Serie „Bessere Bildung durch Daten“

„Wir nähern uns mit diesen unterrichtsnahen Daten weiteren Schul­entwicklungs­schritten“

Welche Rolle spielt die datengestützte Qualitätsentwicklung an Schulen? In dieser Serie teilen Schulleitungen ihre Erfahrungen.

Teil 10: Alexander Wroblewski.

„Geschafftkultur“: So nennt der Leiter der Seewiesenschule im baden-württembergischen Esslingen am Neckar, Alexander Wroblewski, das Feedback- und Monitoringsystem, mit dem er und sein Team die Lernstände jedes Kindes in Deutsch, Englisch und Mathe dokumentieren. Das Lerntagebuch jedes Kindes zeigt an, wie sich der individuelle Lernstand entwickelt. Wurde ein Thema noch nicht durchdrungen, üben die Schülerinnen und Schüler weiter, bis der Stoff sitzt – und zwar in flexiblen, klassenübergreifenden „Input-Gruppen“.

Aber mit dieser intensiven Lernstandserhebung allein gibt sich Wroblewski nicht zufrieden. Auch der Unterricht und die Lernprozesse an der Gemeinschaftsschule sollen besser werden. Dafür hat sich der Schulleiter zu einem ungewöhnlichen und aufwendigen Schritt entschlossen. Was sich hinter dem „Classroom Walkthrough“ verbirgt, welche wertvollen Informationen der Schulleiter damit generiert und wie das Kollegium von dieser sehr persönlichen Maßnahme profitiert, erzählt er ausführlich im Folgenden.

HALTUNG & INNERE ÜBERZEUGUNG

„Viele Schülerinnen und Schüler haben bei uns unabhängig vom Schulartenniveau manche Basiskompetenzen nicht erreicht. ‚Wir brauchen bessere Messinstrumente‘, dachten wir uns. Deshalb haben wir die ‚Geschafftkultur‘ eingeführt, mit der wir die Lernstands­entwicklung in einer Roadmap mit farbigem Punktesystem dokumentieren. Ist der Punkt im Lernfeld grün, dann heißt das für das Kind: ‚super geschafft‘ beziehungsweise ‚geschafft‘. Erreicht es bei einem der regelmäßigen ‚Geschafft‘-Nachweise weniger als 70 beziehungsweise weniger als 50 Prozent, ist der Punkt gelb beziehungsweise orange. Dann übt das Kind in kleineren Gruppen weiter. Doch trotz Feedback und Förderung landen immer noch einige im ‚Noch nicht‘ oder ‚Fast geschafft‘-Bereich. Die Ergebnisse entwickelten sich nicht an allen Stellen wie erhofft weiter.

Ich wollte herausfinden, woran das liegt. Als Schulleiter habe ich auch die Verantwortung, bei der Unterrichts- beziehungsweise Lernqualität genauer hinzuschauen. Mir ist es wichtig, dass wir als Team mit 55 Kolleginnen und Kollegen sagen können, wie es darum eigentlich steht. Das gelingt mir nicht, wenn ich nur im Büro sitze und Daten zur Leistung sammle. Jedes Unternehmen präsentiert seine Produkte auf der Homepage und sorgt dafür, dass diese sich kontinuierlich verbessern. Das müssen wir auch als Schule tun! Ich habe deshalb beschlossen, täglich für eine Stunde unterschiedliche Lerngruppen im Unterricht zu besuchen. Dabei beobachte ich, wie die Schülerinnen und Schüler lernen. Nach zehn Minuten bin ich oft wieder verschwunden. ‚Classroom Walkthrough‘ nenne ich meine Besuche. Inzwischen habe ich mehr als 150 Unterrichtsstunden auf der Uhr. Und ich kann jetzt sagen: Die Daten aus 150 Unterrichtsbeobachtungen bieten Stoff für fünf Jahre Unterrichtsentwicklung!“

„Bei meinen Unterrichtsbesuchen sammle ich nicht nur Beobachtungen, sondern notiere diese im Hinblick auf Unterrichtsqualitätskriterien. Es geht mir nicht so sehr um die Lehrkräfte, sondern vielmehr um die Frage: Wie lernen eigentlich die Schülerinnen und Schüler, was sehe ich beim Lernen besonders häufig? In Excel habe ich ein Daten-Dashboard mit zentralen Qualitäts­kriterien für die drei Tiefenstrukturen von Unterricht entwickelt, die auf den Unterrichtsfeedbackbogen des Landes zurückgehen: Classroom-Management, kognitive Aktivierung und konstruktive Unterstützung. Darin notiere ich, wie häufig ich diese Qualitäts­kriterien erkenne oder vermisse. Aus meiner Statistik ergibt sich ein Prozentwert, der mir zeigt, wie weit die Schülerinnen und Schüler etwa im Bereich der kognitiven Aktivierung und ihrer Indikatoren schon vorangeschritten sind.

Seit ich in den Bereichen Leistung und Unterrichtsqualität ein besseres Bild habe, wird es richtig spannend, denn man beobachtet gewisse Dinge häufiger im Haus, erkennt Muster. Dass Kinder beispielsweise Flächeninhalte nicht gut umrechnen konnten, weil sie die Rechenwege sofort wieder vergessen hatten, kam in mehreren Lerngruppen vor. Wir mussten die Frage beantworten: Wie können wir Lernen nachhaltiger gestalten? Wir haben beschlossen, wichtige Themen immer wieder zu platzieren und zentrale Lernfelder wie Lesen, Rechtschreibung oder bestimmte Rechenwege über die Schuljahre hinweg permanent im Blick zu behalten. Es ist auch eine Frage der Bildungsgerechtigkeit, wenn Schülerinnen und Schüler wissen: Das kommt noch mal, wir lassen da nicht locker. Der Ansatz hat etwas wohlwollend Leistungsorientiertes.

Ein zentrales Thema für den Lernerfolg ist die kognitive Aktivierung. Mein Team und ich, wir wissen inzwischen genau, welche Aufgaben zum Denken anregen, also kognitiv aktivierend sind, und welche einfach klassisches Üben erfordern. Kinder brauchen zum Lernen angemessene Herausforderungen und sollten nicht nur reproduzieren; diesen Prozess nennen wir Kopfkino. Insgesamt nähern wir uns mit diesen unterrichtsnahen Daten weiteren Schulentwicklungsschritten, auf die ich allein auf Basis der Leistungsdaten nicht gekommen wäre.“

„Wenn unsere Fachteams nach einer Flex-Phase im ganzen Jahrgang die Lernstände noch einmal erheben und es zum ‚Geschafft‘-Moment kommt, weil die Kinder aus einem gelben Punkt einen grünen gemacht haben, dann sind das wirklich schöne Augenblicke. Die Kinder erfahren, dass ein erstes Feedback nicht stehen bleiben muss, sondern dass sie weiter an einer Sache arbeiten und sich verbessern können. Dahinter steckt lernpsychologisch eine wertvolle Dimension der Wachstumsorientierung. Dabei fühlen sich nicht nur die Kinder, sondern außerdem die Lehrkräfte erfolgreich. Darüber hinaus hat unsere ‚Geschafftkultur‘ aufseiten der Eltern ebenfalls für positive Resonanz gesorgt. Und auch andere Schulen fragen das Konzept bei uns nach, das ist eine schöne Bestätigung.“

„Wichtig ist das Prinzip Freiwilligkeit. Die Lehrkräfte sollen sich mit den schnapp­schussartigen Unterrichts­besuchen wohlfühlen. Es braucht viel Vertrauen, um die Besuche nicht als Bewertung oder Kontrolle wahrzunehmen. Viele Lehrkräfte schätzen sie aber auch, weil sie etwas gespiegelt bekommen. Sie interessieren sich dafür, wie die Kinder lernen und welche Schwierigkeiten es dabei gibt. Ein Kollege sagte anfangs zu mir: ‚Du kannst bei mir immer vorbeikommen. In jeder Werkstatt schaut der Meister ja auch mal drüber, wie es mit der Reparatur läuft.‘ In vielen Lerngruppen stehen die Türen offen, meine Besuche sind normal geworden. Die Daten im Dashboard pflege ich und stelle sie dem Team bereit. Die Fachteams für die Roadmaps und die Flex-Gruppen tauschen sich einmal pro Woche für jeden Jahrgang dazu aus. Dafür haben sie ein festes Zeitfenster. Durch die Zusammenarbeit im Team, das alle Fragen zu Leistungen und Unterrichtsqualität systemisch und nicht personenbezogen angeht, entsteht eine positive Fehlerkultur. Insgesamt ist es ein großer Schulentwicklungs­prozess, aus dem sich nur einzelne Personen verabschiedet haben. Die Fluktuation ist niedrig, und viele sind genau deswegen hier. Mutig sein, Dinge ausprobieren – das leben hier viele, und deshalb bleiben sie auch.“
„Die Erhebung der Leistungsdaten und die Unterrichtsbeobach­tungen bleiben wichtig. Darüber hinaus nehmen wir den Bereich der Aufgabenkultur stärker in den Blick. Denn wir müssen den Aufgaben, mit denen die Schülerinnen und Schüler lernen, viel mehr Bedeutung beimessen. Dafür schreiben wir an einem ‚Drehbuch für mehr Kopfkino‘, einem Modell für die Aufgaben­analyse. Gleichzeitig kümmern wir uns verstärkt um die ‚Loops‘, also um die Frage, wie wir Themen kurz vor dem Vergessen wieder platzieren können, um das nachhaltige Lernen zu fördern. Das Wichtigste ist für mich eine gemeinsame Haltung dazu, wie wir Schule weiterentwickeln wollen – nach dem Motto: Stell dir vor, es ist Schule, und alle gehen gerne hin!“
Foto: © Wübben Stiftung Bildung/Christian Kaspar Bartke
Als der gelernte Grund- und Hauptschullehrer Alexander Wroblewski 2011 die Entwicklung der Gemeinschafts­schulen in Baden-Württemberg mitverfolgte, war er für das Konzept einer „Schule für alle“ Feuer und Flamme. 2015 wurde er Konrektor, 2024 Schulleiter der Seewiesenschule in Esslingen am Neckar, die alle Schularten von Klasse 1 bis 10 abdeckt.

Serie „Bessere Bildung durch Daten“

Wie können Daten Schulen wirklich helfen, Unterricht zu verbessern und Kinder gezielter zu fördern? Mit dieser Frage beschäftigt sich die Wübben Stiftung Bildung in diesem Jahr in mehreren Publikationen, Veranstaltungen – und auch hier im SchuB-Magazin. Aus Sicht der Stiftung braucht gute datengestützte Schulentwicklung vor allem eines: klare und messbare Bildungsziele. Erst wenn diese festgelegt sind, können Daten sinnvoll genutzt werden.

In der Serie „Bessere Bildung durch Daten“ berichten Schulleitungen aus ihrem Schulalltag: Welche Haltung braucht es für die Arbeit mit Daten? Wie gelingt der Einstieg im Kollegium? Und was verändert sich, wenn Schulen ihre Entwicklung systematisch anhand von Daten steuern? Außerdem stellen wir in der Serie ausgewählte Publikationen der Stiftung zu diesem Thema vor.

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