Dera/Forum Bildung Digitalisierung
Christian Radke ist stell­vertretender Schulleiter und di­daktischer Leiter an der Neuen Oberschule Gröpelingen in Bremen, an der die Jahrgänge 5 bis 10 lernen. Das Motto der Schule lautet: „Lernen für die Zukunft in einer Ge­meinschaft der Vielfalt.“

Serie „Bessere Bildung durch Daten“

Wie können Daten Schulen wirklich helfen, Unterricht zu verbessern und Kinder gezielter zu fördern? Mit dieser Frage be­schäftigt sich die Wübben Stiftung Bildung in diesem Jahr in mehreren Publi­kationen, Veran­stalt­­ungen – und auch hier im SchuB-Magazin. Aus Sicht der Stiftung braucht gute daten­gestützte Schulentwicklung vor allem eines: klare und mess­bare Bildungsziele. Erst wenn diese festgelegt sind, können Daten sinnvoll genutzt werden.

In der Serie „Bessere Bildung durch Daten“ berichten Schul­leitungen aus ihrem Schulalltag: Welche Haltung braucht es für die Arbeit mit Daten? Wie gelingt der Einstieg im Kollegium? Und was verändert sich, wenn Schulen ihre Entwicklung systematisch anhand von Daten steuern? Außerdem stel­len wir in der Serie aus­ge­wählte Publikationen der Stiftung zu diesem Thema vor.

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